MotoGP: MotoGP-Zeugnisse Kevin Schwantz verteilt MotoGP-Zeugnisse

Kevin Schwantz zog vor dem Rennen in Indianapolis Zwischenbilanz und stellte den MotoGP- Piloten für MOTORRAD Zeugnisse zwischen eins (mangelhaft) und zehn (überragend) aus. Nur bei Jorge Lorenzo konnte sich die Rennlegende nicht zwischen der Note 9.34 und der 9.99 entscheiden ...

Loris Capirossi: Note 3
Capirossi könnte sich etwas mehr ins Zeug legen, vor allem, wenn jemand auf ihn aufläuft oder ihn überholt. Anstatt einfach nur zu fahren, müsste er mehr hinzulernen, mehr Tricks und Kniffe finden, um noch mehr aus seinem Motorrad herauszuquetschen. Für einen Piloten mit seiner Erfahrung finde ich seine Einstellung zweifelhaft. Er ist viel besser als das, was er zeigt. In Barcelona qualifizierte er sich als Siebter und wurde auch Siebter im Rennen, das mit Abstand beste Resultat des Jahres, vom fünften Trainingsrang in Qatar vielleicht abgesehen. In Assen wirkte er an allen Trainingstagen müde. Das Beste war noch das Warm-Up, weil er sich wohl gedacht hat: "Bisher habe ich nichts gezeigt, jetzt muss ich es mal versuchen." Um ein Motorrad konkurrenzfähiger zu machen, darfst du nicht nur 80 Prozent geben. Denn wenn du nicht versuchst, wirklich schnell zu fahren, um herauszufinden, was am Motorrad schlecht funktioniert und was man ändern muss, wird es nie besser.

Colin Edwards: Note 3,5
Ein ähnlicher Fall wie Capirossi. Meiner Ansicht nach gibt er nicht alles. Wenn du auf diesem Niveau kein gutes Gefühl für dein Motorrad hast, gibt es keine andere Möglichkeit, als sich draufzusetzen, alle Register zu ziehen und zu versuchen, es zu verbessern. Teamkollege Spies führt ihm quasi jedes Rennwochenende vor, wie das geht. Colin dagegen legt sich nicht so ins Zeug, wie wir es in früheren Jahren von ihm erlebt haben. Wir wissen, dass er ein guter Fahrer ist, doch in diesem Punkt muss er sich für den Rest der Saison am Riemen reißen.

Mika Kallio: Note 4
Kallio fährt sein zweites Jahr in dieser Klasse, und doch liegt er in der WM-Wertung hinter Espargaró und anderen MotoGP-Neulingen. Dem Vernehmen nach hat er private Probleme. Eine der Grundweisheiten in diesem Sport ist jedoch, dass du zu hundert Prozent konzentriert sein musst, auf der Rennstrecke wie bei der Analyse in der Box. Wenn du dich ablenken lässt, wenn Dinge zuhause passieren, die dir den Kopf verdrehen, dann leiden die Resultate. Was auch immer es ist, was seine Rennfahrerei beeinflusst: Er muss versuchen, es beiseite zu schieben.

Alvaro Bautista: Note 4
Zu Saisonbeginn war das Team vom Erfolg mit seinem jungen, talentierten neuen Fahrer überzeugt, bekam aber unerwartete Probleme, mit der Technik ebenso wie mit den Reifen. Vor allem aber brach sich Bautista beim Moto Cross-Fahren ein Schlüsselbein. Deshalb gebe ich ihm trotz seines fünften Platzes in Barcelona keine gute Note. Mitten in der Saison Moto Cross zu fahren, ist nicht sonderlich intelligent. Natürlich wollen wir Fahrer trainieren, unsere Aggressivität und unsere Fitness beibehalten, doch wir müssen uns auch über das Bild nach außen im klaren sein, bei dem Moto Cross als Freizeitvergnügen gilt.

Hector Barbera: Note 4,5
Héctor macht seine Sache gut dafür, dass er zum ersten Mal eine MotoGP-Maschine fährt. Mir gefallen auch Jorge Martínez und sein Team, sie bereiten das Motorrad sehr gut vor. Jetzt muss Barberá seinen Weg aber weiter gehen und damit aufhören, immer einem der anderen Jungs zu folgen. Er schaut sich ständig um, an wen er sich anhängen kann. Es gibt viel zu lernen, wenn du in der MotoGP-Klasse ankommst und plötzlich überall ganz neue Linien fahren musst, und natürlich ist es verlockend, die richtige Fahrweise durch Hinterherfahren abzuschauen. Doch auf diese Weise baust du nie genügend Temperatur in den Reifen auf, weil du immer etwas weniger tust als der Fahrer vor dir. Wenn du die Strecke nicht in- und auswendig kennst, können außerdem leicht Fehler und Stürze passieren. Doch insgesamt zeigt Barberá Konstanz und einen leichten Aufwärtstrend.

Hiroshi Aoyama: Note 5
Hiroshi kennt alle Strecken aus der 250er-Klasse, doch in der MotoGP-Kategorie anzutreten, ist eine ganz andere Geschichte. Du musst die Elektronik verstehen lernen, die Reifen, und wenn ein Motorrad kompliziert abzustimmen ist wie die Honda, ist der Einstieg für einen Neuling doppelt schwer. Trotzdem hat Aoyama gelernt, war konstant, hat versucht, bei jedem Rennen Punkte zu erkämpfen und Erfahrung zu sammeln. Genau das, was du als Neuling tun musst. Bis sein Brustwirbelbruch in Silverstone dazwischenkam.

Marco Melandri: Note 5
Marco hat einige anständige Resultate abgeliefert, war aber nicht sehr konstant. In Silverstone hat er im Rennen einen Fehler gemacht und dabei fast Spies zu Boden gerissen. Unnötig auch der Sturz in Assen, bei dem er sich die Schulter demolierte. Das war ein regelrechter Anfängerfehler. So geglänzt wie zu seinen früheren Zeiten auf Gresini-Honda hat Marco in seinem Team bislang jedenfalls nicht, was zum Teil sicher auch mit der schwierigen Umstellung von Showa- auf Öhlins-Federelemente zu tun hat.

Marco Simoncelli: Note 6
Zu Saisonbeginn sah Simoncelli etwas verloren aus auf seiner MotoGP-Maschine. Doch in einigen der letzten Rennen war er wirklich stark, vor allem am Sachsenring, wo er mit Dovizioso und Hayden kämpfte und einen sauberen sechsten Platz ablieferte. Weil er mittlerweile regelmäßig unter die ersten zehn fahren kann, scheut er sich nicht mehr vor großen Namen und greift noch weiter vorn an. Dass er für sein Risiko dabei auch mit Stürzen bezahlt, ist für einen MotoGP-Neuling normal.

Aleix Espargaro: Note 6,5
Aleix fährt eines der schwierigsten Motorräder dieser Klasse, setzt sich aber trotzdem stark in Szene, auch gegen seinen erfahreneren Teamkollegen Mika Kallio. Wenn man bedenkt, wie wenig er als MotoGP-Neuling über das Rennfahren auf diesem Niveau weiß, macht er seine Sache gut.

Nicky Hayden: Note 7,5
Nicky zeigt beachtliche Konstanz, auch wenn er bislang nicht mit herausragenden Einzelresultaten glänzte. Immerhin war er dreimal hintereinander Vierter, rutschte dann in Italien aus und meldete sich in England sofort wieder mit einem vierten Platz zurück. Und dort, wo es im Training nicht so gut lief, wie am Sachsenring, kämpfte er sich im Rennen ins vordere Mittelfeld. Nicky ist ein harter Arbeiter, der viele Runden dreht und seinem Team regelmäßig Resultate präsentiert. Er fühlt sich wohl auf dem Motorrad und hat mittlerweile das nötige Zutrauen zu sich selbst und der Maschine. Doch er müsste noch mehr tun, um seinem Teamkollegen näher zu kommen.

Casey Stoner: Note 7,5
Casey legte mit seinen Rennstürzen in Qatar und Frankreich einen klassischen Fehlstart hin, schaffte zuletzt aber eine Serie von fünf Podestplätzen hintereinander. Er ist schnell, hat neues Selbstvertrauen getankt und ist wieder fit. Derzeit gibt es viele Spekulationen darüber, ob Stoner vor seinem Wechsel zu Honda überhaupt noch Interesse an der diesjährigen Meisterschaft aufbringt. Doch ich kenne Casey und seinen Siegeswillen. Er tritt überall an, um zu gewinnen. Womöglich will er sich auch jetzt schon als Honda-Teamspieler beweisen und Dani im Kampf gegen Jorge unterstützen, falls sich die Gelegenheit dazu ergibt.

Andrea Dovizioso: Note 8
Vom Grand Prix auf dem Sachsenring abgesehen, ist Dovizioso in den Rennen stets stärker als im Training. Im Vergleich zu dem Fahrer, den wir aus der 250er-Klasse kennen, ist er sehr gereift. Weil er die Umstellung von Showa- auf Öhlins-Federelemente früher in Angriff genommen hat, konnte er dem langen Schatten Pedrosas ein paarmal davonfahren und hat das Zeug, noch dieses Jahr einen Grand Prix zu gewinnen. Er ist sehr konstant und versucht statt spektakulärer Einzelerfolge die Meisterschaft und die kontinuierliche Weiterentwicklung des Motorrads und seiner selbst im Auge zu behalten.

Dani Pedrosa: Note 8
Zu Saisonbeginn hat mir Dani noch gar nicht gefallen. Doch dann fasste er Tritt und lieferte konstant starke Resultate ab, von seinem zweiten Platz in Jerez bis zum Sieg am Sachsenring, wo er eigentlich kein Motorrad zum Gewinnen hatte, nach der roten Flagge aber seine Chance sah und beim Schopf packte. Welche Risiken er im Kampf um den Sieg eingeht, zeigte sich bei seinem Sturz in Laguna Seca. Mit diesem Ausfall schwammen ihm zwar die letzten Felle bei der Titeljagd davon, doch immerhin holte er beim nächsten Lauf in Brünn sofort wieder Rang zwei. Dani stellt sich dem Kampf und dem Druck von Lorenzo, ohne einzuknicken und bringt als derzeit stärkster Herausforderer Farbe in die Meisterschaft. Ich bin überzeugt davon, dass ihn die bevorstehende Ankunft von Casey Stoner bei Honda anstachelt und dass er der Entwicklung der RC 212 V jetzt seinen Stempel aufdrücken und signalisieren will, dass in die richtige Richtung gearbeitet wird.

Randy De Puniet: Note 8
Randy hatte in Deutschland doppeltes Pech. Erst der von Lorenzos Motorrad ausgelöste Öl-Unfall im Training, der ihn für den Rest des Wochenendes schwächte. Als Folge dann ein kleiner Fehler im Rennen und ein Sturz, bei dem Kallio nicht mehr ausweichen konnte und über seine Beine fuhr. Respekt, dass er nur zwei Rennen nach diesem Schienbeinbruch wieder antreten und in Brünn den zehnten Platz holen konnte. Seinem Selbstvertrauen hat der Unfall nicht geschadet, und ich bin überzeugt, dass er bald wieder in den Top five mitkämpfen wird, wie er es zuvor getan hat. Randy ist schneller, trotzdem aber konstanter als in der Vergangenheit. Er und sein Team, das bei Auswahl und Abstimmung der Öhlins-Federelemente ganz eigene Wege geht, leisten tolle Arbeit.

Ben Spies: Note 8,5
Auch bei Ben Spies bin ich sehr überrascht von seiner Konstanz. Sicher, auch er hatte ein paar Stürze, vor allem zu Saisonbeginn. Und am Sachsenring hatte er Pech, weil er ebenso wie De Puniet im Training auf dem Öl von Lorenzos Motorrad ausrutschte. Doch Ben steckt nie zurück, auch nicht nach einem Sturz. Er gibt immer hundert Prozent und weiß nach den Rennen genau, woran es noch fehlt und in welcher Hinsicht er sich noch verbessern kann. Zum Beispiel strengte er sich gewaltig an, seine Trainingsleistungen zu verbessern und ist mittlerweile in der Lage, wie in Brünn in die erste Reihe zu fahren. Und in Silverstone holte er immerhin schon seinen ersten Podestplatz, auch wenn dort nicht alle Topfahrer ins Ziel kamen. Ich würde mich nicht wundern, wenn er von jetzt bis zum Saisonende regelmäßig unter den ersten fünf anzutreffen wäre.

Valentino Rossi: Note 8,5
Valentino ist stark in die Saison gestartet und fühlte sich zu 100 Prozent wohl auf seinem Motorrad. Doch dann machte er den gleichen Fehler wie Bautista und ging Moto Cross fahren - und wie Bautista verletzte er sich. Rossi brach sich zwar keinen Knochen, holte sich aber eine langwierige Kapselverletzung an der Schulter. Trotzdem kämpfte er sich in Spanien und Frankreich aufs Podest. Dann in Mugello, mit der zusätzlichen Last des Heimspiels auf den Schultern, wollte er seine Sache besonders gut machen und stürzte schwer. Dass er nach seinem offenen Schienbeinbruch nur vier Rennen Pause brauchte und dass er beim Comeback am Sachsenring gleich mit einem tollen Duell gegen Stoner aufwartete und einen Podestplatz holte, beweist, aus welchem Holz er geschnitzt ist. Wie versessen er aufs Rennfahren ist, zeigt auch seine Entscheidung, zu Ducati zu wechseln und so spät in seiner Karriere nochmals eine so gewaltige, wenngleich faszinie-rende Herausforderung anzunehmen.

Jorge Lorenzo: Note 9,34
Jorge hat in zehn Rennen keinen Fehler gemacht, holte sieben Siege und drei zweite Plätze. Besser geht es nicht, und eigentlich hätte er eine 10 verdient. Ich gebe ihm trotzdem etwas weniger, eine ... 9,34 - weil er sich am Sachsenring anders hätte verhalten müssen, als im Training sein Motor zu brennen anfing. Statt geradeaus weiterzufahren, hätte er sich an den Rand begeben und die Öllache verhindern müssen, auf der Spies und De Puniet ausgerutscht sind. Doch als Fahrer ist Lorenzo unantastbar, sorgt überall für eine tolle Show und schaffte es, auch bei den Rennen ohne Rossi für Begeisterung zu sorgen. Sein Image ist mittlerweile ebenso makellos wie seine Resultate. Vielleicht gebe ich ihm doch lieber eine ... 9,99.

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