Porträt: Vergleich Mick Doohan/Casey Stoner Die MotoGP-Fahrer aus Australien

Zwei furchtlose Kämpfer, zwei Weltmeister, zwei Generationen bei Repsol Honda. Sie stammen aus demselben Winkel der Erde, wo die meisten Kids nur Surfen im Kopf haben. Sie aber wurden Racer, zwei australische Superhelden.

Foto: 2snap

Mick Doohan und Casey Stoner - irgendwie müssen die beiden wohl aus dem gleichen Lehm geformt sein. Sie haben so viele Gemeinsamkeiten, dass man fast daran glauben möchte, in Queenslands Erde läge so etwas wie eine genetische Racing-Erblast verborgen, die alle 20 Jahre einen neuen Aussie-Kämpfer ausspuckt. Doohan 1965, Stoner 1985, den nächsten also 2005. Was bedeuten würde, dass gerade irgendwo an Australiens Gold Coast ein 7-jähriges Genie mit seinem Mini-Crosser durch den Sand pflügt, um 2025 den MotoGP zu beherrschen.

Es gibt tatsächlich viele Gründe, warum Quick Mick und Stoner, die beide nur 65 Kilometer voneinander geboren wurden (Doohan in Brisbane, Stoner in Southport), so viele Racing-Attribute gemein haben. Das Wichtigste: Beide sind Produkte einer sehr ehrgeizigen australischen Sport-Welt, speziell der hart umkämpften Dirt Track-Szene von Down Under. Deshalb sind die beiden auch so ultra-harte Gegner, berühmt für ihre mentale Stärke und ihre Fähigkeit, ein Motorrad ihrem absoluten Willen zu unter-werfen.

Sie sind quasi im Seitwärts-Drift auf Dreck aufgewachsen, das Motorrad mit geöffnetem Gasgriff und eingeschlagenem Lenker balancierend. Die bekommen garantiert keinen Schweißausbruch, wenn das Bike am Limit entlang bockt. Tatsächlich sind sie genau dann am brillantesten. Man denke nur daran, wie Mick Doohan Hondas bösartige NSR 500 niederrang oder an Casey Stoners Meisterleistung bei Ducati im Sattel der eigentlich unzähmbaren Desmosedici.

Als Doohan in den späten 1980ern im Grand Prix auftauchte, machte sein Fahrstil sofort Furore. Er warf die NSR so hart in die Kurve, dass einfach jeder mit dem Einklappen des Vorderrads rechnete. Manchmal war das auch so. Aber meistens eben nicht. Schließlich veränderte seine Technik den Grand Prix für immer. Bis Doohan kam, ging es bei den 500ern immer nur ums Hinterrad und den Kurvenausgang: langsam rein, schnell raus. Doohan aber war der Typ schnell rein, schnell raus. Sein radikaler Stil machte bessere Vorderreifen unabdingbar, was den Europäern ohne die Dirt Track-Erfahrung danach wiederum half, auf den 500ern gegen die Armada der Dirt Track-Helden aus USA und Australien konkurrenzfähig zu werden.

Auch Stoner hebt sich mit seiner Technik von den anderen ab. Sein einzig-artiger Einsatz mit Gasgriff, Hinterradbremse und Motorradführung erlaubten ihm diese unglaublichen Sachen auf der Ducati, die selbst Superstar Valentino Rossi nicht hinbekommt. Jetzt auf der Honda kann ihm das Feld eigentlich nur noch staunend hinterher sehen.

Die Aggression der beiden stammt ebenso aus dem Dirt Track wie ihr Talent. Stoner und Doohan wird nachgesagt, immer Attacke zu fahren. Das haben sie so gelernt, als sie noch zwölf Ausscheidungsläufe plus Finallauf an einem Tag gefahren sind. Rennen, die eher Sekunden als Minuten dauerten. Diese Wettkämpfe machen es unabdingbar, gleich voll anzugreifen. Da kann man nicht abwartend mitfahren. Diese Lektion haben sie auch ins GP-Training mitgenommen: Doohan ist eigentlich nie eine langsame Runde gefahren, Stoner fährt nie eine langsame Runde. Ihr Motto: Kopf runter und raus auf die Strecke.

Abseits der Piste finden sich weitere verblüffende Gemeinsamkeiten. Stoner ist lieber für sich, ähnlich wie es Doohan war. Keiner der beiden mag die Presse oder den ganzen PR-Zirkus. Von Mick Doohan gibt es aus seiner Rennkarriere einige berühmte Auseinandersetzungen mit Journalisten. Eine der amüsantesten fand 1998 in Buenos Aires statt, als ihn ein lokaler Schreiberling mit wahrlich banalen Fragen nervte und er sie in Kriegsgefangenen-Manier mit den immer gleichen Worten beantwortete: „Mein Name ist Mick Doohan, Australier, ich bin Rennfahrer bei Repsol Honda und fahre den GP von Argentinien.“

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Foto: Archiv

Stoner hatte auch seine Momente mit den Medien. „Ich bin hier zum Renn-fahren, all das andere ist für mich der reinste Mord“, sagte er vor wenigen Jahren. „Ich hasse diese Art Aufmerksamkeit und würde mich lieber wie eine Maus in der Ecke verkriechen.“

In letzter Zeit ist er im Rampenlicht allerdings viel entspannter und verblüffend beredt, wenn es um seinen Fahrstil geht. Doohan war nie so offen, was sein Können betraf. „Ich hab keine Ahnung, wie ich das mache“, lautete dann stets seine Antwort, was nichts anderes bedeutete, als dass er es für reine Zeitverschwendung hielt, einem nach seinem Maßstab ahnungslosen Journalisten etwas übers Motorradfahren zu erzählen.

Und deshalb muss man bei allen Gemeinsamkeiten auch erkennen, dass es zwei unterschiedliche Menschen sind. Wenn auch beide aus dem Aussie-Dirt Track kommen, nahmen ihre Karrieren bis zur Spitze der Motorrad-Welt einen gänzlich anderen Verlauf. Doohans Weg war mehr von Zufällen geprägt, wie es damals üblich war, bevor der Sport so straff geordnet wurde. Mick fing auch - später als Stoner mit dem Fahren an und bestritt sein erstes Rennen im vergleichsweise fortgeschrittenen Alter von zehn - ganze sechs Jahre nach Stoner!

Beide Jungs hatten rennverrückte Väter, doch Doohans Karriere wurde durch den frühen Tod seines Vaters jäh unterbrochen. Ohne dessen Unterstützung, Klein-Mick zu den Rennen zu begleiten und seine Motorräder zu warten, ließ Doohans Ehrgeiz nach. Alle paar Jahre probierte er es mal wieder, aber sein Herz hing nicht daran. Der Teenager Doohan hielt mehr vom Abhängen, mit Straßenmotorrädern herumbrennen und Spaß haben - Bier trinken, kiffen und Mädels nachjagen. Selbst als er die örtliche Rennstrecke für sich entdeckte, machte er das anfangs nur zum Zeitvertreib. Damals tauchte er bei Surfers Paradise während der offenen Tracktage mit seiner RD 250 LC ohne Ambitionen auf. „Er sah nie nach dem Reifendruck oder so“, erinnert sich sein älterer Bruder Scott. „Er rutschte da rum, weil er kaum ein Bar Luftdruck in den alten Schluffen hatte. Sein T-Shirt flatterte hinten aus seiner alten zweiteiligen Lederkombi. Er war echt planlos damals, es ging nur um den Spaß.“

Erst nach einigem Zureden von Freunden und Betreibern örtlicher Motorrad-läden, die sein ungeheures Talent erkannt hatten, fing Doohan in einer 250er-Hobbyklasse an. Ab da lief es. Selbst als einige namhafte Superbike-Teams hinter ihm her waren, war sich Doohan nicht sicher, ob er mehr als seine 250er will: „Alles, was schneller als 200 km/h war, kam mir völlig idiotisch vor.“

Das steht in krassem Widerspruch zu Stoners Werdegang, der eigentlich seit seiner Geburt nie etwas anderes tat, als Rennen zu fahren. Immer mit einem -festen Ziel: MotoGP-Ruhm. Unterstützt und angeleitet von seinem Vater Colin, drehte sich alles um Racing, als Jung-Casey das erste Mal mit vier Jahren auf die Hatchers-Dirt Track-Bahn in Queensland kam. Ab da beherrschte Racing nicht nur sein Leben, sondern das der ganzen Familie. Als er bald schon alle Rennen in der größeren Umgebung dominierte, zogen die Eltern nach New South Wales um, wo der Wettbewerb weit härter war. Als er auch da der King war, übersiedelten die Stoners Caseys Straßenrennkarriere wegen nach England. In Australien lag das Mindestalter dafür bei 16, in England bei 14. Da gab es für Colin und Bronwyn Stoner nichts zu überlegen. Sie verkauften all ihr Hab und Gut und lebten fortan im Wohnmobil.

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Foto: Repsol Honda

Wenn Stoner keine Rennen fuhr, saß er vor dem Fernseher und schaute sich Rennen von Mighty Mick an, der die Konkurrenz auf den 500ern regelrecht hinrichtete. Da er sich die Videos immer und immer wieder ansah, bekam Stoner enormen Respekt vor Doohan und wollte wie er werden. Dabei bewunderte er nicht nur dessen Fahrstil, sondern vor allem Doohans Comeback nach dem Horror-Unfall 1992 in Assen. „Ich habe immer davon geträumt, ihm einmal nachzufolgen“, erzählt Stoner. „Aber das ist eigentlich unmöglich, sich so zu verletzen und dann doch noch Weltmeister zu werden. Das schafft man nicht so einfach.“ Stoner folgte Doohan zwar in die Königsklasse, aber sein Weg führte über die 125er und 250er, nicht die Superbikes. Und er hatte eigentlich nie das normale Leben eines Teenagers kennengelernt, wie einst Doohan mit seinen wilden Partys und dem gelegentlichen Ärger mit der Polizei (mit 20 hatte man ihm -bereits fünf Mal den Führerschein abgenommen). Stoner ist das komplette Gegenteil: Er trinkt nicht und hat überhaupt keinen Motorrad-Führerschein.

Es ist sicher viel zu früh, um Stoner auf ein Level mit Doohan zu heben oder vorherzusagen, ob er es jemals schaffen kann, fünf Königsklassen-Titel zu erringen. Aber wenn Hondas 1000er-RCV wieder eine echte Rakete wird, sollte man nicht gegen ihn wetten.

Foto: Ducati

Stoner über Doohan, Doohan über Stoner

Stoner: „Als Kind hat mich Mick sehr inspiriert und ich habe von ihm etwas gelernt, was ich in meiner ganzen Karriere bisher immer beherzigt habe: Gib niemals auf, egal, was passiert. Nichts konnte Mick aufhalten. In seinen Anfangstagen wurde er für seine Sieg-oder-Krankenhaus-Mentalität hart kritisiert, aber er hat einfach weitergekämpft und gepusht, bis er der Größte war. 1992 war er eigentlich schon Weltmeister, dann kam dieser furchtbare Unfall. Es sah so aus, als könne er nie mehr zurückkommen. Aber Mick kam zurück, gegen alle Einschätzungen der Experten, und gewann fünf Titel in Folge. In der Renngeschichte hat niemand nach derartigen Verletzungen so etwas geschafft. Deshalb ist er für mich der Größte. Ich will ihn nicht kopieren, aber ich versuche, es ihm möglichst gleich zu tun. Was er im Rennsport erreicht hat, ist gewaltig, und deshalb will ich in seine Fußstapfen treten.“

Doohan: „Casey will immer schneller sein als alle anderen. Eine Eigenschaft, die ich definitiv auch hatte. Aber vor mir hatte das Kenny Roberts auch schon. Die Art wie Casey fährt, ist klasse: Wenn du dominieren willst, musst du die Dinge tun, die die anderen nicht tun. Er sieht auf dem Motorrad gut aus und einiges, was er da macht, ist einfach unglaublich. Das hat mit Selbstbewusstsein zu tun: Indem er sich immer bis ans Limit pusht, bekommt er mehr Vertrauen zum Motorrad, auch wenn es unter ihm hin und her zappelt. Es sieht nie so aus, als hätte er das nicht unter Kontrolle. Er hat es sicher im Griff. Ich wollte einfach nur Rennen fahren, und Casey scheint genauso zu ticken. Wenn mich ein Journalist nervte, warum sollte ich mich dann mit dem beschäftigen? Dieser ganze Mist ist ermüdend und ich wollte damit nichts zu tun haben.

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