Der Helm – eine Kultur- und Sozialgeschichte §21a Abs .2 STVO

Angeblich tragen wir ihn, weil das Gesetz es uns vorschreibt und natürlich aus Gründen der Sicherheit. Tatsächlich aber ist der Helm weit mehr als nur Schutz unseres wichtigsten Körperteils.

Foto: fact
Nicht-destruktive Gedanken zum Thema Helm
Nicht-destruktive Gedanken zum Thema Helm
Identität Die mit Helm erkennt man nicht, sie verlieren ihr Gesicht, versinken in der Anonymität. Aber diese Anonymität befreit: von Doppelkinn, Tränensäcken,
Pickeln, Knollennase. Und davon, festgelegt zu sein auf die eigene, persönliche Identität: braver Familienvater, windiger Geschäftsmann, schwache Frau.
Somit erfüllt der Helm einen alten Menschheitstraum: sich eine Maske aufzusetzen, die Unzulänglichkeit des eigenen Ichs zu kaschieren, ein neues Selbst zu gewinnen. Den Kriegern von Naturvölkern sollten Furcht erregende Masken die Kraft von Löwen, Tigern, Warzenschweinen verleihen. Im griechischen Theater konnte ein und derselbe Schauspieler, maskiert, in immer wieder neue Rollen schlüpfen. Im Karneval, nicht nur dem venezianischen, bleiben Anstand und Moral hinter der Maske zurück. Anders aber als in der
Geschichte, wo es stets eines Rituals, einer Inszenierung, eines gesellschaftlichen
Ausnahmezustandes bedurfte, verleiht die Helmpflicht seit 1976 allen Motorradfahrern jederzeit die Freiheit, sich maskieren zu müssen.
Als Racer mit dem Replika-Helm des rennfahrenden Helden – mit Sonne und Mond auf der Schale wird aus Walter Rothfuß Valentino Rossi. Als Streetfighter mit Roof- oder Simpson-Helm – hinter schwarzem Visier und martialischem
Airbrush mutiert Georg Reiter zum Ghost Rider. Als Tourer mit Klapphelm – mit
einem Handgriff nur öffnet sich selbst der beschränkteste Pedant neue Horizonte. Als Crosser mit Schirm, Kinnbügel und Brille – nirgends sonst wird eine graue Maus so schnell zum bunten Hund. Als Easy Rider mit Halbschale oder Braincap – sich minimal ans Gesetz zu halten und sich maximal als Outlaw fühlen zu dürfen. Als Durchschnittsfahrer mit Durchschnittshelm – wo sonst tragen sich die Eintönigkeit und das Muster der Normalität so
nonchalant.
Kommunikation Der Helm kompliziert sie, zweifelsohne. Aufgesetzt erschwert er es, sich verständlich zu machen und zu verstehen. Doch kann der Helm auch sehr beredt sein, eine neue Form der Kommunikation schaffen. Er übermittelt Botschaften, setzt Signale. Der Wissenschaftler Francis Collins zum Beispiel, Anfang der neunziger Jahre Leiter des
Genom-Projekts zur Entschlüsselung des menschlichen Erbguts, klebte die Namen von ihm isolierten Gene auf seinen Helm, verbreitete so in der Tat eine Botschaft, geeignet, die Menschheit der Selbsterkenntnis näher zu bringen. Verstanden haben das leider nur Spezialisten.
Leichter verständlich sind Applikationen wie etwa »Jesus fährt mit«, »Ich bremse auch für Biere«, »Organspender on tour«, »Alles Schlampen außer Mutti«, »Ein Herz für Kinder«. Obwohl die ebenfalls Interpretationsspielraum eröffnen. Es spricht aber auch der nicht mit Aufklebern gezierte Helm eine deutliche Sprache, egal, wie er getragen wird, auf dem Kopf oder in der Hand. Weil er Gruppenzugehörigkeit signalisiert. Wer an der nächsten Ecke sein Fahrrad besteigt, seinen VW Golf geparkt hat, sein Busticket löst, trägt keinen Helm. Wer Helm trägt, ist Motorradfahrer. In der Regel ein anderer Mensch.
Ranjid Singh ist ebenfalls Motorradfahrer. Aber er trägt keinen Helm. Das hat der Bund-Länderausschuss für Straßenverkehr 1986 erlaubt. Mit Helm nämlich würde sich Herr Singh zwar sofort als Motorradfahrer zu erkennen geben, aber es ist ihm wichtiger, dass man ihn als gläubigen Sikh erkennt, am Turban. Über den kein Helm sich stülpen lässt. Mit Helm »würde ich meinen Glauben verraten«, sagt er. Also fährt er mit Turban. »Der wird mich besser beschützen als jeder Helm.« Auch Ordensschwestern dürfen in solchem Glauben ein Motorrad bewegen, behelmt allein von ihren Hauben. Ihnen reicht ein Bekenntnis, das des Glaubens, sich von der Helmpflicht befreien zu lassen. Sonst braucht
es ein Attest vom Arzt, der damit bescheinigt, dass das Tragen eines Helms seinem Patienten nicht zuzumuten sei.
Zweckentfremdung Eine Unzumutbarkeit bedeutet das Tragen eines Helms gleichwohl noch in ganz anderer Art und Weise. Nicht für den Träger selbst. Für seine Mitmenschen. Etwa Bankangestellte. Die mögen es gar nicht, wenn die –
vermeintliche – Kundschaft maskiert in Anonymität versinkt. Weshalb die Höflichkeit es gebietet, sich in solchen Situationen als der zu zeigen, der man ist, auch wenn’s weh tut: »Nein, Herr Rothfuß, wir können ihnen keinen Kredit für eine R1
gewähren, auch wenn Rossi jetzt Yamaha fährt.« Ähnlich empfindlich reagieren Tankstellenpächter auf Besucher, die der Helmpflicht allzu gewissenhaft willfahren: »Sie können gerne mit Karte zahlen, Pistole
akzeptieren wir leider nicht.«
Weil dieser Zusammenhang – Motorrad, Helm und Knarre – in Kolumbien vor einiger Zeit Überhang zu nehmen drohte, entschlossen sich die Behörden dort zum zeitweiligen Verbot. Nicht von Knarren freilich, auch nicht von Motorrädern. Von Helmen. Das bot den Drive-by-Shootings nicht wirklich Einhalt, ermöglichte den Opfern aber immerhin noch zu erkennen, von wem sie umgenietet werden.
Über den bewaffneten Straßenkampf gelangte der Helm nicht nur in Kolumbien zu zweifelhaftem Ruf, sondern sogar in Frankfurt am Main.
Das Beispiel, bei dem der heutige Außenminister Joschka Fischer eine helmtragende Rolle spielte, zeigt zweierlei.
Erstens: Die Gemeinschaft der Helmträger ist bei weitem nicht so homogen, wie
es das sie verbindende Element Glauben
machen könnte. Denn manchmal spaltet gerade dieses Element – in solche, die
einen Helm tragen dürfen, und solche,
denen es verboten ist. Polizisten und
Demonstranten. Das nennt man Gewaltmonopol. Zweitens: Bürgerrecht und Bürgerpflicht sind Auslegungssache. Vermutlich hätte der Deutsche Bundestag nicht noch vor drei Jahren darüber debattiert, wenn Fischer 1976 ohne Helm Motorrad gefahren wäre.
So aber mahnte Wolfgang Bosbach, stellvertretender Vorsitzender der CDU/
CSU-Fraktion, den Außenminister folgendermaßen: »Ihre Vergangenheit, Herr Minister, ist heute einmal mehr nicht zu-
letzt deshalb Thema, weil Sie Ihre – im
wahrsten Sinne des Wortes – fragwürdige
Vergangenheit nicht einfach wie eine alte Jeans oder einen Motorradhelm entsorgen können.« Sage noch einer, Politiker wüssten nicht, wovon sie reden. Motorradhelme dürfen tatsächlich über den Hausmüll entsorgt werden.
Historie Viel länger als die geregelte Entsorgung des Hausmülls reicht die Geschichte des Helms zurück. Wenn sich auch nicht mit Bestimmtheit sagen lässt, wann die ersten Helme auftauchten, so steht doch zu vermuten: unmittelbar nach der Keule. So gesehen hat der Helm die Entwicklung der Menschheit nicht nur begleitet. Er hat sie gehörig voran gebracht. Weil Schläge auf den Hinterkopf eben nicht das Denkvermögen fördern, sondern ganz anderes bewirken. Weshalb nicht erst der Motorradfahrer der Helmpflicht oblag.
Ihm voran gingen griechische Helden, römische Kohorten, plündernde Wikinger, tjostende Ritter, preußische Kürassiere und andere, die aus beruflichen Gründen regelmäßig andere Menschen treffen mussten. Ihn begleiten Feuerwehrmänner, Bau-
arbeiter, Footballspieler, Jetpiloten und
die Schüler der Brictius Grundschule in Schöppingen. »Aus Sorge um die Gesundheit der Kinder hat die Schulkonferenz beschlossen, die Helmpflicht für Rad fahrende Schüler einzuführen.«
Weil ganz zu Anfang Motorradfahrer noch langsamer waren als die Schüler
der Brictius Schule heute, trugen sie
keinen Helm. Der Herrenfahrer fuhr mit Mütze, Schieberkappe oder Lederhaube. Aus Letzterer entstand die Urform des
Motorradhelms, eine mit Wülsten verstärkte Lederhalbschale. Statt Leder benutzten einige Hersteller eine Schale aus Pappmachée, die sie mit Kork oder Filz polsterten.
In den fünfziger Jahren gelangte der Kunststoff zu großer Beliebtheit, nicht nur in Haushalt und Garderobe. Auch Motorradhelme wurden, wie etwa vom britischen Hersteller Cromwell, aus Polyesterharz
gefertigt, in das man Glasfasermatten
laminierte. Und die deutsche Firma Schuberth verwendete als erste Styropor als stoßdämpfendes Material. Abgeleitet von den Helmen der Kampfpiloten kam in
den Sechzigern der Jethelm mit heruntergezogenen Flanken auf den Markt.
Kurz vor der Helmpflicht tauchte der Integralhelm auf, zunächst als Modifikation des Kopfschutzes, den der amerikanische Produzent Bell für Autorennen auf den
US-Hochgeschwindigkeitsstrecken entwickelt hatte. Mörderschwer und mit stark eingeschränktem Sichtfeld, fanden diese Trumms kaum Zuspruch. Weil er seitdem immer leichter, immer komfortabler, immer sicherer wurde, setzte sich der Vollvisierhelm letztlich durch.

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