MotoGP 2010 Sepang / Malaysia Jorge Lorenzo ist neuer Weltmeister

Jorge Lorenzo wurde beim Malaysia-Grand Prix zum ersten Mal MotoGP-Weltmeister. Aber sein scheidender Yamaha-Kollege, der entthronte Vorgänger und neunfache Titelträger Valentino Rossi, gewann das Rennen und grub so vor dem neuen Champ schon mal das Kriegsbeil fürs kommende Jahr aus.

Foto: 2snap

Jorge hat diesen WM-Titel verdient. Er war unter allen Bedingungen schnell, auf jeder Strecke, hat sieben Rennen gewonnen und keine Fehler gemacht", sagte Valentino Rossi, trotz seines Sieges im Grand Prix Malaysia entthronter MotoGP-Weltmeister - und Gentleman.

In Wirklichkeit klafft ein Graben zwischen beiden Superstars und Noch-Yamaha-Teamkollegen, den auch die Erfolge beim Malaysia-GP nicht überbrücken konnten. Auf der einen Seite steht Jorge Lorenzo, der seine Gegner im Rennen widerstandslos hatte ziehen lassen. "Rossi und Dovizioso haben mich überholt. Ich bin hinterhergefahren, zu einem Angriff hatte ich keine Lust - ich wollte nur die WM gewinnen."

Der 23-jährige Mallorquiner hatte seinen ersten Titel in der Königsklasse, den dritten seiner siebenjährigen GP-Karriere, jenes höchste Ziel erreicht, für das er lange Jahre gearbeitet hat, und ließ sich im Ziel auf Händen tragen. Ein riesiges Siegesbanner von Yamaha wurde enthüllt, und später gab es in Kuala Lumpur in einer Nobel-Disco eine große Feier.

Valentino Rossi steht auf der anderen Seite des Grabens. Schon nach dem Rennen, in dem er mit einer unerhörten Aufholjagd für Spannung gesorgt, das Feld vom elften Platz aufgerollt und einen sensationellen Sieg erkämpft hatte, machte er seine eigene Feier. Während eine Hälfte des Yamaha-Teams Jorge Lorenzo hochleben ließ, hielt er selbst ein Schild in die Höhe, auf das die große Ziffer "46" gemalt war. "Was ist denn das?", entfuhr es Lin Jarvis. Nicht einmal dem Teamdirektor selbst war bewusst, dass Rossi seinen 46. Sieg für Yamaha erkämpft hatte.

Auch abends mit seiner Mechaniker-Crew feierte Rossi am Hotel-Pool auf eigene Faust weiter. Jorge Lorenzo hatte ihn bei seinen Annäherungsversuchen nach Rennende kaum registriert, sondern ihm regelrecht die kalte Schulter gezeigt.

Dabei blieb es auch - denn seit dem Japan-GP eine Woche zuvor haben sich die beiden nichts mehr zu sagen. In Motegi waren die Verkleidungen der beiden Werks-Yamaha mehrmals aneinander gekracht, und bei der härtesten Attacke des neunfachen Weltmeisters, am Eingang des ersten Tunnels von Motegi, nur Meter neben solidem Beton, hatte Lorenzo Rossis spitzen Ellbogen in seinen Rippen gespürt. Es war das Duell Körper gegen Körper, das sich auch Lorenzo selbst immer wieder gewünscht hatte, seit er etwas mehr als ein Jahr vorher von Rossi in Barcelona in der letzten Kurve ausgetrickst worden war.

Rossi war wenige Runden vor Schluss vor dem Spanier Dritter, als Lorenzo ohne jede Not in seiner Titelkampagne nochmals das Risiko suchte. Klar, dass sich einer wie Rossi da nicht die Butter vom Brot nehmen lässt.

Umso überraschender war Lorenzos Reaktion nach dem Rennen. Hätte er die Niederlage hingenommen, von einem spannenden Kampf geredet, bei dem er aus Rücksicht auf den WM-Stand den vierten Platz akzeptiert hätte, stünde er da als der Klügere, der nachgibt.

Doch Jorge Lorenzo verliert nicht gern. Und weil ihn die Niederlage gegen Rossi besonders fuchste, beschwerte sich der Jungheld. "Wenn dich einer mit einer MotoGP-Maschine, die 300 fährt, in die Seite rammt und du in akute Sturzgefahr gerätst, ist das kein angenehmes Gefühl. Meine Manöver waren sauber, ohne ihn zu berühren. Doch seine Manöver haben mich daran erinnert, wie er 2005 in Jerez mit Sete Gibernau und 2008 im Corkscrew von Laguna Seca mit Casey Stoner umgegangen ist. Er hat sich an mich gelehnt, mich nach außen gedrückt. Das ist nicht illegal, aber auch nicht sauber", lamentierte er.

In seinem Frust marschierte Lorenzo zu Masao Furusawa und Lin Jarvis, den obersten Chefs bei Yamaha Racing, um zu petzen. Lin Jarvis schlug sich auf Lorenzos Seite. Anstatt ihn zu beruhigen und beiden Fahrern auf die Schulter zu klopfen, weil sie nach etlichen Rennen ohne nennenswerte Überholmanöver endlich wieder für knisternde Spannung gesorgt hatten, zeigte er sich "enttäuscht" von der Fahrweise Rossis und erklärte, die Teamleitung sei sich einig, dass man gegen Teamkollegen nicht mit so harten Bandagen kämpfen dürfe.

Schließlich machte sich Masao Furusawa, peinlich berührt, auf den Weg zu Rossi, welcher die Quintessenz dieses Gesprächs clever ins Lächerliche drehte. "Man hat mir erklärt, Lorenzo kämpfe um die WM und sei halt ein bisschen nervös", ließ er das Theater an sich abtropfen. Und Lorenzo stand als Heulsuse da.

Daniel Pedrosa hatte als Letzter noch theoretische Chancen, Lorenzos Durchmarsch zu stoppen. Doch dem spanischen Pechvogel kommt in entscheidenden Phasen seiner Karriere immer wieder etwas dazwischen. Beim Motegi-GP stürzte der Honda-Werksfahrer und zog sich einen dreifachen Bruch des linken Schlüsselbeins zu.

Noch bevor das Wochenende vorbei war, wurden die vier Bruchstücke des Schlüsselbeins vom spanischen Star-Chirurgen Dr. Xavier Mir in Barcelona mit einer Titanplatte verschraubt. Pedrosa musste fünf Tage später in Malaysia tatenlos zusehen, will jedoch am 17. Oktober in Australien wieder dabei sein.

In Philip Island wird auch Valentino Rossi wieder fahren. Hatte er im Frust seiner Misserfolge vor dem Japan-GP noch darüber nachgedacht, die Saison 2010 nach dem Malaysia-GP vorzeitig abzubrechen und sich an den lädierten Bändern in der rechten Schulter operieren zu lassen, so hat er seit den jüngsten Erfolgen wieder richtig Lust, weiterzufahren. Bis zum Finale in Valencia und den anschließenden zweitägigen Tests, bei denen er nach wie vor auf eine Freigabe von Yamaha hofft, um erstmals die Ducati Desmosedici testen zu können.

Rossi würde sich lieber heute als morgen auf sein zukünftiges Motorrad setzen, um den neuen Weltmeister zur Revanche zu fordern.

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Nicht jeder MotoGP-Teamchef weiß in der heißen Transferzeit immer, welchen Rennfahrer er gerade und demnächst im Team hat.

Campeones, Campeones." Neben Jorge Lorenzo feierten die spanischen Medien Toni Elias als ersten Champion der neuen Moto2-WM, wobei auch dieses Finale unerwartet eindeutig ausfiel: Julian Simón, einzig verbliebener Titel-Konkurrent, trennte sich durch einen Sturz von seinen letzten Chancen. Elias, übrigens wie Daniel Pedrosa ein Mann der ersten Generation gezielter spanischer Talentsuche, genügte damit Rang vier, um nach elf GP-Jahren endlich den Traum eines Titels zu verwirklichen.

Ob sich auch der andere Traum, der des sofortigen Wiederaufstiegs in die MotoGP-WM, erfüllt, stand lange in Frage. Denn in der 2011 letztmals mit 800 cm³ ausgetragenen Königsklasse gibt es zu wenige Motorräder. So wird Suzuki 2011 nur noch mit Alvaro Bautista in der WM vertreten sein. Auch die Zukunft des Interwetten-Honda-Teams ist stark gefährdet. Der österreichische Hauptsponsor kürzte das Budget um 50 Prozent, worauf Teambesitzer Daniel Epp die Bestellung seiner Leasing-Maschinen verschob. Während er verzweifelt nach weiteren Geldgebern suchte, einigten sich Honda und der spanische Hauptsponsor Repsol doch noch auf das seit Monaten angedachte Superteam mit drei Werksfahrern in Repsol-Lackierung, wobei Casey Stoner neben Pedrosa und Dovizioso eine eigene Box und auch einen eigenen Teammanager, Livio Suppo, erhalten soll. Weil das LCR-Team mit Randy de Puniet weitermacht und auch Gresini-Honda weiterhin zwei Sets von Motorrädern erhält, ist das Planziel von Honda, sechs Fahrer auszurüsten, erfüllt. HRC-Präsident Shuhei Nakamoto möchte Epps Fahrer Hiroshi Aoyama als zweiten Mann neben Marco Simoncelli ins Gresini-Team stecken.

Bleibt die Zahl von Moto-GP-Honda wenigstens konstant, kam die nächste Hiobsbotschaft für den verzweifelt um Teilnehmer ringenden GP-Boss Carmelo Ezpeleta von Pramac-Ducati. Dort hatte man seit Monaten mit einem deutschen Konsortium über einen MotoGP-Einstieg von Max Neukirchner verhandelt. Weil der stets sorgfältig geheim gehaltene Hauptsponsor aus der Energiebranche nie konkret genug wurde, platzte der Deal am Ende wie eine Seifenblase.

Pramac-Chef Paolo Campinoti wollte daraufhin, statt den jungen Spanier Aleix Espargaró zurückzuholen, seinen zweiten Startplatz ebenfalls streichen. Was nun Ezpeleta die offizielle Brieftasche öffnen ließ, um Moto2-Champ Elias neben Loris Capirossi zu Pramac zu bringen, wo statt des erfolglosen Mika Kallio Altmeister und Superbike-WM-Dritter Carlos Checa die letzten GP dieser Saison fahren soll.

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