MotoGP: Sachsenring/D Die MotoGP zu Gast auf dem Sachsenring

Valentino Rossi bewies bei seinem sensationellen MotoGP-Comeback auf dem Sachsenring, dass man nicht gewinnen muss, um für Begeisterung zu sorgen. Ebenso wie die deutschen Helden Arne Tode im Moto2-Rennen und Sandro Cortese bei den 125ern.

Foto: 2Snap

Die Zuschauer feierten, als hätte er gerade das entscheidende Tor im Fußball-WM-Finale geschossen. Die Streckenposten drückten ihm Fahnen in die Hand, einmal die seines Heimatstädtchens Glauchau, keine 20 Kilometer vom Sachsenring entfernt, das andere Mal die sächsische Landesflagge. Es war eine triumphale Ehrenrunde, die Arne Tode beim deutschen Grand Prix absolvierte: ein Bad in der Menge, wie es ein Sieger verdiente.

Dabei hatte der Fahrer aus dem Racing Team Germany das Moto2-Rennen gar nicht gewonnen. Aber er hatte für Spannung gesorgt und dem fachkundigen Publikum vollen Einsatz gezeigt. Einmal im Qualifikationstraining, als er sich mit einer einzigen, außergewöhnlich schnellen Runde in die Herzen der Fans und seiner Teamchefs fuhr. Bernd Keller, einer von drei Besitzern des Racing Team Germany, hatte ihm im Vorfeld des GP in einem Interview vorgeworfen, er habe vor Saisonbeginn den Mund zu voll genommen und hinke den versprochenen Leistungen hinterher, obwohl er ein Siegermotorrad, eine Suter MMX, fahre. Besserung sei angesagt. Jetzt aber hatte Tode hinter Andrea Iannone den zweiten Platz in der Startaufstellung erobert und lag sich mit Teammanager Dirk Heidolf in den Armen. Die Welt war wieder in Ordnung.

Und sie blieb es auch, als sich Arne tags darauf mit deutlich über 100 Prozent ins Zeug legte. "Ich habe am Ende der Zielgerade attackiert, habe eine sehr enge Linie gewählt, die man sonst nicht fährt, und dann ist auf einer Bodenwelle das Vorderrad eingeklappt", schilderte er seinen frühen Sturz. Die Verkleidung war demoliert, der Sitzbankhöcker abgebrochen, das Schaltgestänge mit Kieselsteinen verhakt.

Trotzdem gab Tode nicht auf. Während sich WM-Leader Toni Elias mit einer wilden Fahrt zur Spitze durchboxte und nach seinem Sieg vom besten Rennen seiner Karriere sprach, fuhr Tode den Heim-GP einsam als Letzter zu Ende. "Ein schneller Fahrer, der manchmal stürzt, ist nicht so schlimm wie einer, der immer sicher ankommt, dafür aber langsam ist", philosophierte Konstrukteur Eskil Suter. "Wer nicht wagt, der nicht gewinnt", fügte Dirk Heidolf hinzu und beteuerte: "Wir sind ihm nicht böse. Wir wollen auch in Zukunft mit Arne zusammen arbeiten."

Auch im Rennen der MotoGP-Königsklasse war der gefeierte Mann nicht der Sieger, sondern Valentino Rossi, der im Kampf um Platz drei in der Zielkurve knapp den Kürzeren gezogen hatte. Eine Ecke vorher hatte der neunfache Weltmeister seinen Widersacher Casey Stoner noch erfolgreich abgeblockt, wähnte sich in Sicherheit. Doch just, als Rossi die Tür zuschlagen wollte, war Stoner bereits zur Stelle, es kam zu einem kurzen Körperkontakt und der Australier huschte vorbei. "Ich bin eine große Motivation für die anderen Fahrer. Erst fuhr Stoner Rundenzeiten um 1.22,6, und als ich von hinten ankam, war er schlagartig um eine halbe Sekunde schneller", stichelte Rossi. "Natürlich wäre es schöner gewesen, aufs Podest zu kommen, doch ich habe auch so in diesem Rennen mehr erreicht, als ich mir in meinen kühnsten Träumen ausgemalt habe."

Denn die eigentliche Sensation an Rossis Rennen war, dass er sich überhaupt in den Sitz seiner Yamaha M1 schwang. Nach seinem offenen Schienbeinbruch beim Italien-GP in Mugello Anfang Juni hatte Rossi zwei Wochen lang mit hochgelegtem Bein das Bett hüten müssen, wobei auch die Anfang Mai bei einem Moto-Cross-Sturz demolierte rechte Schulter - Bänderdehnung und Kapselschaden - wieder unbeweglich wurde und zu schmerzen anfing.

Gleichzeitig begann er aber schon mit flammendem Ehrgeiz auf ein möglichst frühes Comeback hinzuarbeiten. Zwei Wochen lang begab er sich jeweils zwei Stunden täglich in eine Druckkammer, in der der Sauerstoffgehalt im Blut um bis zu 30 Prozent gesteigert wird, was die Wundheilung beschleunigt und der bei offenen Unterschenkelfrakturen besonders großen Infektionsgefahr vorbeugt. "Alle meine Freunde wollten diese Sauerstofftherapie mitmachen, weil sie überzeugt waren, dass man dadurch schlauer wird. Doch als sie feststellten, wie mühselig es ist, jeweils dreimal eine halbe Stunde durch eine Maske reinen Sauerstoff einzuatmen, war ich schnell wieder allein", grinste Rossi.

Dann begann er ein intensives Training im Schwimmbad, um Kraft und Beweglichkeit in Bein und Schulter zurückzugewinnen. Und als es ihm gelang, aufzutreten und die ersten kleinen Schritte ohne Hilfe von Krücken zu absolvieren, gab es kein Halten mehr. Viereinhalb Wochen nach seinem Unfall trat er bereits zu den ersten Funktionstests mit einem Yamaha R1-Superbike in Misano an, wenige Tage darauf fuhr er in Brünn schon so schnell, dass es beim Superbike-WM-Lauf zur ersten Startreihe gereicht hätte (siehe Seite 122). Am Donnerstag vor dem Sachsenring-GP gab ihm Rennarzt Jörg-Uwe Fischer grünes Licht fürs Comeback und bestätigte die rasante Heilung. "Rossi ist mental wie körperlich nahezu bei 100 Prozent, das Schienbein ist so stabil, dass das Risiko einer erneuten Verletzung an dieser Stelle sehr gering ist", bestätigte Fischer und nutzte die Gelegenheit zu einem Erinnerungsfoto.

Und tatsächlich: Der mit einem 200 Gramm schweren Titannagel fixierte Knochen hielt. Valentino Rossi qualifizierte sich mit einer zusätzlichen, schützenden Karbonmanschette am Bein als Sechster, startete im Rennen verhalten, und vielleicht war das große Pech von Randy de Puniet ein Teil von Rossis späterem Glück. Das Hinterrad der LCR-Honda keilte in der zehnten Runde aus, de Puniet wurde abgeworfen und landete unmittelbar vor Mika Kallio, der mit seiner Pramac-Ducati über de Puniet hinwegschanzte und dem unglückseligen Franzosen die gleiche Verletzung zufügte, die Rossi in Mugello erlitten hatte: Einen Schien- und Wadenbeinbruch.

Weil de Puniets Honda Öl verlor und in Flammen aufging, wurde das Rennen abgebrochen. Neben de Puniet mussten auch Kallio und der ebenfalls in den Unfall verwickelte Suzuki-Fahrer Alvaro Bautista auf den Neustart verzichten, weil sie nicht regelkonform binnen fünf Minuten an die Box zurückgekehrt waren.

Für den an fünfter Stelle fahrenden Valentino Rossi war die Unterbrechung eine willkommene Erholungspause. Als es rund 20 Minuten später für den Rest von zwölf Fahrern wieder an den Start ging, war von der anfänglichen Vorsicht nichts mehr zu spüren: Anfänglich Sechster, kämpfte sich der Superstar schnell nach vorn und begann in der sechsten Runde, am Zwei-Sekunden-Rückstand von Casey Stoner zu feilen. Während das Duell von Dani Pedrosa und Jorge Lorenzo um den Sieg frühzeitig für Pedrosa entschieden war, entwickelte sich das Duell zwischen Stoner und Rossi zum Knüller mit ständigen gegenseitigen Überholmanövern.

Und es soll noch besser kommen - denn ganz hat Rossi den Gedanken an den Titel trotz seines gewaltigen Rückstands von 111 Punkten immer noch nicht aufgegeben. Zumindest will er seinem Rivalen Lorenzo so lange die Siege streitig machen, so lange er noch rechnerische Chancen hat. "Spanien erlebt derzeit magische Momente. Sie wurden Fußballweltmeister, und hier am Sachsenring haben wieder drei Spanier gewonnen", überlegte Rossi. "Früher war es zwischen Italien und Spanien in beiden Sportarten ausgeglichener, vielleicht war Italien sogar ein bisschen stärker. Jetzt ist es umgekehrt. Wir müssen also dringend etwas unternehmen."

Ebenfalls mit großer Unternehmungslust nahmen die beiden deutschen Junio-ren Jonas Folger und Marcel Schrötter das 125er-Rennen in Angriff. Am Sonntagvormittag im Warm-Up hatte es geregnet, die Strecke war zum Rennstart um elf Uhr immer noch ein Flickenteppich feuchter Stellen. Doch weil sich der Himmel aufzuhellen begann, waren Slicks ohne jeden Zweifel die richtige Wahl fürs Rennen.

"Nimm Regenreifen", raunte Honda-Mann Adi Stadler seinem bayerischen Schützling Marcel Schrötter zu, der als 15. in der vierten Startreihe stand und bei Waffengleichheit mit den Schnellsten wohl kaum einen Treffer gelandet hätte. Mit dem Regenreifen-Trick sorgten Folger und Schrötter für die große Show zu Beginn des Rennens. Sechs Runden lang führte Jonas Folger das Feld überlegen an, fünf Runden lang war Schrötter unangefochten Zweiter.

Und auch als der nunmehr im vierten Rennen hintereinander ungeschlagene Spanier Marc Márquez auf der Ajo-Derbi die alten Kräfteverhältnisse wieder herstellte, blieb es spannend. Denn diesmal biss sich WM-Rivale Pol Espargaro mit Todesverachtung an seinem Gegner fest und schaffte es sogar für etliche Runden, die Führung an sich zu reißen. Bis drei Runden vor Schluss auf dem noch feuchten Kunstrasen am Streckenrand das Hinterrad seiner Derbi auskeilte, er direkt vor Márquez Nase zu Boden ging und nur der glückliche Zufall eine folgenschwere Kollision verhinderte.

Ähnlich kompromisslos legte sich im Finale auch Márquez Teamkollege Sandro Cortese ins Zeug. Nach Espargaros Missgeschick kurz Zweiter, musste er sich zwar dem Japaner Tomoyoshi Koyama geschlagen geben, der seinem Racing Team Germany mit Platz zwei das mit Abstand beste Ergebnis der Teamgeschichte lieferte.

Doch als sich in der letzten Runde auch noch der Spanier Esteve Rabat vor Cortese drängte und den sicher geglaubten Podestplatz wegzuschnappen drohte, schlug der Italo-Schwabe gekonnt zurück, quetschte sich in der Zielkurve mit Vehemenz innen an Rabat vorbei und war wieder vorn. Endlich der erste Podestplatz 2010. Endlich entschlossener, kompromissloser Einsatz, nachdem Cortese bei Überholmanövern oft auch schon zu lang gezögert hatte. Und endlich auch das nötige Quäntchen Glück. "Ich habe einfach reingehalten. Bei diesem Überholmanöver gab ich weit über 100 Prozent und hätte auch in Kauf genommen, wenn es schief gegangen wäre", schilderte Cortese. "In den ersten Runden war ich noch zu langsam, hatte nicht das richtige Gefühl für die Reifen, doch dann haben mich die Zuschauer nach vorn geschrien. Und ich habe gemerkt, dass ich das Tempo der Spitze mitgehen kann. Jetzt war ich endlich wieder auf dem Podium, neben meinem Teamkollegen Marc Márquez - ein Hammergefühl."

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