Fahren bei Regen (Archivversion) Wellenreiter

Horror vor nassem Asphalt? Das muss nicht sein. Mit guter Ausrüstung und der richtigen Fahrweise lässt es sich ganz entspannt durch den Regen surfen. Auf den folgenden Seiten erfahren Sie alles, um mit Hochstimmung durch Tiefausläufer zu kommen.

Großer MOTORRAD-Reifentest in Mireval, Südfrankreich. Zusammen mit Schraubergehilfe Tommy stehe ich in der Box und beobachte, wie die beiden Tester-Kollegen mit Honda VFR und Suzuki GSX-R 1000 über den bewässerten Parcours pflügen. In den Kurven sind beachtliche Schräglagen zu sehen, auf der Geraden geht es mit Macht in die Bremse, um das Potenzial der Pneus beim Stoppen auf nassem Untergrund auszuloten. Tommy, selbst ein alter Hase, der auf seiner Suzuki GSX-R pro Jahr zigtausend Kilometer sammelt und Stammgast in Hockenheim ist, knurrt ein »Respekt, Respekt« und gibt unumwunden zu: »Bei Regen werde ich zum absoluten Schisser!«
Und das geht nicht nur Tommy so. ­Etliche Motorradfahrer, egal, ob Einsteiger oder erfahrene Vielfahrer, reagieren bei nasser Fahrbahn unsicher. Obwohl die technischen Voraussetzungen heute hohe Sicherheitsreserven bieten: Gute Fahrwerke, Reifen mit satter Haftung und schließlich ein ABS erleichtern das Fahren im Regen enorm. Ist die Angst also nur eine Frage des Kopfs?
Nicht ausschließlich. Für den Sport-psychologen Professor Hans Eberspächer, selbst Vielfahrer auf BMW R 1150 GS und Triumph 955i, kommt es im Regen auf drei Aspekte an: »Die körperliche Verfassung, die Ausrüstung und den Kopf!« Wenn alles stimmt, kann man sich deutlich sicherer auf dem Motorrad über nasse Straßen bewegen. Im Interview auf Seite 75 verrät der Buchautor (»Gut sein, wenn’s drauf ankommt«), wie Zweiradpiloten die Unsicherheit im Regen erfolgreich abbauen können.
Neben der Fahrzeugtechnik hat sich auch im Bekleidungssektor in den letzten Jahren viel getan. Immer mehr Motor­radfahrer schätzen die Vorteile von Textil­kombis bezüglich Wetterfestigkeit. In der Verkaufsstatistik liegen Kunstfaseranzüge seit Langem deutlich vor Lederkombis, die allerdings in puncto Sicherheit (Abriebverhalten, Reißfestigkeit) nach wie vor über­legen sind. Für alle, die auf Leder schwören, hat sich seit über drei Jahrzehnten die Regenkombi als vor Nässe schützende Überhaut bewährt. Einen großen Test elf verschiedener Modelle finden Sie auf den folgenden Seiten. Zur besseren Übersicht haben wir sie in zwei Preiskategorien unterteilt: Die ersten sechs Kombis gehören zur Gruppe »bis 50 Euro«, die fünf getesteten Modelle der zweiten Gruppe kosten zwischen 50 und 110 Euro. Die einzelnen Test­kriterien und die Bewertung aller Mo­­delle im Überblick finden sich auf Seite 74.
Feintuning bei der Ausrüstung ist nicht zuletzt bei den vermeintlich kleinen Dingen wie Handschuhen möglich. Wasserdichte Exemplare gehören bei den meisten Herstellern mittlerweile zum Standardangebot. Bereits im unteren Preissegment wird ­­man fündig, kann sich für günstiges Geld trockene Finger gönnen.
Aber Dichthalten allein macht noch keine guten Regenhandschuhe aus. Oft wird bei Modellen mit eingearbei­teter Klimamembrane bemängelt, dass aufgrund des vielschichtigen Aufbaus (Außen­haut, Klima-Insert, Innenhand) das Greifgefühl beeinträchtigt wird. Die Schichten verrutschen gegeneinander, und schon fehlt einem das sichere, gefühlvolle Händchen, das man gerade bei der Fahrt durch Regen unbedingt braucht. Neuster Clou, der aus der Entwicklungsabteilung des Klima-Konzerns Gore-Tex stammt, ist das Laminieren der einzelnen Schichten. Sind Innenhand, Klimamembran und Außenhand fest miteinander verbacken, fühlt sich ein wasserdichter Handschuh an den Lenkerenden plötzlich ganz anders, nämlich viel griffiger an. Die entscheidenden Punkte, auf die man beim Kauf von allwettertauglicher Bekleidung achten sollte, haben wir kurz und kompakt im Kasten links zusammengestellt.
Mit dieser generellen Entwicklung hin zu deutlich dynamischerer Regenbekleidung haben übrigens andere Produkte längst ausgedient, die immer noch zuhauf in Katalogen oder auf Grabbeltischen in Zubehörshops angeboten werden oder garantiert noch in mancher Gepäckrolle vor sich hinschlummern: Die Rede ist von den berühmt-berüchtigten Regengamaschen für Stiefel und zeltgroßen Überziehern für die Handschuhe. Warum Sie auf diese Sachen verzichten sollten, steht im Kasten auf Seite 71 oben.
Haben Sie schließlich alles beisammen, ist Trockenheit noch lange nicht garantiert. Denn die Ausrüstung muss auch richtig angelegt werden. Selbst im Test­alltag von MOTORRAD kommt es bis­wei­len zu »Fehlbedienungen«. So geschehen bei den Verschleißfahrten zum Reifentest (siehe Heft 11/2007). Ein Testfahrer klagte bei Regenfahrten ständig über eine nicht wasserdichte Hose. Was kein »Material­fehler« war, sondern der Träger hatte den Hosenlatz samt Membrane nicht sachgemäß verschlossen. Dumm gelaufen. Wobei die Hersteller bei der Kon­struktion verstärkt darauf achten sollten, dass Bedienfehler möglichst ausgeschlossen werden. Renommierte Marken aus der Hochpreisliga ha­ben an den kritischen Übergängen wie Helm/Kragen, Ärmel/Handschuhe und Hosenbein/Stiefel durch pfiffige Konstruk­tionen und neue Materialien erhebliche Fortschritte erzielt. Tipps, um Fehler beim Ankleiden zu vermeiden, sind unter »Nahtstelle« auf Seite 73 aufgeführt.
Jetzt düst man vermutlich zwar immer noch nicht so souverän wie die Profi-Tester durch den Regen, aber zumindest die Ausrüstung stimmt. Und erst dann lässt sich an der Fahrtechnik im Regen feilen (siehe Kasten rechte Seite). Denn Fakt ist: Wer bis auf die Haut durchnässt ist, kann keinen sauberen Strich fahren.

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