Ballett Romeo und Julia

Auf die Spitze getrieben

Protektoren, wie sie keiner kennt: Nicht als Knochenschützer für Motorradfahrer, sondern als beziehungsreich verwendete Accessoires einer italienischen Balletttruppe – für einen mitreißenden Spitzentanz auf höchstem Unterhaltungsniveau.

Foto: Cavalieri
Sicherheitskleidung mal ganz anders.
Sicherheitskleidung mal ganz anders.
Das Motorrad selbst mag spätestens seit der Guggenheim-Ausstellung »The Art of the Motorcycle« zum Kunstwerk avanciert sein. Nichtsdestotrotz gelten Motorradfahrer nach wie vor gemeinhin als hartnäckige Kunstbanausen. Tief wurzelt in den Köpfen das Bild vom kauzigen, ungehobelten Biker – eher krachledern als kulturbeflissen, eher den freizügigen Damen als den schönen Künsten zugetan.
Ein böses Vorurteil, das es zu bekämpfen gilt. Zumal eine derart günstige Gelegenheit wie derzeit wohl so schnell nicht wiederkommt: Das renommierte italienische Ensemble Aterballetto liefert nämlich eine Interpretation des Balletts »Romeo und Julia«, die für Motorradfahrer wie maßgeschneidert scheint. Während des gesamten Stücks tragen die Tänzer nicht Strumpfhose oder Tutu, sondern über ihren Trikots auch eine fürs Ballett eigentlich untypische Staffage aus Protektoren, Helmen und Sturmhauben – und schaffen eine rasante Atmosphäre, die mit klassischem Spitzentanz wenig gemein hat. Besinnliche Schwebeschritte, ätherische Gestalten, schwanengleiche Verneigungen? Fehlanzeige. Stattdessen sind kraftvolle Sprünge, dynamische Bewegungen und schwungvolle Drehungen angesagt. Zur Musik des russischen Komponisten Sergej Prokofieff erlebt der Zuschauer atemberaubende 90 Minuten, die wie im Flug vergehen.
Doch warum nun plötzlich Romeo und Julia im Motorrad-Outfit? Die Idee kam Fabrizio Plessi, 66, verantwortlich für Bühnenbild und Kostüme, ursprünglich durch seine Freundschaft mit Lino Dainese (siehe Interview Seite 119). Der baut in seiner Firma seit über 30 Jahren anspruchsvolle Motorradkombis und entwickelte bereits in den Siebzigern die ersten Protektoren für Rennfahrer. Videokünstler Plessi, in der Vergangenheit unter anderem Professor an der Kunsthochschule Köln, griff das Thema flugs auf und gab ihm eine neue Richtung: »Heutzutage schützen wir unseren Körper mit Airbags oder Protektoren. Aber was ist, wenn es um die Seele, um Gefühle geht? Da versagen unsere Verteidigungsstrategien.« Und so verlieren Romeo und Julia in Plessis Interpretation um der Liebe Willen all ihre Schutzmechanismen – sprich: Protektoren – und tanzen in wahnsinnigem Tempo ihrem dramatischen Ende entgegen.
Um die Dynamik weiter zu erhöhen, stellen Plessi und Choreograph Mauro Bigonzetti nicht etwa einen Romeo und eine Julia auf die Bühne, sondern jeweils deren acht, und erzählen die Geschichte zudem von hinten nach vorn, also vom bitteren Schluss zum hoffnungsfrohen Anfang. Die Sache noch ein Stück weiter verdrehend verpflanzen die beiden den Helm kurzerhand vom Kopf auf den Fuß ihrer Akteure, wo er die Instabilität des Lebens symbolisiert – wobei sich motorradfahrende Zuschauer unwillkürlich fragen, wie um alles in der Welt die Tänzer mit dem Fuß im Helm denn wohl das Gleichgewicht halten. Und weil die Regisseure gerade schon beim Thema Motorrad sind, finden sich Romeo und Julia schließlich sogar im Windkanal wieder, wo der Sturm alles hinwegfegt – außer der puren und absoluten Passion.
Doch selbst wer stur und steif auf dem Kunstbanausen-Status von Motorradfahrern besteht und sich auf keinen Fall auf irgendwelche tiefsinnigen oder hintergründigen Deutungen ein-
lassen mag, wird sich dabei ertappen, dass er von Szene zu Szene
neugieriger darauf wird, wie die Tänzer ihre Motorradrequisiten jeweils einsetzen. Oder ablegen.
Bei der Uraufführung des Stücks in Reggio Emilia in Italien jedenfalls wurde »Romeo und Julia« vom vorwiegend jungen Publikum frenetisch gefeiert. Und eins steht felsenfest: Nie wirkte hochtechnische Motorradbekleidung so verführerisch, noch nie war sie so attraktiv in Szene gesetzt wie an den 16 athletischen Tänzerinnen und Tänzern des Aterballetto.
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Interview mit Lino Dainese

Lino Dainese, 57, ist Chef der
Bekleidungsfirma gleichen Namens,
die neben pfiffigen Kombis die
ersten Protektoren für Knie und
Rücken entwickelte.
Wie kam die Zusammenarbeit Ihres Unternehmens mit dem Aterballetto zustande?
Ich habe auf der Kunstausstellung in Basel zufällig den italienischen Videokünstler Fabrizio Plessi kennen gelernt, wir haben uns angefreundet. Der hat mit Motorrädern gar nichts am Hut und kannte die Firma Dainese nicht. Irgendwann hat er mich gefragt: »Lino, sag mal, was machst du eigentlich so im Leben?« Da habe ich ihm ein bisschen was über die Motorradszene und über Protektoren erzählt. Und als er dann die Kostüme für »Romeo und Julia« entwerfen sollte, stand er plötzlich bei uns vor der Tür.
Mussten die Protektoren für den Einsatz im Ballett umgearbeitet werden?
Nein, nein, das sind Originale. Plessi hatte, als er zu uns ins Werk kam, eine Tänzerin dabei, die gleich alles ausprobiert hat und bass erstaunt war, wie gut man sich damit bewegen kann. Ich habe den beiden dann erst mal klar gemacht, dass Motorradfahrer und vor allem Rennpiloten nicht stocksteif auf dem Motorrad sitzen, sondern sich ganz schön viel bewegen – für die ist das
ja tatsächlich lebenswichtig!
Waren Sie irgendwie in die Umsetzung des Stücks involviert?
Ich war bei vielen Proben dabei und habe im Detail erklärt, wie Protektoren eigentlich verwendet werden. Mehr aber auch nicht – Künstlern redet man lieber nicht drein.
Was bringt ein solches Projekt für Dainese?
Wenn Sie den finanziellen Aspekt meinen: gar nichts, im Gegenteil. Aber darum geht es
dabei auch gar nicht. Kreative Ideen bekommt
man nur, wenn man über den eigenen Tellerrand
hinausschaut. In diesem Fall geben wir, aber wir bekommen auch viel zurück. Wenn ich nur mit Motorradfahrern rede, bleibe ich sozusagen in einem Ghetto und drehe mich immer im Kreis. Und uns Motorradfahrern gefallen solche Entdeckungsreisen ja auch, wir gehen mit den Motorrädern auf Tour und lernen fremde Sitten und Gebräuche kennen. So ähnlich ist das bei unserer Zusammenarbeit mit einer Balletttruppe.
Werden Sie solche branchenfremde Projekte in Zukunft weiter fördern?
Wir haben ähnliche Sachen bereits gemacht, etwa die Anzüge für die Flammenläufer
bei der Eröffnung der Olympischen Winterspiele in
Turin. Und gerade entwickeln wir eine Kombi für Weltraumspaziergänge. Sie sehen also: Wir sind für alles offen.

Ballett Romeo und Julia

Die Ballettaufführung »Romeo und Julia« geht auch in Deutschland auf Tournee. Vom 26. bis 28. Oktober gastiert das Ensemble
in Ludwigshafen, im Theater im Pfalzbau; vom 31. Oktober bis 5.
November wird im Ludwigsburger Forum am Schlosspark gespielt. MOTORRAD verlost für beide Veranstaltungen mehrere Karten. Bei Interesse schicken Sie bitte eine E-Mail an nsorg@motor-
presse.de, versehen mit dem Stichwort »Romeo und Julia« und dem Vermerk des gewünschten Veranstaltungsorts. Einsendeschluss ist der 30. September. Außerdem überträgt 3sat das
Ballett im Fernsehen; der Sendetermin steht aber noch nicht fest.

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