Gelassenheit als Maxime: Die R 1200 R fliegt souverän durch alle Radien.

BMW R 1200 R im MOTORRAD-Dauertest

Erfahrungen über 50.000 Kilometer

Die BMW R 1200 R begann den MOTORRAD-Dauertest über 50.000 Kilometer am 7. Mai 2015.

1000 km: Dauertest-Begrüßung BMW R 1200 R

Mit etwas über 1000 Kilometern landete die neue BMW R 1200 R in der Motorrad-Tiefgarage. Dort blieb sie nicht lange. Ob Reise, Kurztrip oder Nach­hauseweg: Fuhrpark-Chef Rainer Froberg konnte sich bisher vor Anfragen kaum retten. Da wundert es wenig, dass der Tacho mittlerweile die 5000er-Marke geknackt hat und zügig der ersten 10.000er-Hürde entgegenstrebt. Kilometerfresser fühlen sich wohl im Sattel des Roads­ters.

Obgleich – das stimmt nicht ganz. Die ersten Einträge im Fahrtenbuch machen das deutlich. Die voll ausgestattete BMW R 1200 R bietet viel fürs komfortable Abreißen großer und kleiner ­Distanzen, sie hat aber einen wunden Punkt: Das Sitzarrangement. Der Abstand zwischen Fahrerpolster in 790 Milli­metern Höhe und Fußrasten fällt eng aus. Das zwickt in den Knien, wie Chefredakteur Michael Pfeiffer im Fahrtenbuch negativ vermerkt. Dass die R 1200 R trotzdem unaufhörlich Kilometer sammelt, spricht für sie.

Das wird in Zukunft bestimmt noch kritikfreier passieren: Ein Paket mit Windschild und einer höheren Sitzbank ist schon auf dem Weg nach Stuttgart. Ein Plus an Schutz vorm heranstürmenden Orkan sowie ein paar Extrazentimeter für den Po: Ansonsten wird es schon eng mit dem Optimierungsbedarf bei der BMW R 1200 R. Ist ja auch schon alles dran, was das BMW-Programm so hergibt. Elektronisch einstellbares Dynamic-ESA-Fahrwerk, Hauptständer, Traktionskontrolle, Koffer, Gepäckbrücke, Schaltassistent, Navigationsgerät, Heizgriffe, Tempomat und vieles mehr. Das lockt Unkenrufer hervor. Wer viel Technik spazieren fährt, steigert das Defektpotenzial. Vielleicht. Bis dato ist davon nichts zu merken. Vielmehr künden die Redaktionskollegen von Fahrspaß pur. Reise-Experte Markus Biebricher fährt sogar einzelne Bergpassagen doppelt, einfach „weil’s so geil war“. Und auch sonst stehen die positiven Eindrücke im Vordergrund. Ob das so bleibt, zeigen die kommenden gut 45.000 Kilometer. 

Was allerdings gerne etwas besser werden dürfte, ist der Verbrauch. Gut 6,3 Liter im Schnitt kippte sich die BMW R 1200 R ­bisher in seine Zylinder. Schuld – im positiven Sinn – ist der Motor. Der begeistert einfach. Drückt formidabel. Nimmt beispielsweise der Triumph Speed Triple beim Durchzug von 60 auf 180 km/h mehr als eine Sekunde ab. Dieses Power-Poten­zial wird gerne und viel genutzt. Ein paar Zehntel weniger beim Spritkonsum wären trotzdem wünschenswert. Spätestens zum Zwischenbericht gibt es hierzu ein Update. Genauso wie zu möglichen Alternativbereifungen. Die montierten Metzeler Roadtec Z8 Interact (vorne in Spezifikation "M", hinten in "C") haben die bisherige Distanz problemlos gemeistert. Deren Profil ist sogar noch für einige zügige Autobahnetappen und lustvolle Landstraßentänzchen gut. Bis zum Dauertestende dürfen sich dann noch andere Pneus auf dem BMW-Roadster beweisen. Wenn alles gut läuft. Die Zeichen stehen nicht schlecht dafür. Oder, um noch einmal Herrn Biebricher zu zitieren: "Hoffentlich geht nichts kaputt, denn das Gerät macht verdammt viel Spaß."

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Video zum Dauertest der BMW R 1200 R.

Für unseren 50.000-Kilometer-Dauertest braucht es Ausdauer. Wie schlug sich die BMW R 1200 R über diese Distanz?

13.600 km Zwischenprotokoll

Die langen Kerls in der Redaktion freuen sich seit ein paar Wochen über eine höhere Sitzbank auf der BMW R 1200 R. Die sorgt für einen komfortableren Kniewinkel und eine aktivere Sitzposition, der Lenker wirkt damit nicht mehr gar so hoch. 840 Millimeter beträgt nun die Sitzhöhe, das entspricht einem Plus von 50 Millimetern.

Außerdem ­erhielt der Boxer noch einen kleinen Windabweiser – ebenfalls direkt aus dem BMW-Zubehörprogramm. Der ist in Windeseile montiert und verbessert den Fahrkomfort gerade auf Autobahnetappen spürbar. Da wundert es wenig, dass die BMW R 1200 R zum heimlichen Liebling im Fuhrpark avanciert und dementsprechend viel unterwegs ist.

Zuletzt machten sich allerdings kantig gefahrene Reifen negativ bemerkbar, indem sie in Kurven ein gewisses Eigenlenkverhalten produzierten.

20.345 km: Herbstausfahrt 2015

25.000 km: Zwischenbilanz BMW R 1200 R

30.000 km: Zwischenstand

Der Wasser-Boxer bekam in Form der R eine zweite Chance, nachdem er in der GS nicht ohne Probleme über die Runden kam. Bisher läuft alles nach Plan, die BMW R 1200 R machte keine Zicken und biegt bereits auf die Zielgerade ein. Das ging schnell, weil die BMW bei den Touristen recht beliebt ist.

Noch vor dem Jahreswechsel war das originale Navi getauscht worden, weil es wiederholt selbst­tätig neu startete.

Im Alltag ­erwies sich die R als hart im Nehmen: Ein Sturm wehte sie vom Seitenständer, sodass sie gegen ein parkendes Auto fiel. Einige Fahrer monierten das nicht ganz perfekte Zusammenspiel von Gabel und Federbein des ESA-Fahrwerks. Jüngst war die R bei der 30.000er-Inspektion, dabei mussten die hinteren Bremsbeläge erneuert werden.

Nachtrag

Die BMW R 1200 R hatte den 50.000-Kilometer-Dauertest mit Bravour bewältigt und sich an die Spitze der Dauertest-Statistik gesetzt. Allerdings gab es einen Punkt, der zu Irritationen führte: Laut BMW-Maßvorgabe hatten die Kolben ihre Verschleißgrenze erreicht.

Niedrige Betriebskosten, hohe Zuverlässigkeit und ein guter Verschleißzustand des Motors beim Zerlegen führten bei der BMW R 1200 Rzu sehr guten 86 Punkten in der MOTORRAD-Wertung. Allerdings gab es einen Punkt, der zu Irritationen führte: Laut BMW-Maßvorgabe hatten die Kolben ihre Verschleißgrenze erreicht. In Leserbriefen und Boxer-Foren wurde heiß diskutiert, warum MOTORRAD das nicht härter bestrafte. Einzelne sprachen gar ­von einem demnächst bevorstehenden Motorschaden.

Erstaunlich wäre der vermeintliche Kolbenverschleiß schon deswegen, weil die Kolben der BMW R 1200 R tadellos aussahen, selbiges galt für die Zylinder. Die dünne Graphit-Beschichtung am Hemd war einwandfrei, kleiner konnten die Kolben also durch Abnutzung nicht geworden sein. Demzufolge war auch das gemessene Kolbenspiel im grünen Bereich. Messwerte und BMW-Vorgaben passen jedoch nicht zusammen. Denn ein verschlissener Kolben würde zwangsläufig ein zu hohes Kolbenspiel ergeben. Oder umgekehrt: Wenn das Kolbenspiel so gering wie hier ist, nämlich 4–5/100 Millimeter, kann es auch kein Verschleiß an Kolben und/oder Zylinder vorliegen.

Nach Erscheinen des Dauertests der BMW R 1200 R konnte BMW den Fehler aufklären: In BMW-Unterlagen fanden sich aus unerfindlichen Gründen zwei unterschiedliche Maße für die Verschleißgrenze des Wasserboxer-Kolbens, nämlich 100,90 und 100,95 mm. MOTORRAD bekam den letzten Wert geliefert, richtig ist jedoch der erste. Diese Verschleißgrenze gilt im Übrigen auch für R 1200 GS und RS, welche baugleiche Kolben und Zylinder besitzen. An der Bewertung ändert sich nichts, denn MOTORRAD hatte beim Verschleiß ja wegen der Widersprüche keine Punkte abgezogen.

Auffällig ist, dass in letzter Zeit außer BMW auch andere Hersteller mit den Verschleißmaßen Probleme haben. Beispielsweise konnte Ducati für die Kolben der Dauertest-Panigale zunächst gar keine Verschleißgrenze nennen. Der Hintergrund: Dank hochwertiger Beschichtungen und ausgefeilter Werkstoffe ist Verschleiß an Kolben/Zylinder im Gegensatz zu früher heute kaum noch ein Thema. Ersetzt werden defekte Teile erst im Falle eines echten Schadens, kaum nach Maßvorgabe.

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