MotoGP Indianapolis/USA MotoGP Indianapolis/USA

Die zweite Saisonhälfte der MotoGP-WM hat gerade begonnen, da feiern Fahrer wie der Texaner Ben Spies und der Deutsche Sandro Cortese nicht nur ihre bislang größten Erfolge. Sie orientieren sich bereits wie der überwiegende Teil des GP-Fahrerlagers auf die kommende Saison 2011.

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Als in Indianapolis endlich einmal alles zusammenpasste für Sandro Cortese, war es eigentlich ganz einfach. "Ich habe vor der ersten Kurve das Gas länger stehen lassen, bremste mich innen rein und war vorbei", schilderte der Italo-Schwabe kurz und bündig. Es war das Manöver, das ihm Rang zwei im 125er-Rennen und den ersehnten ersten Podestplatz 2010 einbrachte.

Pol Espargaro, der WM-Dritte, war geschlagen wie auch Tabellenführer Marc Marquéz, der nach Sturz noch Rang zehn retten konnte. Nur Nico Terol, den dritten schnellen Spanier im WM-Kampf, hatte Cortese nach schwachem Start nicht mehr erwischen können. 2011 will Sandro un-bedingt Moto2 fahren: "Ich bin reif für einen Wechsel."

Mit Cortese beginnt das halbe GP-Fahrerlager schon jetzt, sieben Rennen vor Saisonende, auf die Zukunft hinzuarbeiten. Allen voran Ben Spies. Nach dem Brünn-GP zwei Wochen zuvor wurde sein Nachrücken auf den Platz des scheidenden Valentino Rossi im Yamaha-MotoGP-Werksteam bestätigt, worauf er sich beim Heimspiel in "Indy" mit der Pole Position und Rang zwei im Rennen bedankte. "Wir haben zwar nicht die Welt in Brand gesetzt, doch immerhin habe ich meinen zweiten Podestplatz geholt. Während ich in Brünn ungefähr zehn Fuß lang geführt habe, waren es hier schon sechs Runden." Die Last der neuen Verantwortung war dem Texaner nicht anzumerken.

Dass er Valentino Rossi als Teamkollegen losgeworden ist, wird für Jorge Lorenzo also kaum eine Verschnaufpause bedeuten. Der dritte Platz in Indianapolis war nach sieben Siegen und drei zweiten Plätzen das schlechteste 2010er Resultat für den spanischen WM-Leader - und die erste schmerzhafte Niederlage gegen den kommenden Teamkollegen. "Mit den Punkten bin ich zufrieden, mit dem Ergebnis nicht", so Lorenzo. "Mein Motorrad war auf den Geraden zu langsam. An Andrea Dovizioso kam ich nur vorbei, weil er in der letzten Kurve aus Versehen ein Wheelie hatte."

Wie mit angezogener Handbremse fuhr auch Noch-Teamkollege Valentino Rossi. Im Training stürzte der Superstar dreimal und stand so nur auf Startplatz sieben. Besorgte Beobachter argwöhnten, der schwere Unfall in Mugello habe doch Risse in ihm hinterlassen, dort, wo das Selbstvertrauen und seine traumhafte Sicherheit verborgen sind. Doch Rossi wies solche Vermutungen zurück. "Wir sind auf dem richtigen Weg. Einige Runden lang war ich so schnell wie Spies und schneller als Lorenzo", erklärte er heiter. "Ich habe keine Schmerzen mehr. Was fehlt, ist die Fitness. Nach acht, neun Runden geht mir die Kraft aus." Für sein Heimspiel im Misano in der Woche nach Indy dämpfte er die Erwartungen. "Für unser Motorrad ist Misano besser. Für mich wird es aber noch anstrengender."

Das Spektakel um Rossi nimmt in Italien schon fast unheimliche Ausmaße an: Kaum zwei Wochen nach der Bekanntgabe des Zwei-Jahres-Vertrages zog Ducati das Werksteam aus der Superbike-WM zurück und lenkt die Hoffnungen der Ducatisti, die 23 Jahre lang 13 Fahrer- und 16 Marken-WM-Titel der mächtigen V2-Maschinen gefeiert hatten, exklusiv auf Rossi. Allerdings ist Rossis MotoGP-Engagement nicht der einzige, laut Ducati-Präsident Gabriele del Torchio (siehe Interview) sogar überhaupt kein Grund für den spektakulären Rückzug. Mit der 1098 R hat Ducati keine echte Chance mehr gegen die Vierzylinder-Konkurrenz. Und das künftige Modell "Extreme" mit Monocoque-Rahmen nach GP-Vorbild, allerdings aus Aluminium, kommt erst 2012. "Ducati zieht sich zurück, weil das Motorrad alt ist. Keine Sorge, 2012 kehren sie mit einer Bombe zurück", ist Superbike-WM-Favorit Max Biaggi sicher.

Die Erfolge des Römers auf der Aprilia RSV 4 zählen zu den Sargnägeln des Ducati-Werksteams. Dass Aprilia-Ingenieur Gigi dall’Igna ein Regel-Schlupfloch fand, um die Nockenwellen der RSV 4 statt per Ketten mit Zahnrad-Kaskaden anzutreiben, stieß den Wettbewerbern sauer auf. Schon länger fordern Ducati und andere Hersteller bei den Superbikes mehr Seriennähe und somit geringere Kosten.

Neben Aprilia der einzige Superbike-Hersteller, der ungebremst aufrüstet, ist BMW. Bis zum Misano-GP will sich Marco Melandri entscheiden, ob er das Angebot von Teamchef Davide Tardozzi annimmt und Kollege von Troy Corser wird. "Ich will eine Siegchance haben. In welcher Meisterschaft, ist mir egal", ließ sich Melandri zu diesem Thema entlocken. Freilich räumt er auch ein, dass er für 2012 den sofortigen MotoGP-Wiederaufstieg anstrebt. "Wenn ich jetzt aus der MotoGP-Klasse aussteige, würde es mir natürlich gefallen, mit einem konkurrenzfähigen Motorrad zurückzukehren. Die Idee existiert, auch wenn wir derzeit nur über 2011 verhandeln." Soll heißen: Wenn alles glatt läuft, steigt BMW 2012 doch in die MotoGP-Klasse ein, vielleicht Seite an Seite mit Aprilia - für die unter Teilnehmerschwund leidende MotoGP-Serie ein Traum, für Flammini und die Superbike-WM jedoch der Alptraum.

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