Helmtest (Archivversion) Sicherheit

Erst wenn´s richtig kracht und scheppert, zeigt sich, was ein Helm wert ist. Was leisten die Nobelhüte im Falle eines Falles?

Bei Sicherheit darf auf keinen Fall gespart werden, da ist jede Mark gut angelegt. Diesen Satz bringen Verkäufer allzu gerne an, um teure Ware an den Mann oder die Frau zu bringen. Wer will schon Abstriche machen, wenn es um Kopf und Kragen geht? Allerdings zeigte sich bereits bei vergangenen Helmtests, dass preisgünstige Helme im passiven Unfallschutz keineswegs schlechter abschneiden müssen. Die Entwicklung steht jedoch nicht still, in der neuen ECE R 22.05 sind weitere Prüfungen hinzugekommen (siehe Seite xxx). Einige der getesteten Modelle sind bereits nach der neuen Norm geprüft (Agv, HJC, IXS, Nolan, Shoei, Uvex), bei anderen ist der Wechsel im Laufe des Jahres oder zur nächsten Saison zu erwarten. Das bedeutet für die Hersteller nicht zwangsläufig technische Veränderungen am Helm, schaffen doch viele die 05er-Homologation ohne Modifikationen.Stoßdämpfung. Bei den Falltests ist bei der ECE 22.05 alles beim Alten geblieben. Nach wie vor fällt der Helm samt Prüfkopf auf einen flachen oder kantigen Amboss, das soll einen Aufprall auf die Fahrbahn oder eine Bordsteinkante (Kerbstone-Test) simulieren. Beim flachen Aufprall werden deutlich höhere Werten in der Kopfbeschleunigung gemessen, den Kanten-Crash verdaut die Schale besser. Die ECE-Grenzwerte für Beschleunigung (275 g) und HIC (2400) werden von allen Prüflingen eingehalten, einzelne Ausreisser wie bei vergangenen Helmtests waren diesmal nicht zu notieren. Das spricht für einen guten Standard in dieser Preisklasse. Dennoch können selbst gering erscheinende Verbesserungen der Dämpfung im Ernstfall über Gehirnerschütterung oder bleibende Schäden entscheiden. FM und Shoei heben sich in der Stoßdämpfung mit durchweg guten Zensuren ein wenig von der Konkurrenz ab, auch Nolan und Uvex verbuchen ein paar Punkte mehr als der Rest. Kinnteildämpfung. Dies ist ein neuer Prüfpunkt der ECE 22.05. MOTORRAD spielte hier eine Vorreiterrolle, denn das Kinnteil wurde schon seit vielen Jahren in den Helmtests beim TÜV Rheinland geprüft. Interessant ist, ob sich der Fortschritt im aufwendigen MOTORRAD-Testverfahren, das sich von der relativ simplen ECE-Messung unterscheidet, widerspiegelt. Und in der Tat, die 05er-Helme sind wie erwartet im Schnitt etwas besser, der Shoei Raid fällt hier wiederum positiv auf. Nachholbedarf besteht vor allem bei den 04-geprüften Helme von Arai, FM und Vemar. Abstreiftest. Für den Schutz ist das Wichtigste, dass der Helm beim Unfall nicht vom Kopf geschleudert wird. Dazu darf der Kinnriemen nicht zu locker durchhängen, und der Helm muss fest und stramm auf dem Kopf sitzen. Daher beim Kauf auf jeden Fall neben verschiedenen Modellen mehrere Größen probieren und im Zweifel zur engeren Variante greifen. Leute mit kleinen Köpfe haben übrigens die größten Probleme, da die meisten Hersteller für die gesamte Größenstaffel Außenschalen in zwei Größen (manchmal sogar nur eine) verwenden und folglich reichlich gepolstert werden muss. Abgesehen vom 54er-FM schaffen jedoch alle die Norm, wenn auch mit relativ großen Verdrehwinkeln. Optimal wäre es, wenn die Testhüte beim Abstreiftest nicht mit dem Kinnteil am Prüfkopf anstossen, das tun jedoch alle. Visierfestigkeit. Formel-1-Fahrer verlangen extrem feste, dicke Visiere, warum sollten sich Motorradfahrer mit dünnen Scheiben begnügen? Schließlich ist das Gesicht keine Knautschzone. Daher testete Motorrad nicht nur mit der in der Norm verlangten Fallhöhe von einem Meter, sondern zusätzlich mit der doppelten. Erstaunlicherweise bereitet auch die zweifache Energie den meisten Testkandidaten keinerlei Kopfzerbrechen. Nur bei Shoei gab es bei zwei von vier Versuchen Rissbildung, Arai patzte in einem Fall.Reflexion. Auffällige Bekleidung hat heute, da grundsätzlich mit Licht gefahren wird, nicht mehr die Bedeutung wie in früheren Zeiten, kann aber dennoch zur frühzeitigen Erkennung beitragen. MOTORRAD empfiehlt helle, kontrastreiche Dekore - das bieten fast alle Hersteller, reflektierendes Material jedoch kaum. Dabei ist es in Frankreich sogar vorgeschrieben. Die Testhelme des neuen Shoei Raid hatten noch keine Reflexstreifen, ab sofort sollen sie aber allen Helmen beiliegen. Helmabnahme beim Unfall. Helm ab, das fordern Unfallforscher heutzutage generell bei einem Bewusstlosen. Denn die Gefahr des Erstickens ist höher als die einer Wirbelsäulenschädigung durch Helmabnahme. Trotzdem sollen natürlich sehr vorsichtig vorgegangen werden (siehe Helm Speziell 10/1999). Wichtig ist, dass der Verschluss sich in der Stresssituation leicht öffnen lässt und der Helm leicht vom Kopf zu ziehen ist. Abzüge gab es für einige Helme (etwa Uvex und Ixs), wenn der Verschluss sich bei straffem Kinnriemen verhaken kann. Am einfachsten flutscht der Agv vom Kopf, der außerdem ein leicht zu öffnendes Tastenschloss besitzt. Helmgewicht. Das Gewicht ist der Sicherheit zugeordnet, weil es beim Unfall eine größere Bedeutung hat als in der Handhabung. Überraschend: Die Nobelhüte liegen im Schnitt nur knapp unter den preisgünstigen Modellen früherer Tests. Allein der AGV bekommt eine gute Note, der HJC sollte unbedingt abspecken. Wer weniger Gewicht will, muss offensichtlich noch tiefer in die Tasche greifen. Sichtfeld. Hier gab es wenig Anlass zu Kritik. Nur bei Ixs schränkt der schmale Sehschlitz und der verklebte Nasenspoiler den Blick auf die Instrumente stark ein. Bei Uvex und Vemar stört das Futter bei sportlicher Sitzposition am oberen Bildrand. Visier-Verzerrungen. Große Ausreißer wie beim letzten Helmtest waren hier nicht zu vermelden, nur die FM-Scheibe ist etwas wellig geraten.Kratzfestigkeit. Schon lange ein Bestandteil der ECE, den Grenzwert hielten aber erstaunlicherweise sieben der Helme nicht ein. Beschlagverhalten. Antibeschlag-Beschichtungen proklamieren Agv, FM, Ixs, Kiwi, Uvex und Vemar. Mit sehr unterschiedlicher Wirkung, wie Labortests und Fahrversuche zeigten. Rundum überzeugend ist allein die Uvex-Beschichtung. Vemar, Kiwi und FM bekamen zumindest bei den Praxistests noch befriedigende Bewertungen. Das Nolan-Visier ist für Pinlock-Innenscheiben vorbereitet, die müssen jedoch dazu gekauft werden.

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