MotoGP: Spanien Deutsche Moto2-Helden am Scheideweg

Die allererste Moto2-GP-Saison war von Extremen geprägt - und überschattet vom Todessturz Shoya Tomizawas Anfang September in Misano. Dennoch zeichnen sich allmählich die Konturen für die Saison 2011 ab. Und in der deutschen Abteilung ist die Unruhe besonders groß.

Foto: 2snap

Vor einem Jahr wurde das kleine schwäbische Technologieunternehmen Kalex noch als unerfahrener Außenseiter belächelt. Die erste Auftragswelle an neuen Moto2-Rennern schwappte an den Firmengründern Alex Baumgärtel und Klaus Hirsekorn vorbei, weil die Szene lieber auf bekannte Namen wie Suter, Moriwaki oder Harris setzte.

Inzwischen ist Kalex im Fahrerlager zum Inbegriff deutscher Handwerkskunst geworden. Die Piloten des spanischen Pons-Rennstalls geben schon mit der dritten Kalex-Evolutionsstufe Gas, und bislang sind bei der Weiterentwicklung keine Wünsche offen geblieben. Im Gegenteil: Jeder Fahrer, der bisher die Kalex testete, leckt sich die Finger nach dieser Maschine.

Neben Pons, der bei der Stange bleibt und gar über einen MotoGP-Einstieg 2012 mit Kalex nachdenkt, liegen Anfragen von fünf Teams vor. Mit dem deutschen Kiefer-Rennstall ist man so gut wie einig: Stefan Bradl und Randy Krummenacher, der über das neue GP Team Switzerland mit eigenen Sponsoren und mindestens einem eigenen Techniker bei Kiefer integriert wird, werden 2011 Kalex fahren.

Bei Tests in Hockenheim fand Bradl Gefallen an Bremsstabilität und größerem Platzkomfort der Kalex. Und obwohl der Bayer mittlerweile auch auf Suter regelmäßig in die Top Ten fährt, hofft Kiefer, mit dem Wechsel endgültig in die Weltspitze vorzudringen. Auch wegen der individuellen Betreuung. Während Suter dieses Jahr 13 Fahrer hatte und sehr zum Unmut der zahlenden Kundschaft laut darüber nachdachte, 2011 einen Rennstall wie ein Werksteam zu unterstützen, wird Kalex 2011 maximal sechs Fahrer ausrüsten und individuell betreuen. "Auf einer Suter wäre Sergio Gadea beim Mugello-GP wahrscheinlich nicht Zweiter geworden", argwöhnt Kiefer und zieht den Umkehrschluss, dass Stefan Bradl auf einer Kalex ebenfalls ganz weit vorn gelandet wäre.

Dass der sparsame Stefan Kiefer, vor einem Jahr noch glühender Suter-Verfechter, seine Skepsis ablegt und zu Kalex wechselt, hat auch triviale Gründe. "Die Teams haben mittlerweile gelernt, Angebote zu lesen. Und ich habe gelernt, sie zu schreiben", grinst Alex Baumgärtel. Während in den Suter-Preislisten von rund 75000 Euro für ein "Rolling Chassis" die Rede ist, standen bei Kalex 2009 pauschal 135000 Euro als Gesamtpreis unten auf dem Papier. Mittlerweile wissen die Teamchefs, dass sie Äpfel mit Birnen verglichen haben - und beide Pakete am Ende gleich teuer sind.

Nicht nur in Krisenzeiten dreht sich nun einmal alles ums Geld. Umso größer ist die Erleichterung bei MZ, wo Geschäftsführer Martin Wimmer bei Investor Peter Ertl eine Budgetzusage und damit grünes Licht für die Zukunft erhalten hat. Umtriebig, wie Wimmer ist, will er spätestens beim Saisonfinale in Valencia eine völlig neue MZ Moto2-Maschine einsetzen, welche die technische Basis für ein Zwei-Mann-Team in der  WM-Saison 2011 darstellen soll - falls MZ tatsächlich zwei Startplätze loseisen kann.

Einen Startplatz hat Wimmer, so erklärt er, schon fix. Trotzdem zögert Anthony West noch mit der Vertragsverlängerung, weil er nach den vielen Rückschlägen 2010 die Fortschritte bei der Technik und den Abläufen in der Box sehen und garantiert haben will. Wimmer reagierte mit einer kräftigen Gehaltszulage, setzte dem Australier aber gleichzeitig ein Ultimatum. "Wir würden gern mit Anthony weitermachen. Aber es gibt auch noch andere Fahrer", und denkt dabei an Leute wie Kenan Sofuoglu, Michi Ranseder und auch Max Neukirchner, der freilich auch BMW-Superbike-Testfahrer und IDM-Pilot werden könnte.

Arne Tode hat derweil ein Angebot als MZ-Testfahrer bis zum Saisonende. Tode wurde vor dem Aragon-GP von Team-Germany-Chef Dirk Heidolf gefeuert, was mit lauten öffentlichen Debatten einher ging. Heidolf warf Tode Mangel an Erfolg und Teamfähigkeit vor. Der Gescholtene konterte, er erinnere sich nicht, dass Heidolf selbst jemals ein Rennen aus den ersten zwei Startreihen in Angriff genommen habe.

Tode hatte auf dem Sachsenring Startplatz zwei erzielt: Ein Husarenstück, nach dem die RTG-Gesellschafter noch von der weiteren Zusammenarbeit auch 2011 geschwärmt hatten. Weil Rennerfolge ausblieben und sich Tode in Brünn auch noch mit einer langwierigen Muskelquetschung am Arm verletzte, gingen beiden Seiten die Perspektiven aus. Tode gelang es zwar, die Mitgift ans Team pünktlich zu bezahlen, doch seine Sponsorgeld-Reserven waren erschöpft. RTG sah das Tode-Engagement als Investition, die sich nicht rechnete. Weil selbst im rennsportbegeisterten Sachsen Geld nicht mehr wie Milch und Honig fließt, schätzt Dirk Heidolf nun auch in der Moto2-Klasse Erfolge und solide Finanzierung höher als die Staatsangehörigkeit des Fahrers. Wie in der 125er-Klasse, wo er mit dem Japaner Tomoyoshi Koyama als Starpilot und dem früheren Kiefer-Mann Jürgen Lingg als Techniker Top-Ergebnisse einfährt. "Irgendwann muss man Resultate präsentieren", erklärt er. "Natürlich ist es toll, wenn du einen schnellen Deutschen hast, aber nenn mir mal einen, der in Moto2 und aufwärts regelmäßig unter die ersten 15 fährt."

Vorläufig fährt der Japaner Kazuki Watanabe als zahlender Gast statt Tode. Gleichzeitig will Heidolf "die Zukunft des Racing Team Germany neu aufbauen". Dabei steht er mit dem Österreicher Michi Ranseder, mit Mattia Pasini und zwei weiteren Fahrern aus der internationalen Viertaktszene in Kontakt. RTG wird zumindest 2011 ohne deutschen Fahrer antreten.

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