MotoGP Catalunya/E MotoGP in Catalunya/Spanien

WM-Leader Jorge Lorenzo siegte überlegen beim Heimspiel vor seinem spanischen Landsmann Daniel Pedrosa. Trotzdem bestimmte der verletzt abwesende Hyperstar Valentino Rossi, Lorenzos Yamaha-Kollege, die MotoGP-Szene. Seine Zukunftspläne scheinen klar wie die rote Morgensonne.

Foto: 2snap
Eine Spritztour mit dem Motocross-Motorrad hatte für Stefan Bradl schmerzhafte Folgen. Weil der Bayer statt Stiefeln und Protektoren nur leichte Sommerkleidung trug, brach er sich bei einem Sturz zwei Zehen und ließ außerdem so viel Haut auf der Piste liegen, dass er auf das Moto2-Rennen beim Barcelona-Grand Prix verzichten musste. "Man müsste der ganzen Familie das Motorradfahren außerhalb von Rennstrecken verbieten", seufzte Cheftechniker Jochen Kiefer, nachdem Papa Helmut nur wenige Wochen zuvor bei einem Motorradunfall erhebliche Ver-letzungen erlitten hatte.

Beim GP Deutschland am 18. Juli tritt Bradl aber wieder an, und auf dem Sachsenring könnte gleichzeitig ein noch viel spektakuläreres Comeback stattfinden. Denn kaum fünf Wochen nach seinem schweren Sturz am 5. Juni in Mugello kann Valentino Rossi nicht mehr still sitzen. Der neunfache Weltmeister trainiert im Studio, macht Unterwassertherapie mit dem gebrochenen linken Bein. Vor allem aber plant er noch vor dem deutschen GP eine Probefahrt mit einer Yamaha R1. Sorgsam von der Öffentlichkeit abgeschirmt, will er auf einer Rennstrecke in Norditalien, Misano, Monza oder Imola, prüfen, wie weit die Heilung fortgeschritten ist. Und dann wird er entscheiden, ob er statt, wie von den Ärzten ursprünglich prognostiziert, frühes-tens nach drei Monaten, doch schon nach 40 Tagen auf seinen Yamaha-M1-Renner zurückkehrt.

Doch es kommt noch toller. Die Schlagzeile einer englischen Zeitung, Rossi sei bereits mit Ducati handelseinig, schlug beim Barcelona-GP wie eine Bombe ein. "Erst Stoner zu Honda, jetzt Rossi zu Ducati - es tut mir eigentlich nur leid für Suzuki, dass sie an diesen ganzen Gerüchten nie gerecht beteiligt werden", versuchte Rossis Cheftechniker Jerry Burgess, zur Betreuung des japanischen Ersatzfahrers Wataru Yoshikawa nach Barcelona gereist, die Nachricht herunter zu spielen. Er habe seit dem Mugello-Unfall noch keine Silbe mit Rossi geredet und sehe seine weitere Zukunft bei Yamaha, fügte der Australier hinzu.

Es sei noch längst nichts entschieden, man glaube weiterhin daran, beide Fahrer, Lorenzo und Rossi, halten zu können, spielte auch Yamaha-Sportchef Lin Jarvis auf Alltag. Und selbst Filippo Preziosi, Direktor und Chef-Ingenieur bei Ducati Corse sowie privat ein guter Freund Valentino Rossis, hielt sich sorgfältig bedeckt. "Absolut nicht", reagierte er auf die Frage, ob Rossi denn tatsächlich unterschrieben habe. "Ich sehe das nicht einmal als realistische Möglichkeit. Vale ist in einem sehr starken Team mit einem sehr guten Motorrad. Ich glaube, dass Yamaha ihn halten und auch er dort bleiben will." Auf das Nachhaken, er sei einer der wenigen, die das noch so sähen, reagierte Preziosi schlagfertig. "Vielleicht, weil ich, wie Valentino selbst, mehr Informationen habe als alle anderen."

Freilich haben die halbherzigen Dementi nur einen einzigen Grund: Rossis Wechsel von Yamaha zu Ducati ist noch viel bedeutender als sein Wechsel damals 2004 von Honda zu Yamaha. Und der Zeitpunkt der offiziellen Bestätigung dieser Sensation will vom Team, von den Sponsoren, vom Fahrer selbst sorgfältig gewählt sein. Rossis Transfer wird eine Kettenreaktion anderer Vertragsunterschriften im Fahrerlager auslösen, vor allem aber wird sie abermals weltweit für Schlagzeilen sorgen. Und schon Rossis Abwesenheit, seine Verletzungspause, ist Grund genug, vorläufig noch hinterm Berg zu halten.

Dass die Wechsel-Entscheidung schon gefallen ist, daran haben selbst italienische Insider und intimste Rossi-Kenner keinerlei Zweifel mehr. Mit Jorge Lorenzos unaufhaltsamem Durchmarsch zum Titel ist endgültig klar, dass Rossi die Zukunft bei Yamaha nicht mehr bestimmen und eine Alleinherrschaft ohne den Spanier nicht durchsetzen kann. Rossi müsste sich neben, womöglich gar im Schatten des neuen Weltmeisters einreihen und zusätzlich in Kauf nehmen, dass Lorenzos Gage erhöht, seine eigene wegen der angespannten Finanzlage beim Mutterkonzern Yamaha aber zusammengestrichen wird.

Rossi ist solche Demütigungen nicht gewohnt - und will lieber noch einmal Rennsportgeschichte schreiben. Die 15 Millionen Euro Jahresgage, von der bei dem Ducati-Deal die Rede ist, erscheinen dabei eher nebensächlich. Rossi braucht das Geld allenfalls zur Selbstbestätigung. Die Ehe Rossi-Ducati ist viel-mehr die Erfüllung eines lange gehegten italienischen Traums, der die Tifosi in Verzückung geraten und an die glorreichen Zeiten von Giacomo Agostini auf MV Agusta zurück-denken lässt.

Schon Ende der 1950er- und in den frühen 1960er-Jahren dominierte diese italienische Marke die Königsklasse, doch John Surtees aus England, der Rhodesier Gary Hocking und schließlich mit Mike Hailwood ein weiterer Brite hatten die falsche Staatsangehörigkeit, um den Erfolgen der damals unschlagbaren Maschinen des Conte Domenico Agusta historische Bedeutung zu verleihen.

Ein Italiener musste her. Als der junge "Giacomino" Agostini 1964 auf seiner 250er-Einzylinder-Morini gegen die Mehrzylinder von Yamaha und Honda beim Deutschland-GP auf der Stuttgarter Solitude-Rennstrecke als Vierter seine ersten WM-Punkte geholt hatte, wurde der Graf hellhörig. 1965 setzte er Agostini als Mike Hailwoods Teamkollegen auf eine seiner Maschinen. Und obwohl Ago im ersten Jahr noch im Schatten des Engländers fuhr, begriff Hailwood, dass er keine Zukunft mehr bei MV Agusta hatte: Er wechselte 1966 zu Honda zurück.

Damit begann Agos goldene Ära bei MV Agusta, in der er von 1966 bis 1972 sieben WM-Titel holte - eine legendäre Epoche, die sich jetzt mit Rossi und Ducati wiederholen soll. Ein Zwei-Jahres-Vertrag ist das Mindeste, wenn Rossi über die erste Anlaufzeit hinaus kommen und 2012, dann wahrscheinlich wieder mit 1000-cm³-Maschinen, um den Titel kämpfen will. Auch andere Träume, vom Knacken des Agostini-Rekords der 122 GP-Siege bis hin zu der Möglichkeit, am Ende doch noch im mit Ducati kooperierenden Ferrari-Formel-1-Team zu landen, werden von beseelten Rossi-Fans mit heller Begeisterung vorgetragen. Auch eine mögliche Neuauflage des großen Duells mit Max Biaggi steht ins Haus: Wenn der römische Feldherr auf Aprilia die Superbike-WM gewinnt und falls sich Piaggio entschließt, mit einem Derivat der überlegenen RSV4 2012 an der MotoGP-WM teilzunehmen, würden sich dort zwei große italienische Champions wieder treffen - auf zwei verschiedenen italienischen Marken.

In der Motorrad-WM darf nicht nur, es muss sogar geträumt werden in Zeiten, in denen Jorge Lorenzo zum Opfer der eigenen Überlegenheit wird und alle nicht iberischen GP-Zuschauer zu gähnen anfangen. In Barcelona feierten die Fans einen spanischen Doppelsieg von Lorenzo vor Daniel Pedrosa, doch das Duell der beiden war schon in der ersten Kurve entschieden, als Pedrosas Honda solches Lenkerschlagen hatte, dass die Bremskolben in den Zangen zurück rutschten, er kurzzeitig keine Bremse hatte und einen weiten Bogen machen musste.

Bis zu Halbzeit des Rennens hielt statt Pedrosa dessen Repsol-Honda-Teamkollege Andrea Dovizioso mit Lorenzo mit und ging sogar für ein paar Runden in Führung. "Ich habe mir echt überlegt, ihn gewinnen zu lassen", verriet Lorenzo hinterher, weil er hinsichtlich seiner WM-Führung kein Sturzrisiko eingehen wollte.

Doch dann war es der Honda-Junior Dovizioso, der zu Boden ging: Damit war auch dieses MotoGP-Rennen entschieden. Jorge Lorenzo hatte erneut gewonnen. Schon zum fünften Mal in der Saison 2010. Und zum dritten Mal hintereinander.

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