Moto GP: Saisonvorschau 2011 Die Erde wird Rot

Trotz großer Probleme starten Hyperstar Valentino Rossi und Ducati optimistisch in die MotoGP-WM 2011. Aber auch das große Honda-Werk will unbedingt den Titel. Von Welt- meister Lorenzo und Yamaha redet kaum einer - zu Unrecht.

Foto: 2snap

Schafft er es, oder schafft er es nicht? Gelingt es dem neuen Ducati-Werksfahrer Valentino Rossi, die Uhr zurückzudrehen und wie bei seinem letzten Mega-Transfer 2004, damals von Honda zu Yamaha, gleich den ersten Grand Prix zu gewinnen? Monate lang reagierten Teammitglieder und der Superstar selbst mit Kopfschütteln und entschiedenen Dementis.

Rossis erste Tests mit der Desmosedici gleich nach dem GP-Finale 2010 in Valencia waren ein Schlag ins Wasser: "Ich brauche weniger ein neues Motorrad als eine neue rechte Schulter", murrte der Italiener, der seinen MotoGP-Kollegen als Fünfzehnter hinterher gefahren war. Wenige Tage später unterzog er sich zuhause in Italien einer zweistündigen arthroskopischen Operation, bei der die im April 2010 bei einem Motocross-Sturz erlittenen Knorpelschäden ausgeräumt und die eingerissene Supraspinatus-Sehne sowie ein Band am Schultergelenk rekonstruiert wurden.

"Die Schulter war in kritischem Zustand. Kein Wunder, dass Valentino beim Fahren die Zähne zusammenbeißen musste", urteilte Chirurg Dr. Giuseppe Porcellini und veranschlagte drei Monate Rekonvaleszenz. Weichteilschäden heilen langsamer als Knochen, weshalb sich Rossi bei seinen ersten Fahrversuchen im neuen Jahr, Ende Januar auf einem Ducati-Superbike, ebenso wie am ersten offiziellen MotoGP-Test-Tag am 1. Februar, noch in erbärmlichem Zustand befand. Dort, in Sepang, Malaysia, absolvierte er nur wenige kurze Runs, unterbrochen von langen Pausen, und hinkte seinen Gegnern erneut hinterher - um über zwei Sekunden.

"Es bleibt Valentinos Ziel, nochmals eine Weltmeisterschaft zu gewinnen. Doch ein Sieg zum Saisonauftakt wie damals 2004, steht wegen der Schulter nicht zur Debatte", raunte einer seiner Mechaniker. Entsprechend gedrückt war die Stimmung, als Rossi am Abend von seinen Fahreindrücken berichtete und schätzte, rund eine Sekunde des Rückstands sei verletzungsbedingt.

Rossi, der den Malaysia-GP im vergangenen Oktober auf seiner alten Yamaha M1 noch überlegen gewinnen konnte, kämpfte mit Schmerzen aber auch mit heftigem Chattering und dem gewöhnungsbedürftigen Einlenkverhalten seiner neuen Ducati.

"Wir vertrauen auf all die Anbauteile, die sich auch an der M1 bewährt haben: Räder, Reifen, Bremsen, die Öhlins-Federelemente und die aktuelle Gabel mit 48 mm Standrohrdurchmesser", erklärte Cheftechniker Jerry Burgess. Was den Rest angehe, den desmodromisch gesteuerten Ducati-V4-Motor und das edle Karbon-Chassis, brauche es nur genügend Zeit, um all dessen Potenzial gründlich auszuloten. Dann könne man aus der Summe perfekt erforschter Einzelkomponenten wieder eine neue Siegermaschine zusammenfügen, so wie bei Honda und Yamaha auch, lautete die Prognose des Australiers.

Ganz so bereitwillig gab die Desmosedici GP11 ihre Geheimnisse allerdings doch nicht preis. Während Rossi mit der fügsamen M1 nahezu beliebige Linien fahren konnte, liegt die Ducati wie das sprichwörtliche Brett, enorm stabil, aber auch vergleichsweise störrisch - Charakteristika, die bei der Bauweise mit dem Motor als tragendem Teil und einem Kohlefaser-Monocoque zum Steuerkopf nicht leicht zu verändern sind. Deshalb verabschiedete sich das Team auch von der Wunschvorstellung, das Motorrad ganz auf Rossi maßschneidern zu können. Der neunfache Weltmeister musste sich stattdessen auf die Eigenarten der Maschine einstellen. Etwas, was anderen Helden wie Marco Melandri nie und selbst einem Weltmeister wie Nicky Hayden nur zum Teil gelungen war.

Umso spürbarer war die Erleichterung in der Ducati-Box, als plötzlich die Rundenzeiten doch besser wurden: Am Ende des dritten Tages lag Rossi nur noch 1,085 Sekunden hinter der Bestzeit und hatte als Elfter den Anschluss ans Feld und auch den wichtigsten Trick auf der Strecke herausgefunden. "Ich fahre schneller und spitzer aufs Eck zu als mit der M1, umkreise den Scheitelpunkt enger, richte dann aber sehr schnell auf, um so früh wie möglich wieder zu beschleunigen. Stop and Go - etwa so wie bei den alten 500er-Zweitaktern", erklärte er nun leutselig. Zu den Schnellsten klaffe zwar weiter ein Rückstand von durchschnittlich 0,8 Sekunden, doch wenn sein Fahrstil wegen seiner Schulter nicht mehr "dem einer alten Dame" gleiche, sähe die Welt schon ganz anders aus.

Plötzlich waren Rossi und seine Leute wieder wie elektrisiert, der Auftaktsieg zumindest wieder Diskussionsthema. "In Quatar zu gewinnen, wird schwierig. Doch nach diesen Tests bin ich zuversichtlicher, dass ich ein gutes Rennen fahren werde", ließ sich der Italiener entlocken.

Dass Siege schwer werden für Rossi, liegt freilich nicht nur an den eigenen Problemen, es liegt auch an der Konkurrenz. So mager das Starterfeld mit 17 Piloten auch aussehen mag: Mehr echte Siegkandidaten als 2011 gab es in der gesamten GP-Historie noch nie. War 2010 noch von den "fantastischen Vier" Rossi, Lorenzo, Stoner und Pedrosa die Rede, darf man ab sofort ruhig auch Ben Spies, Andrea Dovizioso und Marco Simoncelli zu den Erfolgskandidaten zählen. So zeigte Spies als zweitschnellster Pilot noch vor seinem Yamaha-Teamkollegen, dem Weltmeister Lorenzo, was er auf echtem Werksmaterial leisten kann: "Der Test war ein Erfolg. Nächstes Mal versuchen wir, ein bisschen schneller zu fahren", kommentierte der Texaner in seiner lakonischen, unterkühlten Art.

Die eigentliche Großoffensive freilich kommt von Honda. Vor einem Jahr hatte Shuhei Nakamoto, Vizepräsident der Honda Racing Corporation (HRC), den Ex-Ducati-Teammanager Livio Suppo als neuen Marketingdirektor angeworben, um das Image von Honda aufzupolieren und neue Geldgeber zu finden. Als erste Amtshandlung zog Suppo Ducatis Nummer Eins nach, Casey Stoner, ging erst dann auf Sponsorensuche und beschwor eine gewaltige Krise herauf. Weil sich Andrea Dovizioso nicht abschieben ließ und kein Budget für eine zusätzliche Teamstruktur aufzutreiben war, hatte Honda nun einen Fahrer zuviel - erst nach Saisonende 2010 verzogen sich die Gewitterwolken, das Repsol-Budget wurde als Kompromiss auf die drei Fahrer Stoner, Dovizioso und Pedrosa, verteilt.

Mittlerweile ist die Aufregung um das Flickwerk längst Schnee von gestern. Zum Anfang der Saison 2011 steht Repsol-Honda als absolutes MotoGP-Super-Team da. Zugpferd ist der hochtalentierte Casey Stoner, der nach der klaren Bestzeit bei den Valencia-Tests auch dem ersten Tag in Sepang seinen Stempel aufdrückte und keine Gelegenheit ausließ, von seinem neuen Job zu schwärmen: "Alles geht so leicht, das Einlegen der Gänge, Bremsen, Einlenken. Zu Anfang bog ich ein paar Mal zu aggressiv ein, wie früher mit der Ducati eben.

Das hat Unruhe ins Fahrwerk gebracht. Ich musste mich komplett umstellen, genauso wie bei der Linienwahl. Unglaublich, wie viele verschiedene Linien auf dieser Strecke möglich sind. Früher konnte ich hinter Rossi oder Pedrosa nie verstehen, wie sie solche Linien wählen konnten - mit der Ducati war das unmöglich. Jetzt verstehe ich es."

Bis auf ein gewisses Radstempeln beim Anbremsen, über das sämtliche Honda-Werkspiloten klagten, war Stoner rundum happy: "Nach vier Jahren bei Ducati war es für mich Zeit für einen Tapetenwechsel. Für das Honda-Werksteam zu fahren und damit in die Fußstapfen von Mick Doohan zu treten, war schon immer mein Traum. Jetzt ist er Wirklichkeit geworden."

Anders als Doohan in seiner Glanzzeit - 1996 gewann er zwölf von 15 GP - hat Stoner freilich eine Handvoll ebenbürtiger Gegner unter dem eigenen Marken-Dach. Andrea Dovizioso, der in den Sepang-Boxen die räumliche Mitte der drei Repsol-Honda-Stars bildete, wurde von findigen spanischen Journalisten bereits als lebende Boxen-Trennwand bezeichnet, der Stoner und Dani Pedrosa sorgfältig voneinander abschirme. Eine virtuelle Wand gibt es auch auf technischem Gebiet, denn während allgemeine Daten unter den dreien ausgetauscht werden, bleibt die spezielle Rennabstimmung der einzelnen Piloten misstrauisch gehütete Privatangelegenheit.

Nachdem Stoner am ersten Tag mit seiner beeindruckenden Bestzeit vorpreschte, legte Daniel Pedrosa am Morgen des zweiten Tages sofort wie die Feuerwehr los und setzte seinerseits mit einer vorübergehenden Bestzeit das klare Signal, dass er sich keineswegs unterbuttern lassen will. Denn natürlich empfand es der kleine Spanier als Affront und Misstrauensvotum, Stoner als Teamkollegen und frische Kraft im Kampf um den WM-Titel vorgesetzt zu bekommen.

"Mehr ist besser. Am liebsten würde ich alle Stars auf Honda-Maschinen setzen. Doch leider geht das nicht", zog Shuhei Nakamoto schlagfertig den Kopf aus der Schlinge, als er gefragt wurde, ob die bisherigen HRC-Piloten nicht gut genug gewesen seien für seine Kampagne.

Wahrscheinlich denkt der HRC-Mann tatsächlich so, denn neben Stoner, Pedrosa und Dovizioso nahm er auch Marco Simoncelli unter seine Fittiche und stellte höchstpersönlich sicher, dass der Fahrer des Gresini-Satellitenteams in seinem zweiten MotoGP-Jahr nunmehr auch volle Werksunterstützung und somit die gleichen Motorräder wie das Repsol-Trio erhält. Simoncelli wurde wegen seiner größeren Körpermaße sogar zu speziellen Windkanal-Tests nach Japan eingeladen, um ihm eine breitere und höhere Verkleidung maßschneidern zu können.

Prompt bedankte sich der Italiener mit der Bestzeit der dreitägigen Malaysia-Tests und trug sich bei einer Rennsimulation, bei der er fünf Sekunden unter Rossis Sieger-Zeit von 2010 blieb, auch in die Liste künftiger Spitzenkandidaten ein. "Ich bin happy, denn alles ist viel besser als letztes Jahr: das Motorrad, das Team und meine Erfahrung", jubelte er. "Nachdem ich als 250er-Weltmeister in die MotoGP-Klasse aufgestiegen war, dachte ich, ich sei Superman und würde es allen zeigen. Statt dessen hat‘s die MotoGP-Klasse mir gezeigt", erläuterte Simoncelli, der im vergangenen Jahr mit 13 Crashs Sturzkönig war. "Doch jetzt ist mein Lehrjahr vorbei. Pedrosa, Stoner und Dovizioso sind drei sehr starke Piloten, die Rivalität wird hart - doch ich spüre, dass ich mit denen mithalten kann. Ich bin auf dem gleichen Niveau."

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