Sport: MotoGP MotoGP in Jerez/E

Kaltblütig verfolgte Jorge Lorenzo zunächst seine Gegner Pedrosa und Rossi, überrumpelte sie dann in einem heißen Finale und brauchte für die anschließende Abkühlung all sein schwimmerisches Können.

Foto: 2snap
Die Aufholjagd war nichts für schwache Nerven. Acht Runden vor Schluss lag Jorge Lorenzo noch 1,3 Sekunden hinter Valentino Rossi und 2,7 hinter dem führenden Daniel Pedrosa. Vier Runden vor dem Ziel erwischte er seinen Yamaha-Senior-Partner Rossi, in der vorletzten Runde klopfte er an der Verkleidung von Pedrosas Honda an, in der letzten quetschte er sich schließlich mit einem harten, entschlossenen Bremsmanöver an seinem Gegner vorbei und gewann.

"Lorenzo hat heute etwas geschafft, was mir immer schwerfiel: Voll weiterkämpfen, auch wenn die Abstände zu den Gegnern vor dir nicht zu schrumpfen scheinen", anerkannte Rennlegende Kevin Schwantz, als Fernsehreporter vor Ort, "statt ungeduldig zu werden, holte er am absoluten Limit drei, vier Zehntelsekunden pro Runde auf."

Noch unterhaltsamer als das Rennen war die anschließende Siegesfeier, bei der der Spanier zur Abkühlung in einen im Infield der Jerez-Piste angelegten Bewässerungsteich hüpfte und loszukraulen begann. Weil sich Helm und Leder sofort mit Wasser füllten, wäre Lorenzo fast abgesoffen und vom strahlenden zum traurigen Helden geworden, weshalb wir den Spaß nicht zur Nachahmung empfehlen.

Dennoch war der gewagte Sprung geplant. "Es gibt nur drei Strecken mit Wasser in der Nähe: Phillip Island, doch der Ozean dort ist sehr kalt, außerdem schwimmen Haifische herum. Außerdem Valencia-Cheste, mit einem See. Und dieser Teich in Jerez, weshalb wir uns am Donnerstag schon ausgemalt haben, wie lustig es wäre, wie der Teufel loszurennen und aus vollem Lauf hineinzuspringen", verriet Lorenzo.

Es war eine Feier, die einen der Lorenzo-Gegner ganz besonders schmerzte. Valentino Rossi musste sich seinem jungen Teamkollegen nicht nur auf der Strecke geschlagen geben, woran eine lädierte Schulter (Sturz beim Moto Cross-Fahren zwei Wochen zuvor) und eine missglückte Abstimmung (zu wenig Reifen-Grip in voller Schräglage) Schuld waren. Sondern auch in Rossis Paradedisziplin, den Gags nach der Zieldurchfahrt. Während dem Italiener allmählich die Ideen ausgehen, war die Lorenzo-Show so authentisch wie seine Begeisterung, die sich nicht nur auf die 122000 Zuschauer an der Strecke, sondern auch auf Millionen vor den Fernsehbildschirmen übertrug.

Endlich, so scheint es, gibt es einen Fahrer mit dem Format, um dereinst das Erbe des nicht mehr ganz jungen Herrn Rossi anzutreten. Einen, der mindestens genauso stark fährt, der eine vergleichbare Show bietet, der genauso kameraverliebt ist und, alles in allem, ebenso sympathisch auftritt. Lorenzo entpuppt sich 2010 endgültig als der große Rivale neben Rossi - und ist gleichzeitig die Speerspitze eines spanischen Wunders, das quer durch alle Klassen ständig immer neue Supertalente produziert. Nicht weniger als 28 spanische Piloten waren beim Heim-Grand Prix in Jerez de la Frontera am Start. In allen Klassen blieben die Siege im Land und das Podium der 125-cm?-Klasse war sogar komplett in der Hand der iberischen Junghelden.

Darüber hinaus stehen in den Nachwuchsformeln, von regionalen Serien bis zur internationalen spanischen Meisterschaft CEV Dutzende weiterer Topfahrer Schlange. Seit dem rasanten Aufstieg von Daniel Pedrosa, in Jerez dank eines neuen Fahrwerks an seiner Werks-Honda auf der Pole Position und bis zu Lorenzos Schlussangriff in Führung, haben sich in Spanien zahlreiche Nachwuchs-Wettbewerbe nach dem Vorbild des legendären MoviStar-Cups entwickelt. Früher als irgendwo sonst in der Welt dürfen sich die spanischen Teenager dabei auf echten GP-Strecken austoben, denn schon die regionalen Meisterschaften werden in Barcelona, in Valencia und in Jerez ausgetragen. "Bei uns in Deutschland gibt es inzwischen auch mehr Strecken. Doch das sind meist Stop-and-go-Kurse, auf denen man einen ganz anderen Fahrstil lernt als auf den schnellen, flüssigen GP-Kursen", erklärt Dietmar Franzen, Techniker von Arne Tode, der in der Moto2-WM Eingewöhnungsschwierigkeiten hat.

Doch auch abseits der bekannten GP-Bahnen wimmelt es in Spanien von Trainingsgelegenheiten: Nicht weniger als 20 Strecken zählt das Land, die neueste davon, in Navarra, wird im Juli eingeweiht. Überall gibt es Trainingstage, wo man für wenig Geld mit der eigenen Maschine anrücken und das ganze Jahr über ohne Winterloch für den Rennsport trainieren kann.

Und wenn ein Grand Prix ausfällt wie in diesem Jahr erneut der in Ungarn im September, kann Dorna-Chef Carmelo Ezpeleta im Handumdrehen ausweichen, wie in diesem Beispiel auf das neue Motorland Aragón, wo für eine solch prestigeträchtige Veranstaltung selbst im heutigen Spanien noch leicht Geld der Provinz-Regierung von Aragón abzuzapfen ist. Streckenchef Tomé Alfonso war im Übrigen schon für den Aufbau der Losail-Strecke in Qatar verantwortlich. Damit gibt es 2010 sage und schreibe vier WM-Läufe in Spanien, eine inflationäre Zahl, die Ezpeleta 2011, dann endlich mit Ungarn sowie dem neuen Schauplatz Abu Dhabi, wieder auf drei reduzieren will.

Egal, wie viele es am Ende werden: Die spanische Hymne wird an all diesen Schauplätzen erklingen, denn es gibt einfach sehr viele gute spanische Piloten - zu viele, wie selbst manche Kritiker im Heimatland meinen. Denn die Regelmäßigkeit nimmt den Erfolgen den Reiz des Besonderen. "Es stimmt, wir sind viele, und wir sind stark. Aber wir können nicht das Gas zurückdrehen, nur damit auch mal ein Engländer oder ein Franzose gewinnt", zuckt 125er-Jerez-Sieger Pol Espargaro die Schultern. Einer seiner neuen Teamchefs ist Ex-Kawasaki-MotoGP-Manager Harald Eckl, und wenn Espargaro nächstes Jahr in die Moto2-Klasse aufsteigt, könnte für ihn ein deutscher Nachwuchsfahrer in das überaus erfolgreiche Derbi-Team nachrücken. Anders als in Spanien ist bei uns die Auswahl allerdings eher begrenzt: Nach derzeitigem Stand käme hauptsächlich Jonas Folger in Frage.

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