Interview mit Marc Márquez "Das Team ist meine Familie"

Der jüngste Weltmeister in der Geschichte der Königsklasse beschreibt im MOTORRAD-Interview seinen Weg zum Titel, nimmt auch zu den Rückschlägen Stellung und verrät, wie wichtig ihm das persönliche Umfeld ist.

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Welche Träume bleiben einem 20-Jährigen, der schon alles gewonnen hat?

Dass der Traum vom MotoGP-Titel Wirklichkeit geworden ist, ist so frisch, dass es für neue Träume noch gar keinen­ Platz gibt. Doch natürlich will ich im nächs­ten Jahr wieder gewinnen. Als Rennfahrer kannst du nicht genug Siege haben.

Du hast in diesem Jahr viele Rekorde weggefegt, vor allem die von Freddie Spencer. Hast du ihn beim Japan-Grand-Prix getroffen?

Ja, im Hotel. Er ist immer sehr nett, gibt mir Tipps und sagt mir, dass ich meine Sache gut mache. Dass ich seine Jugendrekorde schlagen konnte, ist ein kleiner, aber schöner Teil des Gesamterfolgs.

Ein Rekord, über den wenig gesprochen wird, ist die Zahl deiner Überholmanöver. Du musstest dich viel öfter als jeder andere Fahrer dieser Klasse an Rivalen vorbeikämpfen. Warum?

Wegen meiner schlechten Starts. Im Finale der einzelnen Rennen kam es immer wieder zu spannenden Kämpfen. Der größte Spaß ist nun einmal das Kräftemessen mit den anderen Fahrern, zu überholen, ans Limit zu gehen.

Sind gute Starts und eine frühe Führung im Rennen in der MotoGP-Klasse schwieriger als in der Moto2-Klasse?
Ich bin in der 125er- und der Moto2-Klasse immer gut gestartet. Hier tue ich mich schwerer. Ich hoffe, dass ich mich über den Winter verbessern kann. Wir haben dafür schon das Setup der Kupplung geändert.

Kannst du dich an die ersten Fahreindrücke mit 250 PS erinnern?
Ja, das war hier in Valencia. Ich konnte keine Runde so fahren wie die anderen. Ich habe 20 Runden gedreht, war eine Sekunde zu langsam. Trotzdem war es sehr schön, ständig war das Vorderrad in der Luft. Mir blieb kaum Zeit zum Luftholen, an die Abstimmung habe ich damals noch keinen Gedanken verschwendet.

Nach dem Titelgewinn hast du zugegeben, in den ersten Rennen noch keine sehr sichere Fahrweise gehabt zu haben. Woran dachtest du bei den Bremsattacken auf Jorge Lorenzo in Jerez?

Das war eher eine generelle Bemerkung. Von Austin vielleicht abgesehen, fuhr ich überall ab dem ersten Training am Freitagmorgen bis zur letzten Runde des Rennens stets am absoluten Limit. Das war so in Qatar, in Jerez, Mugello, im Regen von Le Mans. Ich würde sagen: bis zum Lauf in Montmeló.

Lorenzo hat in dieser Phase immer wieder gefordert, übertriebene Angriffslust härter zu ahnden. Am Schluss hat er sogar von einem Zirkus der Gladiatoren gesprochen …

Was die Gladiatorenkämpfe angeht, vertrete ich natürlich den gegenteiligen Standpunkt. Wir sind Fahrer, die gegen­einander antreten, und es ist doch normal, dass jeder gewinnen will. Es wird immer eine letzte Runde geben, in der alle Register gezogen werden. Jorge hat Dani hier in Valencia quasi von der Piste befördert, auch er hat nichts anderes getan als seine Position durchzusetzen und dabei ans Limit zu gehen. In Jerez habe ich meine Chance erkannt und genutzt. In der letzten Runde eines Rennens muss sich ein Fahrer solche Freiheiten nehmen können.

Stefan Bradl hat sich das ganze Jahr über mangelndes Vorderradgefühl beschwert. Ist dir dieses Problem erspart geblieben?
Zu Anfang hatte auch ich Probleme damit. Dann habe ich meinen Fahrstil angepasst und das Hinterrad beim Einbiegen mehr rutschen lassen. Das sieht spektakulär aus, doch am Ende entscheidet, was am effizientesten ist. Jorge zum Beispiel hat einen ganz anderen Fahrstil, sehr fein, das Motorrad bewegt sich weicher, und am Ende ist er damit genauso schnell.

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Unvergessliche Szenen: In der ersten MotoGP-Saison seines Lebens sorgte Márquez für Aufsehen. Mit seinem 342-km/h-Sturz in Mugello ...
Unvergessliche Szenen: In der ersten MotoGP-Saison seines Lebens sorgte Márquez für Aufsehen. Mit seinem 342-km/h-Sturz in Mugello ...

Eine Situation, in der du das Vorderrad überlastet hast, war am Ende der Zielgeraden von Mugello. Wie verarbeitet auch der tapferste Fahrer einen Horrorsturz mit 342 km/h?

Das war schwierig. Wirklich schwierig. Wenn du mit solchem Tempo absteigst, vergisst du das nicht so leicht. Auch wenn ich nächstes Jahr dorthin zurückkehre, werde ich mich an diese Erfahrung erinnern. Doch als das Rennen in Mugello erst einmal gestartet war, dachte ich nicht mehr daran und fuhr ganz normal.

Glücklicherweise sind dir in diesem Jahr schwerere Verletzungen erspart geblieben. Kann man das Stürzen lernen oder hattest du einfach einen Schutzengel?

Bei Stürzen ist immer ein gewisses Maß an Glück oder Pech im Spiel. Aber zu Hau­se, bei meiner physischen Vorbereitung, arbeite ich daran, denn bis zu einem gewissen Grad kannst du dich durch das richtige Training tatsächlich vor Verletzungen schützen. Doch ich hatte auch Glück. Mugello ist dafür das beste Beispiel.

In der zweiten Saisonhälfte hast du die neue Maschine beherrscht, vor allem beim Überholmanöver gegen Valentino Rossi in der Corkscrew von Laguna Seca. Überrascht es dich, dass dein Idol insgesamt nur so wenig Widerstand leisten konnte?

Valentino ist schnell, doch es ist nun einmal so, dass Jorge und Dani immer und überall derart Druck machen, dass du permanent am Limit sein musst, wenn du mit­halten willst. Was Valentino fehlte, war diese Kons­tanz. Ja, ich habe erwartet, dass Valentino immer so schnell sein würde wie in einigen seiner Rennen.

In Aragón hast du dir wegen des durchtrennten Sensorkabels an Pedrosas Hinterrad einen Strafpunkt eingehandelt, Honda verlor sogar die WM-Punkte in der Konstrukteurswertung. Ein absurdes Theater?

Für mich war das eine Rennsituation, in der ich aus Gründen der Vorsicht die meiner Meinung nach korrekte Entscheidung getroffen habe. Ich habe aufgerichtet und bin allein an den Streckenrand gefahren, um ja keine Gefahr für den Piloten vor mir heraufzubeschwören. Es war eine Rennsituation mit enormem Pech, denn die Berührung der beiden Motor­räder war nicht nennenswert, nur dass ich eben dieses Kabel erwischt habe. Jetzt ist es ja abgedeckt. Aber ich habe mich miserabel gefühlt, weil mein Teamkollege deshalb zu Sturz gekommen ist.

In Zeitlupenaufnahmen lassen sich lange Drifts beobachten, die du gekonnt mit dem Gasgriff steuerst. Welchen Anteil daran hat die Elektronik?

Die Elektronik gibt dir ein bestimmtes Niveau an Sicherheit und dadurch auch das Selbstvertrauen, solche Drifts auszulösen. Wenn du das Gasgeben übertreibst, bestimmt die Elektronik die Obergrenze. Mir persönlich gefällt es, wenn du freier aufdrehen kannst, wenn du das Gefühl hast, das Motorrad mit dem Gas zu kon­trollieren und die Elektronik spät eingreift.

Während Pol und sein Bruder Aleix Espargaró an einem Grand Prix-Wochenende ständig die Köpfe zusammenstecken, wirkt das Verhältnis zwischen dir und deinem Bruder Alex diskreter, ebenso wie zu deinem Vater Juliá. Stimmt der Eindruck?

Mit meinem Bruder arbeite ich zu Hause sehr intensiv am Erfolg. Dort machen wir alles zusammen. An den Rennstrecken ist es wichtiger, dass jeder bei seinem Team bleibt und sich auf seine eigene Arbeit konzentriert, statt den Kopf noch in die Angelegenheiten des anderen zu stecken. Ähnlich ist es mit meinem Vater, der sich aus dem Teambetrieb raushält. Bei den Rennen sehe ich ihn selten, obwohl er immer da ist. Mir ist die Familie sehr wichtig, aber an den Rennstrecken ist das Team meine Familie. Als Profi muss man die Dinge auseinanderhalten.

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Immer gut gelaunt: bei Márquez Normalzustand, heute wie in seiner ersten GP-Saison mit 15 Jahren.
Immer gut gelaunt: bei Márquez Normalzustand, heute wie in seiner ersten GP-Saison mit 15 Jahren.

Vita Marc Márquez

Als Marc Márquez in der letzten Runde seinen älteren Teamkollegen Dani Pedrosa noch großzügig auf Rang zwei vorbeiwinkte und sich mit dem dritten Platz beim Finale der Grand Prix-Saison in Valencia zum Weltmeister krönte, war dem jungen Spanier etwas Erstaunliches gelungen. Genau 20 Jahre und 266 Tage war Márquez da alt und wurde so jüngster Weltmeister aller Zeiten in der Königsklasse des Motorrad-GP-Sports. Ein inoffizieller Titel, mit dem sich seit dem 14. September 1983 die amerikanische WM-Legende Freddie Spencer schmücken durfte. Bereits im Frühjahr hatte Márquez mit ­seinem Sieg in Austin/Texas Spencer als jüngsten Grand Prix-Sieger der Geschichte abgelöst. Dass er den Gesamtsieg gleich bei seinem ersten Anlauf in der Topkategorie gewann, stellt ihn in eine Reihe mit King Kenny Roberts, dem dieses Kunststück 1978 zuerst gelang. 1983 war es Roberts, der mit seinem Landsmann Spencer im entscheidenden Rennen in Imola um den Titel kämpfte.

Marc Márquez wurde am 17.Februar 1993 im spanischen Cervera geboren und begann seine Motorradlaufbahn bereits mit fünf Jahren auf einer Enduro. Bis 2001 folgten Motocross-Einsätze in Jugendmeisterschaften, 2002 stieg er aufs Straßenmotorrad um und gewann ein Jahr später die Katalanische 50-cm³-Meisterschaft. Über die Spanische 125er-Meisterschaft kam er 2008 in die 125er-Weltmeisterschaft, in der er 2010 den Titel errang. 2011 verlor er die Moto2-WM aufgrund einer Sturzverletzung an Stefan Bradl, bügelte den Fauxpas ein Jahr später mit dem Titelgewinn jedoch wieder aus und wurde für 2013 vom Honda-Werksteam in die MotoGP-WM gehievt. Dort bedankte er sich jetzt mit dem nächsten Weltmeistertitel.

Márquez hat sich in diesem Jahr jedoch nicht nur durch seine spektakuläre und mehr als beherzte Fahrweise einen Namen gemacht. Mehrere MotoGP-Kollegen haben ihn als rücksichtslos bezeichnet. Nicht nur Vorjahresweltmeister Jorge Lorenzo und Teamkollege Dani Pedrosa bekamen das handfest zu spüren. Márquez führt deshalb nicht nur die WM-Tabelle an, sondern auch die Liste der in diesem Jahr erstmals vergebenen Strafpunkte für regelwidriges oder gefährliches Verhalten auf der Rennstrecke.

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