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Der junge Spanier absolvierte 12 Runden beim MotoGP in Silverstone 2015.

MotoGP Silverstone 2015 Regenrennen und Grid Girls

Werks-Yamaha, Pramac-Ducati, Werks-Ducati. Valentino Rossi, Danilo Petrucci, Andrea Divizioso - so sieht das MotoGP-Treppchen vom GP in Silverstone 2015 aus.

Unter normalen Umständen ist Valentino Rossi zu langsam für Siege. „Er ist halt keine 20 mehr. Die Risiken, die hinter der nächsten Kurve lauern könnten, sind ihm bewusster als den jungen Piloten. Er kann sich nicht mehr dazu überwinden, mit allerletztem Risiko zu fahren“, beobachtet Bridgestone-Techniker Peter Baumgärtner. Vor allem im Training nicht. Während Marc Márquez und Jorge Lorenzo ihre zitternden Maschinen auf Anhieb ans Limit treiben, fehlt Rossi am Freitag meist eine Sekunde. Und während die Gegner mit ihrem frühen Speed schnell die entscheidenden Eindrücke sammeln und zielstrebig an der Abstimmung feilen können, gerät Rossi wegen der fehlenden Sekundenbruchteile auch mit dem Set-up in Rückstand und findet oft erst am Samstagabend oder gar nach dem Warm-Up am Sonntagmorgen den richtigen Renn-Trimm – zu spät für einen Startplatz in der ersten Reihe, zu spät um agieren und nicht nur reagieren zu können.

Doch wehe, wenn es zu Unregelmäßigkeiten kommt, wenn die Gegner kleine Schwächen zeigen. Dann stößt er zu wie eine Schlange, die auf einen unbedachten Moment ihres Opfers lauert. Rossi gewann den Saisonauftakt in Qatar, als Marc Márquez die erste Kurve nach dem Start verpasste und Lorenzo mit einem rutschenden Helm-Innenfutter kämpfte. Er gewann in Argentinien, als die Fahrwerksprobleme des einen Spaniers offenkundig wurden und der andere, Lorenzo, sich in die eigenen Fehlentscheidungen bei der Reifenwahl verstrickte. Er gewann erneut in Assen, wo Lorenzo seit seinem Highspeed-Sturz 2013 mit der Gashand zögert und wo ihm Márquez in der berühmten Zielschikane in eine geschickt gestellte Falle ging.

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Rossi als souveräner König des Chaos

Und als jetzt, beim britischen Grand Prix in Silverstone, mit einsetzendem Regen allgemeine Hektik ausbrach, drehte er die Situation wieder zu seinem Vorteil und regierte in einem Rennen, in dem es hinter ihm drunter und drüber ging, als souveräner König des Chaos.

Der Reihe nach: Nach zwei trockenen Trainingstagen ist Rossi als Vierter qualifiziert. Ihm fehlen sieben Zehntel auf den Schnellsten Márquez und immer noch eine knappe halbe Sekunde auf den zweitplatzierten Lorenzo, an einen Sieg ist zu diesem Zeitpunkt nicht zu denken. Doch am Sonntagmorgen regnet es, im Warm-Up fährt Rossi zu einer souveränen Bestzeit. „Meine Jungs haben für die nasse Strecke sofort ein perfektes Set-up hingekriegt“, reibt er sich die Hände.

Bis zur Startaufstellung kurz vor 13 Uhr trocknet die Strecke wieder ab, die Piloten warten mit Slicks aufs Grünlicht, Rossi sieht seine Chancen wieder schwinden. Doch in der Aufwärmrunde fängt es erneut zu regnen an, worauf die Fahrer zum Motorradwechsel in die Boxengasse abbiegen – und an deren Ende im Verkehrschaos stecken, weil die Rennleitung nun plötzlich auf Abbruch entscheidet und alle gleichzeitig in Gegenrichtung an ihre jeweilige Box zurückdrängen.

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Lorenzo verzichtete auf die Atemmaske

Es bleibt nass, und Rossi kann sich besser als jeder andere auf die neuen Bedingungen einstellen. Lorenzo gewinnt den Start, doch schon in der zweiten Runde schiebt sich Rossi mit einem energischen Manöver am Teamkollegen vorbei an die Spitze, was auf den Rängen einen Sturm der Begeisterung auslöst. Lorenzo fällt im weiteren Verlauf bis auf den sechsten Rang zurück und wird am Ende Vierter, eine Niederlage, für die er ein beschlagendes Visier verantwortlich macht. „Ich hatte null Sicht, schon zum zweiten Mal in dieser Saison“, beschwert sich Lorenzo, der allerdings auch auf die bei diesen Bedingungen übliche Atemmaske verzichtet hat.

Marc Márquez war sehr dicht dran

Marc Márquez hält sich hartnäckiger im Windschatten Rossis. „Er war so dicht dran, ich habe schon einen Body-Check wie beim Finale in Assen befürchtet“, berichtet Rossi später. Doch in der 13. von 20 Runden verstummt plötzlich das Brüllen des Honda-Motors, das Rossi seit dem Start im Ohr gehabt hat: Márquez ist ausgerutscht, zum vierten Mal in dieser Saison. „Im Trockenen haben wir die Probleme der Honda durch viel Arbeit und viele Runden in den Griff bekommen. Doch im Nassen sind wir bisher – in Austin – erst ein einziges Training gefahren. Der Charakter der RC213V ist bei diesen Bedingungen weiterhin so wie zu Jahresbeginn, mit vielen Problemen beim Einbiegen in die Kurve: Es reicht ein winziger Fehler, und du verlierst die Kontrolle. In jenem Moment sind wir langsamer gefahren als zuvor, ich fühlte mich wohl auf dem Motorrad, doch plötzlich machte es „bumm“ und mein Hinterrad rutschte weg“, seufzt Márquez. „Den WM-Titel kann ich abschreiben, ab jetzt ist mein Ziel einfach, noch so viele Rennen wie möglich zu gewinnen.“

Noch mehr Stürze in Silverstone

Der Spanier ist nicht der Einzige, der an diesem Tag die Zielflagge verpasst. Yonny Hernández stürzt schon in der ersten Kurve und trennt sich zum Saisonende ganz von Pramac-Ducati. Galt beim vorherigen Rennen in Brünn noch Danny Kent als heißer Übernahmekandidat, so sind die Karten mittlerweile neu gemischt: Der Moto3-Überflieger bleibt im Team der Brüder Stefan und Jochen Kiefer und nimmt dort die Moto2-Klasse auf Kalex in Angriff, denn statt ihm hat sich der von Ducati schon lange hofierte Scott Redding für die Desmosedici entschieden. Er beherrsche die Honda nicht, das Motorrad mache ihn fertig und nicht umgekehrt, erläuterte er seinem bisherigen Teamchef Michael Bartholemy, der auch weiterhin Reddings persönlicher Manager bleiben wird.

Ganz besonderes Ungemach beschwört Jack Miller herauf, als er in der dritten Runde viel zu schnell in eine Linkskurve einbiegt und dort ausgerechnet den britischen Teamkollegen Cal Crutchlow aushebelt. Miller kassiert für die Aktion einen Strafpunkt von der Rennleitung sowie Schelte in der Box, weil Crutchlow bei seinem Heim-Grand Prix immerhin an fünfter Stelle lag.

Bradl kurz vor Zweijahres-Vertrag mit Aprilia

Später stürzen noch der sechstplatzierte Pol Espargaró – und der an 14. Stelle fahrende Stefan Bradl, der im Training weit vor seinem Teamkollegen Alvaro Bautista Startplatz 14 erkämpft hat und sich trotz des Ausrutschers im Rennen auf eine Verlängerung seines Aprilia-Vertrags freuen kann. „Wir sind ganz dicht dran“, verrät Teamchef Romano Albesiano und verdeutlicht den Minimalabstand zur gemeinsamen Zukunft mit Daumen und Zeigefinger.

Valentino Rossi zieht derweil gleichmäßig seine Spur, ungefährdet von seinen Gegnern in der WM, unbedrängt auch vom zweiten Pramac-Ducati-Piloten Danilo Petrucci. der fährt das Rennen seines Lebens, besiegt Ducati-Werksfahrer Andrea Dovizioso und rückt auf Platz zwei auf, sieht aber davon ab, nun auch noch den Drei-Sekunden-Rückstand auf Rossi zufahren zu wollen.

Rossis 112. Sieg und erneut die WM-Führung

Und so feiert Valentino Rossi den vierten Sieg der Saison und den 112. seiner Karriere, liegt nach dem 16. Podestplatz in Folge wieder mit zwölf Punkten in Führung und ist nach den zuletzt schwindenden Chancen tatsächlich wieder Kandidat für den zehnten Titel seiner einzigartigen Karriere. „Silverstone ist schon im Trockenen eine schwierige Piste, von nassen Bedingungen nicht zu reden. Es war ein hartes Rennen, ungefähr so, wie von Tavullia zu Fuß nach Österreich zu laufen“, schildert er nach dem Zieleinlauf. „Als Márquez fehlte, habe ich es ruhiger angehen lassen, vielleicht zu ruhig, denn mein Vorsprung auf Petrucci ist von fünf auf drei Sekunden geschrumpft. Ich habe dann versucht, wieder schneller zu fahren, wollte das Rennen nach so klarer Führung aber auch nicht mit einem Sturz beenden. Wenn das passiert wäre, hätte ich heute Nacht schlecht geschlafen...“

So aber blieb Rossi der Held eines ungewöhnlichen Tages, an dem er nicht nur die Situation in der WM zu seinen Gunsten drehen, sondern auch eine alte Scharte auswetzen konnte. „Auch 2011 hat es hier geregnet, doch ich war auf Ducati und sehr, sehr langsam. Es war so frustrierend, dass ich schon fürchtete, das Fahren verlernt zu haben. Jetzt, vier Jahre später, ist mir der Gegenbeweis geglückt. Ich habe schon vier Siege, doppelt so viele wie letztes Jahr. Ich entwickle mich.“ Es war Rossis erster MotoGP-Sieg in Silverstone und sein zwölfter Podestplatz im zwölften Rennen des Jahres.

"An Agostinis Rekorde denke ich nicht"

Um den Titel zu holen, müsse er weiter gewinnen, vier Siege reichten nicht aus, ist sich Rossi im Klaren. Sein verbliebener WM-Rivale Lorenzo sei mental stark, die Niederlage habe ihn psychologisch sicher nicht erschüttert, fügte er hinzu.
Deshalb wollte er von der Frage, ob er dereinst vielleicht doch noch mit Giacomo Agostinis 122 Grand Prix-Siegen gleichziehen könne, wenig wissen. „An Agostinis Rekorde denke ich nicht“, winkte er ab. „Das Einzige, woran ich denke, ist, Lorenzo zu schlagen.“

MotoGP Ergebnisse

1. Valentino Rossi
2. Danilo Petrucci
3. Andrea Dovizioso
4. Jorge Lorenzo
5. Dani Pedrosa
6. Scott Redding
7. Bradley Smith
8. Andrea Iannone
9. Aleix Espargaró
10. Álvaro Bautista
11. Maverick Vinales
12. Nicky Hayden
13. Hector Barbera
14. Mike Di Meglio
15. Alexis De Angelis
16. Loris Baz
17. Eugene Laverty
18. Claudio Corti
19. Karel Abraham

Nicht klassifiziert:

Marc Marquez (12 Runden)
Jack Miller (2 Runden)
Pol Espargaro (14 Runden)
Stefan Bradl (12 Runden)
Cal Crutchlow (4 Runden)
Yonny Hernandez (0 Runden)

Moto2 Ergebnisse

1. Johann Zarco
2. Alex Rins
3. Tito Rabat
4. Alex Márquez
5. Jonas Folger
6. Sam Lowes
7. Anthony West
8. Sandro Cortese
9. Thomas Lüthi
10. Ricard Cardus
11. Marcel Schrötter
12. Randy Krummenacher
13. Dominique Aegerter
14. Takaaki Nakagami
15. Axel Pons
16. Hafizh Syahrin
17. Luis Salom
18. Julian Simon
19. Azlan Shah
20. Mika Kallio
21. Jesko Raffin
22. Xavier Vierge
23. Robin Mulhauser
24. Florian Alt
25. Xavier Someon
26. Federico Caricasulo
27. Louis Rossi

Nicht klassifiziert:

Thitipong Warokorn (16 Runden)
Lorenzo Baldassarri (13 Runden)
Simone Corsi (13 Runden)
Bradley Ray (2 Runden)

Moto3 Ergebnisse

1. Danny Kent
2. Jakub Kornfeil
3. Niccolò Antonelli
4. Fabio Quartararo
5. Livio Loi
6. John McPhee
7. Juanfran Guevara
8. Lorenzo Dalla Porta
9. Efrén Vázquez
10. Tatsuki Suzuki
11. Alexis Masbou
12. Romano Fenati
13. Miguel Oliveira
14. Zulfahmi Kharuddin
15. Andrea Migno
16. Philipp Öttl
17. Remy Gardner
18. Luke Hedger
19. Taz Taylor
20. Hiroki Ono

Nicht klassifiziert:

Francesco Bagnaia (15 Runden)
Andrea Locatelli (14 Runden)
Enea Bastianini (15 Runden)
Jorge Martin (10 Runden)
Stefano Manzi (15 Runden)
Karel Hanika (6 Runden)
Jules Danilo (8 Runden)
Alessandro Tonucci (12 Runden)
Darryn Binder (14 Runden)
Brad Binder (8 Runden)
Isaac Vinales (6 Runden)
Maria Herrera (6 Runden)
Ana Carrasco (6 Runden)
Matteo Ferrari (1 Runden)
Jorge Navarro (0 Runden)
Gabriel Rodrigo (0 Runden)

Schönheiten aus Indianapolis und Brünn

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