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Interview mit Valentino Rossi "Das Feuer lodert noch!"

Valentino Rossi wird den MotoGP 2013 bestimmt nicht gewinnen. Viele sprechen vom Karriere-Ende. Der Doktor glaubt jedoch an ein paar weitere gute Jahre in der Königsklasse. Im offensten Interview seit Jahren spricht er über Racing und über sein Leben außerhalb des Fahrerlagers.

Foto: 2snap

Die letzten Jahre waren für den einstigen Goldjungen Valentino Rossi hart – die schwerste Verletzung seiner Karriere, der Tod seines Freundes Marco Simoncelli, der auch noch mitten in seine desaströse Ducati-Ära fiel und dann die Rückkehr zu Yamaha, die auch nicht glatt läuft. Aber all das hat Rossis Liebe für den Sport und sein Dasein nicht im Geringsten erschüttert. Rossi, der Rennfahrer, hat sich in knapp 20 Jahren langsam zum Größten aller Zeiten entwickelt, aber der Mensch Rossi scheint sich vom 16-jährigen Bürschlein, das 1996 plötzlich und so jugendlich unbekümmert im Grand Prix-Zirkus aufschlug, wenig entfernt zu haben. Jetzt, als Mittdreißiger, ist der Verstand reifer und der Körper älter, aber der Spaß-orientierte Rossi hat sich in den 18 Jahren als Grand Prix-Pilot nicht so sehr verändert.

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Rossi wäre wohl für Essen und Klamotten gefahren

Heute ist er eine weltweite Sport-Ikone, der Posterboy des MotoGP und reicher als in seinen kühnsten Träumen. Aber all das weggelassen – Rossi wäre wohl für Essen und Klamotten gefahren, so scheint die Leidenschaft und der unstillbare Hunger, Motorradrennen zu fahren und zu siegen, in dem Italiener zu brennen. „Der Unterschied und mein Geheimnis ist die Leidenschaft, auf Motorrädern zu sitzen“, sagt Rossi selbst. „Das war schon so, als ich aufwuchs und das macht mein Leben aus. Diese Lust und der Geschmack am Fahren ist immer noch so wie damals vor 18 Jahren, kein bisschen weniger. Das ist der Schlüssel für mich.“

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Foto: 2snap

Rossi besteht darauf, dass ein MotoGP-Motorrad ihm immer noch einen solchen Kick verpasst, wie nichts anderes es je in seinem Leben könnte. „Einige fahren, weil sie so mit Talent gesegnet sind und damit dann reich und berühmt werden wollen. Bei mir jedoch ist es diese Motorrad-Leidenschaft und Racing, das mir ein einzigartiges Gefühl verleiht – mehr als alles andere. Das ist für eine lange Karriere wichtig. Ich freu mich immer noch bübisch auf das nächste Rennen und bin total motiviert. Nach all den Titeln und Rennsiegen will ich nach wie vor dabei sein.“

Dieser Hunger lässt Rossi weiter Pläne schmieden – über seinen aktuellen Zweijahres-Vertrag mit Yamaha hinaus. Sein ehemaliger Widersacher Max Biaggi oder Carlos Checa wurden ja auch Superbike-Weltmeister auf der „falschen“ Seite der 40. Loris Capirossi ist noch nicht lange raus aus dem MotoGP, und Colin Edwards macht mit 39 Jahren auch noch keine Anstalten, in den Ruhestand zu gehen. Will Rossi in sechs oder sieben Jahren also immer noch Rennen fahren? „Ich hoffe es! Wir haben schon Glück mit unserem Sport, denn ich bin überzeugt, dass man mit 38 oder 40 noch immer ganz vorne dabei sein kann. Ich habe noch ein paar Jahre.“

Sein fortgeschrittenes Alter und die ernüchternde Erfahrung bei Ducati hat Rossis Können ja nicht pulverisiert, ist er sich sicher. Aber er akzeptiert auch, dass er nicht mehr bereit ist, so viel Risiko einzugehen. Außerdem ist das Bewusstsein für die Gefahr größer geworden. „Es stimmt ja nicht, dass man weniger aggressiv fährt oder nicht bereit ist, ans Limit zu gehen, weil man Angst hat“, sagt er. „Aber es ist richtig, dass man versucht, in besonders kritischen Momenten das Risiko zu minimieren oder es zu umgehen. Trotzdem glaube ich nicht, dass mir irgendetwas fehlt.“ Rossi ist sogar überzeugt, dass er in einigen Punkten sportlich vom Alter profitieren kann. „Man denkt schon mehr nach, das ist normal, aber ich habe dafür andere Karten im Ärmel. Meine Erfahrung etwa, und ich bin ruhiger, kann abwarten und mache mir weniger Druck.“

Was kommt danach?

Trotzdem muss auch ein Rossi sich irgendwann Gedanken über die Zeit nach der Racer-Karriere machen. Aber offensichtlich gibt es noch zu viel auf der Strecke zu erledigen, um einen echten Masterplan für den MotoGP-Ruhestand zu haben. Oberstes Ziel für die Zeit danach ist es aber, eine Familie zu gründen. „Als erstes will ich Vater werden. Ich möchte auf jeden Fall Kinder, sonst habe ich noch keine genaue Vorstellung von morgen.“ Kürzlich wurde sein Jugendfreund und ständiger Begleiter Uccio Salucci Papa.

Hat das seinen Kinderwunsch erst richtig angefacht oder hat die Aussicht auf schlaflose Nächte und vollgeschmierte Lätzchen seinen Enthusiasmus diesbezüglich doch geschmälert? „Ich freu mich sehr, dass Uccio Vater geworden und in dieser Sache jetzt quasi mein Testfahrer ist! Ich versuche mitzubekommen, was da abgeht, aber deshalb habe ich es nicht eilig. Noch ist der Zeitpunkt ungünstig, bin ich nicht bereit dafür. Solange ich MotoGP fahre, wird das so sein. Außerdem arbeiten wir ja noch an der Zukunft meiner Firma VR46. Dazu gehört jetzt auch Merchandise für andere Fahrer, und wir arbeiten gezielt mit jungen Racern und bauen eine Organisation auf, um ihnen bei der Karriere zu helfen und ihnen meine Erfahrungen weiterzugeben. Vielleicht wird mich das künftig beschäftigen. Ob ich als Teammanager im Rennsport weitermache – keine Ahnung. Ich weiß nicht, ob ich später Lust habe, so wie jetzt dauernd um die Welt zu reisen und dann doch kein Motorrad zu fahren – das klingt echt hart.“

"Ich liebe dieses Leben sehr"

Rossi ist ein Meister darin, sein Racer- und sein Privatleben perfekt im Griff zu haben. Und er betont, dass es gegenwärtig auch nichts Wichtigeres für ihn gäbe, als seinen neun Weltmeister-Titeln und 105 Grand Prix-Siegen noch etwas hinzuzufügen. „Ich mach ja sowieso viel in meinem Leben, aber so wie es gerade ist, gefällt es mir. Ich genieße den MotoGP und ganz ehrlich, ich liebe dieses Leben sehr. An allererster Stelle stehen bei mir Motorradrennen, aber ich mag auch die Arbeit mit meinem Team über das Rennwochenende. Ich mag es, Teil eines Werksteams auf Top-Niveau im GP zu sein. Das motiviert mich.“

Wenn schon nichts Rossis Liebe zum MotoGP erschüttern kann, was dachte er dann, als Casey Stoner auf seinen Ein-Mann-Kreuzzug ging und der Rennserie bei jeder Gelegenheit einen linken Haken verpasste, sobald man den Australier nach seinen Rücktrittsgründen mit gerade mal 27 Jahren fragte? Rossi zeigt großes Verständnis für Stoners Entscheidung, sich in die Ruhe seiner Heimat zurückzuziehen. Aber Stoners ständige Bisse in die Hand, die ihn zu einem reichen und unabhängigen Mann machte, gefielen Rossi nicht. „Jeder hat das Recht, seine eigene Entscheidung zu treffen. Da gibt es keine Diskussion. Und wenn ein Fahrer wie Stoner einfach keine Lust mehr hat, die ganze Zeit herumzu­reisen und lieber bei seiner Familie sein möchte, hat man das zu akzeptieren – basta! Was er allerdings über die Atmosphäre und das Umfeld und den MotoGP-Sport generell gesagt hat, hat mir nicht gefallen, weil ich der Meinung bin, dass wir alle Vorbilder für die Jungen sein sollten und für die, die gerade im GP angefangen haben – und natürlich für die Fans, denen der Sport sehr viel bedeutet.“

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Rossi war in dieser Hinsicht, seit er 2000 in die Königsklasse aufstieg, sicherlich der perfekte Botschafter für den MotoGP. Selbst sein Scheitern bei Ducati hat daran nicht viel geändert. Nach wie vor ist der Doktor überall auf der Welt der Blockbuster. Trotzdem hat er seine Privatsphäre immer gewahrt. In unserer Zeit von Facebook und Twitter und wo jedermanns Handy ein Nachrichten-Tool geworden ist, nicht ganz leicht. „Ich habe meine beiden Leben immer strikt getrennt gehalten. Im einen Leben bin ich Valentino Rossi – der Racer, der bestimmte Regeln befolgt. Ja, es gibt Druck, aber das ist okay, und es gibt eine Menge positive Dinge und jede Menge Spaß. Mein anderes Leben findet in Tavullia statt, wo ich mit meiner Familie lebe und mit meiner Freundin in meinem Haus, wo ich Freunde treffe. Ich habe mir eine kleine Welt geschaffen, in der ich ich sein kann. Würde ich in Rom oder Mailand wohnen, würden mich die Fotografen und Fans überall verfolgen. In meiner kleinen Stadt kann ich dagegen ein normales Leben führen.“

Tavullia ist ein Paparazzi-freier Winkel. Es ist eine fast überall respektierte No-go-Zone für die Klatsch-Presse. „Nur manchmal taucht jemand am Haus auf wegen einem Foto oder einem Autogramm, sonst ist es sehr ruhig dort“, lacht Rossi. In Italien ist er trotz der Ducati-Phase immer noch eine Macht unter den Sportstars. Vor Jahren konnte er nur verkleidet ausgehen, ohne von Fan-Mobs fast erdrückt zu werden. Das jedoch hat sich geändert. „Es ist ein bisschen anders geworden, die Leute haben sich in all den Jahren an mich gewöhnt und es ist eine andere Art von Respekt. Wenn sie mich jetzt als 34-Jährigen sehen, bin ich wie ein alter Freund. Mehr wie: Ah, da ist Valentino, ciao! Das ist anders als damals, als ich die große News war.“

"Wenn du hörst, dass Brad Pitt wie du sein möchte..."

Millionen bewundern Rossi, darunter selbst Celebrities. Die Hollywood-Schauspieler Brad Pitt und Daniel Day Lewis zählen zu seinen großen Fans. Pitt sagte einmal, er wäre gern wie Rossi und ihn fahren zu sehen, sei wie ein wunderschönes Gedicht zu lesen. Rossi war nie der Typ für das Leben auf dem roten Teppich. Abseits des Grand Prix meidet er eher das Rampenlicht und die Partys mit der A-Riege aus Hollywood. Der GP-Superstar schätzt das ruhige statt das glamouröse und schillernde Leben. „Wenn du hörst, dass Brad Pitt wie du sein möchte – das macht einen schon stolz. Ich genieße aber das Leben mit meinen Freunden und mir tut es gut, das zu trennen. Ich habe einige gute Freunde, die berühmt sind, Sänger, Schauspieler. Aber die Beziehungen sind ganz anders als die zu meinen echten Freunden, mit denen ich aufgewachsen bin. Da ist alles so normal und ich bin halt einer von ihnen.“

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Ein Ziel hat Rossi auf jeden Fall noch: GP-Titel Nummer zehn. „Das ist mein größter Traum, den zu gewinnen. Aber dazu muss ich erst einmal wieder ganz nach vorn, mich dort halten und Woche für Woche auf dem Podium stehen. Als Erstes muss ich aber ein Rennen gewinnen. Nach diesen zwei schwierigen Jahren und in meinem Alter wird das schwer, denn ich habe seit 2010 kein Rennen mehr gewonnen. Deshalb ist mein Ziel für dieses Jahr wenigstens eins zu gewinnen.“

Die Straße zur Erlösung dürfte weit und voller Stolperfallen sein – eine davon wartete in der dritten Kurve von Mugello und hieß Alvaro Bautista. Es dürfte aber vor allem deshalb schwierig sein, weil das Level ganz vorn durch den schnellen und furchtlosen Marc Marquez noch einmal gewaltig gestiegen ist. Nicht umsonst ist Marquez‘ Speed ein Grund für Rossis Sorge, nicht mehr auf des Messers Schneide kämpfen zu können. „Die Zweifel sind immer da, dass andere Fahrer nachwachsen und die nächste Generation noch stärker und schneller sein wird. Es ist, als ob man ein Computer-Upgrade braucht, um überhaupt dabeibleiben zu können. Die Dinge sind heute anders, denn unser Sport hat sich sehr verändert. Ich kam dazu, als die Fahrer ernsthafte Athleten waren und dennoch die Freiheit genossen. Heute ist das MotoGP-Fahrer­leben ein anderes. Man isst sehr bewusst, geht früh schlafen und trinkt niemals Alkohol. Ich werde mich umstellen müssen“, lacht Rossi.

Kurze Fragen an Valentino Rossi

Was lief schief bei Ducati?

Rossi: Es war ein riesiger Irrweg. Ich bereue es aber nicht, denn es war wichtig, es zu versuchen. Leider habe ich nach sechs oder sieben Monaten kapieren müssen, dass es sehr schwer bis unmöglich sein wird. Aus vielerlei Gründen ist Ducati ganz anders als Yamaha. Die Art zu arbeiten, die Art zu denken und meiner Meinung nach besteht der größte Unterschied in der Demut der Japaner. Wenn man mit Honda oder Yamaha spricht, ganz besonders mit Yamaha, und man kritisiert das Motorrad, ist das für den japanischen Ingenieur nichts Schlechtes. Er sieht das positiv, weil es ihnen die Möglichkeit gibt, das Bike zu verbessern. Bei Ducati war das oft nicht so. Wenn ich gesagt habe, ich habe ein Problem, haben mir die Ducati-Jungs erstens nicht 100 Prozent vertraut und zweitens wurden sie wütend, weil man etwas Schlechtes über das Motorrad gesagt hat.

Wäre die Rückkehr zu Yamaha unmöglich gewesen, hättest du dann aufgehört?

Rossi: Ich hätte mich fürs Aufhören entschieden. Wäre es nur möglich gewesen, so weiterzuarbeiten, wäre ich wahrscheinlich in die Superbike-WM gegangen. Mit dem MotoGP-Projekt bei Ducati hatte ich jedenfalls abgeschlossen.

Könntest du eine Zeitreise machen, wo würdest du hinwollen?

Rossi: Am liebsten zurück zu den großen Tagen der 500er, um eine Saison mit Schwantz, Rainey, Doohan, Lawson und Gardner zu kämpfen. Oder ich wäre gern 20 oder 25 und würde in den 1960ern oder 70ern leben. Das Leben war wesentlich entspannter damals und viel lustiger. Ich wäre einfach gern jung gewesen, als mein Vater jung war. Er hatte eine coole Truppe von Leuten um sich, ähnlich wie meine Freunde und ab und zu gehen wir zusammen essen – seine Freunde und meine Freunde. Dann all diese alten Geschichten von vor 30 Jahren zu hören – die hatten echt Spaß damals.

Was war der beste Rat, den du je bekommen hast?

Rossi: Versuch die Dinge einfacher zu sehen, um es ins Laufen zu bringen und mach es nicht zu kompliziert.

Welche Platte, welches Buch und welchen Film würdest du auf die berühmte einsame Insel mitnehmen?

Rossi: Bei der Musik wäre es so etwas wie Bob Marley, vielleicht sein Greatest Hits Album. Der Film, den ich schon immer geliebt habe, ist Blues Brothers. Bücher lese ich immer nur so ein bis zwei pro Jahr. Ich brauch für ein Buch etwa sieben Monate, ich bin langsam, aber konstant. Neulich las ich ein Buch über Muhammad Ali, aber ich weiß nicht mal mehr den Titel.

Was schenken dir Leute bloß zu Weihnachten?

Rossi: Das ist schwierig, was? Meine Freundin schenkt mir tolle Sachen. Letzte Weihnachten bekam ich von ihr einen Plattenspieler, damit ich wieder Vinyl-Platten hören kann. Ich hab mir dann eine Konsole und einen Mixer dazu gekauft und bin jetzt Nachwuchs-DJ. Ich kenne ein paar DJs wie Carl Cox. Er steht sehr auf Motorräder und hat einige davon, eine Ducati und eine Honda stehen in seiner Küche.

Wovor hast du Angst?

Rossi: Helikopter und Flugzeuge – nicht gerade gut bei meinem Job.

Wer baut das coolste Auto der Welt?

Rossi: Sicher Ferrari. Ich mag Porsche sehr. Das erste Auto, das ich mir gekauft hatte, als ich anfing richtig Geld zu verdienen, war ein Porsche. Ferraris sind etwas komplizierter.

Wann hast du das letzte Mal geweint?

Rossi: Ich weinte um Marco. Ich hab sonst nie viel geweint. Oh, ich erinnere mich, dass ich vor Jahren beim Film Gladiator geschluchzt habe. Aber bei Marco habe ich richtig geweint. Die Tragödie mit Marco war verdammt hart, vor allem für mich als normaler Mensch. Ich habe einen guten Freund verloren, mit dem ich viel Zeit tagsüber verbracht habe. Es war besonders schlimm, weil ich und Colin (Edwards, die Red.) darin verwickelt waren. Aber ich habe nie daran gedacht, das Rennfahren deshalb aufzugeben. Wir wissen, dass solche Dinge leider passieren können und der Ablauf von Marcos Unfall war wirklich sehr eigenartig. Aber wir wissen das. Das ist unser Leben. Wir alle sind etwas ängstlicher geworden. Es ist eine Sache zu sagen, „Ja, so etwas kann passieren“, es ist aber ganz anders, wenn es dann passiert. Besonders dann, wenn es wie bei Marco einen engen Freund trifft.

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