MotoGP: Mugello/Italien Valentino Rossi stürzt

Beim Italien-Grand Prix zeigte sich, dass auch Außerirdische verwundbar sind: Valentino Rossi stürzte wegen einer kalten Reifenflanke, erlitt einen Schienbeinbruch - und versetzte Mugello in einen Schockzustand.

Foto: 2snap
Valentino Rossi zurrte den neuen Helm fest, auf den Designer Aldo Drudi einen Joker gemalt hatte. Fest entschlossen, die Schmach von zwei Niederlagen hintereinander zu tilgen, fuhr er am Samstagmorgen zum zweiten freien Training aus der Boxengasse. Schon tags zuvor hatte er die erste Bestzeit vorgelegt. Der Weltmeister war zu allem entschlossen beim Kampf um die Herrschaft auf seiner Paradestrecke, auf der er bereits neunmal gewonnen hatte. Doch um 10.36 Uhr ging seine Offensive abrupt zu Ende.

Rossi hatte nach einem Boxenstopp anderthalb Runden zurückgelegt. Eine Distanz, welche die Bridgestone-Reifen mindestens brauchen, um richtig Grip aufzubauen. Doch anstatt voll durchzuziehen, ging der Champion vom Gas, weil er den im Windschatten fahrenden Hector Barberá loswerden wollte. Als er wieder Tempo aufnahm, keilte eingangs der schnellen Schikane hinter der Zielgerade plötzlich das Hinterrad aus, der Weltmeister wurde bei Tempo 171 von seiner Yamaha M1 katapultiert. "Vor dieser Stelle gibt es einige lang-gezogene Rechtskurven, aber nur eine Linkskurve. Der Fahrtwind und die geringere Last lassen die Reifenflanke schnell auskühlen", erklärte Bridgestone-Reifentechniker Peter Baumgärtner. Ex-GP-Star Loris Reggiani vermutete zuerst, der Unfall sei bei geschlossenem Gasgriff passiert, wegen der auf warme Reifen abgestimmten Motorbremse. Doch Data Recording-Mann Matteo Flamigni stellte später fest, dass Rossi das Gas bereits offen hatte. Bei niedrigen Drehzahlen, dafür aber ziemlich weit - ein Fahrfehler, für den der Superstar schwer bezahlen sollte.

Denn anders als bei seinen früheren Stürzen, bei denen er keine schwereren Verletzungen davongetragen hatte (siehe Kasten rechts), blieb Rossi mit schmerzverzerrtem Gesicht im Kiesbett liegen. 15 Minuten später stellten die Rennärzte Claudio Costa und Claudio Macchiagodena einen offenen Bruch von Schien- und Wadenbein fest. Um zwölf Uhr hob der Rettungshelikopter ab, noch am Nachmittag wurde Rossi in einer orthopädischen Spezialklinik in Florenz operiert und der Bruch mit einem Titannagel und vier Schrauben fixiert. Weil die Ärzte Komplikationen wie bei Mick Doohan 1992 und Alberto Puig 1995 befürchteten, die wegen Infektionen in den Beinen nur knapp an Amputationen vorbeischrammten, wurde die Wunde weiter regelmäßig gereinigt und erst am Montag vernäht.

Obwohl die zweieinhalbstündige Operation gut verlief, stand Mugello unter Schock. Manche Zuschauer reisten niedergeschlagen ab, andere begannen Banner zu malen, mit denen sie am Renntag die Solidarität mit ihrem Idol zum Ausdruck brachten. "Die Weltmeisterschaft ohne Rossi ist wie das Meer ohne Wasser", stand da zum Beispiel geschrieben. So fühlten auch die GP-Vermarkter und die Fernsehanstalten. Wenn das Unternehmen MotoGP an der Börse notiert wäre, wäre sein Kurs an diesem Tag mit Valentino Rossi ins Bodenlose gestürzt.

Es vermochte auch niemand vorauszusagen, ob und wann Rossi zurückkehren würde. Erinnerungen an Wayne Rainey, Kevin Schwantz oder Mick Doohan kamen auf, die wegen Verletzungen vorzeitig ihre Laufbahn beenden mussten.

Vor allem die Parallele zu Doohan, der 1999 unbedingt in Jerez gegen Alex Crivillé gewinnen wollte, das Risiko im Training aber mit einem Beinbruch bezahlte und nie wieder antrat, drängte sich auf. "Alle Vergleiche mit Doohan sind falsch", wies Rossis Cheftechniker Jeremy Burgess zurück. "Mich erinnert Valentinos Unfall am ehesten an den Beinbruch von Michael Schumacher in Silverstone. Zwei Monate später fuhr er wieder und holte danach noch zwei Titel."

Wie lange es bis zum Comeback von Valentino Rossi dauert, wagt derzeit nicht einmal der notorisch optimistische Dr. Costa vorauszusagen. "Als ich mir vor zwei Jahren in Assen den Oberschenkel brach, fuhr ich nach sechs Wochen wieder. Doch um richtig fit zu werden, brauchte ich sechs Monate", nannte Toni Elias als Anhaltspunkt. Andererseits merkte Burgess an, Motorradrennfahren sei eine sitzende Tätigkeit, bei der es mehr auf die Arme und den Oberkörper ankomme. Sechs Wochen bis zur Belastung des Beins an Krücken, zweieinhalb Monate bis zur Rückkehr aufs Rennmotorrad, wurde von den Ärzten deshalb als möglicher Verlauf der Rekonvaleszenz angedeutet.

Das wäre rechtzeitig zum Misano-GP Anfang September, der vor der Haustür Valentino Rossis stattfindet. Dort wieder um den Sieg zu kämpfen, die in Mugello verpasste Rossi-Show nachzuholen und Jorge Lorenzo bei der Jagd nach dem WM-Titel zu helfen, ist nun sein Ziel.

Die Moral dazu hat Rossi, der im Krankenhaus bereits wieder seinen gewohnten Schalk aufflackern ließ. "Nur die Ruhe, ich gehe rein, hole mir meinen Nagel ab und komme wieder heraus", tröstete er seinen verstörten Freund Uccio vor der OP. "Ich habe meine gute Beziehung zu Morphium entdeckt", schwärmte er später. Und schließlich bat er sich einen Fernseher aus, "um die Rennen wenigstens anschauen zu können."

So erlebte er die Woge von Zuneigung, die ihm entgegen schwappte, mit Bannern rund um die Strecke, mit auf Zetteln gekritzelten und in die Kameras gehaltenen Genesungswünschen der Kollegen und mit einem Jorge Lorenzo, der sich als Zweitplatzierter auf dem Podium ein Valentino Rossi-T-Shirt überstreifte. "Ich hätte gern gewonnen und Valentino den Sieg gewidmet. Eine solche Geste ist das Mindeste, was man in dieser Situation tun kann", erklärte der Spanier freundschaftlich.

Mit seinem klug kalkulierten zweiten Platz - angriffslustig gegen den drittplatzierten Andrea Dovizioso, aber ohne übertriebenes Risiko gegen den überlegenen Dani Pedrosa - bestätigte der 23-jährige seine Favoritenrolle im Titelkampf, schränkte jedoch sogleich ein: "Ein Titel ohne Valentino Rossi hat nicht den gleichen Wert. Ich würde viel lieber gegen als ohne ihn um die Weltmeisterschaft kämpfen."

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