Interview mit Moto3-GP-Teamchef Stefan Kiefer „Luca Grünwald erinnert uns an Stefan Bradl“

Jochen und Stefan Kiefer sind die Chefs des deutschen Kiefer-Racing-Teams. Seit elf Jahren sind sie in der Motorrad-Straßen-WM aktiv, dieses Jahr in der Moto3-Klasse mit den beiden deutschen Fahrern Toni Finsterbusch und Florian Alt. Einen deutschen Piloten in der WM zu betreuen, gehört von Beginn an zur guten Tradition bei den Kiefers. MOTORRAD online-Mitarbeiter Andreas Schulz ließ sich von Stefan Kiefer seine Fahrerwahl für das Jahr 2014 erläutern.

Foto: 2snap

? Hallo Herr Kiefer, wir hören, dass Ihr Team für die Moto3-WM 2014 steht, aber etwas anders aussieht als zunächst geplant.
! Dass wir den Venezolaner Gabriel Ramos unter Vertrag genommen haben, war ja schon bekannt. Jetzt haben wir uns entschlossen, Luca Grünwald eine Chance zu geben. Der hat als Ersatzfahrer für unseren verletzten Stammfahrer Florian Alt bei den Rennen in Australien und Japan eine sehr gute Figur gemacht.

? Für dieses Jahr war Ihr Plan, zwei deutsche Fahrer in der Moto3-WM zu etablieren. Toni Finsterbusch, der erfahrenere, sollte regelmäßig WM-Punkte sammeln. Florian alt, der Newcomer, sollte das Grand-Prix-Geschäft erlernen und unter günstigen Umständen einzelne WM-Punkte holen. Jetzt, ein Rennen vor dem Saisonschluss, stehen Sie komplett ohne Punkte da. Was ist schief gelaufen?
! Eigentlich ist gar nichts schief gelaufen. Wir haben eben im Vergleich zum Vorjahr eine extrem starke Moto3-Klasse. Es gibt nur noch schnelle Motorräder, alles ist sehr ausgeglichen, auch bei den verschiedenen Herstellern. Toni Finsterbusch hat sich stark verbessert, er ist bei uns im Team im Durchschnitt um eine bis zu 2,2 Sekunden schneller gefahren als im letzten Jahr. Aber die Spitze ist teilweise um 2,7 Sekunden schneller geworden – fast unvorstellbar. Toni hat eine Weiterentwicklung gezeigt, die beispielsweise mit der von KTM-Werksfahrer Zulfahmi Khairuddin vergleichbar ist. Letztes Jahr konnte der aufs Podest fahren, in dieser Saison nicht mehr. Toni geht an sein Limit und hat bestimmt alles gegeben – dabei ist er leider auch oft gestürzt. Weder Fahrer noch Team sind mit dem Erreichten zufrieden.

? Mit Florian Alt, dem Sieger des Red Bull Rookies-Cup 2012, hatten Sie schon eine Vereinbarung für 2014 getroffen ...
! Zu dem Zeitpunkt war noch nicht klar, dass sein Wachstum noch nicht abgeschlossen ist. Als Florian Anfang vor einem Jahr zu uns kam, war er 1,72 Meter groß, jetzt ist er schon 1,85 Meter. Und es geht noch weiter. Florian hatte spätestens ab Mitte der Saison riesige Probleme auf dem kleinen Moto3-Motorrad. Ihm sind während der Rennen die Beine eingeschlafen – so kann man keinen Grand Prix fahren. Beim Rennen in Aragón haben wir gemeinsam beschlossen, dass er auf ein größeres Motorrad umsteigen muss. Wir hätten gerne mit ihm weitergemacht. Noch in Aragón, als unsere beiden für 2014 angemeldeten Moto3-Startplätze bereits bestätigt waren, habe ich bei der Teamvereinigung IRTA nachgefragt, ob das Kiefer-Team einen zusätzlichen Platz für die Moto2-Klasse bekommen kann, oder ob wir einen der Moto3-Startplätze gegen einen in der Moto2-Klasse tauschen können. Aber es gab keine Möglichkeit.

? Nachdem Alt sich beim Training vor dem Sepang-GP den Arm gebrochen hatte, wurde kurzerhand Luca Grünwald als Ersatzmann für zwei Rennen verpflichtet. Jetzt soll er nächstes Jahr bei Kiefer-Racing fahren. Wie haben Sie das geschafft? Bisher hieß es, Grünwald könne das benötigte Budget für eine komplette WM-Saison nicht aufbringen.
! Unter sportlichen Aspekten ist die Entscheidung für Luca Grünwald 100prozentig richtig, davon konnten wir uns in Australien und Japan überzeugen. Aber das Team geht mit diesem Schritt ein großes finanzielles Risiko ein. Zwar hat sich durch Lucas zwei erfolgreiche Renneinsätze eine Möglichkeit ergeben, einen Teil des benötigten Budgets zu finden. Aber im Moment haben wir erst etwa die Hälfte zusammen. Wenn jemand also gerne in ein echtes deutsches Talent investieren möchte, kann er sich gerne bei uns melden.

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? Was ist so gut an Luca Grünwald?
! Seit er 2012 die deutsche Moto3-Meisterschaft gewonnen hat, ist er kein Moto3-Motorrad mehr gefahren, sondern eine Supersport-600er in der IDM. Er hatte keine Erfahrung mit unserem Motorrad und kannte weder die Strecke in Phillip Island noch in Motegi. Trotzdem konnte er im Training teilweise bis auf 1,2 Sekunden an die Spitzenzeiten heranfahren. Er ist schnell, kriegt auf der Strecke alles mit und weiß genau, wo er ansetzen muss. Luca hilft unseren Technikern mit hervorragenden Aussagen, da erinnert er uns an Stefan Bradl, mit dem wir ja 2011 Moto2-Weltmeister geworden sind. In Motegi ist er leider gestürzt, aber dafür kann er nichts. Er war nach dem Start 19., wurde beim Anbremsen einer Kurve zwischen zwei Fahren eingeklemmt, bekam einen Schlag von hinten, machte kurz die Bremse auf und war dann viel zu schnell für die Kurve. Es tut ihm leid, dass er bei seinem Sturz noch Efren Vazquez abgeschossen hat. Mein Bruder Jochen, unser Techniker Peter Bom und ich haben uns lange unterhalten und sind einigermaßen begeistert von ihm.

? Wie passt der Venezolaner Gabriel Ramos ins Bild? Ist das einfach einer, der über genügend Kleingeld verfügt?
! Ramos ist 19 Jahre alt, fährt seit zwei Jahren in der spanischen Moto3-Meisterschaft und hat vielleicht noch etwas wenig Erfahrung. Dieses Jahr kämpfte er mit einer unterlegenen Honda gegen viele ehemalige Grand-Prix-Motorräder, und das macht er gar nicht so schlecht. Er hat einen guten Berater, seinen Landsmann Carlos Lavado, der 1983 und 1986 250er-Weltmeister war. Ich habe mich lange mit ihm unterhalten, der hat sehr klare Vorstellungen. Und ja, Ramos hat die nötigen Mittel.

? Wird das Kiefer Racing Team weiterhin Kalex-KTM-Maschinen einsetzen?
! Ja. Ramos wird eine Kalex des Jahrgangs 2014 bekommen. Grünwald wird nach dem aktuellen finanziellen Stand anfangs der Saison ein 2013er-Modell fahren. Aber so groß sind die Unterschiede zwischen den beiden Motorrädern ja gar nicht. Zum jetzigen Zeitpunkt können wir noch nicht einmal sagen, welches das bessere sein wird. Und wir arbeiten natürlich daran, Lucas Motorrad sukzessive auf den aktuellsten Stand zu bringen. Das sollte relativ leicht möglich sein – es muss halt bezahlbar bleiben.

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