MotoGP: Erste Ducati-Tests Valentino Rossi - Erste Ducati-Tests

Wegen der Vereinbarung zwischen Valentino Rossis altem und neuem Arbeitgeber glänzte seine Premieren-Ducati Desmosedici statt in standesgemäßem Rot in tiefem Karbonschwarz. Ob dies angesichts der noch mäßigen Rundenzeiten ein Omen war, ist noch offen.

Foto: 2snap

Hunderte Fotografen und Kameraleute standen in der Boxengasse von Valencia. Auf der Tribüne über der Boxenanlage drängten sich die Fans, das italienische Fernsehen war live dabei. Es war ein kühler, windiger Dienstagmorgen, an dem erst spät die Sonne hinter den Wolken hervorbrach und zunächst gar nichts passierte.

Und doch herrschte eine Spannung wie an einem Grand Prix-Renntag. Als das Tor der Ducati-Box hochratterte und ein schwarzes, mit der Startnummer 46 beklebtes Motorrad aufzubrüllen begann, fuhr es den Zuschauern in die Magengrube wie ein Erdbeben, wie die Verheißung einer Zeit, in der nichts mehr so sein würde wie bisher. Der Beginn einer neuen Ära.

Es war der Moment, als Valentino Rossi zum ersten Mal mit der Ducati Desmosedici auf die Strecke ging. Tags zuvor hatte er schon vier Stunden in der Ducati-Box verbracht, um sich mit seiner neuen Maschine anzufreunden, die Sitzposition festzulegen und, eines der typischen Rossi-Rituale, selbst seine Aufkleber anzubringen. Kurz nach zwölf Uhr mittags, fuhr er in schwarz-gelbem Leder mit Fragezeichen auf dem Helm – was für ein Motorrad werde ich wohl vorfinden? - aus der Boxengasse.

Rossi blieb zehn Runden am Stück auf der Bahn, bevor er wieder im Dunkel der Box verschwand. Dort, hinter verschlossenen Türen, saß Rossi auf dem Rand eines Stuhls und sprach zu einer dicht gedrängten Runde von Technikern. Auf Englisch ließ er seine Fahreindrücke Revue passieren, so dass auch seine australische Crew um Cheftechniker Jerry Burgess jedes Wort verstehen konnte. Nur die Fernsehmikrofone blieben aus, weil Yamaha Rossis Freigabe mit einem Redeverbot verknüpft hatte.

Freilich hatte niemand Mühe, andere Interviewpartner zu finden, denn alle in der Ducati-Box sprühten vor Begeisterung. Allen voran Ducati-Corse-Chef Filippo Preziosi, der die Desmosedici nicht nur konstruiert, sondern den Rossi-Transfer auch selbst eingefädelt hatte.

"Als Valentino nach seinem ersten Run an die Box zurückkehrte, klopfte mir das Herz bis zum Hals. Es war ein bewegendes Gefühl, seinen ersten Einschätzungen zu unserem Motorrad zu lauschen", erklärte der Chefingenieur. "Ich war wie vom Donner gerührt, mit welcher Präzision und Konzentration Valentino sämtliche positiven und negativen Aspekte des Motorrads beschrieben hat. Das hätte ich wirklich nicht erwartet."

Rossi hatte drei Motorräder zur Auswahl, Stoners Motorrad mit Big Bang-Motor von 2010, die neue GP 11 ebenfalls mit Big Bang sowie eine Screamer-Variante der GP 11 mit regelmäßigen Zündintervallen. Die Entscheidung, auch in Zukunft mit Big Bang-Motor in die Rennen zu gehen, war schnell gefallen. Ebenso schnell kam Rossi auch zu den gleichen Erkenntnissen, die Stoner schon so oft beschrieben hatte: Dass das Hinterrad viel Grip und Traktion erzeugte, laut Rossi mehr als seine bisherige Yamaha M1, dass es aber schwierig war, das Limit des Vorderreifens zu ertasten und das entsprechende Vertrauen aufzubauen. Kein Mensch war deshalb beunruhigt, als Rossi den ersten Tag mit 1,3 Sekunden Rückstand auf den Schnellsten, seinen bisherigen Yamaha-Kollegen Jorge Lorenzo, und sechs Zehntel hinter dem drittplatzierten Casey Stoner bei seinem Debüt auf Repsol-Honda beendete. Rossi brauchte, so die verbreitete Ansicht, einfach mehr Zeit, sich auf dem neuen Motorrad warm zu fahren.

Doch am zweiten Tag zeigte sich deutlich, dass es um mehr ging als nur um zwei oder drei Klicks am Set-up. Rossi fuhr nur wenige zusammenhängende Runden, verbrachte sehr viel Zeit in der Box. Auf der Stoppuhr waren keine Fortschritte erkennbar. Statt aufzuholen, fiel der Doktor dramatisch zurück und war in der Rangliste erst als 15. anzutreffen, nur wenige Hundertstelsekunden vor MotoGP-Neuling Karel Abraham auf der gleichen Maschine.

Casey Stoner hatte dagegen auf seiner blütenweißen, mit einem Känguruh verzierten Werks-Honda einen gewaltigen Sprung an die Spitze gemacht. Jetzt klaffte eine Lücke von 1,7 Sekunden zwischen der Bestzeit des Australiers und Rossis Ducati-Premiere. Während Stoner in krassem Gegensatz zu allen anderen Honda-Werkspiloten, die stets über den zu aggressiven Biss der RC 212 V geklagt hatten, vom sanften Leistungseinsatz seiner neuen Maschine geradezu schwärmte, war aus der Ducati-Garage lediglich zu erfahren, dass Rossi am zweiten Tag ausschließlich mit dem Big Bang-Motor gearbeitet habe.

Doch auch ohne öffentliche Technik-Analysen war spürbar, dass die erste Euphorie verflogen war. Der Wechsel von Yamaha auf Ducati sei leichter als der vor sieben Jahren von Honda auf Yamaha, hatte Rossi vorher immer wieder behauptet, weil er diesmal ein ausgereiftes, konkurrenzfähiges Motorrad vorfinde. Jetzt sind er und sein Team schon in Zugzwang. Denn im nächsten Jahr drohen nicht nur neue Siege von Stoner als Honda-Pilot, sondern eine noch viel schlimmere Schmach: Dass Stoner womöglich auch in Zukunft der einzige Pilot bleiben könnte, der das Fahren mit der kapriziösen Ducati Desmosedici beherrschte.

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