Sport: MotoGP MotoGP-Projekt von FB Corse

Die MotoGP-Maschine von FB Corse trägt das Erbe des beerdigten BMW-Projekts, dessen 2006 bei Oral Engineering entworfene Technik italienische Enthusiasten zu Ende entwickelten. Mit Routinier Garry McCoy soll die Maschine in der WM fahren.

Foto: Archiv
Die Spannung in der Box knistert. Die Augen aller unmittelbar Beteiligten starren auf das schwarze Motorrad. Der externe Starter greift in die Verzahnung im Kurbelwellenstumpf, das Zwitschern des Elektromotors bricht die Stille. Als infernalisches Getöse losbricht, löst sich die Spannung. Das FB Corse-Baby lebt.

Mit kurzen Gasstößen wird es angewärmt, und nachdem Chefingenieur Franco Ancionetti die Anzeigen im Display kontrolliert hat, übergibt er das Motorrad an Garry McCoy. Knapp zwei Minuten später jagt der Australier zum Jubel des Teams über die Zielgerade. Die erste Runde ist geschafft.

Mehr als zwei Jahre haben die Mannen von Oral Engineering an dem Dreizylinder gearbeitet. Seit BMW Mitte 2007 den Stecker gezogen und das beim Entwicklungslabor des früheren Ferrari-Formel 1-Konstrukteurs Mauro Forghieri in Auftrag gegebene MotoGP-Projekt ad acta gelegt hat, haben sie den Motor über Hunderte von Stunden auf dem Prüfstand weiter verfeinert. "Wir hatten Technik vorgesehen, die es im Motorradsport noch nie gegeben hat", verrät Massimo Giovanne, Vater des Dreizylinders. "Der Motor ist so extrem ausgelegt wie ein Formel 1-Triebwerk. Normalerweise funktioniert das in einem Motorrad nicht. Doch wir haben so lange auf dem Prüfstand gearbeitet, bis wir es doch geschafft hatten."

Damit meint Giovanne die extrem kurzhubige Auslegung - vermutlich im Verhältnis 91 zu 41 mm - und die geringen Schwungmassen. So groß ist die Bohrung, dass Marc Butler, der den Rahmen des MotoGP-Renners gebaut hat, feststellen musste: "Er ist nicht schmaler als die Reihen-Vierzylinder von Yamaha und Kawa-saki." Der an den Rollstuhl gefesselte Inge-nieur hatte schon für Kenny Roberts‘ GP-Maschinen Rahmen gebaut, die Hebelumlenkungen und Gabelbrücken für Leon Haslams Stiggy-Honda-Superbike entworfen, war bei KTM und auch für die Konstruktion des aktuellen FTR-Moto2-Rahmens verantwortlich. Dem MotoGP-FB-Corse hat er ein Chassis verpasst, dessen Leichtmetallprofile aus dem Vollen gefräst und miteinander verschweißt sind. Federung und Dämpfung übernehmen eine Öhlins-FGR-900-Gabel samt TX 36-Federbein. Dafür steht ein Techniker des italienischen Öhlins-Importeurs Andreani beratend zur Seite.

Bridgestone hat einen LKW mit Reifen und Monteur zur Jungfernfahrt nach Valencia geschickt. Die Räder des MotoGP-Projekts stammen von MFR, der neuen Firma des legendären Roberto Marchesini. Brembo liefert die Bremsen. Plastic Bike hat die Verkleidung im Windkanal entwickelt und gebaut, die Fußrastenanlage und Hebeleien stammen von LighTech. Alles jedoch, was sich im Motor bewegt, wurde von Oral Engineering selbst gefertigt.

Der Motor hat zwei zahnradgetriebene Nockenwellen und pneumatische Ventilfedern. Zurzeit werden die Ansaugtrompeten und Drosselklappen über Stellmotoren betätigt und gesteuert von einer Marelli-Marvel-4-Elektronik. Etablierte MotoGP-Teams verwenden bereits Systeme der nächsten Generation, doch FB Corse setzt vorerst lieber auf bewährte Technik.

Ursprünglich war eine elektrohydraulische Steuerung der Ansaugtrichter, Drosselklappen sowie der Schaltwalze vorgesehen. Formel 1-Technik, die mittlerweile im MotoGP-Reglement verboten ist. Dank einer Ausnahmeregelung dürfte das Team sie vorerst dennoch einsetzen. Das ist im Moment jedoch unwahrscheinlich, denn beim Rollout zeigten sich die gleichen Probleme wie bei allen bisherigen Motorrädern mit Formel 1-Technik: Sie entwickeln einen irren Klang, sind auf der Geraden unglaublich schnell, doch wegen der giftigen Leistungsentfaltung und ruppigen Lastwechsel in kurvigen Passagen äußerst diffizil zu fahren. FB Corse will das Problem über die Feinabstimmung der Elektronik in den Griff bekommen, steht aber noch am Anfang. McCoy fuhr an zwei von drei Tagen sogar ohne Traktionskontrolle. Es ist den Italienern zu wünschen, dass sie die Technik in den Griff bekommen. Sie haben schließlich nicht irgendein Erbe angetreten.

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