17 Bilder

Hintergrund: Rossi zu Yamaha Was bewirkt Rossis Rückkehr zu Yamaha?

Rossis Rückkehr zu Yamaha ist für die meisten MotoGP-Fans die beste Nachricht seit Langem. Aber findet der einstige Superheld dort wieder zu seiner alten Stärke zurück?

Was kann Valentino Rossi in der kommenden Saison bei Yamaha erreichen? Wird er den fünften Titel mit der Marke gewinnen oder erkennen müssen, dass er seinen Zenit überschritten hat und Richtung Rente fährt? Rossi wird alles in seiner Macht tun, um wieder zu gewinnen. Aber das war nicht die Haupttriebfeder hinter seiner spektakulären Rückkehr zu Yamaha, mit denen er zwischen 2004 und 2010 so erfolgreich war. Der wahre Grund, die M1 wieder zu fahren, ist simpel: Er will die letzten Jahre im MotoGP wieder Spaß am Fahren haben und sie nicht als Entwicklungspilot vergeuden, der ein widerspenstiges Motorrad in die Spitze zurückbringen soll und dabei etliche Male schmerzhaft stürzen könnte.

Genau das kann ihm Ducati nicht bieten. Rennfahren macht Rossi gerade keinen Spaß mehr, ihm fehlt die Chance, um gute Plätze kämpfen zu können - vom zweiten Platz in Misano im September einmal abgesehen. Er fährt zu den Rennen mit der Ungewissheit, ob er sich nicht beim nächsten Sturz schwer verletzen wird. Mit der Ducati ist Rossi im letzten Jahr zwölf Mal gestürzt, während er für die gleiche Zahl bei Yamaha drei Jahre brauchte. Die physischen Leiden all der letzten Stürze - und die Furcht vor noch mehr - hat in seiner Entscheidung für den Wechsel eine ganz große Rolle gespielt.

Anzeige
Foto: 2snap

In den beiden Jahren bei Ducati gab es sicher Momente, in denen Rossi nicht so engagiert gefahren ist, wie es einer wie er kann. Aber wer will ihm das verdenken? Rossi ist nicht der einzige Top-Racer, der das Risiko scheute, wenn es sich nicht gelohnt hat. Aber der Italiener wehrt sich heftig gegen Vorwürfe, die Verbindung Rossi-Ducati sei deshalb fruchtlos geblieben, weil er nicht genug gepusht hätte. „Das stimmt nicht, dass wir es nicht versuchen“, protestiert Rossi. „Wir geben unser Bestes. Aber wir schaffen keine Ergebnisse - furchtbar. Das ist tragisch für mich, für Ducati und die Fans.“ Es täte ihm schließlich auch für die Ducati-Leute leid, von denen viele Freunde geworden seien. „Wir hatten tolle Momente zusammen, aber keinen Erfolg.“


Bei Ducati versuchten sie so verzweifelt Rossi zu halten, dass man den ehemaligen Yamaha-Renningenieur Masao Furusawa ins rote Lager locken wollte und Rossi viermal mehr bot, als er jetzt bei Yamaha bekommt. Mit seiner Absage hat Rossi schließlich die Chance (wie klein sie auch immer war) in den Wind geschlagen, der größte Held aller Zeiten zu werden und mit dem italienischen V4 den Titel zu holen. Kein Wunder, dass ausgerechnet Casey Stoner Rossi jetzt scharf kritisiert - der einzige Fahrer, der die Weltmeisterkrone für Ducati gewann: „Nach zwei solchen Jahren muss es für Rossi echt hart sein. Das ist doch peinlich“, so Stoner. „Mir tut Ducati leid. Alles, was er tat, war sich zu beklagen.“

Anzeige
Foto: 2snap
Katar-GP, April 2012. Startplatz: 12, Rennen: 10. Beim ersten Rennen der neuen Saison sind die Erwartungen an das neue Aluminium-Chassis hoch, aber es führt zu nichts. „Wir haben riesen Probleme mit dem Untersteuern. Ich verliere viel Zeit beim Gasgeben, aber noch schwieriger ist es, das Bike am Kurveneingang einzulenken. Die üblichen Probleme, nur schlimmer.“
Katar-GP, April 2012. Startplatz: 12, Rennen: 10. Beim ersten Rennen der neuen Saison sind die Erwartungen an das neue Aluminium-Chassis hoch, aber es führt zu nichts. „Wir haben riesen Probleme mit dem Untersteuern. Ich verliere viel Zeit beim Gasgeben, aber noch schwieriger ist es, das Bike am Kurveneingang einzulenken. Die üblichen Probleme, nur schlimmer.“

Rossi bremst jetzt natürlich die Erwartungen für die kommende MotoGP-Saison, indem er betont, dass er nach zwei solchen Jahren gar nicht mehr wüsste, wie schnell er wirklich ist. „Ich will herausfinden, ob ich noch schnell bin. Ich weiß es nicht, niemand weiß es. Ich rede nicht über Titel, zuerst muss ich sehen, ob ich um die erste Startreihe und das Podium mitkämpfen kann.“

Jorge Lorenzo ist zweifellos sehr unglücklich darüber, dass Yamaha Valentino Rossi wieder mit offenen Armen aufnimmt. Was auch immer die Yamaha-PR uns glauben machen will: Die beiden sind alles andere als Freunde. Erinnern wir uns nur an Rossis Abschiedsspruch von 2010: „Jorge ist doch toll. Er hat es jetzt geschafft, dass alle Fahrer Lorenzo hassen. Ich würde nicht sagen, dass er intelligent ist, das ist ein großes Wort, aber er ist gerissen.“ Lorenzo ist sicher nicht dumm, weshalb er in der Öffentlichkeit immer den Anschein erweckt, als hätte er mit Rossis Rückkehr überhaupt kein Problem. Wie alle großen Racer dreht er das Negative ins Postive: „Für mich ist es toll, wieder mit Valentino in einem Team zu sein“, sagte der Spanier unlängst und biss sich auf die Unterlippe. „Für Yamaha ist es großartig, fürs Image und eventuell auch für die Ergebnisse. Für Valentino wird es eine große Motivation sein, wieder um Rennsiege zu kämpfen und für mich, ihn zu schlagen.“

Für den MotoGP ist Rossi auf einem konkurrenzfähigen Motorrad unschätzbar wertvoll. Die TV-Zuschauer wollen echte Fights sehen und dieser teaminterne Zweikampf dürfte für gute Einschaltquoten sorgen. Aber wie wird das Ende für Rossi dabei aussehen? Sein Cheftechniker über all die Jahre, Jeremy Burgess, sprüht nicht gerade vor Selbstvertrauen: „Rennsiege haben wir natürlich auf dem Schirm, aber ob er Titelchancen hat, ist eine andere Frage.“ Jedenfalls werden wir 2013 einen neuen Rossi erleben.

Bis 2010 kannte der Italiener nur den Erfolg. Mit Aprilia, Honda und Yamaha wurde er immer Weltmeister. Jetzt ist er zum ersten Mal in seinem Leben komplett gescheitert. Kein Zweifel - 2011 und 2012 waren für den „Doctor“ eine deprimierende und ernüchternde Erfahrung. Dazu hält sein Wechsel ein weiteres ernüchterndes Detail bereit: Erstmals ist er nur die Nummer zwei in einem Werksteam - in dem er auch noch jahrelang der unangefochtene Platzhirsch war. Es wird spannend, ihn zu beobachten, wie er aus der Defensive zurückschlagen wird. Und obwohl es für Rossi unendlich wichtig sein wird, Lorenzo zu schlagen, hat ihm sein neuer Arbeitgeber Fußfesseln verpasst.

Foto: 2snap

Yamaha wird solche Schlachten zwischen den beiden, wie 2010 in Motegi, nicht mehr tolerieren. Damals hat Rossi die Hörner gegen Lorenzo ausgefahren und den Spanier brutal zermürbt, als dieser seinen ersten Moto-GP-Titel einfahren wollte. „Wir haben über dieses Rennen gesprochen und klar gemacht, dass wir nicht mehr zuschauen werden, wie ein Yamaha-Fahrer die Ergebnisse eines anderen Yamaha-Fahrers gefährdet“, sagt Yamaha-Rennleiter Lin Jarvis. Ob Rossi Jarvis gut zugehört hat? Er war noch nie gut darin, das zu tun, was andere ihm vorschreiben wollten. 

Was lief schief? Zwei Hauptprobleme machten Rossis Anspruch, mit der Ducati zu gewinnen, zunichte: Untersteuern und brutale Leistungsentfaltung. Es ist eigentlich unglaublich, dass es Ducati nicht geschafft hat, diese beiden Punkte in den Griff zu bekommen - aber so ist es. Man bedenke: Im ersten Rennen mit Ducati fehlten Rossi 16 Sekunden, im Rennen in Indianapolis diesen August waren es nach über einem Jahr satte 57. Im ersten Jahr plagten Rossi das fehlende Gefühl fürs Vorderrad und die Leistungsentfaltung des V4. Die heftig diskutierte Entscheidung, das Ducati-eigene Karbon-Monocoque-Chassis gegen ein konventionelles Aluminium-Brückenrahmen-Chassis zu tauschen, löste weitestgehend das erste Problem. In diesem Jahr war das Untersteuern problematisch. Rossis Desmosedici treibt in Kurven nach außen, so dass er nicht hart und früh genug ans Gas gehen kann. Dadurch verliert er zu viel Zeit, besonders auf die Geraden hinaus. Vielleicht etwas überraschend angesichts von Rossis Abschied glaubt sein Crew-Chief Jeremy -Burgess, dass Ducati das in den Griff bekommt: „Es ist uns nicht gelungen, ein passendes Bike für Valentino zu bauen, aber Ducati ist ganz nah dran. Das glaube ich ganz ehrlich“, so der Australier. „Es ist immer dieses letzte halbe Prozent, die halbe Sekunde, die so schwer zu finden ist.“

Foto: 2snap

Für Burgess war Ducatis zu langsame Entwicklung schuld an Rossis Wechselentscheidung: „Wir standen im ersten Rennen des Jahres nur auf Startplatz zehn und haben das ganze Jahr über kein neues Chassis erhalten“, so Burgess. „Wäre das einem Japaner passiert, hätten die sofort mit mehreren Chassis-Varianten fürs nächste Rennen reagiert. Vor ein paar Jahren gab Honda Pedrosa allein in einem Jahr neun Chassis.“ Auch die generelle Herangehensweise an ein Rennmotorrad ist bei Ducati grundlegend anders. „Ducati konstruiert immer noch einen Rahmen um einen Motor herum, anstatt einen Motor für ein geeignetes Chassis zu bauen“, so Burgess weiter. „Wir brauchen neue Kurbelwellengehäuse, weil wir den Motor so nicht mehr weiter anheben können, denn sonst wandert das Ritzel ebenfalls immer weiter nach oben, was wiederum den Schwingendrehpunkt beeinflusst und damit das Handling. Man denkt also, man bekommt bis Le Mans die neuen Gehäuse, aber wir haben eigentlich immer noch dasselbe Motorrad wie bei den Vorsaison-Tests.“ „Es gibt noch andere kleine Dinge. Die Honda beispielsweise nimmt uns am Kurvenausgang so viele Meter ab, weil sie ganz sanft ans Gas geht, die Yamaha ist da sogar nochmal einen Schritt besser. Sie haben Primär- und Sekundäreinspritzung, wir einfache Einspritzung.“

Trotz dieser Kritik gibt Burgess zu, dass ihm Rossis Verbleib bei Ducati lieber gewesen wäre, um den Job zu Ende zu bringen. „Aufgeben ist nicht mein Ding, aber ich habe Valentino immer gesagt, dass ich dahin gehe, wo er hingeht. Für Ducati war das sicher ein Weckruf, dass sie den Fokus wesentlich mehr auf die Entwicklung eines Motorrads für die Fahrer von morgen legen müssen. Wenn sie vorwärts machen und auf Dovizioso hören, könnten sie in ein paar Jahren uns allen damit ganz schön weh tun.“

Themenseiten

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote

Alle Artikel