Sport: Grand-Prix Phillip Island/AUS Die Schatzinsel

Nachdem sich Julian Simon als vorzeitiger 125er-Weltmeister den ersten Titel der Grand Prix-Saison 2009 sicherte, wurde auch für Moto-GP-Titelverteidiger Valentino Rossi Phillip Island unverhofft zur Schatzinsel.

Foto: 2snap
Auf unsicheren Beinen wankte Jorge Lorenzo durchs Kiesbett. Den blutgetränkten Helm hatte er längst weggeworfen. Blut strömte weiterhin aus seiner Nase. Daher beeilte sich ein Marshall, ihn auf dem Soziussitz einer Enduro ins Streckenspital zu chauffieren. ?Erst war mir angst und bange. Wegen des vielen Bluts im Helm befürchtete ich eine ernsthafte Gesichtsverletzung. Doch es war nur eine Schürfwunde an der Nase. Und am Daumen, nichts Schlimmes, erklärte der Spanier später. "Schlimm ist nur mein unverzeihlicher Anfängerfehler." Nach Tagen harter Arbeit, in denen er sich auch noch durch eine Lebensmittelvergiftung nach einer dubiosen Fischsuppe kämpfen musste, hatte er mit seinem Team verzweifelt nach der richtigen Abstimmung gesucht, um gegen die aberwitzig an der Spitze aufdrehenden Casey Stoner und Valentino Rossi bestehen zu können. Erst am Sonntagmorgen war er im Warm-up wieder vorn dabei gewesen. "Endlich hatte ich das Set-up, um mit Stoner und Rossi mitzukämpfen. Doch ich konnte die neue Abstimmung nicht eine Kurve lang genießen." Schon wenige hundert Meter nach dem Start, am Bremspunkt für die schnelle, berüchtigte erste Rechtskurve auf der Strecke von Phillip Island, knallte der Spanier ins Heck von Nicky Haydens Ducati. Eine der beiden Kohlefaser-Bremsscheiben seiner Werks-Yamaha zersplitterte - Lorenzo griff bei Tempo 200 ins Leere. Und warf mit seinem spektakulären Sturz alle Chancen und Hoffnungen über den Haufen, die nach seinen jüngsten Erfolgen im großen Titelkampf gegen Valentino Rossi aufgeflammt waren. Danach ging der 22-Jährige mit entwaffnender Offenheit mit sich selbst ins Gericht: "Ich war dieses Jahr noch nicht reif für den WM-Titel. Es war das Jahr, um Zweiter zu werden. Oder Dritter. Ich muss noch schneller werden. Und sicherer."  Durch Lorenzos dritten Rennsturz des Jahres nach Jerez und Donington Park war der Titelkampf so gut wie gelaufen. Und für Valentino Rossi war plötzlich alles ganz leicht. Tagelang hatte er über die richtige Rennstrategie in Phillip Island gegrübelt. Mit einem Jorge Lorenzo ganz vorn hätte es angesichts der Gleichwertigkeit der "Fantastischen Vier" an der MotoGP-Spitze leicht passieren können, von Casey Stoner und Daniel Pedrosa wie schon in Portugal aus den Podestplätzen gedrängt zu werden. Weshalb sich Rossi beim Australien-GP besonders ehrgeizig ins Zeug legte: Er dominierte den ersten Trainingstag, verlor in der Qualifikation nur eine Hundertstelsekunde auf die Pole Posi-tion von Ducatis Rekonvaleszent Stoner und war am Start überzeugt, Angriff sei die beste Verteidigung. Jetzt aber, mit Lorenzo außer Gefecht, konnte Rossi frühzeitig umdenken. Auf dem malerischen Inselkurs, der oft nahtlos in die Brandung des Südpazifik überzugehen scheint, ist es leicht, eine spannende Show zu bieten und dicht am Gegner zu bleiben, weil man sich nach der schnellen Zielkurve relativ bequem im Windschatten heransaugen kann. Nur das Überholen ist eine andere Geschichte: Die Strecke ist eher schmal, die schnellen Kurven auf komplexe Weise miteinander verwoben. Und wer sein Glück auf der Zielgeraden versucht, braust über eine Kuppe geradewegs auf das Meer zu und muss den Einlenkpunkt in die erste Rechtskurve fast blind erwischen. Kein Wunder, dass die Gerade, die schon viele prominente Opfer gefordert hat, nach einem der mutigsten Fahrer aller Zeiten, dem gerade 50 gewordenen 500er-Weltmeister von 1987, Wayne Gardner, benannt wurde. Weil Valentino Rossi in Le Mans und Donington Park gestürzt war, weil er nach einem weiteren Crash in Indianapolis gar sich selbst zum ?dummen Esel" gemacht hatte, weil sein ehemals stolzer 50-Punkte-Vorsprung auf 18 geschmolzen war und nur noch drei Rennen auf dem Programm standen, ging der ?Doktor" allen Risiken klug aus dem Weg. Er spielte mit dem führenden Casey Stoner, verkniff sich jedoch, mal näher am Hinterrad der Ducati, mal weiter weg, jeglichen Angriff. ?Valentino gilt als der Größte aller Zeiten, aber nicht nur wegen seiner Siege und WM-Titel. Er weiß eben auch, was die Zuschauer wollen, und er weiß, was der Sport als Ganzes braucht, sagt sein australischer Cheftechniker Jeremy Burgess. Und deshalb ließ Rossi seinen Gegner gewähren. Wäre es tatsächlich um alles oder nichts gegangen, hätte er Stoner sicher angegriffen und vielleicht auch besiegt. So aber gönnte Rossi Stoner den Erfolg, der sein Motorrad für den Rennsonntag in eine weiß, blau und rot leuchtende australische National-flagge verwandelt hatte und seinen dritten Heimsieg in Serie feierte - vor über 50000 begeisterten Zuschauern, darunter hochkarätige Rennfahrer-prominenz wie die einheimischen Ex-Weltmeister Wayne Gardner, Mick Doohan und Troy Bayliss. Wie seit Gardners Triumph beim ersten Grand Prix auf Phillip Island 1989 Tradition, fluteten die Fans anschließend die Zielgerade und strömten zu Zehntausenden unter dem Siegerpodest zusammen, wo sie in ihrer Begeisterung zwischen Stoner und Rossi hin- und hergerissen waren. "Rossi, marry me", flehte ein Aussie-Girl zum Beispiel auf einer großen Fahne, weil Stoner schon vergeben ist. Gute Partien sind beide, Phillip-Island-König Stoner, dem nichts mehr von seiner mysteriösen Krankheit anzumerken ist und der angriffslustig schwor, im nächsten Jahr wieder topfit um den Titel mitzukämpfen. Ebenso der achtfache Weltmeister, dem zu seinem neunten Triumph lediglich ein angesichts der momentanen Konkurrenzsituation kaum zu verfehlender vierter Platz in einem der letzten beiden Rennen genügt. ?Das heute war der schönste zweite Platz meiner ganzen Karriere, jubelte Rossi denn auch und kündigte an, eine Woche später beim Malaysia-GP in Sepang standesgemäß vollendete Tatsachen zu schaffen. "Rang vier in Sepang wäre ein trauriger Weg, den Titel sicherzustellen. Ich will um den Sieg mitkämpfen und mindestens einen Podestplatz erobern", so die selbstgestellte Aufgabe. Nachdem das Thema WM-Titel also so gut wie abgehakt ist, machte Rossi auch gleich in Sachen Zukunft reinen Tisch und räumte mit den vor allem in Italien erneut aufgeflammten Gerüchten auf, er werde womöglich schon 2010 zu Ducati wechseln. "Das Interesse von Ducati ehrt mich ebenso wie das der vielen Fans, die mich dort sehen wollen", erklärte er diplomatisch. "Doch diese Schlagzeilen sind völlig aus der Luft gegriffen, pure Erfindungen. Ich werde 2010 nicht wechseln, hundertprozentig. Denn erstens habe ich einen Vertrag und zweitens gar keine Lust, zu Ducati zu gehen. Ich fühle mich wohl, wo ich bin. Frühestens im nächsten Juni werde ich beginnen, über die Zukunft nachzudenken. Die grundsätzliche Frage wird dann sein, ob ich überhaupt genug Motivation habe, weiterzufahren. Erst danach werden wir weitersehen. Yamaha hat mir angeboten, meine Karriere auf der M1 zu beenden und auch darüber hinaus bei Yamaha zu bleiben. Das ist sehr verlockend", fügte er hinzu. "Meine Crew und ich sind jetzt seit fast zehn Jahren zusammen. Es hat sich eine Freundschaft entwickelt, die es uns bei Problemen sehr leicht macht zu reagieren. Das gibt man ungern auf." Eine solche Familienatmosphäre hat in diesem Jahr auch Julian Simon gefunden. Nach einem unsteten Zigeunerleben im Fahrerlager, das ihn von der 125er-Malaguti zu KTM, von dort auf eine 250er-Repsol-Honda und dann auch auf die Viertelliter-Repsol-KTM führte, kehrte der Spanier 2009 in die 125er-Klasse zurück und fand seinen Platz im Aprilia-Team der Rennlegende Jorge Martinez, der Siege und Titel am Fließband produziert. Ein Top-Fahrer im unbestrittenen Top-Team der kleinsten GP-Klasse, das war eine unschlagbare Kombination, die sich auch in Australien unter Beweis stellen sollte: Teamkollege Bradley Smith aus England war der Einzige, der die WM-Entscheidung mit einem Sieg noch weiter hätte verschieben können. Doch Simon setzte sich mit einem verwegenen Ausbremsmanöver im Finale des Rennens an die Spitze und krönte sein siebtes GP-Jahr mit dem hoch verdienten 125er-Titel. Aufgewachsen in dem kleinen, windzerzausten Flecken Villacaña irgendwo südlich von Toledo in der Region "La Mancha, wo einst Don Quijote gegen Windmühlen kämpfte und sich heute die holzverarbeitende Industrie eingenistet hat, würde er heute womöglich Türen schreinern, wenn ihn sein Onkel nicht frühzeitig auf ein Motorrad gesetzt hätte. Der kleine Knirps war bei seinen ersten Kindercross-Rennen so überlegen, dass er einmal mit neun Jahren bei einem Meisterschaftslauf von Castilla-La Mancha sogar abstieg, um pinkeln zu gehen - und am Ende trotzdem gewann. Jetzt ist Simon Weltmeister, doch der Erfolg dürfte keine Eintagsfliege bleiben. Simon bleibt im Aspar-Team und fährt 2010 auf einer Aprilia in der neuen Moto2-Klasse, wo er dank seiner 250er-Erfahrung bereits vorab zu den Favoriten gerechnet wird. Einer, der sich immer ehrgeiziger in den Kreis der möglichen Simon-Nachfolger in der Achtelliterklasse drängt, ist der Schwabe Sandro Cortese. Nach dem zweiten Platz in Portugal trumpfte er in Australien abermals mit einem Podestplatz auf und hätte noch viel mehr als den dritten Platz erreichen können, wenn er nicht das halbe Feld hätte überholen müssen. "Mit einem besseren Start wäre ich mit Simon und Smith mitgefahren. Ganz sicher", erklärte er selbstbewusster denn je.
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