Billigkombis beim Profischneider SCHERKRÄFTE

Mit einer kleinen Nagelschere nähert sich Stefan Röttger der Kombi. Binnen Sekunden ist die Naht von außen aufgetrennt: »Stell dir vor, du schleifst nach einem Sturz über den Asphalt. In dem Fall ist das Garn noch viel schneller weg!« Dann klappt er das Leder auf. Schon tritt die zweite Naht offen zutage, und auch diese stellt für die Nagelschere kein Problem dar. Plötzlich klappt das Bein über die komplette Länge auf. Pseudo-Sicherheitsnähte nennt Rött-ger so etwas, und die sind bei Günstig-Leder-kombis immer wieder zu finden. »Die Nähte«, doziert der Saarländer, »sind das A und O einer Lederkombi: Was nützt die 1,2 Millimeter dicke Lederschicht, wenn das 0,2 Millimeter dünne Garn beim Sturz sofort schlappmacht?«
Dass es in dieser Preisliga auch anders geht, beweisen akkurat gezogene Sicherheitsnähte an anderer Stelle. Hier hat die Schere keine Chance, und auch im realen Fall müsste erst einmal reichlich Leder auf der Strecke bleiben, bevor es für die erste von zwei Nähten gefährlich wird. Licht und Schatten liegen eng beisammen. In Sachen Nahtgüte müssten nach Ansicht des Lederschneiders, der sich auf die Reparatur von Sturzkombis spezialisiert hat, alle Billigkombis entweder grundsätzlich oder zumindest in Teilbereichen überarbeitet werden.
Ein weiteres Problem sind falsche Schnitte oder Längenproportionen. Besonders im Ärmelbereich rund um die Ellbogenprotektoren passt das Maß nicht. Mit der Folge, dass sich Wülste bilden und das Leder in den Armbeugen unangenehm ein-schneidet. Beim Sturz droht zudem die Gefahr, dass sich die Protektoren verdrehen und kaum noch schützen können. Unterm Strich sieht Röttger bei keiner der Testkombis einen einwandfrei ge-lungenen Zuschnitt. Ein Manko, das mit einem ergonomisch durchdachten Schnittmuster schnell behoben wäre.
Ein weiteres Problem der Low-Budget-Kombis ist die Materialgüte. Die Kombis bestehen zum Großteil aus vielen kleinen, zusammengenähten Lederversatzstücken, Reste, die von einer großen Haut übrig bleiben. Dabei kann es leicht passieren, das manches Stück zu den Rändern hin ausgedünnt ist und schnell reißt. Dazu gesellt sich in der Regel einfaches Textilstretch-Material, das ebenfalls wenig widerstandsfähig ist. Hier regiert ganz klar der kaufmännische Rotstift. Denn anders wäre der Preis für diese Kombinationen nicht zu reali-sieren. Röttgers Fazit: »Die Kombis haben ein eng umrissenes Einsatzgebiet. Sie sind ein klarer Fall für Einsteiger und natürlich allemal besser als jede Jeanshose. Erfahrene Vielfahrer sollten dagegen in höheren Preisregionen suchen. Und trotz manch sportlicher Optik: Für den Einsatz auf der Renn-strecke ist kein Zweiteiler geeignet.“

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