KTM steigt in die MotoGP ein RC 16 für Königsklasse ab 2017

Der KTM-Vorstand hat entschieden: Die Österreicher werden in der MotoGP mitfahren. Die KTM RC 16 soll 2017 für den offiziellen WM-Einstieg bereit sein. Im Interview: KTM-Sportchef Pit Beirer.

Foto: KTM

Das Vierzylinder-Bike RC 16 ist die Basis für den MotoGP-Renner. Entwickelt wurde und wird das Triebwerk von Kurt Trieb, der auch den Moto3-Motor entwickelte und damit zwei WM-Titel feiern konnte. „Derzeit arbeitet er noch an der Konstruktion und der Simulation. Im Frühjahr, spätestens im Sommer 2015, soll das Triebwerk erstmals auf dem Prüfstand laufen“, zitiert motorsport aktuell Heinz Kinigadner, KTM-Mitinhaber.

Die RC 16 soll einen Gitterrohr-Rahmen aus Stahl bekommen mit hauseigenen WP-Federelementen. „Wir glauben an dieses Konzept. Ducati war damit auch konkurrenzfähig, bis sie sich mit Kohlefaser verlaufen haben. (...) Wie gut wir den kontrollierten Flex mit Stahl-Strukturen im Griff haben, sehen wir in der Moto3 (...),“, so Kinigadner weiter laut motorsport aktuell. Bei der Entwicklung des Fahrwerks auf das Know-how der Moto3-Techniker zurückgegriffen werden, die mit neuen Spezialisten zusammenarbeiten werden.

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MotoGP-Budget für vier Jahre abgesegnet

Abschließend verrät Heinz Kinigadner den Kollegen von motorsport-aktuell: „Das MotoGP-Budget wurde vom Vorstand für vier Jahre freigegeben. Es ist gewaltig, aber es wird KTM nicht aus der Spur bringen. Später müssen wir sehen, wie viel wir wirklich brauchen werden. Es stehen ja noch einige Fragezeichen im Reglement was Elektronik oder Seamless-Getriebe angeht. Das, was alle haben, müssen auch wir einsetzen, aber wir hatten bei Gesprächen mit der Dorna das Gefühl, dass es ihnen sehr ernst damit ist, die Kosten bei der Technik auf sinnvolle Weise zu reduzieren.“

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Interview mit KTM-Sportchef Pit Beirer

KTM hat die Entscheidung bekannt gegeben, spätestens 2017 mit einem komplett selbst entwickelten und gefertigten Motorrad in die MotoGP-Weltmeisterschaft einzusteigen. MOTORRAD-GP-Reporter Friedemann Kirn sprach mit KTM-Sportchef Pit Beirer über die Hintergründe dieses Schritts.

KTM kehrt 2017, zwölf Jahre nach dem ersten Anlauf, in die MotoGP-Klasse zurück. Warum das Comeback?

Beirer: Ein Grund ist, dass sich unsere Firma seit 2005 unglaublich weiterentwickelt hat. Der Markt mit Straßenmotorrädern, der damals ein kleiner Bruchteil war, macht mittlerweile die Hälfte unseres Gesamtgeschäfts aus. Somit muss auch auf der sportlichen Seite ein Gegenstück zu unseren ganzen Offroad-Auftritten geschaffen werden. Zum anderen hat das Erlebnis, Moto3 hier im Hause zu machen und sich Straßensport-Wissen anzueignen, wahnsinnig viel Spaß gemacht. Der Erfolg hat uns ermuntert, einen Schritt weiterzugehen. Wenn du wirklich ein namhafter Motorradhersteller sein willst, musst du dich irgendwann einmal in der wichtigsten Klasse des Motorradrennsports messen.

Dass man Flagge zeigen muss im MotoGP-Sport, sieht BMW nicht so und feiert mit der S 1000 RR trotzdem große Erfolge …

Beirer: Wer KTM kennt, weiß, dass wir auch sehr emotional getrieben sind. Business ist nicht alles. Wir sind leidenschaftliche Rennsportler und Motorradentwickler. Es reizt uns einfach, uns dort zu messen, wo die Luft im Motorradrennsport am dünnsten ist. Von sofortigen Erfolgen träumen wir aber nicht.

Spielte bei der Entscheidung auch eine Rolle, dass Honda euch den Fehdehandschuh hingeworfen und KTM auch auf MotoGP-Ebene zum technischen Duell gefordert hat?

Beirer: Nein, das spielte keine Rolle. Das sind schöne Anekdoten am Rande. Wir wissen Honda als Gegner sehr wohl zu schätzen, auch wenn das in der Presse oft anders dargestellt wird. Wir sind stolz darauf, dass wir es mit denen in der Moto3-WM aufnehmen können. Aber wir haben eigene Gründe, Wünsche und Träume, warum wir in der MotoGP fahren wollen. Die hatten wir schon 2005, sind damals mit Kenny Roberts aber fast einem Betrüger aufgesessen. Das Wissen im Hause war auch nicht das gleiche, wie wir es jetzt haben. Jetzt, einige Jahre später, mit viel mehr Hintergrundwissen, trauen wir uns den Schritt zu. KTM-Chef Stefan Pierer neigt nicht zur Zurückhaltung.

Kenny Roberts hatte damals zunächst nur um KTM-Motoren gebeten, dann aber finanzielle Nachforderungen in Millionenhöhe gestellt …

Beirer: So ist es. Obwohl ich damals nicht für den Straßenrennsport verantwortlich war, haben Herr Pierer und ich uns eines Samstags mit Roberts in Mattighofen getroffen. Ich habe die Gespräche persönlich mitverfolgt. Herr Pierer hatte damals große Lust, einen starken MotoGP-Motor zu bauen, und dieser V4 mit pneumatischer Ventilsteuerung war nicht so weit weg von dem damaligen Leistungsspektrum. Aber wir hatten weder das passende Chassis noch den richtigen Fahrer oder die richtige Crew an Bord, um das zu Ende zu führen. Herr Pierer wollte den Motor entwickeln, wollte diesen Motor haben, aber dass wir damit Rennen fahren würden, war nie ganz sicher. Dann kam Kenny und hat gesagt, er brauche einen Rennmotor. Im Frühjahr hat er dann versucht, mehr als zwei Millionen Dollar aus Herrn Pierer herauszuquetschen, damit es überhaupt weitergeht. Roberts hatte sich gedacht, die Blöße gibt sich KTM jetzt nicht, dass sie den Stecker ziehen. Doch da kannte er Herrn Pierer schlecht. Der ist da halt schnell auch sehr konsequent und hat die Negativwerbung, die durch den Rückzug entstanden ist, eingesteckt.

Hat KTM sich auch finanziell so stark weiterentwickelt, dass ein solches Projekt mittlerweile problemlos zu stemmen ist?

Beirer: Das Umsatzvolumen hat sich seither mehr als verdoppelt. Von der Substanz her ist einfach mal eine ganz andere Größe da. Das ist Fakt. Noch wichtiger ist, dass wir jetzt viele und gute Leute in der Firma haben, in der Entwicklungs- und Motorsportabteilung, mit denen man ein solches Projekt mit einigermaßen ruhigem Gewissen angehen kann.

Was wird die künftige Messlatte für das Motorrad sein, andere Production Racer wie die Honda RCV 1000 oder die Werksmaschinen?

Beirer: Ich fände es vermessen, jetzt überhaupt ein Leistungsniveau zu nennen. Wir werden Gas geben und versuchen, die Zeit opti­mal zu nutzen. Wir haben den Rest von 2014, die Jahre 2015 und 2016, und wir werden arbeiten wie die Irren, um ein möglichst gutes Motorrad auf die Beine zu stellen. Doch wenn es so weit ist, müssen wir uns in der MotoGP-Klasse ganz hinten anstellen und uns Gegner um Gegner mühsam nach vorne arbeiten.

Das neue Motorrad soll günstig werden, mit einem Preis innerhalb der von der Dorna anvisierten Million Euro. Bedeutet das den Verzicht auf Hochtechnologien wie die pneumatische Ventilsteuerung oder ein Seamless-Getriebe?

Beirer: Dazu möchte ich eins vorausschicken: Die endgültige Entscheidung für das Projekt ist gefallen, nachdem die Dorna die Elektronikentwicklung eingefroren hat. Die Einheits-ECU war für uns das Entscheidende, um überhaupt da reinzugehen. Bei einer Elektronik-Entwicklung weißt du nicht, ob du ein Budget von 500 000 oder von zehn Millionen Euro brauchst. Du kannst endlos Geld vergraben, von dem niemand etwas hat, auch der Zuschauer nicht. Mit der Entscheidung für die Einheitselektronik fällt eine große und teure Spielwiese weg. Jetzt haben wir grünes Licht, unter dem bestehenden Reglement das bestmögliche Motorrad zu bauen. Mit dem Ziel, das ganze Wissen zu KTM zu bringen, das die Entwicklung der einzelnen Teile und Möglichkeiten nach MotoGP-Reglement erlaubt. Das bringt unserer Firma einen weiteren Schub in Sachen Know-how, das wir dann so schnell wie möglich wie in allen anderen Disziplinen auch in Serienfahrzeuge einfließen lassen wollen. Somit haben wir keine Preisbeschränkung, dass die Entwicklung nur so und so viel kosten darf und wir deshalb das eine oder andere weglassen müssen. Wir haben freie Hand, das bestmögliche Motorrad zu bauen. Egal ob das nun mit einem Seamless-Getriebe oder, keine Ahnung, vergoldeten Kolben einhergeht.

Hat Red Bull an der MotoGP-Klasse als Sponsor Interesse?

Beirer: Haben sie mit Sicherheit, weil sie ja immer mit den besten und namhaftesten Fahrern dieser Kategorie zusammenarbeiten. Aber es ist nicht geplant, als Red Bull-KTM 2017 in die MotoGP-WM einzusteigen. Wir sehen uns jetzt mal als Motorradhersteller gefordert, das Motorrad zu bauen. Dann müssen wir erst einmal selbst rausfinden, wo wir stehen. Unseren langjährigen, freundschaftlich verbundenen Partner Red Bull zu fragen, ob er da mitmacht, werden wir erst, wenn wir wissen, wo wir stehen und wie’s läuft. Wenn die Dinge so weit sind, dann fragen wir auch unseren Wunschpartner Red Bull, ob er mitmacht. Aber jetzt müssen wir erst einmal arbeiten. Am Ende des Tages wollen wir versuchen, ein käufliches Fahrzeug für den Kundensport abzuleiten, das extrem viel Ähnlichkeit mit einem solchen MotoGP-Bike hat. Wir bauen ja unser Chassis und unsere Schwingen selber, und ob du das jetzt in diesem oder in jenem Winkel zusammenschweißt, hat auf den Herstellungspreis eines Rahmens keinen Einfluss. Wir wollen aus dem Wissen, das wir mit der MotoGP-Entwicklung generieren, ein Track-Racing-Bike ableiten, um unserem Motto „Ready to Race“ treu zu bleiben und eine direkte Verbindung vom Rennsport zum Markt herzu­stellen. Natürlich wird es nicht Hunderte von Kunden geben, die ein Original-MotoGP-Bike kaufen wollen. Doch es wird viele Dinge an diesen Fahrzeugen geben, die man eins zu eins für eine Kleinserie übernehmen kann, zu sinnvollen Kosten. Dass bei der MotoGP-Entwicklung am Ende auch für KTM und die Kunden etwas übrig bleibt, ist Teil unserer Aufgabe. Sonst hätte ich den Auftrag im Haus nicht gekriegt.

Das MotoGP-Starterfeld ist im Prinzip voll. Plant KTM, sich mit einem bestehenden Team zu arrangieren, oder gibt es auch andere Wege?

Beirer: Wenn du mich jetzt und heute fragst, wäre es wahrscheinlich der sinnvollste Schritt, mit einem guten Team zusammenzuarbeiten und die Stärken von uns als Hersteller mit den Stärken von jemandem zusammenzulegen, der sich im Fahrerlager gut auskennt, ein gutes Team vor Ort und eventuell auch einen guten Fahrer unter Vertrag hat. Das wird sicherlich erst einmal die Richtung sein. Aber da reden wir über Dinge, die im Jahr des Einstiegs wichtig sind. Unser Ziel ist, uns in zwei, drei, vier, fünf Jahren so zu etablieren, dass wir im Fahrerfeld unseren Platz finden werden. Doch zum jetzigen Zeitpunkt brauchen wir nicht mit irgendwelchen Teams zu verhandeln, denn jetzt heißt es erst einmal Kopf runter und Motorrad entwickeln und bauen.

Sucht KTM bereits nach Fahrern, auch für die Entwicklungsphase?

Beirer: Na ja, für die Entwicklungsphase werden wir relativ bald mal Fahrer brauchen. Aber über die Rennfahrer 2017 verhandelt man hier jetzt noch nicht.

Der Name Stefan Bradl ist ja bereits gefallen …

Beirer: Das sind schöne Gedankenspiele, aber bis es so weit ist, wird sich noch viel verändern, auch bei Stefan selbst. Freuen würde es uns, wenn sich der Kreis schließen würde. Wir haben zunächst einmal Riesenrespekt vor der Aufgabe, die sich uns stellt, und wir sind weit davon entfernt, zu sagen, dass es dieses Team oder jener Fahrer sein muss. Unser Ziel ist, mit den besten Teams und den besten Fahrern zusammenzuarbeiten. Aber jetzt müssen wir erst einmal hart daran arbeiten, ein gutes Motorrad zu bauen. Das wird ein jahrelanges Projekt.

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