Unterstützung aus der Heimat Sport: Vor Ort beim Bradl-Fanclub

Der Fanclub von Stefan Bradl hat klare Prioritäten: Der junge Bayer, der ein geniales erstes Jahr im MotoGP hinlegt, soll oben bleiben - vor allem auf seinem Motorrad, dann erst in der Rangliste der WM.

Foto: 2snap

Da reist einer wie Stefan Bradl, einziger deutscher MotoGP-Pilot, seit Jahren um den Globus, doch leuchtende Augen bekommt der 22-Jährige erst, wenn von den Fans in seinem Heimatdorf Zahling die Rede ist: „Die machen bei jedem Rennen Public Viewing“, erzählte er im MOTORRAD-Interview begeistert. „Da kommen richtig viele Leute, es waren schon mal um die 50 da.“ 50? Viele? Bradl bestreitet seine Rennen vor bis zu 100 000 Menschen an der Strecke und einem Millionenpublikum vor dem Fernseher - das sind wirklich viele. Doch offenbar hat die Begeisterung der Zahlinger Fans für ihn eine andere Qualität, weshalb MOTORRAD der Sache beim Indianapolis-Grand-Prix Mitte August auf den Grund ging.

Zahling liegt östlich von Augsburg und hat um die 600 Einwohner. Mitten im Dorf stehen die Kirche, ein Maibaum - und ein Feuerwehrhaus. An Rennwochenenden muss dort der Spritzenwagen weichen, denn sein Quartier wird zum TV-Saal umfunktioniert: improvisiert und doch professionell, mit Großleinwand, Projektor, Boxen, Bänken für die Zuschauer, Bradl-Fahnen mit bayerischem Rautenmuster an den Wänden und einer kleinen Getränketheke in der hinteren Ecke.

Die Übertragung des MotoGP-Rennens beginnt erst um 20 Uhr, doch schon am Nachmittag füllen sich Hof und Wiese vor dem Feuerwehrhaus und auch der Saal allmählich. „Klar, wir interessieren uns auch für die Moto2 und erst recht für die Moto3 mit Jonas Folger und Sandro Cortese und schauen uns auch diese Rennen an“, sagt Melanie Huster, zweite Vorsitzende und quirlige Seele des Fanclubs. Der wurde vor gut einem Jahr gegründet, als Stefans Erfolge immer stärker auf den Gewinn der Moto2-WM hindeuteten und das allgemeine Interesse an ihm stieg. 21 Leute waren es damals, alle aus Zahling und Umgebung. Inzwischen sind es 170 Mitglieder, die aus ganz Deutschland kommen. Stefan zu unterstützen, „ihm ein Feedback zu geben für seine unglaublichen Leistungen“ sind die obersten Ziele des Clubs, aber auch, Freunde und Fans aus erster Hand zu informieren.

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Foto: Bilski

Bei Rennen auf relativ nahen Strecken wie Sachsenring, Brünn, Mugello oder Misano ist der Club vor Ort, doch die aktuelle Veranstaltung in Indianapolis ist viel zu weit weg. „Dann kommen wir hierher und schauen uns das Rennen gemeinsam an“, erzählt Melanie. „Das hat sich schon in Stefans Moto2-Zeit so eingebürgert.“

Inzwischen geht es rund um das Feuerwehrhaus zu wie auf einem kleinen Dorffest, denn Bradls Fanclub ist keineswegs ein reiner Männerverein, das Geschlechterverhältnis scheint ausgeglichen. Auf dem Grill brutzeln die Steaks, Kinder spielen auf der Wiese Fangen, aus dem Saal dringen aufgeregte Reporterstimmen der Moto2-Übertragung. Immer mehr Clubmitglieder treffen ein, manche im offiziellen Bradl-T-Shirt des Clubs, andere in den orangefarbenen Hemden, die der Vorjahressponsor Viessmann zur Verfügung gestellt hatte, oder ganz einfach in Zivil.

Stefan kennen hier fast alle sehr gut, sind mit ihm groß geworden oder haben ihn heranwachsen sehen. Dass der kleine Ort Zahling nun unter deutschen Motorsportfans in aller Munde ist, nehmen sie gelassen. „Es ist ja nicht das erste Mal“, sagt der 72-jährige Lorenz. Er war Ende der 80er-Jahre schon im damaligen Fanclub von Stefans Vater Helmut, reiste mit zu nahen Rennen wie Hockenheim und an den Salzburgring und feierte 1991 mit ihm seine Vizeweltmeisterschaft in der 250er-Klasse.

Als Moto2-Weltmeister 2011 hat Stefan den Vater an Erfolgen bereits überflügelt, und möglicherweise ist sogar noch mehr drin - das spüren hier alle. Es geht auf 20 Uhr zu, der Fernsehsaal füllt sich, gut 60 Leute haben sich eingefunden. Stefan kommt von seinem fünften Startplatz gut weg und kreist wenig später sogar an vierter Stelle, das erste Podium seiner jungen Karriere scheint in Reichweite.

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Während der Werbeunterbrechung drängen die Zuschauer aus dem inzwischen reichlich stickigen Saal nach draußen, die Diskussionen drehen sich nur um eines: Was ist für Stefan heute drin? Doch als sich die TV-Reporter zurückmelden, ist er auf den sechsten Platz zurückgefallen, und dabei bleibt es.

Sind seine Fans jetzt enttäuscht? „Überhaupt nicht, im Gegenteil“, sagt Melanie mit Nachdruck. „Nach den ganzen Stürzen im Training sind wir erst mal froh, dass er oben geblieben ist. Und überhaupt: Mit so guten Plätzen, wie er sie ständig schafft, haben wir im ersten Jahr gar nicht gerechnet.“ Axel aus dem nahen Scheuring stimmt ein: „Das nenne ich echte Präzision. Der Stefan fährt ein Top-Ten-Ergebnis nach dem anderen ein, das war heute schon das zehnte in dieser Saison. Er könnte der beste MotoGP-Rookie aller Zeiten werden.“

Als Stefan Bradl vor den TV-Kameras erscheint, applaudiert der ganze Saal. Oft können seine Fans ihm aber auch persönlich sagen, wie stark sie seine Vorstellung finden, denn an jedem Dienstag nach einem Rennen trifft sich der Club zum Stammtisch im nahen Aichach. Sooft er Zeit hat, kommt Stefan dort auf ein Wort vorbei. Zurück von der Reise um den Globus, wieder daheim in Zahling, wo das Besondere im Normalen liegt.

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