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Porträt Emilio Alzamora Ex-Weltmeister, Márquez-Mentor und Talent-Scout

Was Emilio Alzamora anpackt, gelingt: die eigene Karriere als Motorradrennfahrer, die Gründung einer Renntechnikerschule, das Aufspüren von Talenten wie Marc Márquez und Alex Márquez. Dabei blieb der Spanier stets ein Mann der leisen Töne.

Bis vor zwei Jahren galt nicht Emilio Alzamora, sondern Alberto Puig als wichtigster Talent-Scout in der MotoGP-Szene. Der Spanier leitete den Movistar Activa Cup und das Movistar Junior Team, später die MotoGP Academy zur Förderung junger Talente. Er startete die Karrieren von Toni Elias, Casey Stoner und Dani Pedrosa und war als Pedrosas Manager die graue Eminenz im offiziellen Repsol-Honda-Team. Doch Ende 2013 trennte sich Pedrosa von Puig, und trotz eines Neuanfangs im neu geschaffenen Asia Talent Cup ist es still geworden um den ehemaligen Halbliter-Piloten.

Jetzt ist es sein Landsmann Emilio Alzamora, der die Fäden zieht. Er bahnte den Weg zum steilen Aufstieg von Marc Márquez zu zwei Weltmeisterschaften in der MotoGP-Klasse. Er brachte Alex Rins nach oben und baute Maria Herrera zur Grand Prix-Pilotin auf. Mit seinem Moto3-Team sattelte er im richtigen Moment von KTM auf Honda um und machte auch Alex Márquez zum Weltmeister. Als die Brüder beim Saisonfinale 2014 in Valencia ihre Titel feierten und den Erfolg am Tag danach mit zehn Ehrenrunden auf Marcs offiziellen MotoGP-Maschinen krönten, war es nicht der Honda-Teamchef, sondern Emilio Alzamora, der abwinken ließ, um die beiden vor dem eigenen Übermut zu bewahren.

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Mit 41 alles erreicht, was ein Manager in diesem Sport erreichen kann

Mit 41 Jahren hat Emilio Alzamora alles erreicht, was ein Manager in diesem Sport erreichen kann. Nach seinen nächsten Zielen, dem nächsten Traum gefragt, holt er trotzdem tief Luft. „Vor uns liegt ein Winter mit harter Arbeit, sodass Marc Márquez den Titel verteidigen und Alex Márquez Erfolge in der Moto2-Klasse erkämpfen und sich auf diese Weise auf das Jahr 2016 vorbereiten kann. Im Moto3-Team haben wir ein schönes Projekt mit Jorge Navarro und Fabio Quartararo, einem Fahrer mit viel Talent. In der spanischen Meisterschaft haben wir drei neue Fahrer, denen wir die Chance zur Entfaltung geben wollen. In der Pre-GP-Einstiegsklasse haben wir vier Fahrer mit großen Perspektiven. Mein Ziel ist, dass all diese Strukturen weiter so reibungslos funktionieren wie bis jetzt, und darüber hinaus hoffe ich, dass es in der Moto2-Klasse mit Alex und Tito Rabat sowie in der MotoGP-Klasse mit Scott Redding gut läuft.“

Es ist ein langer Wunschzettel, den Emilio Alzamora vorlegt, aber er hat ihn auch von langer Hand vorbereitet. Schon 1997 kam er in Kontakt zur Monlau-Schule, einer 1982 in Barcelona in der Monlau-Gasse im Stadtteil Sagrera gegründeten Lehrlingswerkstatt für Automechaniker, die in jenem Jahr den Einstieg in die Motorradweltmeisterschaft mit Dani Amatriain als Teamchef und Alzamora als Fahrer vorbereitete. Emilio Alzamora war damals am Zenit seiner Karriere und sollte 1999 den WM-Titel der 125-cm³-Klasse erobern, war aber gleichzeitig klug genug, an die Zukunft zu denken. Gemeinsam mit Amatriain und Monlau-Gründer Pio Ventura, der einige Jahre später beim Absturz eines Kleinflugzeugs ums Leben kommen sollte, sah Alzamora den Bedarf für die Ausbildung versierter Motorradtechniker.

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Alzamora entdeckte und förderte Supertalent Marc Márquez

Repsol ist als Sponsor mit an Bord, bietet Stipendien für die besten Auszubildenden und tritt außerdem als Geldgeber in der spanischen Pre-GP-Einstiegsklasse und der spanischen Meisterschaft auf. In der lässt die Monlau-Schule nicht nur ihre Mechaniker, sondern auch junge Fahrtalente den Ernstfall proben. Das erste Supertalent, das Emilio Alzamora entdeckte und förderte, war Marc Márquez im Jahr 2004. Später fuhren kommende Stars wie Aleix und Pol Espargaró, Efrén Vázquez, Alex Márquez und Alex Rins unter dem Dach des Monlau-Nachwuchsprogramms, mittlerweile führen die Aufstiegschancen sogar lückenlos bis in die MotoGP-Klasse.

Warum? Zum Saisonende 2014 kam es zur Fusion seines Estrella Galicia 0,0-Teams mit dem belgischen MarcVDS-Team, das die Moto2-Weltmeisterschaft erobert und Alex Márquez bereits im Juli als zweiten Fahrer neben Tito Rabat verpflichtet hatte. Weil MarcVDS mit Scott Redding und einer Honda-Werksmaschine gleichzeitig in die MotoGP-Klasse einstieg, ist der Weg für Alex Márquez geebnet, nach entsprechenden Moto2-Erfolgen im Jahr 2016 oder 2017 in der Königsklasse zum Bruder­duell anzutreten. „MarcVDS-Teammanager Michael Bartholemy und Teambesitzer Marc van der Straten haben die gleichen Werte und Ideale wie ich“, sagt Emilio Alzamora.

Márquez damals fast zu professionell für einen Zwölfjährigen

„Zu dieser Veranlagung gehört die innere Einstellung. Das Rennfahren muss dir nicht nur gefallen, sondern zu einer Priorität werden, sodass du Lust hast, zu lernen und dich zu verbessern.“ Marc Márquez habe er gar nicht so viel beibringen müssen, gibt sich Emilio Alzamora bescheiden. „Er hat heute die gleichen Werte und die gleiche Einstellung, die er schon ganz am Anfang hatte. Schon im ersten Jahr war er sehr schnell auf der Strecke, doch die eigentliche Überraschung war sein Auftreten in der Box. Du hast mit einem Jungen gesprochen, der echtes Interesse hatte und seine gesamte Aufmerksamkeit auf das Motorrad und die Fragen der Techniker konzentrierte. Er war so professionell, das war nicht normal für einen Zwölfjährigen“, schildert Alzamora. „Er hatte zudem das Handicap, dass er vergleichsweise klein war. Er wog 35 Kilogramm, und das Handling einer 125er war schwierig für ihn. Er musste sich mehr anstrengen als die Fahrer mit größeren Körpermaßen, doch das hat ihm letztlich geholfen.“

Einem Vergleich zwischen Marc und Alex Márquez weicht Emilio Alzamora aus. Bei einem so jungen Fahrer sei es schwierig ein­zuschätzen, wie weit er in seiner Karriere kommen könne. „Erst wenn du in der Moto2-Klasse antrittst, zeigt sich dein wirkliches Talent“, verschiebt er das Urteil auf die kommende Saison.

Vita Emilio Alzamora

Geboren am 22. Mai 1973 in Lleida, erhielt Emilio Alzamora von seinem motorradbegeisterten Vater im Alter von fünf Jahren eine Italjet und begann, die Feldwege der autonomen Region Aragón unsicher zu machen. Mithilfe der Familie stieg er als 15-Jähriger auf einer Honda MBX 80 in den Straßenrennsport ein und gewann 1989 die Katalanische Meisterschaft. Ein Jahr später gewann er das Criterium Solo Moto, eine Nachwuchsformel, die auch die Karrieren anderer Stars wie Alex Crivillé, Sito Pons oder Jorge Martínez Aspar beflügelt hatte. 1994 stieg Alzamora mit einer Honda im Team des Italieners Paolo Pileri in die 125-cm³-Weltmeisterschaft ein und holte 1995 seinen ersten und im Jahr 2000 den letzten seiner insgesamt vier Grand Prix-Siege.

1999 feierte Emilio Alzamora den Titel und stellte einen kuriosen Rekord auf: Er fuhr zwar jeweils fünfmal auf die Plätze zwei und drei, gewann aber kein einzi­ges der 16 Rennen und ging als bis dato einziger Weltmeis­ter ohne Sieg in die Geschichte ein. Sein Geld hatte Alzamora klug in die Monlau-Technikerschule in Barcelona investiert. Ab 2004 konzentrierte er sich ganz auf die Rennsportaktivitäten des Unternehmenszweiges Monlau Competición und nahm im gleichen Jahr Marc Márquez unter seine Fittiche. Der hat sich zum un­bestritten größten MotoGP-Talent der letzten Jahre entwickelt und gerade zum zweiten Mal die WM in der Königsklasse gewonnen.

2003 hängte Alzamora den Helm an den Nagel

1998 kaufte er sich in die Monlau-Schule ein und begann, Kurse für Rennmechaniker anzubieten, in denen die Lehrlinge nicht nur ihr Handwerk, sondern auch die in allen Fahrerlagern der Welt benötigte Universalsprache Englisch erlernen konnten. Fünf Jahre später, nach dem WM-Titel und zwei mittelmäßig verlaufenen Abstechern in die 250er-Klasse, hängte Emilio Alzamora den Helm an den Nagel. „Mir war klar, dass meine weiteren Perspektiven als Rennfahrer limitiert waren. Ich hatte einen Titel in der Tasche, hatte zehn Jahre lang meinen Spaß als Grand Prix-Pilot gehabt, und nachdem ich mein Geld bereits in das Unternehmen gesteckt hatte, war es Ende 2003 Zeit, mich ganz auf die Monlau-Schule und die Monlau-Rennsportaktivitäten zu konzentrieren.“

Was vor 15 Jahren mit einer ersten Gruppe von 20 Lehrlingen begann, wurde zu einem solchen Erfolg, dass die Monlau-Schule mittlerweile jedes Jahr 240 geprüfte Mechaniker entlässt, die dort zum Preis von 6300 Euro pro Jahr zwei oder drei Jahre lang entweder tagsüber oder abends die Schulbank gedrückt haben. Die Hälfte der Studenten macht ihren Abschluss als Motorradspezialisten, die in MotoGP- und Superbike-Teams, in Offroad-Disziplinen wie Motocross und Trial sowie in der dazugehörigen Herstellerindustrie unterkommen. Für weitere 7800 Euro ist seit 2010 eine weiterführende Ausbildung mit abschließendem Ingenieur-Diplom im Angebot.

Nach dem Saisonfinale 2014 sofort weiter nach Jerez

Emilio Alzamora reiste nach dem Saisonfinale 2014 sofort nach Jerez weiter, um dort bei den ersten Moto2-Tests von Alex Márquez dabei zu sein und die Fahrweise seines Schützlings vom Streckenrand zu begutachten, so wie er es über Jahre hinweg auch mit Marc Márquez getan hat. Von der Alltagsarbeit in der Box hält er diskreten Abstand, im Dialog mit dem Fahrer genügen meist wenige Worte, um kleine Fehler zu korrigieren und Vorschläge für eine noch bessere Linienwahl oder noch bessere Körperhaltung zu machen.

Aus welchen Faktoren sich das Talent von Ausnahmekönnern wie den Márquez-Brüdern zusammensetzt, ist selbst für einen Mann mit sicherem Blick für solche Wunderkinder schwer in Worte zu fassen. „Wenn ein Fahrer elf, zwölf Jahre alt ist, trennt sich die Spreu vom Weizen, und es ist an der Zeit, ernsthaft an der Zukunft zu arbeiten. Manche Fahrer sind schnell, haben aber eine schlechte Linie, und du musst erklären, wo sie bremsen und wo sie beschleunigen müssen. Anderen ist das Rennfahren in die Wiege gelegt, und zwar nicht nur auf der Strecke, sondern auch wenn sie an der Box anhalten. Wenn Marc Márquez den Technikern erklärte, was mit dem Motorrad vor sich ging, hatte das von Anfang an ein hohes Niveau“, erklärt Emilio Alzamora.

Foto: 2snap
Er hat sich Träume erfüllt und eine Existenz in der Branche geschaffen, die er am meisten liebt: Emilio Alzamora fühlt sich wirklich privilegiert.
Er hat sich Träume erfüllt und eine Existenz in der Branche geschaffen, die er am meisten liebt: Emilio Alzamora fühlt sich wirklich privilegiert.

Emilio Alzamora hält sich mit Kritik zurück

Davon, die Grand Prix-Mittelklasse einfach zu überspringen und wie der Australier Jack Miller von einem Moto3-Moped direkt auf einen MotoGP-Renner umzusteigen, hält er wenig. „Es ist unnötig“, zuckt Emilio Alzamora die Schultern. „Miller ist ein junger Fahrer und hat bewiesen, dass er Talent hat. Doch natürlich muss er sich in gewissen Aspekten weiter verbessern, wenn er ein guter MotoGP-Fahrer werden will. Ich glaube an eine Entwicklung Schritt für Schritt, bei der der Fahrer auf dem Motorrad seinen Spaß hat und gleichzeitig feste Ziele verfolgt. Millers Ziel war, um die Moto3-Weltmeisterschaft zu kämpfen, und sein nächstes Ziel sollte sein, den nächsten Titel in der Moto2-Klasse ins Visier zu nehmen. Direkt in die MotoGP-Klasse aufzusteigen ist ein anderer Weg. Ich gehe nicht so weit, das als Irrweg zu bezeichnen. Ich sage nur, dass ich anderer Ansicht bin.“

Emilio Alzamora hält sich mit Kritik zurück, und das nicht nur, weil Honda ein wichtiger Partner geworden ist. Er ist ein Mensch der leisen Töne, der mit seinen wasserblauen Augen alles beobachtet, aber nicht alles kommentiert. Er lässt den Dingen ihren Lauf und strahlt eine unerschütterliche Ruhe aus, die vielleicht auch damit zusammenhängt, dass er sich selbst und der Welt längst nichts mehr beweisen muss. „Ich hatte viel Glück im Leben. Ich erfüllte mir einen Traum, wurde zum Rennprofi, gewann einen WM-Titel, und ich konnte in der Branche weiter­arbeiten, die mir am meisten gefällt und mich immer wieder inspiriert. Ich fühle mich privilegiert“, erklärt Alzamora. „Unsere Resultate sind die Früchte harter Arbeit und ständiger Versuche, das Glück auf unsere Seite zu bringen. Aber mir ist auch klar, dass es schwierig ist, den Erfolg festzuhalten und zu wiederholen. In Zukunft werden wir doppelt so hart arbeiten müssen, um auf unserem Weg zu bleiben und den jungen Talenten die besten Voraussetzungen zu bieten.“

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