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Yamaha-MotoGP: Saisonrückblick Jeremy Burgess: Jetzt spricht der Chef

Er machte schon Wayne Gardner und Mick Doohan zu Weltmeistern. Seit 2000 ist Jeremy Burgess Cheftechniker und enger Vertrauter von Superstar Valentino Rossi. Mit ihm möchte er natürlich auch die bald beginnende MotoGP-Saison 2010 gewinnen. Für PS schildert der Australier in allen Einzelheiten den spannenden Weg zum neunten Titel für den Doctor.

Rennen 1: Doha/Qatar
Wetter: Nach Verschiebung wegen schwerer Gewitter sternenklar, 22 Grad
Training 2. - Rennen 2.
WM 2. (20 Punkte - 5 Punkte hinter Stoner)
Alle haben mit Spannung auf den ersten Einsatz der neuen Einheitsreifen gewartet, doch es zeigte sich schnell, dass diese Regelung unproblematisch war und wir - zumindest auf der Doha-Strecke - mit den beiden zur Verfügung stehenden Mischungen auskamen. Wir fanden schnell die richtige Abstimmung und waren vor der Verschiebung des Rennens auf Montagabend ziemlich zuversichtlich, dass wir dieses Rennen gewinnen würden, denn unsere Konstanz bei den Rundenzeiten war besser als die von Casey. Doch das schwere Gewitter am Sonntagabend änderte die Streckenverhältnisse. Als der Grand Prix Montagabend neu gestartet wurde, ging unser Setup zu aggressiv mit dem Vorderreifen um, und wir verloren im Laufe des Rennens dort zuviel Grip. Immerhin wurden wir Zweiter - und wir lernten früh eine wertvolle Lektion. Dieses Problem beschäftigte uns später nicht mehr.

Rennen 2: Motegi/Japan
Wetter: Sonnig, 22 Grad
Training 1. - Rennen 2.
WM 2. (40 Punkte - 1 Punkt hinter Lorenzo)
Ein kleines elektronisches Problem hat uns in Motegi zurückgeworfen. Es war weder die Fehlfunktion eines Teils noch der Fehler eines Mitarbeiters, sondern wir hatten ein System eingesetzt, das nicht wie gewünscht funktioniert und sich nachteilig ausgewirkt hat. Valentino mag es, das Gas weitgehend selbst unter Kontrolle zu haben, während dieses System ihm die Kontrolle zu sehr entzog. Es war nur eine Kleinigkeit und wir wurden immer noch Zweiter. Wie in Qatar hatten wir wieder früh etwas gelernt.

Rennen 3: Jerez/Spanien

Wetter: Sonnig, 27 Grad
Training 4. - Rennen 1.
WM 1. (65 Punkte - 9 Punkte vor Stoner)
Wir hatten nicht gerade das einfachste Training. Am Samstagabend nahmen wir deshalb massive Änderungen an der Geometrie vor. Klar war: Das wird große Auswirkungen auf das Fahrverhalten haben. Aber wir wussten noch nicht, ob positiv oder negativ. Doch nachdem wir anderthalb Tage ohne Ergebnis in die eine und dann in die andere Richtung werkelten, waren wir uns einig, dass wir einen radikalen Weg gehen mussten. Das Gute an Valentino ist, dass er sich nicht scheut, in eine bestimmte Richtung weiterzumachen, wenn die ersten Ansätze erfolgversprechend sind. Für mich ist es großartig, dass ein Fahrer vor dem Rennen meiner Urteilskraft traut und sagt: "Wenn du glaubst, mir noch mehr geben zu können, dann versuchen wir es." Denn wenn du zu vorsichtig bist, kann es sein, dass du am Montag nach dem Rennen testen gehst, die Änderungen durchführst und plötzlich bereust, dass du diesen Dreh nicht schon fürs Rennen gemacht hast. Am Sonntag nach dem Warm-up bauten wir das Motorrad nochmals um, und es sollte sich auszahlen: Valentino fühlte sich im Rennen wohl auf dem Motorrad und gewann. 

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Foto: Fiat Yamaha
Rennen 4: Le Mans/Frankreich
Wetter: Wechselhaft, nass/trocken, 16 Grad
Training 4. - Rennen 16. (Sturz)
WM 2. (65 Punkte - 1 Punkt hinter Lorenzo)
Wir hatten nicht nur Pech im Rennen, sondern auch Probleme im Training, unter anderem mit der Reifentemperatur. Wenn du eine Folge von Kurven hast, die den Reifen auf der einen Seite kräftig aufheizt, und du fährst auf der ohnehin schon heißen Reifenflanke gleich in die nächste Kurve, dann fühlt sich diese Reifenflanke schmierig an. Du musst also ein Setup haben, das genügend Druck auf den Reifen ausübt, so dass er in dieser frühen Kurvensequenz nicht schon zu heiß wird. Du kannst die Motorbremswirkung verstellen und so versuchen, die Reifentemperatur zu beeinflussen, doch entscheidend ist der Druck, den du auf den Reifen ausübst, dass er richtig funktioniert. Damit hatten wir Probleme.
Bezüglich des Rennens bin ich immer noch der Meinung, dass wir Valentino im richtigen Moment hereingeholt und auf Slicks gewechselt haben, auch wenn Lorenzo unendlich lange draußen blieb und gewann. Unglücklicherweise rutschte Valentino nach seinem Boxenstopp aus. Danach hatten wir alle Dramen, die man nur haben kann, bis hin zur Überschreitung des Tempolimits in der Boxengasse. Am Ende hatten wir alle, den Fahrer eingeschlossen, wieder ein paar wertvolle Lektionen gelernt. Dass Valentino zu keiner Sekunde ans Aufgeben dachte, zeigt: Er ist ein absoluter Profi. Er weiß, wie wichtig er für das Publikum ist. Viele Leute kamen extra nach Le Mans, um Valentino fahren und gewinnen zu sehen. Dass man nicht immer gewinnen kann, muss man akzeptieren. Doch es wäre für die Fans schwer zu akzeptieren gewesen, wenn Valentino nicht sein Bestes geben hätte.

Rennen 5: Mugello/Italien
Wetter: Nass, dann trocken, 18 Grad
Training 4. - Rennen 3.
WM 3. (81 Punkte - 9 Punkte hinter Stoner)
Wir hatten schon davor gewisse Schwierigkeiten mit der Fahrwerksabstimmung gehabt und standen wieder auf dem vierten Startplatz. Der Groschen fiel bei mir, als mich Valentino nach dem Rennen beiseite nahm und sagte: "Weißt du, Jerry, an einem normalen Rennwochenende verpatze ich die Casanova-Kurve vielleicht ein- oder zweimal. Diesmal war es umgekehrt, ich erwischte sie nur ein- oder zweimal richtig." Daraufhin merkten wir, dass das neue Motorrad, die Version 2009, vielleicht doch nicht so zu Valentino Rossi und seiner Fahrweise passte wie wir dachten. Wir änderten das Motorrad für den nächsten Lauf in Barcelona daraufhin erneut, sorgten für eine andere Sitzposition, rückten ihn auf dem Motorrad weiter nach hinten, was du an der Verlängerung des Tanks erkennen kannst. Damit machten wir das wieder rückgängig, was die Japaner seit der letzten Saison unternommen hatten, um das Motorrad an die Bridgestone-Reifen anzupassen. Das mochte gut für die anderen gewesen sein, doch es ist nun einmal so, dass jeder Fahrer mit dem gleichen Motorrad eine andere Abstimmung hat. Wir im Team hatten das Vorgängermodell bereits auf die Bridgestone-Reifen abgestimmt und kehrten zu dieser Abstimmung zurück. Das hatte hauptsächlich mit der Fahrerposition zu tun, denn mit den üblichen Drehs an der Geometrie - kürzer, länger, höher, niedriger - oder der Hebelumlenkung kamen wir nicht weiter. Doch nach diesen Änderungen an der Sitzposition gewannen wir Barcelona, Assen, Sachsenring - alle waren viel glücklicher.

Rennen 6: Barcelona/Spanien
Wetter: Sonnig, 36 Grad
Training 2. - Rennen 1.
WM 1. (106 Punkte - wie Lorenzo, Stoner)
Wir standen auf Startplatz 2 und hatten dank der Modifikationen unser Ziel erreicht, konkurrenzfähig zu sein. Du kannst nie voraussagen, wie ein Rennen ausgehen wird, doch zumindest wussten wir, dass wir Kopf an Kopf mit den anderen mitkämpfen konnten. Das war unsere Hoffnung, denn wir können nicht erwarten, besser zu sein, den besseren Fahrer zu haben. Wir lassen immer das Rennen selbst entscheiden. Jorge war dort sehr schnell und sehr motiviert. Es war sehr aufregend, vor allem in den letzten Runden. Zum Beispiel, als Valentino auf der Zielgeraden das Gas zurückdrehte, das Knie einzog, mit viel Schwung am bremsenden Lorenzo vorbeifeilte und dann das Knie wieder ausklappte. In der letzten Runde herrschte das Gefühl im Team, dass wir Jorges Potenzial vielleicht unterschätzt hatten. Als Valentino in Turn neun nicht den üblichen Angriffsversuch unternahm, hatte auch ich das Gefühl, dass wir unsere Chance vielleicht verpasst hatten. Gleichzeitig wusste ich, dass Valentino in den nächsten paar Kurven noch etwas versuchen würde, weil er das immer tut, weil er immer bis zum Ende kämpft. Als ihm dieses Überholmanöver in der letzten Kurve dann geglückt war, dämmerte mir plötzlich, dass es tatsächlich möglich war, dort zu überholen, weil es in diesem Eck schon mit den alten 500ern passiert war. Mit den MotoGP-Maschinen auch, aber nicht so häufig. Stoner hat dann in der Pressekonferenz gesagt, dass er mit diesem Angriff gerechnet habe, weil Valentino ihn schon 2007 an genau dieser Stelle überholt hatte. Valentino hatte dieses Manöver schon vorher auf der 500er ausgeführt. Er wusste, dass es ging, und überraschte Jorge. Der dachte wahrscheinlich: Letzte Kurve, letzte Runde, mach jetzt bloß keinen Fehler. Valentino hoffte, dass er genau das dachte und nicht mehr mit einem solchen Angriff rechnete.

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Rennen 7: Assen/Holland
Wetter: Sonnig, 24 Grad
Training 1. - Rennen 1.
WM 1. (131 Punkte - 5 Punkte vor Lorenzo)
Assen war eine Lektion für jeden, der Valentino hinterherfuhr. Wir fanden ein wirklich gutes Setup für die Strecke, die immer viel Grip bietet. Überall dort, wo es reichlich Grip gibt, können wir glänzen. Wir machten ein paar Änderungen am Motorrad, die sich sehr positiv auswirkten und die Probleme des letzten Jahres beseitigten. Ohne den Sturz damals hätten wir vielleicht gewonnen, doch wir waren längst nicht so gut, so überlegen wie dieses Jahr. Wir freuen uns schon auf das nächste!
Dann wurde die Bilderwand mit Valentinos bisherigen Siegen entrollt, und es war ein schönes Gefühl, an einem gewissen Prozentsatz dieser Siege beteiligt zu sein! Du schaust zurück und, naja, es ist nun mal unser Job zu gewinnen. Wir erwarten Siege. Ich will nicht eingebildet wirken, aber wir fahren nicht als Hobby. Ich werde von Yamaha bezahlt, um das Beste zu liefern, und als Werksteam treten die nicht an, um Zweite zu werden. Ich hatte stets doppeltes Glück: Ich habe immer gut mit meinen Fahrern zusammen gearbeitet, aber auch immer gute Fahrer gehabt, die gewinnen wollten, von denen man Erfolge erwarten konnte. Valentino hatte schon jede Menge Grand Prix-Erfahrung, bevor ich ihn zu fassen bekam. Mick Doohan hatte keine, Wayne Gardner hatte zumindest ein paar GP absolviert. So wie sie habe auch ich in all den Jahren stets hinzu gelernt.
So ist mein Job nicht nur, dem Fahrer ein siegfähiges Motorrad hinzustellen. Du musst selbst Ruhe ausstrahlen, denn ein panischer Mechaniker ist kein Mechaniker. Du musst Leute mit der gleichen Gesinnung um dich scharen. Mein Job ist, eine Umgebung zu schaffen, in der ein Fahrer zu Höchstform auflaufen kann. Alle Leute sind deshalb handverlesen. Ein Team wie das unsere würfelst du nicht in einer Saison zusammen. Die Leute, die ein gutes Team bilden, kommen nicht immer zur gleichen Zeit zusammen. Es kann Jahre dauern. Zu Anfang der Kawasaki-Zeit hat Harald Eckl zum Beispiel ständig Leute gefeuert. Ich sagte ihm: "Du kannst das nicht machen, du musst Stabilität schaffen. Du kannst nicht einfach die einzelnen Leute für den Misserfolg verantwortlich machen, sondern du musst sie an die richtigen Plätze rücken, ein Team aufbauen."
Ich fühle mich geehrt, dass meine Jungs schon so lange bei mir sind, dass Leute wie Bernard, wie Garry oder Alex so viel riskiert haben, mit mir und Valentino von Honda zu Yamaha zu gehen. Denn es gab keinen Rückweg, wir hätten nicht ein oder zwei Jahre später zu Honda zurückgehen und sagen können: Sorry, können wir bitte wieder eine Honda mit einem guten Fahrer haben.

Rennen 8: Laguna Seca/USA
Wetter: Sonnig, 22 Grad
Training 2. - Rennen 2.
WM 1. (151 Punkte - 9 Punkte vor Lorenzo)
Laguna ist ein Rattenloch. Es geht am Freitag los mit 1.21,9 min, du kommst am Samstag zum Qualifying, fährst 1.21,9, und du startest im Rennen und fährst 1.21,9. Es ist nicht mehr als eine kurze Achterbahnfahrt. Du drehst am Gas, braust den Berg hoch, fährst wieder runter - das war's. Laguna ist keine Grand Prix-Strecke, kein technischer Kurs, wo die guten Fahrer ihre Finesse beweisen können. Der Gipfel war das Stoßen und Schubsen zwischen Valentino und Casey 2008. Das ist das Wesen von Laguna. Australier sind dort immer erfolgreich, denn das ist die Art Rennfahren, die sie gewohnt sind. Aber die Europäer? Ich erinnere mich, wie Marco Melandri beim ersten Mal gesagt hat, wir sollten alle heimgehen und nicht hier fahren. Ich war bereit dazu. Denn auch ich war schon als Fahrer dort. Schon damals mochte die Strecke niemand außer den Amerikanern, weil die dort jedes Wochenende waren. Heuer konnten wir jedenfalls nicht schneller fahren - das war's. Du erreichst einen bestimmten Punkt auf diesen Low-Grip-Strecken. Wenn jemand zwei Sekunden schneller ist, erlauben dir die Reifen einfach nicht, den Unterschied wettzumachen. Laguna hat ebenfalls wenig Grip, ist immer so heiß - einfach ein bisschen anders als der Rest der Welt.

Rennen 9: Sachsenring/Deutschland
Wetter: Leicht bewölkt, trocken, 19 Grad
Training 1. - Rennen 1.
WM 1. (176 Punkte - 14 Punkte vor Lorenzo)
Der Sachsenring zählt zu den besseren Strecken für uns, keine von denen, die mit uns Schabernack treiben. Sie ist besser als Laguna, hat wenigstens zwei Geraden für den sechsten Gang. Sie kann an manchen Stellen auch eine böse Strecke sein, doch wir hatten diesmal keine Probleme und konnten gewinnen. Das Setup des Motorrads war gut, die Reifen problemlos. Es ging eng zu, und es ist die Art von Rennstrecke, wo es nur wenige Stellen zum Überholen gibt. Nach dem Eingang zur ersten Kurve überholst du niemanden mehr bis zur Talsohle. Und ich meine nicht das erste Tal, sondern das nach Turn 12! Andere europäische Rennstrecken bieten zwei, drei, vier gute Möglichkeiten zum Überholen, und der Fahrer kann wirklich den Unterschied machen. Auf diesen kurzen Rennstrecken ist Überholen heute sehr schwierig geworden.

Rennen 10: Donington Park/England
Wetter: Nass, abtrocknend, 18 Grad
Training 1. - Rennen 5. (Sturz)
WM 1. (187 Punkte - 25 Punkte vor Lorenzo)
Wir mussten auf Slicks starten - nicht der perfekte Reifen, wenn du ganz frei wählen könntest, was ich fairerweise gegenüber Valentino sagen muss. Wir müssen dort in der Craner Curve Hitze im Reifen erzeugen, um für die nächste Linkskurve, die erst in der Schikane kommt, vorbereitet zu sein. Auf der Runde, in der Valentino gestürzt ist, regnete es stärker, und wir schafften es einfach nicht, den Reifen diesen Berg runter genügend anzuwärmen. Als er dann in den ersten Teil der Schikane einbog, verloren wir Hinterradgrip. Das Motorrad drehte sich und blieb ziemlich genau da liegen, wo Valentino gestürzt war. Er konnte es wieder aufrichten und weiterfahren. Er und Dovizioso waren dem Drittplatzierten zu diesem Zeitpunkt weit voraus. Valentino fuhr unter sehr, sehr schwierigen Bedingungen so schnell, wie er sich wohlfühlte, und Dovizioso fuhr clever hinterher. Wenn Valentino das Tempo gedrosselt hätte, wäre auch er langsamer gefahren. Wäre Dovisioso bereit gewesen, die Führung zu übernehmen, wäre vielleicht alles anders gelaufen. Doch er hätte Valentino nie überholt. Valentino wusste das, fuhr weiter - dann ist es eben passiert.
Er wurde noch Fünfter - du musst alle Punkte holen, die du kriegen kannst. Wer weiß schon, was am Saisonende passiert. Du musst wissen, wann du zum entscheidenden, tödlichen Schlag ausholen musst. Donington war ein solches Rennen, weil Lorenzo schon gestürzt war. Es war Teil einer Serie, in der wir sehr stark waren und die von Barcelona bis Brünn andauerte.

Rennen 11: Brünn/Tschechien
Wetter: Sonnig, 29 Grad
Training 1. - Rennen 1.
WM 1. (212 Punkte - 50 Punkte vor Lorenzo)
Ein großartiges Rennen! Beide M1 waren 14 oder 15 Sekunden vor der Honda, was das Niveau des Motorrads unterstreicht. Meinem Gefühl nach ist die Yamaha in diesem Jahr eines der besten Grand Prix-Motorräder aller Zeiten. Sie erlaubt es den Fahrern, bis an die Grenzen ihrer Fähigkeiten vorzustoßen. Du siehst die fähigsten Fahrer Jorge und Valentino an der Spitze, du siehst Colin auf dem fünften Platz der Meisterschaft und du siehst Ben Spies, der in Valencia auf Anhieb den siebten Platz erbeutete. Es ist ein großartiges Motorrad. Es war immer mein Ziel, Motorräder zu bauen, die jeder fahren kann. Die Honda NSR war eine davon, und das bisschen, was ich mit der RC 211 zu tun hatte, legte den Grundstein für eine neue Generation, und über die Jahre haben wir auch die Yamaha umgedreht und ziemlich gut hingekriegt. Brünn ist zudem noch eine tolle Strecke. Breit, mit zwei Fünfte-Gang- und zwei Sechste-Gang-Geraden, zwei schnellen Schikanen, Steigungen und Gefällen - eine richtige Rennstrecke. Schon 2001 gab es dort einen tollen Kampf zwischen Valentino und Max Biaggi, bei dem sie in den ersten fünf Runden ständig neue Rundenrekorde aufstellten - bis Valentino seinen Gegner auch damals in einen Fehler hetzte.

Rennen 12: Indianapolis/USA
Wetter: Trocken, bedeckt, 20 Grad
Training 3. - Sturz im Rennen
WM 1. (212 Punkte - 25 Punkte vor Lorenzo)
In Indianapolis hast du mit ständig wechselndem Belag zu kämpfen. Wir hatten eine Menge Probleme mit dem Durchdrehen des Hinterrads. Es gab ein paar Kurven vor der Gegengeraden, in denen wir den Hinterreifen zu sehr aufheizten. Das machte es schwierig, das Motorrad in die darauf folgenden Kurven einzufädeln, weil die Reifentemperatur so sehr anstieg. Wir schufteten hart, waren aber bei Rennstart immer noch weit von unserem Optimum entfernt. Wir drückten uns an Dani vorbei, als der beim Einbiegen auf die Zielgerade einen Fehler machte und stürzte. Im Nachhinein wäre der zweite Platz wohl das Optimum gewesen, vielleicht hätten wir es so akzeptieren sollen. Der Sturz war dann eine Abfolge unglücklicher Zusammenhänge: Valentino verhaute die erste Kurve, bog zu schräg in die zweite Kurve ein, musste das Motorrad zu sehr abbremsen und die Linie abkürzen und geriet als Konsequenz daraus vor der nächsten Kurve auf einen schmutzigen Teil der Strecke. Er war von der Ideallinie abgekommen - das kann passieren! Wir waren mit 50 Punkten Vorsprung angekommen, und plötzlich hatten wir noch 25. Jorge sagte: "Es wird schwierig, weiter zu siegen, doch es ist nicht unmöglich."

Rennen 13: Misano/Italien
Wetter: Sonnig, 24 Grad
Training 1. - Rennen 1.
WM 1. (237 Punkte - 30 Punkte vor Lorenzo)
Für Misano war ich sehr zuversichtlich. Besser ausgedrückt: Wir mussten dort einfach gewinnen. Sowie wir auf die Strecke gingen, zeigte sich, dass das Motorrad viel besser geworden war als im Vorjahr. Wir führten jedes Training an und gewannen das Rennen. Valentino hatte das Geschehen die ganze Zeit unter Kontrolle.
Wir hatten dabei mit der gleichen Fahrerposition weitergemacht, fanden darüber hinaus aber eine Einstellung fürs Chassis, die das Motorrad in den schnellen Kurven sehr, sehr gut machte. Das war ein Teil der Strecke, in dem wir gegenüber Jorge einen beträchtlichen Vorteil hatten. Damit meine ich eine Zehntelsekunde, aber auf jeder Runde. Es gab keinen Punkt der Strecke, an dem wir schwach waren. Ich bin mir sicher, dass sich Jorge die Sache anschaut und im nächsten Jahr nach einem Setting suchen wird, das auch ihm in diesem schnellen Teil diese Zehntelsekunde gibt. Er wird dort dann ebenfalls stark sein, was mit zunehmender Erfahrung zu erwarten ist. Valentino war Erster in allen Trainings, im Warm-Up, drehte die schnellste Rennrunde, gewann - ich dachte, ein derart voller Erfolg sei ihm in Südafrika schon einmal geglückt. Aber Valentino hatte recht, es war das erste Mal. Im Warm-Up von Südafrika war er nicht vorne.

Rennen 14: Estoril/Portugal
Wetter: Sonnig, 27 Grad
Training 2. - Rennen 4.
WM 1. (250 Punkte - 18 Punkte vor Lorenzo)
Von den vier Topfahrern waren nun wir an der Reihe, Vierter zu werden. Wir lagen falsch mit der Abstimmung, Estoril war abermals eine dieser Strecken mit wenig Grip. Wir hatten unsere liebe Not. Würden wir morgen zurückkehren, wäre es eine andere Geschichte: Wir haben jetzt genügend Informationen, um es besser zu machen. Doch im Rennen wurden wir nun mal Vierter, mit einem Abstand von 24 Sekunden auf den Sieger, was natürlich auch damit zusammenhängt, dass wir von hinten keinen Druck spürten. Wir hätten auch näher am dritten Platz dran sein können, doch es spielte keine Rolle, denn wir wären trotzdem Vierter geblieben, ohne Chance auf Platz drei oder zwei. Damit war Valentinos Punktevorsprung kräftig geschrumpft, die Nachbarbox gewann an Schwung, und natürlich dachten wir: Wenn sie diesen Schwung und positive Energie gut nutzen können, dann ist es mathematisch durchaus möglich, dass sie das Ruder noch herumreißen. Aber gleichzeitig trauten wir unserer eigenen Stärke, den Vorsprung zu verteidigen, im nächsten Rennen wieder fünf Punkte hinzuzuaddieren. Solange es bei einem Schlagabtausch blieb, in dem beide Fahrer hier und dort ihre Treffer landen konnten, wurde es für Jorge rein mathematisch immer schwieriger, Valentino ins Eck zu drängen.

Rennen 15: Phillip Island/Australien
Wetter: Sonnig, 16 Grad
Training 2. - Rennen 2.
WM 1. (270 Punkte - 38 Punkte vor Lorenzo)
Ich war sehr zuversichtlich, dass wir Jorge dort in der Tasche haben würden, und genau so war es. Jorges Fähigkeiten in den schnellen Kurven von Misano waren nicht sehr überzeugend, und auf Phillip Island zählen, von zwei Haarnadelkurven abgesehen, nur die schnellen Kurven. Valentino ist einer der besten Fahrer der Welt in schnellen Kurven. Ich dachte, wir könnten vier, fünf, vielleicht auch neun Punkte auf Jorge gutmachen. Dass es gleich 20 waren, kam unerwartet. Nach Jorges Sturz hatte Valentino den Engel auf der einen und den Teufel auf der anderen Schulter. Der Teufel sagte: "Greif Casey an", der Engel: "Sei nicht dumm." Er hätte mehr riskiert, wenn es nötig gewesen wäre.

Rennen 16: Sepang/Malaysia
Wetter: Leichter Regen, aufhörend, 27 Grad
Training 1. - Rennen 3.
WM 1. (286 Punkte - 41 Punkte vor Lorenzo, Weltmeister)
Valentino fuhr eine fantastische Qualifikationsrunde: die Krönung eines Trainings, in dem er wieder einmal volle Kontrolle über die anderen hatte. Sepang zählt zu seinen Lieblingsstrecken, und wir waren alle sehr zuversichtlich. Dann regnete es.
Jorge hatte schon am Startplatz seine Probleme. Wir starteten als Erste und kamen als Zehnte aus der ersten Runde zurück, weil Valentino vor der ersten Kurve auf die Außenspur geriet und bei den glitschigen Bedingungen geduldig warten musste, bis er sich wieder einfädeln konnte. Jorge startete dagegen als Letzter und war plötzlich an neunter Stelle. Als die beiden zusammen fuhren, war es leicht, das Rennen zu managen. Valentino hatte mehr Grip am Hinterrad, ein besseres Setting, als es Jorge hatte. Es war gut, dass wir noch den dritten Platz erkämpften und dass wir Druck auf Dovizioso ausüben konnten, bis er herunterfiel. Damit hatten wir einen weiteren Titel in der Tasche. Die Leute fragen mich: Wie fühlt dieser Titel sich im Vergleich zu den anderen an? Meine Antwort ist stets: Ich bin schon glücklich genug, dass ich überhaupt vergleichen kann. Andere gewinnen nur eine einzige Weltmeisterschaft.
In meinen Augen war es nicht unsere tollste Meisterschaft. Unser Durchschnitt lag bei 18 Punkten pro Rennen, die niedrigste Quote bei all unseren Titeln. Selbst 2004, als wir frisch zu Yamaha kamen, lag unser Durchschnitt bei 19, und in jedem anderen Jahr lag er bei über 20. Schwer zu sagen, ob das am Druck und der Konkurrenzfähigkeit anderer Fahrer liegt. Wir machten sicher auch ein paar Fehler zuviel, ein Punkt, den wir beheben müssen.
Trotzdem ist es imponierend, was Yamaha alles erreicht hat. Viel von diesem Erfolg muß Masao Furusawa zugerechnet werden. Gut, wir gingen zu Yamaha, aber wenn du ein Rennteam neu aufbaust, dann tust du das nicht von den Mechanikern nach oben, sondern vom Management nach unten. Das ist Yamaha gelungen, mit dem Highlight, dass wir mit dem ersten und zweiten Platz in der Meisterschaft als Werksteam unsere erfolgreichste Saison feiern konnten.

Rennen 17: Valencia/Spanien
Wetter: Sonnig, 19 Grad
Training 4. - Rennen 2.
WM 1. (306 Punkte - 45 Punkte vor Lorenzo,)
Das Finale war ein gutes Rennen für uns. Valencia ist wieder eine dieser Low-Grip-Strecken, und wir haben etwas gelernt, das uns in Zukunft weiterhelfen wird. Es wird natürlich nicht verraten, was das ist. Das war Luxus für uns, bereits den Titel unter Dach und Fach zu haben, denn das hat es uns erlaubt, außerhalb der üblichen Bahnen zu denken und mehr am Motorrad zu ändern, als das normalerweise der Fall ist. Früher, mit vier Trainings, war das viel leichter, du konntest viel mehr Setups ausprobieren. Heute musst du konservativer vorgehen. Das Motorrad war hier derart anders, dass Valentino ein paar Runden mehr für das richtige Gefühl brauchte - weshalb Elias überholen und Dani davonziehen konnte. Doch als wir unseren Rhythmus gefunden hatten, waren wir in der Lage, Jorge abzuschütteln, als der seinen Fehler machte, und mit Dani weiterzumachen. Doch auf einer solchen Strecke ist es sehr schwer, einen Rückstand wettzumachen, der limitierende Faktor sind die Reifen. Strecken mit wenig Grip waren in der Vergangenheit nie unsere Stärke. Valentino ist der Typ von Fahrer, der die Rennstrecken attackiert, der eine Kurve anschaut und sagt: In dieser Kurve müsste das und das rauszuholen sein. Wenn es der Belag dann nicht zulässt, ist es verwirrend. Sein Kopf sagt: Das ist eine 160-km/h-Kurve, in der du an diesem Punkt das Gas öffnen kannst. Aber dann fehlt der Grip, das umzusetzen. Jetzt haben wir einen Hebel gefunden, wo wir ansetzen können. Wir sind der Lösung ziemlich nahe. Was wir vom Werk fürs nächste Jahr brauchen, ist ein bisschen mehr Power. Sonst funktioniert das Bike gut, hat ein gutes Handling. Dramatische Änderungen brauchen wir also nicht - eigentlich hält der Rahmen ja sowieso nur die beiden Räder getrennt.

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