Herstellung der Lederkluft "Atlantis" in der Firma Meindl Report: BMW-Lederanzug Atlantis

Wenn sich ein Produkt auch noch in der vierten Auflage hervorragend verkauft, muss etwas dran und drin sein. Zum Beispiel jede Menge Know-how und feinste Handarbeit.

Warum der Lederanzug nach einem mythischen, infolge einer Naturkatastrophe untergegangenen Inselreich benannt wurde, lässt sich heute nicht mehr eindeutig klären. Ziemlich klar dagegen ist, dass Atlantis nicht etwa in grauer Vorzeit in Form von Helgoland, den Kanarischen Inseln oder Kreta wieder aufgetaucht ist, sondern 1995 im BMW-Fahrerausstattungsangebot. Atlantis verkaufte sich bis heute weit über 50 000-mal, und damit dürfte der gar nicht mal so günstige, dafür aber unglaublich bequeme und vor allem absolut wasserdichte Lederzweiteiler zu den weltweit erfolgreichsten Motorradbekleidungsstücken gehören.

Den aktuellen Atlantis 4 gibt es seit 2008, und es wird ihn voraussichtlich noch bis 2015 geben. Diese vierte Auflage ist der erste Atlantis, der auch ohne Gore-Tex-Inlet wasserdicht ist, und auch das erste Modell der Bestsellerreihe, für dessen Produktion die im oberbayerischen Kirchanschöring ansässige Firma Meindl verantwortlich ist. Outdoor-Aktivisten kennen Meindl als namhaften Schuhhersteller, aber auch bei Trachten- und Lederbekleidung ist Meindl seit vielen Jahren ganz weit vorn. MOTORRAD machte sich in die 3500-Seelen-Gemeinde im Rupertiwinkel auf und ließ sich zeigen, was alles dazugehört, damit in rund 130 Produktionsschritten aus zirka 120 Einzelteilen ein Atlantis 4 wird.

Die ganze Sache fängt beim Rind an. Nicht bei irgendeinem Paarhufer, sondern ausschließlich bei Bullen, die in Süddeutschland oder Österreich wiedergekäut haben, denn nur deren Haut ist dank der starken klimatischen Schwankungen elas­tisch genug, um als Atlantis-Basis Motorradfahrer vor Wind und Wetter zu schützen. Von 100 Häuten schaffen es nur 20 in die engere Atlantis-Auswahl und zum Hydrophobieren. Das ist eine Behandlung beim Gerben, bei der die Lederfasern umschlossen, die Poren aber – anders als beim Imprägnieren oder Fetten – offen bleiben und die das Leder Wasser abweisend macht. Das Leder ist damit nahezu wasserdicht und trotzdem atmungsaktiv.

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Foto: Wolf

Das Gerben und Hydrophobieren erfolgt in Deutschland, danach gehen die Häute zum Konfektionieren nach Bosnien, wo 35 Mitarbeiter dafür sorgen, dass pro Anzug gut 40 Meter Nähte gesetzt und anschließend mit wasserdichtem Tape verschweißt werden. Die Bosnien-Lösung mag für knallharte Made-in-Germany-Verfechter befremdlich klingen, hat sich aber bereits seit der Atlantis-Erstauflage bewährt, erfolgt zum Teil auf Meindl-Maschinen und unter permanenter Meindl-Kontrolle vor Ort und hat einen ganz simplen Grund: Hierzulande wäre das Nähen von monatlich 400 bis 500 Anzügen schlicht unbezahlbar.

Ein Teil der über 200 Meindl-Mitarbeiter in Kirchanschöring hat aber trotzdem ganz direkt und im Tagesgeschäft mit dem Atlantis zu tun, denn die Geschichte eines solchen Bestsellers bleibt natürlich nicht stehen. So zwei bis drei Jahre vor Markteinführung beginnt die Entwicklung des Nachfolgemodells. Die Prototypen und im kompletten Größensatz zu fertigenden Erstmuster entstehen alle in Kirchanschöring. Diese Lederanzüge landen dann zur Praxiserprobung bei den BMW-Testfahrern und werden auch gar nicht so selten auf Erlkönigen getragen.

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Foto: BMW

Das Qualitätsmanagement erledigt BMW in Dingolfing. Der BMW-Truppe steht bei Meindl mit dem altgedienten Produktionsleiter Helmut Hunger ein Ansprechpartner zur Seite, der eine Idealbesetzung ist. Der gelernte Schneider und Bekleidungstechniker hatte nämlich schon Anfang der 90er-Jahre beim legendären Atlantis-Vorgänger Monaco die Finger mit im Spiel und kennt das Thema wie sonst wohl kein anderer. Und er weiß auch von Hardcore-Kunden, die bislang jeden Atlantis haben mussten. Ein Lederanzug als Sammlerstück – diese Ehre wird wahrlich nicht jedem Lederleibchen zuteil.

Historie
Mit dem auf 1500 Stück ­limitierten Monaco fing 1993 alles an. Der mausgraue, glattlederne Zweiteiler war der erste wasserdichte Lederanzug der Welt und kostete üppige 2695 Mark, war aber trotzdem sofort ausverkauft. Der erste Atlantis startete 1995 in Anthrazit und mit leicht angeschliffener Oberfläche (Nubuk­leder) für 2198 Mark. Mit dem Atlantis 2 (1999), Atlantis 3 (2002), Atlantis 3 Pro (2004) und dem aktuellen Atlantis 4 (seit 2008) ging es weiter. Bislang wurden weltweit über 50 000 Stück verkauft, davon rund 80 Prozent in Herrengrößen. 52 Prozent der Produktion blieben in Deutschland. Der aktuelle Atlantis 4 ist in sehr vielen Damen- und Herrengrößen zu bekommen und kostet 1490 Euro (Jacke 825 Euro, Hose 665 Euro).

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