MotoGP-Auftakt MotoGP-Auftakt in Losail/Q

Als die Nacht über der Wüste von Qatar immer dunkler wurde, wartete Weltmeister Valentino Rossi unter gleißendem Flutlicht geduldig, bis sich Jungwüstenfuchs Casey Stoner selbst aufgearbeitet hatte - und schlug dann erbarmungslos zu.

Foto: 2snap
Der glücklichste Mann bei Ducati hieß Jorge "Aspar" Martinez. Sein Fahrer Hector Barberá geriet bei einer frühen Attacke auf Mika Kallio zwar auf die Außenspur und kurvte dem Feld danach lange als Schlusslicht hinterher. Dennoch bescherte er dem neuen spanischen MotoGP-Team beim Saisonauftakt in Qatar als Zwölfter die ersten vier WM-Punkte und seinem Teamchef das jahrzehntelang ersehnte Glücksgefühl, endlich in der Königsklasse angekommen zu sein. "Seit ich 15 war, wollte ich nichts anderes als Rennen fahren. Ich holte selber vier WM-Titel bei den 80ern und 125ern, wurde Teammanager, hatte in den kleinen Klassen wieder Erfolg. Jetzt fahren wir endlich in der MotoGP-Klasse - unglaublich", schwärmte der 48-Jährige, der in allen drei GP-Klassen Teams betreibt und in der 125er-Klasse mit Nico Terol einen weiteren Sieg holte.

Im offiziellen Marlboro-Ducati-Werksteam hielt das Glück dagegen nur fünf Runden lang. Mit dem neuen Big Bang-Motor der Ducati Desmosedici tauchte der in Qatar bisher kaum zu schlagende Casey Stoner in Runde drei an der Spitze auf. Zwei Runden später allerdings war seine wilde Fahrt jäh mit einem Sturz übers Vorderrad zu Ende. "So ein Esel", wunderte sich der italienische Rennveteran und Fernsehkommentator Loris Reggiani. "Was wollte Stoner beweisen? Er lag bereits deutlich in Führung, fuhr dann aber in der ersten Sektion der fünften Runde, volle vier Zehntelsekunden schneller als sein Verfolger. Ohne den Sturz hätte er Valen-tino auf dieser Runde eine volle Sekunde abgenommen. Aber warum? Er hatte doch noch 16 Runden Zeit."

Stoners eigene Version hörte sich so an: "Mir war schon vorher öfter das Vorderrad weggerutscht. Daher versuchte ich, rundere Linien zu fahren, nicht so viel Druck auf den Vorderreifen auszuüben. Doch ich hätte im Gegenteil das Vorderrad noch stärker belasten sollen. Als ich in diese Kurve einbog, hatte ich viel weniger Bremsdruck als zuvor und schlitterte ins Aus. Wir haben uns mittlerweile die Daten angeschaut, und die zeigten eindeutig, dass ich nicht genügend Gewicht auf dem Vorderrad hatte", berichtete er, "ein dummer Fehler."

Er gab Valentino Rossi die Chance, der Saison bereits beim Auftakt - und auf Stoners Paradestrecke - seinen Stempel aufzudrücken. Der Weltmeister hatte früh die Führung ergriffen, sah aber ziemlich wehrlos aus, als Stoners deutlich schnellere rote Ducati im gleißenden Flutlicht der Wüstenstrecke wie ein Feuerwehrauto im Nachteinsatz vorbeipreschte. Dank des unerwarteten Geschenks seines gefährlichsten WM-Rivalen entwickelte sich ein Rennen wie aus dem Bilderbuch für den Superstar. Gekonnt hielt er seine nächsten Verfolger in Schach und zog mit einem unwiderstehlichen Schlussspurt souverän davon. Selbst die Rückkehr aus der Ehrenrunde auf dem Scooter eines Streckenpostens wirkte wie eine typische Rossi-Inszenierung, war es aber nicht: Dem Champion war kurz nach der Zieldurchfahrt schlicht der Sprit ausgegangen. "Schon Enzo Ferrari hat immer gesagt: Das beste Rennauto ist das, das nach dem Zielstrich liegen bleibt. Wenn ich auch bei den nächsten Rennen gewinne und anschließend mein Motorrad streikt, soll’s mir recht sein", grinste Rossi.

Der Jubel im Yamaha-Lager kam einem Volksfest gleich. Nicht weniger als drei Yamaha standen in der Ergebnisliste unter den ersten fünf, und das, was Jorge Lorenzo und Ben Spies im Rennen aufgeführt hatten, war nicht minder heroisch als Rossis Sieg.

Spies startet vom elften Platz, schnappt sich die ersten vier Gegner in der Eröffnungsrunde, kommt auf gebrauchten Reifen immer besser in Fahrt, wird am Schluss Fünfter und hätte sich mit zwei Sekunden Rückstand auf Rang drei fast noch in den Kampf um die Podestplätze eingemischt.

Noch toller trieb es Lorenzo, der längst nicht vollständig von einem Motocross-Sturz im Februar genesen war. Nach dem Start Sechster, hielt sich der Spanier eine Weile versteckt. In der Schlussphase dann, als sich sein Team schon mit einer Handvoll sicherer Punkte abgefunden hatte, drehte Lorenzo plötzlich auf wie elektrisiert und preschte in der letzten Runde noch am verblüfften Dovizioso vorbei auf Rang zwei - der Yamaha-Doppelsieg war perfekt.

Doppelsieg der Superstars, fünfter Platz von Superbike-Weltmeister Spies in seinem fünften GP: Das war Grund zu Jubel bei Yamaha, aber auch zu besorgten Fragen. Kippt die WM allzu früh in eine Richtung? Wird der WM-Kampf einseitig?

Keine Sorge. "Wir hätten dieses Rennen zwar gewinnen müssen, doch meinem Selbstvertrauen hat der Sturz zum Glück nicht geschadet", beschied Stoner. "Das Motorrad funktioniert fantastisch. Der Grip hinten war unglaublich, eine komplette Kehrtwendung zum letzten Jahr." Wie gut die neue Ducati ist, bewies auch Teamkollege Nicky Hayden, der nicht nur einen glänzenden Start hinlegte, sondern bis ins Ziel ums Podest mitkämpfte und, von Andrea Doviziosos überlegenem Top-Speed erst kurz vor der Ziellinie besiegt, Vierter wurde.

Nach Doviziosos Husarenstückchen braucht sich auch Honda nicht mehr zu verstecken. Der dritte Platz stellte seinen ersten MotoGP-Sieg in England 2009 klar in den Schatten. "Damals war die Strecke feucht, es herrschten irreguläre Bedingungen. Doch das Ergebnis heute habe ich im Trockenen erkämpft, es ist wertvoller als der Sieg in Donington", strahlte der Italiener.

Selbst bei Daniel Pedrosa zeigt sich Licht am Ende des Tunnels. Nachdem der kleine Spanier erst für die neue Saison, Monate nach seinem Teamkollegen von Showa- auf Öhlins-Federelemente umgerüstet hatte, kämpfte er bei den Vorsaisontests lange mit Fahrwerksunruhen, die sein Motorrad nahezu unfahrbar machten. Noch an den Trainingstagen in Qatar testete Pedrosa nicht weniger als fünf verschiedene Fahrwerksvarianten. Im Rennen holte er nach einem Blitzstart und kurzzeitiger Führung den siebten Platz, allerdings hinter Randy de Puniet auf der Honda des LCR-Teams.

Gleichermaßen beeindruckend - und besorgniserregend für Valentino Rossi - war der schiere Speed von Ducati und Honda. "Wir haben viel am Motor gearbeitet, und ich dachte ganz ehrlich, wir seien näher dran. Wir müssen unbedingt mehr Leistung finden", grübelte der Weltmeister, der im Rennen um mehr als acht km/h hinterher hinkte, tröstete sich dann aber selbst: "Zum Glück ist unser Motorrad in jeder anderen Hinsicht perfekt."

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