Sport: MotoGP Brünn/CZ MotoGP Brünn/CZ

Der italienische Giga-Star Valentino Rossi fährt ab der Saison 2011 für Ducati und macht die MotoGP damit zu einer nationalen Angelegenheit. Die Art und Weise, wie dies den Tifosi und dem Rest der Welt mitgeteilt wurde, hätte auf jeder italienischen Theaterbühne für Beifallsstürme gesorgt. Der überzeugende Sieg seines Noch-Yamaha-Teamkollegen und Widersachers Jorge Lorenzo wurde dabei zum nebensächlichen Detail.

Foto: Archiv

Die Menschentraube stand dicht gedrängt zwischen den blau-weißen Yamaha-Trucks im Fahrerlager von Brünn. Zwei eher kleine Spanier waren besonders schlau und schleppten eine Stehleiter an, von der sie über alle Köpfe zu der blauen Tür sehen konnten, wo Valentino Rossi bald herauskommen und zu der Meute hinabsteigen würde.

Anders als an den Trainingstagen waren es keine Autogrammjäger. Jetzt um 17 Uhr, zwei Stunden nach Ende des Grand Prix von Tschechien, waren es internationale Medienvertreter, die live miterleben wollten, was Rossi der Welt zu sagen hatte. "Ich hatte wirklich gedacht, mithalten zu können. Doch ich hatte keinen Grip am Vorderrad", seufzte der Weltmeister schließlich in die vielen emporgereckten Diktiergeräte. "Mein Ziel ist immer noch, in dieser Saison einige Rennen zu gewinnen. Ich habe hundert Prozent gegeben, um nach meinem Sturz schnell wieder zurück zu kommen, nicht etwa nur neunzig. Das Gleiche erwarte ich nun von Yamaha."

Anders als die Crew seines Teamkollegen Jorge Lorenzo, die wegen des kühleren Wetters fürs Rennen die Gabel abgesenkt und damit mehr Druck aufs Vorderrad erzeugt hatte, hatte Rossis Team das Setup unverändert gelassen - und bezahlte mit einen enttäuschenden fünften Platz. Das war nicht nur eine weitere Niederlage gegen Jorge Lorenzo, der im Rennen gnadenlos davonzog. Es bedeutete auf der schwierigen, schnellen Brünn-Piste, auf der Rossi schon so viele Triumphe gefeiert hatte, auch die bittere Kapitulation gegen Yamaha-Jungstar Ben Spies, der schon im Training als Zweiter überrascht hatte und Rossi nun abermals davonzog - um über vier Sekunden.

Doch die Journalisten wollten von Rossi etwas ganz anderes wissen, über seinen Transfer zu Ducati nämlich, den die Spatzen schon seit Wochen von den Dächern pfeifen und der um 18 Uhr mit vorgefertigten offiziellen Erklärungen von Yamaha und Ducati bestätigt werden sollte. Weil Ben Spies auf Rossis Platz im offiziellen Fiat-Yamaha-Werksteam nachrücken wird, plauderte dessen Noch-Chef im Tech3-Yamaha-Satellitenteam, Hervé Poncharal, bereits voreilig über seine 2011er-Fahrerpaarung Colin Edwards und Cal Crutchlow, Yamahas Superbike-As. Und um 16 Uhr, eine Stunde nach Ende des MotoGP-Rennens, spukte in der Ducati-Homepage gar schon eine Meldung mit dem Titel "Rossi offiziell in rot" umher, die kurze Zeit später hastig wieder gelöscht wurde.

Trotzdem hielt sich der Doktor an die vereinbarten Spielregeln. "Meine Zukunft? Weiß nicht", lächelte Rossi spitzbübisch. "Jetzt ist es 17.15 Uhr, in 45 Minuten werden wir sehen. Ich bin selbst neugierig." So geriet die wochenlang auf diesen Termin hin geplante Ankündigung zu einem kuriosen Spektakel, bei dem sich die Versatzstücke erst über mehrere Stunden hinweg zu einem kunterbunten Mosaik zusammenfügten. Den Anfang machte, fast pünktlich um 18.01 Uhr das Fiat-Yamaha-Team mit einer offiziellen Erklärung, in der die Trennung bestätigt wurde und Yamaha-Teamdirektor Lin Jarvis seinem Fahrer für die geleistete Arbeit dankte und ihm viel Glück für sein neues Abenteuer wünschte.

Fünf Minuten später machte es abermals "pling" auf den Computern. Jetzt war ein Statement gleichen Absenders da, in dem sich Valentino Rossi selbst zu Wort meldete. "Es ist schwierig, diese sieben Jahre mit Yamaha in wenige Worte zu fassen", so der große Meister. "Viele Dinge haben sich seit meiner Ankunft dort im Jahr 2004 geändert, vor allem meine M1. Damals war sie ein schlechtes Motorrad, das die meisten MotoGP-Piloten belächelten. Inzwischen lächelt sie in ihrer Garage, ist umschwärmt und bewundert und wird als Beste ihrer Kategorie verehrt. Meine Arbeit bei Yamaha ist beendet. Unglücklicherweise sind selbst die schönsten Liebesaffären irgendwann vorbei. Es bleiben schöne Erinnerungen wie die, als meine M1 und ich uns erstmals im Gras von Welkom geküsst haben, als sie mir direkt in die Augen schaute und sagte: Ich liebe dich."

Danach war Ducati an der Reihe. Um 18.30 Uhr landete die Bestätigung des Zweijahresvertrags mit Rossi in den elektronischen Briefkästen, mit einem Kommentar von Ducati-Corse-Chef Filippo Preziosi, in dem er Rossi als Gegner bis zum Jahresende bezeichnete, ihn für die Zeit danach aber als Traumpartner für das aufregendste und ehrgeizigste Projekt der Ducati-Geschichte hochleben ließ.

Wieder eine halbe Stunde später lud Ducati-Präsident Gabriele del Torchio zu einer 23-minütigen Pressekonferenz, bei der auch er seine Freude über Valentinos Vertragsunterschrift zum Ausdruck brachte und Details erklärte. "Die Schlüsselfigur bei dieser Vereinbarung ist Filippo Preziosi, der die Desmosedici erschaffen und dessen Verhältnis mit Valentino sich über die Jahre immer mehr intensiviert hat. Er ist der König dieses Vertrags, der nicht wegen des Geldes unterschrieben wurde", hielt er fest. Auf die naheliegende Frage, ob Ducati der Rossi-Vorliebe für Gelb - im übrigen die zweite italienische Rennfarbe, in der Fußballer-Welt wäre es das Auswärtsdress - entgegenkommen würde, hatte er eine schnelle Antwort parat: "Ducati wird auch in Zukunft rot bleiben."

Abends um acht wandte sich Valentino Rossi dann erstmals selbst an die Fans. Auf seiner Homepage www.valentinorossi.com läuft seitdem ein zweiminütiges Video, in dem er, leger und neutral gekleidet, den Wechsel bestätigt, von fantastischen, unvergesslichen Jahren und großartigen Rennen mit Yamaha redet und von einer neuen, für einen Fahrer seines Alters so wichtigen Herausforderung bei Ducati.

Die eher schmerzlichen Details, welche dieser Wechsel mit provoziert hatte, kamen freilich nirgends zur Sprache: Dass Yamaha mit Lorenzo und Spies konsequent auf die Jugend gesetzt und Rossi zwangsläufig zu einer Art Auslaufmodell gemacht hatte. Dass Jorge Lorenzo 2011 deutlich mehr, Rossi bei einem Verbleib bei Yamaha aber deutlich weniger als bisher verdient hätte. Dass Doktor h.c. Rossi über Jahre hinweg die totale Kontrolle über seine M1 und das Yamaha-GP-Team mit jedem Lorenzo-Erfolg etwas weiter entglitten war. Dass der Wechsel zu Ducati somit nicht nur in der italienischen Passion für den Motorradsport begründet lag, sondern auch darin, dass es für Superstar Rossi unerträglich gewesen wäre, bei Yamaha im Schatten von Lorenzo weiterzumachen, und dass es folglich zum Ducati-Deal gar keine echte Alternative gegeben hatte.

Über derartige Details spricht man nicht, wenn der alte Vertrag noch läuft und ein neuer, ebenso lukrativer Deal vor der Tür steht. Für alle Beteiligten steht viel auf dem Spiel, mit großen Enthüllungen ist also auch weiterhin kaum zu rechnen.

So feierte Jorge Lorenzo seinen siebten Saisonsieg zwar mit einem durchaus passenden Gag, als er auf seiner Ehrenrunde vom Motorrad stieg, einen Golfschläger in die Hand nahm und einen Ball auf einem kleinen Putting Green neben der Brünn-Piste im Loch Nummer sieben versenkte - Sinnbild für ein gelungenes Rennen und für den ebenfalls so gut wie eingelochten WM-Titel. Zur anstehenden Vertragsverlängerung mit Yamaha ließ er sich jedoch keine Silbe entlocken.

Bedeckt gibt sich auch Casey Stoner, der hinter Lorenzo und Honda-Werksfahrer Daniel Pedrosa in Brünn einsamer Dritter wurde. Er könnte viel über sein künftiges Honda-Engagement erzählen, wenn er nur wollte. Wie gut ihm das Motorrad schon 2006 im LCR-Team gefallen hatte, wie mächtig das Honda-Werk seit einigen Monaten aufrüstet, wie sehr ihn der Gedanke an die anderen beiden australischen Honda-Weltmeister Wayne Gardner und Mick Doohan anspornt.

Doch Stoner sagt nichts. Noch ist er bei Ducati unter Vertrag. Nicht ausgeschlossen, dass er das Stillschweigen auch künftig beibehält, wie damals Eddie Lawson, der 1989 nach seinem spektakulären Umstieg von Yamaha zu Honda alle Fragen zum Vergleich der Motorräder mit einem gelangweilten "jedes Motorrad hat Vor- und Nachteile" abgeschmettert hatte.

Selbst Andrea Dovizioso redet zurzeit nicht viel. Dabei hätte der Italiener allen Grund dazu. Im Repsol-Honda-Vertrag des WM-Tabellenvierten steht klipp und klar, dass er Werksfahrer bleibt, wenn er in der WM zu Saisonmitte unter den Top fünf liegt. Trotzdem will ihn Honda-Teammanager Livio Suppo nun ins Gresini-Team abschieben, wo bislang Marco Simoncelli und Marco Melandri eine Art zögerlicher Werksunterstützung genießen. Dovizioso lehnte unter heftigen Protesten ab, sagt nach außen aber nur, man sei im Gespräch. Böse Worte wären auch für ihn zu gefährlich, weil das Verfahren in der Schwebe ist.

Was Doviziosos Situation kompliziert macht, ist der Honda-Vertrag mit Stoner, weil auch der ins Werksteam integriert werden muss. Für das Stoner-Superteam mit separater Struktur fehlt derzeit das Geld. Sponsoren wie etwa Red Bull ließen sich bislang nicht für die Idee begeistern.

Dass Honda das dringliche Problem, die Verteilung von zu vielen Fahrern auf zu wenige Plätze, zuerst lösen muss, ist mit ein Grund dafür, warum sich das Gerücht einer möglichen Trennung zwischen Rossi und Cheftechniker Jeremy Burgess nicht weiter erhärtet. In Brünn hieß es nun doch, Rossi werde nicht weniger als zwölf Leute von Yamaha nach Ducati mitnehmen, darunter sämtliche Mechaniker. Offiziell bestätigt ist dieser Teil des Deals allerdings noch nicht.

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