MotoGP: Silverstone/GB MotoGP: Silverstone/GB

Ohne Valentino Rossi und mit einem unbeständigen Daniel Pedrosa ist Jorge Lorenzos Überlegenheit in der MotoGP-WM so drückend, dass Langeweile droht. Deshalb ringen Teamchefs und Fahrer hinter den Kulissen bereits jetzt heftig um eine neue, spannendere Zukunft.

Foto: 2snap
Daniel Pedrosa versuchte aufzustehen. Dann kippte der kleine Spanier wieder um und blieb schmerzverkrümmt am Fahrbahnrand liegen, bis ihn die Sanitäter auf einer Trage in Richtung Streckenspital davontrugen.

Nicht nur bei seinem Repsol-Honda-Team, auch bei allen anderen Beobachtern kehrten die Bilder des Valentino-Rossi-Unfalls von Mugello in die Köpfe zurück. Es herrschte nackte Angst, jetzt, nur zwei Wochen später, auf der legendären Silverstone-Rennstrecke im Herzen Englands, habe sich der nächste große Star der Königsklasse verletzt.

Die größte Panik hatte Pedrosa selbst. "Ich habe nur gedacht: Bitte, bitte, bitte lass es nichts Schlimmes sein", gestand er später. Die Stoßgebete wurden erhört. Nach seinem Sturz übers Vorderrad war Pedrosa zwar irgendwie unter seine Maschine geraten. Knochenbrüche konnten die Ärzte allerdings nicht feststellen und gaben Pedrosa nach eingehenden Untersuchungen grünes Licht fürs Rennen.

Doch die Überlegenheit, mit der er zwei Wochen zuvor beim Italien-GP noch zu einem einsamen Sieg gefahren war, war auf der Strecke geblieben. Vor allem, nachdem er im Warm-up am Sonntagmorgen abermals übers Vorderrad ausrutschte, diesmal beim Bremsen aus hoher Geschwindigkeit.

Im Rennen erwischte Pedrosa zwar den besten Start, wurde dann jedoch auf den achten Rang durchgereicht. "Ich habe versucht, mir von den Stürzen nicht die Moral und das Vertrauen zum Motorrad nehmen zu lassen, und doch habe ich eines meiner schlechtesten Resultate eingefahren", meinte er nachdenklich. "Das Motorrad rutschte ständig vorn weg. Ich versuchte, die Situation zu kontrollieren und zu warten, bis mein harter Vorderreifen richtig Grip aufbaute. Doch statt besser wurde es schlechter. Sowohl beim Einbiegen als auch beim Herausbeschleunigen war ich zu langsam", seufzte er und kam zu einer düsteren Schlussfolgerung. "Mit einem guten und einem schlechten Rennen im Wechsel gewinnt man keine WM. Du musst konstant sein."

So wie Jorge Lorenzo. Ohne sich vom Fehlen des Superstars Rossi aus dem Konzept bringen zu lassen, fuhr der WM-Tabellenführer mit lässiger Gleichmäßigkeit auf die Pole Position und zog seinen Gegnern im Rennen wie auch in der WM-Wertung unaufhaltsam davon. Der Spanier ist in derart bestechender Form, dass der WM schon nach dem ersten Saisondrittel Langeweile droht. Daher wurden die positiven Signale von Rossis Krankenbett mit allgemeiner Erleichterung aufgenommen. "Torno subito - bin gleich wieder da", ließ der verletzte Superstar als Comic-Held auf einem vor seiner verwaisten Box aufgespannten T-Shirt wissen, das ihn mit dick bandagiertem Bein und leicht verwirrtem Kopf, ansonsten aber in blendender Laune zeigte.

"Die Nachricht fasst das zusammen, was sich alle wünschen, Valentino selbst mehr als jeder andere. Ihm geht es gut, seine Moral ist intakt", erklärte Flavio Fratesi, einer der Gründer des berühmten Rossi-Fanclubs. Das war auch aus dem Bridgestone-Lager zu hören, aus dem sich Rossi mit lebhaftem Interesse jedes Detail über Reifen-Nutzung und -Strategie der einzelnen Fahrer berichten ließ.

An Rossis brennender Lust auf eine Rückkehr, voraussichtlich Mitte August in Brünn, herrscht in seinem inneren Kreis nicht der leiseste Zweifel. Rossis Comeback war denn auch nicht das Thema in Silverstone, sondern vielmehr, was vorher und nachher alles passieren würde. So gingen die italienischen Zeitungen mit ungewöhnlich großer Neugier der Frage nach, wer Rossi denn ab dem Barcelona-GP ersetzen würde. Erst wurde spekuliert, Colin Edwards rücke aus dem Tech3-Team nach. Dann fiel der Name Cal Crutchlow, Supersport-Weltmeister und derzeit Neunter der Superbike-WM. Der Brite hofft zwar auf eine Zukunft in der MotoGP-Klasse, hätte aber ohne vorbereitende Tests ins kalte Wasser springen und über sechs Wochen hinweg ständig zwischen seinem Yamaha-Superbike und der MotoGP-Maschine hin- und herspringen müssen. "Wenn man bedenkt, dass selbst Ben Spies, der überlegene Super-bike-Weltmeister, einen verhaltenen MotoGP-Start hinlegte, ist das sicher nicht der richtige Weg", lehnte er dankend ab. Schließlich wurde auch noch Alex de Angelis gehandelt, der im Vorjahr noch MotoGP gefahren war, dieses Jahr in die Moto2-Klasse abstieg und bei seinem mittellosen Scot-Team vergeblich auf die zugesagte Gage wartet.

"Ich verstehe gar nicht, warum dieser Sache eine solche Bedeutung zugemessen wird", spielte Yamaha-Teamdirektor Lin Jarvis das Thema herunter, "uns geht es lediglich darum, unsere vertraglichen Verpflichtungen mit der Dorna zu er-füllen und jemanden zu finden, der nichts beweisen will und Stürzen aus dem Weg geht, so dass wir bei Valentinos Rückkehr auf jeden Fall genügend Motoren in Reserve haben und er so weiterfahren kann wie bisher." Am Ende wurde, wohl auch Energiedrink-Sponsor Monster zuliebe, der Amerikaner John Hopkins ausgewählt, den der Kawasaki-Rückzug vor zwei Jahren aus der MotoGP-Startaufstellung katapultiert hatte.

Noch interessanter, und vor allem viel brenzliger ist freilich die Frage, was nach Rossis Rückkehr alles passieren wird. Denn einerseits will der neunfache Weltmeister gern bei Yamaha bleiben. Dort kann er weiterfahren, so lange er Lust hat, kann hinterher zum Botschafter der Firma werden und sein Image bis zum Ende seiner Tage erfolgreich mit Yamaha vermarkten.

Bei einem Wechsel zu Ducati, wie ihn viele seiner italienischen Fans herbeisehnen, stünde er unter immensem Erfolgsdruck - und hätte das Risiko, seinen bisher unbeschadeten sportlichen Ruf zu ruinieren. Denn anders als bei seinem Wechsel von Honda zu Yamaha im Jahr 2004, als die Teams und Fahrer in den Wintermonaten noch nach Herzenslust zu Vorsaisontests in alle Welt tingeln durften, ist die Saisonvorbereitung heutzutage auf höchstens zwei, drei Tests begrenzt. Schnelle Erfolge bei einem Markenwechsel sind deshalb eher unwahrscheinlich. Umgekehrt aber können sich auch intimste Rossi-Kenner kaum vorstellen, dass sich der Superstar hinter einem möglichen Weltmeister Jorge Lorenzo als Nummer zwei einreihen würde. Am liebsten wäre es Rossi deshalb, wenn nicht er, sondern Lorenzo Yamaha verlassen würde. Doch auch der hat Lin Jarvis längst signalisiert, dass er auch in Zukunft gern bei Yamaha bliebe.

Ein entscheidender Faktor bei den anstehenden Zukunftsentscheidungen wird das Geld sein. Während Yamaha sparen muss, wird das Marlboro-Ducati-Team garantiert fürstliche Summen auf den Tisch legen, um einen der beiden Superstars zu ködern. Das Team steht nämlich unter Zugzwang: Casey Stoners Wechsel zu Honda gilt als ausgemachte Sache, zumal der Australier bei Ducati derzeit eher unkonzentriert wirkt und in Silverstone wieder hinter seinem Teamkollegen Nicky Hayden die zweite Geige spielte.

Eine Schlagzeile über einen Vorvertrag mit fünf Millionen Jahresgage für Stoner, von einer Schweizer Wochenzeitung erstmals gedruckt und von allen anderen Medien sofort begeistert aufgegriffen, wird von Honda-Teammanager Livio Suppo einerseits energisch dementiert. "Wir stehen in Kontakt, doch diese Offerte gibt es nicht, und schon gar keinen Vorvertrag", wehrt der Italiener, früher Manager bei Ducati, energisch ab. Gleichzeitig räumt er augenzwinkernd ein, dass ihm die vielen Gerüchte nicht ungelegen kommen, weil sie der Welt und ihren möglichen Großsponsoren signalisieren, dass sich etwas Neues, Gewaltiges tut bei Honda.

Vorvertrag oder nicht: Stoner ist Wunschkandidat Nummer eins bei Honda, und falls er wirklich kommt, müssten Andrea Dovizioso oder Daniel Pedrosa nicht einmal gehen. Beide genießen Vertragsoptionen, die ihnen im Erfolgsfall den Verbleib als Honda-Werksfahrer garantieren, und beide machen ihren Job zu gut, um einen von ihnen in die Wüste zu schicken. "Pedrosa nicht und auch Andrea Dovizioso nicht, der sich als Fahrer konstant weiterentwickelt und immer erstaunlichere Resultate einfährt", hält Shuhei Nakamoto, Präsident der Honda Racing Corporation, fest.

Und deshalb braut sich ein Super-Team zusammen, bei dem Stoner als dritter Werksfahrer, womöglich mit eigener Box und eigenem Haupt-sponsor, auftreten soll. Für Nakamoto wäre es ein Leichtes, ein weiteres Set an Werksmaschinen ins Rennen zu schicken, zumal sich die Motorräder der Werks- und der Kundenteams heuer kaum unterscheiden. "Drei Werksfahrer? Wenn das Budget stimmt: kein Problem", strahlt Nakamoto leutselig. "Von mir aus auch vier, fünf oder sechs."

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