Valentinos Wechsel Die Uhr Tickt

Valentino Rossi ließ sich beim Misano-Grand Prix regelmäßig den Wecker stellen. So richtig aufwachen wird er aber wohl erst nach seinem Wechsel zu Ducati - denn bei Yamaha sind die schönsten Zeiten abgelaufen.

Foto: 2snap

Der Schien- und Wadenbeinbruch, den Valentino Rossi am 5. Juni beim Grand Prix in Mugello erlitt, ist verheilt. Der neunfache Weltmeister kann wieder normal gehen und Motorrad fahren. Soweit die gute Nachricht.

Doch die rechte Schulter, in der er sich schon vor dem zweiten Rennen der Saison in Jerez bei einem Moto Cross-Sturz Bänder- und Kapselschäden zugezogen hat, zwickt beim Gasgeben noch immer. Und ob es nun an dieser hinterlistigen, langwierigen Verletzung, an der noch fehlenden Fitness nach der wochenlangen Rennpause oder daran liegt, dass der Mugello-Sturz womöglich doch mentale Spuren hinterlassen hat: Von Siegen ist der Seriensieger derzeit weit entfernt. Teamkollege Jorge Lorenzo fährt ihm weiterhin gnadenlos davon, und manchmal, wie etwa beim Rennen in Indianapolis, ist sogar Jungstar Ben Spies schneller, der 2011 Rossis Platz im Yamaha-Werksteam übernehmen wird.

Mit der Erfolgskurve ist auch das Stimmungsbarometer gefallen, die Atmosphäre zwischen Yamaha und Rossi ist frostiger geworden. Noch hängt er zwar an seinem Motorrad, hat "schöne Erinnerungen wie die, als meine M1 und ich uns erstmals im Gras von Welkom geküsst haben, als sie mir direkt in die Augen schaute und sagte: Ich liebe dich", wie er voller Pathos in einer handschriftlich abgefassten Presseerklärung formulierte.

Doch manch andere Freundschaften zeigen Risse. Die mit Teammanager Lin Jarvis zum Beispiel, der konsequent auf die Jugend setzte, erst Lorenzo, dann Spies ins Haus holte und Rossi damit vom alleinigen König bei Yamaha zum Mitläufer degradierte. "Als wir 2003 gemeinsam anfingen, war ich für Yamaha von fundamentaler Bedeutung, und sie wollten mich um jeden Preis haben. Gemeinsam leisteten wir tolle Arbeit und bauten ein Motorrad, das jetzt die Referenz der MotoGP-Klasse darstellt. Heute geht die M1 mit jedem Fahrer gut, vor allem mit Lorenzo, aber auch mit Spies. Die Situation hat sich geändert, ich bin für Yamaha nicht mehr von fundamentaler Wichtigkeit. Meine Arbeit hier ist beendet", zieht Rossi den Schlusstrich.

Auch das einst so vertrauensvolle Verhältnis zu Renndirektor Masao Furusawa, der Rossi 2003 zu Yamaha geholt und im Werk alle Hebel in Bewegung gesetzt hatte, die damals hinterher hinkende M1 in ein Siegermotorrad zu verwandeln, ist nicht mehr, was es war. "Furusawa war für mich stets Dreh- und Angelpunkt, die Nummer eins bei Yamaha, die ich bei technischen Fragen direkt ansprechen konnte. Dass er zum Ende des Jahres in den Ruhestand geht, hat mich sehr beunruhigt und meine Entscheidung für den Wechsel erheblich beeinflusst", erklärt Rossi - und präsentiert gleich einen probaten Nachfolger. "Filippo Preziosi bei Ducati wird für mich sein wie Furusawa im Jahr 2003 und 2004. Er ist seit langem mein Freund, und er hat wirkliche Motivation, den echten Wunsch, mich bei Ducati zu sehen und dort gemeinsam Berge zu versetzen. Das ist für mich ein wichtiger Ansporn."

Freilich hätte Furusawa seinen Ruhestand, zumindest was die Verantwortung fürs Grand Prix-Team angeht, durchaus hinausgeschoben, falls Rossi geblieben wäre. Bei allem Verständnis dafür, dass sein wichtigster Angestellter nicht als Nummer zwei neben einem Weltmeister Lorenzo bleiben wollte, fühlte er sich am Ende doch brüskiert, als Rossi seinen Vertrag mit Ducati bekannt gab - Furusawa hatte bis zuletzt geglaubt, Rossi werde eher zu Ferrari in die Formel 1 gehen als einen Vertrag bei der Konkurrenz zu unterschreiben.

Allzuviel Unterstützung von Furusawa braucht sich Rossi für die letzten Rennen der Saison deshalb auch nicht mehr zu erhoffen. Schon bei den Tests nach dem GP in Brünn wurde Rossi von den Probefahrten der neuen Yamaha M1 des Jahrgangs 2011 ausgeschlossen. Hatte der Superstar dafür noch Verständnis, so war er rot vor Zorn, dass er nicht einmal die neue, offiziell ebenfalls erst 2011 zum Einsatz kommende Vordergabel von Öhlins ausprobieren durfte. "Mal sehen, ob Lorenzo sie nicht doch schon vor dem Saisonende bekommt. Wenn ja, mache ich mir ernsthafte Sorgen - denn ich will das Jahr unbedingt auf anständigem Niveau zu Ende bringen", meint Rossi bitter - und heizt für die noch viel wichtigeren Tests am 8. November nach dem Saisonfinale in Valencia vorsorglich schon mal die Stimmung an. "Ich hoffe, dass sich Yamaha anders verhalten wird als Honda zum Saisonende 2002, und mich für die ersten Tests auf Ducati freigeben wird", erklärt Rossi und ergänzt, er habe ein solches Entgegenkommen nach all seiner Arbeit für Yamaha verdient.

Das sieht man dort freilich anders. Rossi ist mit rund 14 Millionen Euro Gehalt von Yamaha zu gut bezahlt, um ihn mir nichts, dir nichts, vor dem Ablauf seines Vertrags am 31. Dezember auf die Konkurrenzmarke steigen zu lassen. Und angesichts des knapp bemessenen Test-Kalenders bedeutet jede weitere Möglichkeit für Rossi, sich auf die Ducati Desmosedici einzuschießen, zusätzliche Gefahr. "Rossi auf Ducati, das wird eine explosive Mischung", reibt sich Filippo Preziosi jetzt schon die Hände. Das einzige Argument für eine Freigabe ist denn auch die Furcht vor schlechter Presse. Wie die Entscheidung ausfallen wird, ist noch völlig offen: Furusawa hat diese Verantwortung elegant an Projektleiter Masahiko Nakajimi übergeben, und der denkt noch nach.

Doch vielleicht ist diese Frage auch völlig überbewertet. "Rossi kocht dieses Thema nur noch, um sich im Falle eines Scheiterns im nächsten Jahr schon jetzt eine Entschuldigung zurechtzulegen", lästert Casey Stoner, der seinen Chefsessel im Ducati-Team für Rossi räumen und zu Honda gehen wird.

Während Lorenzo und derzeit auch Pedrosa allen anderen um Welten überlegen sind, kämpfen Stoner und Rossi, der alte und der künftige Ducati-Pilot, derzeit auf Augenhöhe miteinander - und bringen mit ihrem Prestigekampf Farbe in eine einseitig gewordene MotoGP-Saison. Vor allem mit ihren Sprüchen abseits der Piste. "Es ist schwer, das Niveau der Ducati richtig einzuschätzen, denn im Training strengt sich Casey Stoner viel weniger an als zum Beispiel Lorenzo und Pedrosa. Er vertrödelt zu viel Zeit in der Box", erklärte Rossi in Misano. "Rossi soll vor der eigenen Haustür kehren. Vor allem, solange er einen Teamkollegen hat, der ihm das Fell über die Ohren zieht", schoss Stoner zurück. Besonders beliebt ist Rossi bei Stoner seit dem Laguna Seca-Grand Prix 2008 nicht mehr, wo er ihn neben der Piste überholt und in einer Staubwolke zurückgelassen hatte.

Doch Rossi kann ganz gut ohne die Zuneigung des Australiers leben, denn immerhin hat er bei seinem Wechsel zu Ducati die ganze italienische Nation hinter sich. In Misano gab es auf dem Schwarzmarkt bereits Fan-T-Shirts mit der Nummer 46 zu kaufen, die in tiefes Ducati-Rot getaucht waren - allerdings waren sie schon nach einem Tag wieder von den Ständen verschwunden, Ordnungshüter hatten sie konfisziert.

Dennoch, und vor allem angesichts der ungelösten Test-Frage, muss sich Rossi in Zurückhaltung üben, weshalb er und sein Designer Aldo Drudi auch auf den allerbesten Gag verzichteten. Ein knallroter Helm, so waren sich die beiden einig, hätte bei den Tifosi auf den Rängen für überbordende Begeisterung gesorgt.

Statt dessen beließen sie es bei dem eher lauwarmen Gag mit dem Wecker auf dem Helm, der mit Klebern immer wenige Minuten vor die jeweilige Einsatzzeit gestellt wurde und Rossi daran erinnern sollte, dass er nun endlich aufwachen muss. Man konnte es auch anders interpretieren: Die Uhr tickt - bis zu seinem furiosen Neustart bei Ducati ist es nur noch eine Frage der Zeit.

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