Helmtest: Preisgünstige Helme (Archivversion) Trage-Zeit

Das ist geklärt: Viel Sicherheit gibt es also schon für wenig Geld. Aber wie sieht es mit den Qualitäten im Alltagsbetrieb aus?

Helm auf, Testfahrt, Helm wieder runter - das ganze mindestens 15mal pro Helm, macht insgesamt 210 Helmwechsel, da holt man sich heiße Ohren. Die angenehmeren Testkandidaten mit guter Paßform und praxisgerechter Ausstattung kristallisieren sich so schnell heraus.Aerodynamik. Auffällig sind die geringen Unterschiede bei den Nackenkräften. Das mag daran liegen, daß es sich um bewährte Schalen handelt, die Hersteller auf Experimente bewußt verzichten. Extrem sind hingegen die Differenzen in puncto Auftrieb. Während manche Modelle auch bei mehr als 160 km/h fest auf dem Kopf sitzen, zieht es andere mit Macht von der Birne. Der FM - paradoxerweise heißt das Modell »Thunderbike« - muß im Highspeed-Bereich per Kinnriemen unten gehalten werden, beim ACT ist es ähnlich. Geräusche. Nachdem meßtechnische Versuche in der Vergangenheit keine optimalen Ergebnisse brachten, beschränkte sich das Testteam wieder auf eine subjektive Bewertung. In mehreren Durchgängen bei 100 und 160 km/h wurden die Unterschiede mühsam erarbeitet. Dabei ist durchaus nicht gesagt, daß alle Helme mit zunehmender Geschwindigkeit in gleichem Maße lauter werden. Empfehlenswerte Helme für Ohrenstöpsel-Muffel sind Boeri, Driver und Schuberth, die Krawall-Hüte kommen von ACT, Caberg und Kiwi. Paßform/Tragekomfort. Das wichtigste überhaupt ist, daß der Helm richtig sitzt und nicht auf dem Kopf herumwackelt. Die Paßform ist eine Frage der Kopfform, trotzdem gibt es Helme, die fast jedem passen, ob Eierkopf oder Quadratschädel. Der Tragekomfort wurde daher von verschiedenen Testfahrern beurteilt, dabei flossen Paßform, Sitz, Druckstellen und Hautfreundlichkeit des Futters in die Beurteilung ein. Bestnoten bekamen die Kopfbedeckungen von Bayard, agv, Nolan und Schuberth. Als eher problematisch erwiesen sich ACT, Caberg und Shiro.Auf-/Absetzen. Wer tagelang Helme auf- und absetzen muß, wird für den guten Rutsch sensibilisiert. Shiro, Bieffe und Driver sind nicht gerade die empfehlenswerten Helme für den Kurzstreckenverkehr, Boeri und Caberg flutschen da besser über den Schädel. Eignung für Brillenträger. Hier kommt es darauf an, daß im Ohrbereich ausreichend Platz für die Bügel ist und auch die Wangenpolster nicht allzu hoch geschnitten sind. Den meisten Raum lassen ACT, agv und Kiwi.Zugluft. Vor Wind und Wetter sollte ein Helm eigentlich schützen. Trotzdem zieht es bei einigen Exemplaren recht unangenehm. Dies kann sowohl im Nackenbereich sein, wenn der Helm nicht gut abschließt, als auch an den Ohren oder im Gesicht. Regendichtheit. Wenn Wasser reinläuft, dann fast immer an Visieren, die nicht an der Dichtleiste anliegen. Meistens ist das Visier auch nicht justierbar, so daß der Kunde mit diesem Manko leben muß. Mit rundumlaufender Gummileiste halten Helme selbst dann noch erstaunlich dicht, wenn das Visier Abstand hält, das Wasser fließt einfach an der Kante lang. Ausgerechnet die in der Endabrechnung besten Helme von Boeri, Nolan, Schuberth und Uvex leisteten sich bei der Wasserbeständigkeit einen Fauxpas.Kopfbelüftung. Aufwendige Belüftungen und auffällige Lufthutzen gehören heute anscheinend zur Pflichtübung der Helmproduzenten. Wer die Plastik-Spoiler abzieht, findet nur selten freien Durchgang nach innen. Meistens versperrt die Innenschale den Weg, oft fluchten die Bohrungen nicht. Keiner der Testhelme kann mit einer wirksamen Belüftung überzeugen, leichten Luftzug spürten die Tester nur bei Schuberth und Kiwi. Bei Bieffe, Nolan und HJC war zumindest ein sanfter Hauch zu bemerken. Gebrauchsanleitung. Man spricht deutsch, wenn auch in vielen Fällen ein bißchen holperig. So umfangreiche Informationen wie etwa beim BMW-Systemhelm liefert in diesem Test keiner der Hersteller, immerhin finden sich bei einigen gut verständliche Beipackzettel mit den nötigen Tips zum Visierwechsel und Hinweisen für die Pflege. Verarbeitung. Mit den teuren Helmen des letzten Test können sich die preiswerten Helme unter 300 Mark nicht messen. Trotzdem wird durchweg solide Qualität geboten. Visier-Wechsel. Uvex macht es vor: Per Druckknopf läßt sich das Visier sekundenschnell wechseln, so klappt es auch mit dem Reinigen beim Tankstopp. Bei anderen Helmen, bei denen einem nach Lösen der Schrauben die Einzelteile entgegen fallen, verzichtet man lieber auf den Visierausbau, manchmal ist sogar Werkzeug dazu nötig. Preis des Ersatzvisiers. Ein kratzfest beschichtetes Visier sollte unter 40 Mark kosten, tut es aber nur selten. Antibeschlag-Visiere sind oft gar nicht lieferbar. Uvex bietet nur dieses an, langt mit 80 Mark dafür kräftig zu. Visier-Betätigung. Ob ein Visier an der Seite oder vorn zu betätigen ist, ist Geschmacks- und Gewöhnungssache. Die Tester favorisierten den ersten Fall. Auf jeden Fall sollte der Nippel weit genug abstehen, so daß er auch mit dicken Handschuhen nicht zu verfehlen ist. Visier-Rastung. Hier gibt es noch viel zu verbessern, offensichtlich macht sich der Kostendruck an dieser Stelle besonders bemerkbar. Manche Konstruktionen sind geradezu abenteuerlich und schon im Neuzustand ziemlich miserabel. Da klemmt das Visier eher, als daß es rastet, wie zum Beispiel bei Shiro. Mustergültig verhalten sich Bayard und Schuberth.Dauertest Visier-Mechanik. 5000mal wurde das Visier hin und her bewegt, die Betätigungskraft im Neuzustand und gebraucht gemessen. Dabei zeigte sich, daß viele Konsruktionen nicht nur ausgesprochen simpel wirken, sondern wenig dauerhaft sind. Nahezu haltlos war nach dem Zyklus das HJC-Visier, auch bei Caberg, FM, Schuberth und Shiro fehlte es an stützender Wirkung. Visier-Belüftung. Bei guter Luftzufuhr beschlagen auch unbeschichtete Visiere in feuchter Umgebung weniger, das funktioniert aber nur bei agv, Kiwi und Schuberth richtig gut.Schloß. Leider ist das beste Schloß, nämlich das flache mit doppelten Seitentasten, nicht vertreten, wohl aus Kostengründen. Statt dessen montieren die meisten Hersteller das billigere Schiebetasten-Schloß, das erheblich schlechter zu öffnen ist. Einfacher zu betätigen ist grundsätzlich das Drucktasten-Schloß, vor allen HJC bekam Bestnoten. Sehr gute Bewertungen verdiente sich auch das Zahnriemen-Schloß von Nolan, bei dem mit dem Schließen gleichzeitig die Länge des Kinnriemens eingestellt wird. Einstellung des Kinnriemens. Bei den anderen Helmen ist das zum Teil ein knifflige Angelegenheiten. Oft ist das Ende des Kinnriemens nicht gesichert und nervt bei Fahren mit Flattern. Polsterung des Kinnriemens. Die meisten Motorradfahrer fahren mit zu lockerem Kinnriemen, vielleicht, weil der harte Gurt am Hals scheuert. Von komfortabler Polsterung kann leider nur in wenigen Fällen gesprochen werden. Top ist der Schuberth mit eigener Klettverbindung, ziemlich unangenehm dagegen der Shiro, dessen Kinnriemen weit hinten angelenkt ist und dementsprechend auf die Gurgel drückt.Fazit: Die Spitzenreiter sind Bayard mit bestem Trageverhalten und Schuberth mit Bestnoten bei Aerodynamik/Geräusche, auch Kiwi, Nolan und Schuberth verdienen gute Noten. Stark verbesserungsbedürftig ist der Shiro, der in vielen Kriterien das Schlußlicht bildet.

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