Interview: Stefan Bradl Ende der Bescheidenheit

Erst Moto2-Weltmeister, jetzt gut in den MotoGP gestartet, will Stefan Bradl nicht einfach nur dabei sein, sondern gehörig mitmischen.

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Seine Ansprüche hat Stefan Bradl schon vor dem zweiten Sepang-Test für die neue MotoGP-Saison formuliert. Mitzufahren, um Fünfter, Sechster oder Achter zu werden, wolle er nicht, sagte Bradl gegenüber dem Fernseh-Sender Sport 1. Dabei nahm er sogar schon den Begriff Weltmeister-Titel in den Mund. Allerdings ist der selbstbewusste Deutsche realistisch genug, sich in dieser Saison nicht ernsthaft damit zu beschäftigen. Zu dominant ist der amtierende Champion Casey Stoner, der auch den zweiten Sepang-Test nach Belieben beherrschte. Aber Bradl hat Boden gut gemacht, kommt immer besser mit der MotoGP-Honda zurecht und ließ sogar den Mega-Star Valentino Rossi hinter sich. Fehlten dem Moto2-Weltmeister im Januar noch 1,7 Sekunden auf Stoner, verkürzte Bradl den Abstand nun auf eine Sekunde.

Teambesitzer Lucio Cecchinello und Chef-Techniker Christophe Bourguignon waren jedenfalls erleichtert, nicht nur, weil Bradl seine schnelle Auffassungsgabe unter Beweis stellte und eine beachtenswerte Lernkurve auf der 250 PS starken Honda RC 213 V aufweist, sondern vor allem, weil die deutsche MotoGP-Hoffnung klug vorging und unnötige Risiken sein ließ. Außer beim ersten Test, bei dem er einen harmlosen Sturz übers Vorderrad hatte, blieb Bradl sitzen und konnte so Selbstvertrauen tanken und genügend aufschlussreiche Runden drehen. Anschließend verriet er PS im Interview, welchen Herausforderungen er sich im MotoGP noch stellen muss und welche Erwartungen er an die neue Saison hat.

? Stefan Bradl, Sie haben sich beim zweiten Vorsaison-Test in Sepang klar steigern können, zufrieden?

! Ich bin schon zufrieden, wir haben Fortschritte gemacht. Bei der Fahrtechnik habe ich mich gesteigert, und am Motorrad haben wir ein paar Dinge gefunden. Es war ein erfolgreicher Test, weil der Abstand nach vorne für mich entscheidend ist. Eine Sekunde nach vorne ist absolut in Ordnung.

? Wenn vor ein, zwei Jahren jemand angekündigt hätte, dass wir bald einen jungen deutschen MotoGP-Fahrer haben, der schneller fährt als Valentino Rossi, wäre er als Phantast ausgelacht worden. Zwicken Sie sich manchmal, ob das alles überhaupt wahr ist?

! Ich bin schon Realist. Valentino hat Probleme mit der Ducati und hat diesen Test sicher nur zum Abstimmen genutzt. Natürlich kann ich darüber grinsen, dass ich jetzt vor ihm bin, das ist schon etwas Besonderes. Doch wie gesagt, für mich ist der Abstand nach vorne wichtig. Und der ist zufriedenstellend. Aber trotzdem gibt es für mich und das Team noch eine Menge zu tun. Ich muss mich einfach noch besser akklimatisieren in der Klasse und auf einer anderen Rennstrecke. Das ist wichtig. Dass Valentino jetzt hinter mir war, freut mich, doch davon kann ich mir nichts kaufen.

? Eine der Erkenntnisse des ersten Sepang-Tests Anfang Februar war, dass Sie spitzer in die Kurve rein und früher wieder rausfahren müssen. Gelingt Ihnen das jetzt?

! Es ist stetig besser geworden. Auf eine andere Rennstrecke zu gehen, wird mir gut tun, denn dort ist alles wieder anders. Ich werde von neuem an meinem Fahrstil feilen müssen. Die Umstellung geht nicht von einem Tag auf den anderen oder von einem Test zum nächsten. Es ist eine Entwicklung. Je schneller das geht, desto besser. Aber man darf nichts übers Knie brechen. Für mich ist wichtig, dass immer eine Steigerung da ist. Mit dem aktuellen Rückstand auf einer so langen Strecke wie Sepang sind wir an der Spitze dran und viel besser, als wir erwartet haben. Wir sollten aber auf dem Teppich bleiben und vom ersten Rennen nicht schon zu große Dinge erwarten. Ich bleibe da ganz ruhig. Wer weiß, was noch alles kommt. Ein paar Probleme werden sicher noch auftauchen und Rückschläge kommen. Jetzt ist es wichtig, so weiterzuarbeiten, wie wir das bisher gemacht haben und ruhig zu bleiben.

? Welche Dinge mit der MotoGP-Maschine laufen für Sie schon automatisch ab, was muss sich noch einspielen?

! Das Motorrad ist sehr komplex im Vergleich zu dem, was ich bisher gehabt habe. Deshalb habe ich auch gesagt: Das geht nicht von einem Test auf den anderen. Dieser Prozess braucht Zeit, um das Ganze zu verinnerlichen. Das geht los mit Motorleistung und Geschwindigkeit. Da habe ich mich soweit angepasst. Doch es gibt so viele Parameter, die noch Neuland sind und mit denen ich mich anfreunden muss. Etwa die Reifen besser zu nutzen, wenn sie neu sind. Das ist mir zwar ganz gut gelungen, doch gibt es sicher noch ein paar Zehntelsekunden, die ich liegengelassen habe. Es gibt auch noch einige Sachen bei der Elektronik, die man für mich einfacher machen kann. Da muss man jetzt noch einmal die Daten gescheit analysieren und dann daraus lernen. Wir müssen die Elektronik zum Beispiel noch Kurve für Kurve besser abstimmen. Das Grund-Setup für die Elektronik haben wir schon gefunden, müssen es aber jetzt für jede einzelne Kurve verfeinern, damit ich mir leichter tue, auf die Distanz schnellere Runden zu fahren und meinen Rhythmus zu steigern, ohne einen großen Knick drin zu haben.

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? Was ist das für ein Gefühl als Fahrer in der höchsten Rennklasse?

! Am Anfang ist das schlicht überwältigend. Aber es ist auch ein bisschen so, wie mit einem neuen Auto. Zunächst ist es toll, alles ist neu und ungewohnt. Doch wenn man sich eine Zeit lang damit beschäftigt und damit fährt, wird es zur Normalität. In der MotoGP-Klasse ist es genauso. Wenn ich jetzt zum Beispiel zurückgehen würde auf meine Moto2-Maschine, dann wäre ich auch wieder fasziniert und sehr wahrscheinlich begeistert. Nicht über die schwächere Leistung. Aber wie anders alles wieder ist. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, es geht relativ schnell, dass man sich an etwas Neues gewöhnt. Mein Job als Rennfahrer ist es, mich schnell auf ein solch neues Gerät einzuschießen. Wenn man das nicht kann, ist man fehl am Platz. Prinzipiell habe ich mich an die Leistung und die Geschwindigkeit ganz gut gewöhnt, da bin ich zufrieden. Ich habe mich auch körperlich in den drei Wochen Pause zwischen den Tests in Sepang gezielt verbessert. Das war auch wichtig.

Zu Anfang habe ich nicht gewusst, welche Körperbereiche stärker beansprucht werden. Als ich das beim ersten Test gemerkt habe, habe ich mein Training genau darauf abgestimmt und mich für Sepang körperlich gezielter vorbereiten können.

? Was war das zum Beispiel?

! Ich habe an den Punkten angesetzt, wo es ein bisschen gezwickt hat oder wo ich gemerkt habe, da gibt es noch ein bisschen was zu tun. Die Oberarme, der Rückenbereich, der Rumpf und das Genick sind stark beansprucht  - es ist natürlich was anderes, ob du bei 330 km/h den Kopf aus der Verkleidung hebst oder bei 280.

? Verfolgen Sie das Geschehen in der Moto2-Klasse? Hat es Sie überrascht, dass sich Max Neukirchner bei den ersten Tests auf Ihrem früheren Motorrad so schwer tat?

! Auf jeden Fall habe ich das Geschehen verfolgt, auch das in der Moto3-Klasse, denn mich interessiert sehr, was die anderen Deutschen machen und wie es in den anderen Klassen aussieht. Max Neukirchner - da muss man sagen, die haben vielleicht nicht die glücklichste Situation. Die haben, wie ich gelesen und gehört habe, ein bisschen Pech. Er ist ein paarmal gestürzt. Das ist natürlich schlecht fürs Selbstvertrauen. Die Situation ist schwierig. Wenn man schon am Anfang ein Tief hat, runterfällt und mit dem Setup hadert. Aber das Team ist erfahren und sie können ihm weiterhelfen. Dann sehen wir, ob er zurechtkommt. Dass er sich schwerer tut?

Na ja, leichter wird es nie, auch wenn man ein Top-Motorrad und ein Top-Team im Hintergrund hat. Fahren muss man aber immer noch selbst. Doch ich bin mir sicher, die kommen auch voran.

? Sie hatten bis auf einen harmlosen Ausrutscher im ersten Sepang-Test eine sturzfreie Vorsaison. Bietet Ihnen das Motorrad ein besonders gutes Gefühl im Grenzbereich?

! Einerseits ja, zum anderen Teil nein. In einem gewissen Rahmen fühle ich mich auf dem neuen Hinterreifen von Bridgestone ganz wohl. Aber auf längere Distanz mit dem harten Reifen komme ich überhaupt nicht zurecht. Da habe ich noch echte Probleme. Ich habe beim zweiten Malaysia-Test auch einige brenzlige Situationen gehabt. Gut, die anderen auch. Spies, Lorenzo, Bautista, Barberá sind gestürzt. Ich war auch mal knapp dran. Da ist noch viel Aufholbedarf für den Grenzbereich, speziell mit dem Vorderrad. Wir müssen noch ein besseres Setup erarbeiten, damit ich noch ein besseres Gefühl für den Grenzbereich mit den harten Reifen kriege. Aber dafür gehen wir zum Testen, dass wir das hinkriegen.

? Wie sieht es mit dem Vertrauen zu Cheftechniker Christophe „Beefy“ Bourgignon aus? Fühlen Sie sich gut aufgehoben?

! Die Vorgehensweise in meinem neuen Team ist ein Riesenunterschied zu dem, was ich bisher gehabt habe. Das ist MotoGP. Schon allein die Anzahl der Leute, die für mich arbeiten, ist sehr viel höher. Weil wir einen Super-Support von Honda haben, ist das Interesse brutal. Die quetschen wirklich alles aus mir raus, wollen Informationen noch und nöcher. Es hat mich sehr überrascht, wie die mich ausquetschen. Das Team ist erfahren, die Leute sind lange in dem Geschäft dabei, Beefy und Cecchinello haben etliche erfolgreiche Fahrer im MotoGP gehabt. Aber im Grunde wissen die, wie man ein solches Motorrad auf eine Basis bringt, mit der man schnell fahren kann. Beefy hat eine riesige Erfahrung. Er weiß, dass man das ruhig angehen muss, und ich fühle mich wohl. Wir kommen immer besser miteinander zurecht und ich freue mich jetzt auf den nächsten Test in Europa. Soweit bin ich superzufrieden mit dem Team, obwohl es schon eine große Umstellung war, auch von der menschlichen Seite her.

? Was machte die Umstellung so -schwierig? Dass es kein deutsches Team mehr ist?

! Einfach von der menschlichen Seite. Ich war schon immer darauf aus, mich sehr wohl zu fühlen und gute Stimmung im Team zu haben. Die gute Stimmung haben wir, keine Frage - aber die menschliche Seite? Es ist einfach alles ein bisschen kühler, einfach ein Geschäft. Die Jungs hatten einen Fahrerwechsel, Punkt. Das bin ich nicht so gewohnt. Von daher ist es für mich wichtig, dass der Papa dabei ist. Er ist nicht nur Vater, sondern auch Freund und Berater, und sorgt auf vielfältige Weise dafür, dass ich mich wohlfühle. Unter den MotoGP-Kollegen gibt es niemanden, der allein durch die Welt reist, und auch ich möchte immer jemanden als Begleitung dabei haben. Es ist schön, wenn man unterwegs in der eigenen Sprache reden und sich abends im Hotel oder Motorhome auch mal über etwas anderes unterhalten und abschalten kann. MotoGP ist ein hartes, unterkühltes Geschäft und ich bin froh, dass es auf diese Weise ein Stück normales Zusammenleben gibt.

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? Honda-Chef Shuhei Nakamoto hat im Fahrerlager von Sepang von Ihnen geschwärmt. Was hat er Ihnen persönlich ins Ohr geflüstert?

! Wir haben miteinander geredet, als wir das Fahrerlager verlassen haben. Er ist ein netter Typ und war ganz witzig. Gesagt hat er nicht viel zu mir, nur, dass er von mir in diesem Jahr einen Podestplatz erwartet. Ich habe gelacht und geantwortet, die Anforderungen seien ganz schön hoch. Ich habe ihm aber versprochen, mein Bestes zu geben. Dann sagte ich noch im Spaß, dass ich so eine RC 213 V für mich haben wolle. Nakamoto meinte darauf nur: Wenn ich Weltmeister werde, sei das überhaupt kein Problem. Wir kommen gut miteinander aus.

? Jerez ist ganz anders als Sepang, enger, winkliger, kürzer. Wird der Abstand zur Spitze beim nächsten Test dort entsprechend weiter schrumpfen oder kommen dort ganz neue Probleme auf Sie zu?

! Das wird man sehen. Die Temperaturen sind dort ganz anders, vielleicht brauchen wir ein ganz anderes Setup. Wir bekommen wahrscheinlich auch ganz andere Reifen. In Sepang ist es deutlich besser gelaufen, als wir uns das alle vorgestellt haben. Deshalb möchte ich keine zu große Euphorie aufkommen lassen. Ich freue mich zwar, dass wir auf eine andere Strecke kommen, es kann aber auch sein, dass wir Probleme bekommen und es vielleicht nicht so rund läuft wie bisher. An sich ist Jerez aber eine Strecke, die ich ganz gerne mag.

? Den Saisonauftakt in Katar haben Sie letztes Jahr in der Moto2-Klasse überlegen gewonnen. Was schwebt Ihnen für das Renn-Debüt dort in der MotoGP-Klasse vor?

! Oh je, im Idealfall bin ich im Qualifying Siebter, das ist so ein bisschen der Traum. Katar ist eine Strecke, die ich ebenfalls gerne mag. Da bin ich bisher immer sehr gut zurechtgekommen. Auch der Umstieg von der 125er auf die Moto2 hat dort ganz gut funktioniert. Ich bin selbst gespannt und freue mich darauf. Die Strecke taugt mir, von daher schaue ich dem ersten Rennen mit gewissen Erwartungen entgegen. Ein Rennergebnis kann man so nicht voraussagen, aber den Abstand zur Spitze möchte ich schon so gering wie möglich halten - wie momentan ungefähr!

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