Die Form der Funktion (Archivversion)

Oder die Funktion der Form. Egal, wer wem folgte. Als es endlich eigens für den Motorradfahrer gefertigte Kleidung gab, war der oft genug nichts anderes geblieben als der zweifelhafte Charme des Nützlichen.

Es gibt die Motorradmode, und zugleich gibt es sie nicht. Weil es sie eigentlich nie gab. Und Klassiker wie Kleppermantel, schwarze Lederjacke oder Wachscotton-Klamotten zunächst nicht speziell fürs Motorrad gemacht waren. Dass sie zu Klassikern wurden, lag daran, dass man sich ihrer bedient hat zu Zeiten, als eine besondere Motorradkleidung so gut wie nicht existierte. So holte man sich beim Militär, den Fliegern, schwere, robuste Lederblousons, die was aushielten. Auch Wasserabweisendes wie die gewachste Baumwolle von Belstaff oder Barbour trugen ursprünglich Jäger durch den Forst oder Fischer am Bach.
Erst nachdem sich das eine oder andere Outfit funktional bewährt hatte, wurde es formal stilprägend. Dabei half, dass Motorradfahrer, anders als heute, als Außenseiter galten und dies auch kultivierten. Die Art, wie sie sich gaben, wie sie sich kleideten, erhielt ikonengleichen Status. Über die Szene hinaus vermittelt durch Massenkultur, insbesondere Film und Musik, erlangte vor allem die Lederjacke Popularität. Sie stand für Unabhängigkeit, Unangepasstheit, Aggression, Stärke, Individualität. In seinem schwarzen Fliegerblouson fungierte Marlon Brando als Topmodel, als es den Begriff noch längst nicht gab.
Mit dem Erfolg kam, was kommen
musste: Motorradleder avancierte zum Requisit. Nicht schützend, funktional nunmehr für einen völlig anderen Zweck; dem dazuzugehören, auch so zu sein wie die harten Typen auf ihren schweren Maschinen. Motorradmode wurde anziehend – im doppelten Sinn des Wortes, kleidete die Unkonventionalität, die freilich immer konventioneller wurde. So, wie es übrigens auch dem Motorrad selbst erging.
Es wurde gesellschaftsfähig.
Da lohnte es sich für die
Industrie, Motorradfahrer eigens auszustaffieren.
Anfangs orientierte sie sich noch an den klassischen Vorbildern, deren Stil jedoch dem Primat der Funktion
untergeordnet wurde. Das Zweckmäßige verdrängte das Symbolische mit Esprit und Raffinesse.
Zunächst zumindest. Denn
Jacken
wie die
Rennweste von Harro hielten, was
Marlons Kuhhaut versprach. Und sahen
dabei noch ganz gut aus. Bis man etwa Mitte der 80er Jahre sich mühte,
der fortschreitenden Funktionalität eine
eigene Form zu verpassen. Indem man etwa Protektoren farblich, in Magenta gar, vom grundständigen Grau ab-
setzte. Die Form folgte der Funktion so
willfährig, dass sie ihr offen Ausdruck
verlieh. Auch mit neuen Materialien, besonders abriebfesten Kunstfasertextilien, deren Potenzial einfach so
attraktiv erschien, dass man Funktionalität schon als ästhetischen Wert missverstand. Und nach
außen kehrte. Was leichthin zu tragen, mitunter aber schwerlich zu ertragen war.
Jacken legten an Volumen zu. Mit Innen-
futter, Klimamem-
bran, Protektoren,
zig praktischen
Taschen. Kaum eine Widrigkeit, vor der eine solche Jacke nicht schützen könnte. Mitleidige Blicke ausgenommen.
Motorradfahren war so populär und so sicher wie nie zuvor, die Kleidung indes so krud auf ganz spezielle Bedürfnisse hin abgestimmt, dass sie nicht mehr tat, als justament die zu
befriedigen. Stilistisch konnten diese Machwerke in Gore-Tex und Cordura über die eigentliche Szene hinaus kaum noch faszinieren. Brando in Lederjacke konnte man cool und charismatisch finden, selbst Hopper in seiner Fransenjoppe, aber die Funktionsmonster des letzten Vierteljahrhunderts allenfalls wasserdicht. Kaum wundern muss es deshalb, dass die Inspiration für eine neue Art der Motorradbekleidung von gestern ist. Oder von ganz woanders. Zum einen knüpft man an Zeiten an, in denen Stil und Aura noch nicht verlo-ren waren. Zum zweiten orientiert man sich an anderen Mustern, adaptiert – den Anfangszeiten darin ganz ähnlich
– Bewährtes aus anderen Bereichen, nunmehr aus Streetwear, Snowboard- oder Skaterszene.
Einen grundlegenden Unterschied freilich gibt es im Vergleich zu früher. Damals hatte man keine anderen Möglichkeiten, heute viele. Viele Möglichkeiten, unmöglich auszusehen. Aber auch wieder welche, genau das nicht zu tun. In Italien ist man da schon viel weiter. Auch daran mag es liegen, dass dort das Motorrad boomt. mor/nso

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