100 Jahre MOTORRAD: Väter der Klamotte (Archivversion) Väter der Klamotte

Vom Lederkäppi über Halbschale bis zum Hightech-Helm mit ausgeklügelter Belüftung – an der stetigen Entwicklung von Motorrad-Helmen und Schutzkleidung waren schon früher die Rennfahrer beteiligt.

Hand aufs Herz – selbst wenn Sie bekleidungsmäßig nicht gerade zu den Sicherheitsaposteln gehören, mit 70, 80 Sachen durchs Kurvengeschlängel Ihrer Hausstrecke zu heizen, nur mit Halbschale auf dem Kopf und dünnem Leder am Leib – so wie der Herr mit der Nummer 46 auf dem Foto links – wäre sicher nicht Ihr Ding. Integralhelm, Lederkombi oder Textilanzug mit Gelenk- und Rückenprotektoren sowie stabile Stie-fel dürften derweil zur Grundausstattung eines jeden Bikers gehören.Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es jedoch praktisch noch nichts, was Motorradfahrer wirkungsvoll vor Sturz-verletzungen schützen konnte. Die Renn-Gladiatoren der Straße ließen sich beim Schneider oder Schuhmacher um die Ecke ihre Bekleidung auf den Leib schneidern. So entwickelten sich nach und nach aus weiten Lederpellen immer engere Anzüge, die einerseits weniger Luftwiderstand boten und andererseits bei Stürzen nicht so leicht verrutschten. Eine der-artige Maßanfertigung war schon damals ein teures Vergnügen, das sich lediglich Rennsport-Freaks leisteten. Denen, für die das Zweirad reines Fortbewegungs-Vehikel war, musste ein gewöhnlicher weiter Mantel als Wind- und Wetterschutz genügen. Einfache Lederhauben, Handschuhe, feste Stiefel und robuste Lederkleidung zählten dagegen zu den ersten Anzeichen eines gestiegenen Sicherheits-denkens.Die verwegenen, aber kaum schützenden Lederhauben wichen bereits in den 20er Jahren den stabilen Halbschalenhelmen, die dank eines eingearbei-teten Kreuzgurts im Helminneren sogar so etwas wie Stoßdämpfung boten. Die Bauform der Halbschalenhelme hielt sich bis in die 60er Jahre und fand in Jethelmen, die den Kopf wesentlich bes-ser umschlossen, ihren Höhepunkt. Der Durchbruch auf dem Helmsektor kam dann Ende 1960, als die Motorrad-Zu-lassungszahlen zu steigen begannen und der Ruf nach geeigneter und vor allen Dingen sicherer Ausstattung lauter wurde. Die ersten Integralhelme mit festem Kinnteil waren erhältlich. Steigende Unfall-zahlen und die Zunahme von schweren Kopfverletzungen führten schließlich 1976 zur – heftig diskutierten – Helmpflicht für Motorradfahrer und der Einführung von ständig aktualisierten Sicherheitsnormen für Helme (ECE seit 1988, momentan gültig: ECE 22.05).Auch was die Entwicklung der Lederkombis anbelangt, ging es ab Mitte der 60er Jahre vehement voran. Zunächst verhalfen Lederdopplungen an sturzgefährdeten Stellen wie Schultern, Ellbogen, Knie, Hüfte und Gesäß zu etwas mehr Dämpfung und höherer Abriebfestigkeit. Danach folgten einfache Weichschaumeinlagen, die von immer ausgefeilteren Protektoren für Rücken und Gelenke abgelöst wurden. Vor allem Dainese trieb deren Entwicklung in den 70ern voran, zu-dem auch die modische. Einheitsschwarz war out, bunte Kombis der neue Hit. Elastische Kevlareinsätze für mehr Beweglichkeit sowie spezielle Nahttechniken für die Scheuer- und Reißfestigkeit erhöhten schließlich Sicherheit und Tragekomfort der Schutzkleidung.Vor allem Textilkombinationen, die in den 80ern aufkamen, haben beim Tragekomfort und bei der Wasserdichtigkeit dem Leder längst den Rang abgelaufen. Zwar kommen die Anzüge in der Abriebfestigkeit noch nicht ans Leder ran, doch ist es nur eine Frage der Zeit, bis Forscher reißfesteres Material entwickeln. Vielleicht hilft auch wieder der Zufall – wie 1969, als ein Herr Gore ganz nebenbei eine wasserdichte und atmungsaktive Membrane (Gore-Tex) entdeckte.Spricht also nichts gegen Hightech-Klamotten auf dem Motorrad, die Unfallfolgen wie Schürfwunden, Knochenbrüche und Kopfverletzungen vermindern oder ganz vermeiden. Nur: Wie viel Schutz muss sein? Bei 35 Grad mit der Protek-torenkombi samt kevlarverstärkten Handschuhen und Sicherheitsstiefeln mal eben zum Eiscafé ums Eck? Selbst wenn Sie zu den vehementesten Verfechtern von Sicherheitskleidung gehören, dürften Sie kräftig schwitzen. Und: Braucht’s fürs Biker-Outfit Brief und Siegel? Seit Mitte der Neunziger wird in der Europäischen Union eine Norm für Motorradbekleidung diskutiert, die bei Berufs-Motorradfahrern (Kuriere, Pizzadienste, Fachjournalisten) kurz vor der Umsetzung steht. Sollten sich die Bürokraten durchsetzen und die Norm für alle Biker einführen, können wir uns – im wahrsten Sinne des Wortes – bald warm anziehen. In weiteren hun-dert Jahren dürfte die Temperierung der Motorrad-Schutzkleidung allerdings kein Thema mehr sein. Wenn der Industrie weiter so große Fortschritte in der Sicherheits- und Komfortentwicklung gelingen wie in den letzten 25 Jahren, dann ist bis dahin die vollklimatisierte Kombi auf dem Markt. Und wahrscheinlich kommen – wie schon in der Vergangenheit – die entscheidenden Impulse dafür aus dem Rennsport.MOTORRAD dankt dem Deutschen Zweirad-Museum in Neckarsulm, dem Auto & Technik Museum in Sinsheim sowie der Firma Schuberth für ihre Unterstützung bei der Recherche dieser Geschichte.

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