Helmtest (Archivversion) Praxis

Verarbeitung, Ausstattung, Funktion – das sind die Stärken der Oberklasse. Welche Vorzüge bieten die Testkandidaten im Alltag?

Nach der Pflicht, dem Sicherheits-Check, folgt die Kür: Auf unzähligen Testkilometern konnten die Oberklasse-Mützen zeigen, ob sie rundum einen soliden Gegenwert fürs Geld bieten. Aerodynamik. Wie ein Ei dem anderen gleichen sich Helme nur auf den ersten Blick. Feinheiten machen den Unterschied, etwa Abrisskanten oder Spoiler. Klassenbester in Sachen Luftwiderstand ist im Windkanal der wuchtig wirkende Ixs, bei ihm liegen die Kräfte um gut 20 Prozent unter dem Shoei. Bei höherem Tempo ist Auftrieb unangenehm. HJC und Ixs glänzen mit guten Messwerten und wurden auch von den Fahrern recht gut beurteilt. In der Praxis spielt auch der Sitz eine Rolle. Helme, die an Nacken und Kinn gut fixiert sind, zum Beispiel HJC und Arai, sitzen neutral. Fast alle Testfahrer monierten die lästige Auftriebsneigung von Vemar und FM. Bei über 150 km/h »hängen« sie quasi am Kinngurt, in der Heizerfraktion kommt wenig Freude auf. Geräusche. Das Ohr ist immer noch das sensibelste Messinstrument, daher verließ sich das Testteam auf subjektive Eindrücke. Positiv – wenn man auch nicht wirklich von leise sprechen kann – beurteilten alle Testern den Arait, HJC und Shoei folgen. Auf der anderen Seite entpuppt sich der Dainese mit seiner turbulenten Geräuschkulisse als echter Radaubruder. Wenig spektakulär dagegen die Wahrnehmung der Umweltgeräusche, nur der HJC bezahlt seine geschlossene Bauweise im Ohrbereich mit gedämpfter Wahrnehmung. Passform. Zunächst eine Frage der individuellen Kopfform.Trotzdem gibt es Helme, die immer komfortabel und fest sitzen, andere bereiten eher Kopfzerbrechen. Top sind Arai mit eher sattem und Shoei mit straffem Sitz. Der Agv sitzt nur oben am Kopf stramm. Biker mit Größe M haben mit dem Nolan N 92 ein Problem: Die Italiener verwenden bei den kleineren Versionen eine Schale mit extrem engem Einstieg, fast alle M-Tester mussten zwangsläufig auf Größe L ausweichen. Auf-/Absetzen. Grundsätzlich ist ein straffer Sitz, etwa bei HJC oder Shoei, vorteilhaft, das gilt besonders für Schnellfahrer. Der Nachteil: Solche Helme sind meist rundum gut gepolstert und dementsprechend eng beim Aufsetzen, was heisse Ohren verursacht. Für den Kurzstreckenverkehr sind die unten offener gepolsterten Helme von Agv oder FM praktischer. Das Problem des Nolan wurde bereits erwähnt, aber auch bei der L-Version ist der Einstieg recht eng.Zugluft. Hier gab es durchweg wenig Anlass zu Beanstandungen. Viele Testhelme haben beigelegte Kinnspoiler. Die helfen gegen Zugluft und mindern die Geräusche ein wenig, bei den Fahrten wurden sie daher stets eingesetzt. Regendichtheit. Früher war das Problem immer die Visierabdichtung, bei aktuellen Helmen kommen die Belüftungsöffnungen hinzu. Tipp: Visiermechanik am neuen Helme justieren, so dass die Scheibe bei geschlossenem Visier rundum an der Dichtlippe anliegt. Beim Arai ist die Kopfbelüftung ungünstig im Visier angebracht und unzureichend abgedichtet, so dass dort schnell Wasser eindringt und innen am Visier herunterläuft. Kopfbelüftung. Die Wirkung der vielen Knöpfchen, Schieber oder Hutzen ist begrenzt, da die Kanäle oft an der Innenpolsterung enden, die Luft kann nicht weitergeleitet werden. Wirklich spürbare Abkühlung bieten die Helme von Dainese und FM. Pflegemöglichkeit. An teuren Helmen will sich der Besitzer langfristig erfeuen. Umso wichtiger ist die Reinigung des Innenlebens. Herausnehmbare Polster besitzen Agv, Dainese, FM, HJC, Kiwi, Uvex und Vemar. Wie praktisch, denkt man zunächst, leider ist die Idee meist nur unzureichend umgesetzt. Die Futter sind manchmal nicht gut fixiert, die Polster nur teilweise herausnehmbar, oder der Besitzer steht nach dem Zerlegen ratlos vor einem Puzzlespiel. Gebrauchsanleitung. Gute Kenntnisse setzen viele Hersteller beim Käufer voraus und verzichten auf ausführliche Erläuterungen zu ihrem Produkt. Eine wirklich überzeugende Lösung, wie sie etwa Schuberth oder BMW in Form eines umfangreichen Handbuchs in deutscher Sprache anbieten, ist in diesem Testfeld nicht zu finden. Wer sich durch das vielsprachige Wirrwarr arbeitet, findet bei Agv, Arai, Dainese und Nolan die wesentlichen Infos und/oder gute Illustrationen.Verarbeitung. Eine aufwendige Austattung und Topverarbeitung bis ins Detail sollte bei Preisen von 500 Mark und mehr selbstverständlich sein. Doch mancher Kunde wäre wohl enttäuscht: Bei den FM-Helmen löste sich die Nackenpolsterung, bei Uvex und Vemar waren die Polster im Stirnbereich schlecht fixiert. Ixs nimmt es mit der Symmetrie nicht so genau, Agv könnte das Kinnpolster besser verkleben. Der Shoei gibt keinen Grund zu Beanstandungen - ein herausnehmbares Futter wäre das Tüpfelchen auf dem i -, auch Dainese, HJC, Kiwi und Nolan sind akurat zusammengebaut. Beim sonst sehr gediegenen Arai könnte der Lack etwas robuster sein. Eignung für Brillenträger. Prinzipiell bekommt man jede Brille unter die Polster gefummelt, gelegentlich ist vor allem bei sperrigen Sehhilfen Geschick gefordert. Wirklich eng wird es allerdings beim HJC, robuste Bügel und etwas sanfte Gewalt sind unabdingbar. Verschluss/Kinnriemen. Ein ewiger Diskussionspunkt, der in letzter Zeit zu einer Renaissance des guten alten Doppel-D-Rings geführt hat. Diese sind leicht und vor allem sicher, denn der Kinnriemen wird beim Schließen automatisch stramm gezogen. Das ist bei Steckschlössern nicht immer der Fall. Da die Einstellung der Kinnriemenlänge meistens eine fummelige Angelegenheit ist, verzichten viele auf eine Anpassung und fahren lieber mit laschem Gurt – die Folgen könnten bei einem Sturz oder Unfall fatal sein. In der Bedienung sind Steckschlösser grundsätzlich praktischer – Zunge einfädeln und fertig. Gefährlich wird es, wenn das Schloss nicht richtig einrastet. Bei den meisten Schlössern fällt die Zunge dann wieder heraus. Beim Kiwi bleibt sie hängen, Fehlbedienung ist möglich. Unzureichend ist bei Kiwi auch die Sicherung des Kinnriemens, der sich nicht zuverlässig fixieren lässt. Bei den Doppel-D-Ringen von Arai und Dainese muss das Ende an einem Druckknopf befestigt werden, dazu gehört reichlich Fingerspitzengefühl. Visierwechsel. Die Zeiten, da man zum Abbau der Scheibe mit Schraubendreher oder Münze hantieren musste, sind endgültig passé. Bei modernen Helmen reicht ein Tastendruck oder der richtige Dreh, und schon ist das Visier zum Reinigen an der Tankstelle abgenommen. Nicht mehr zeitgemäß ist, wenn einem dann Deckel oder Mechanikteile in die Hände fallen (Dainese, FM, Nolan), da lässt manch einer das Visier zum Säubern doch lieber am Helm.Visierbetätigung. Breite, hervorstehende Nasen erleichtern das Öffnen und Schließen auch mit dicken Handschuhen. Die Betätigung an der Seite wurde von den Testern favorisiert, bei mittiger Betätigung gerät die Hand ins Blickfeld. Wichtig ist ein steifes Visier, das nicht wie beim Agv verkantet und mit einem kurzen Druck fest schließt. Visierrastung. Dabei kommt es nicht auf die Vielzahl der Stufen an, sondern auf sinnvolle Positionen. Bei fast allen Helmen ist die erste Position zu weit offen, da bläst einem schon bei Stadttempo der Wind in die Augen.

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