Intermot/IVM-Designpreis (Archivversion) Projekt Motorradbekleidung

Frauen mögen keine hängenden Hintern, selbst wenn sie nur von der Kombi kommen. Auch geblähte Bäuche und
buckelige Rücken können sie nicht entzücken. Überhaupt: Motorradmode könnte mehr Chic, Raffinesse und Jugendlichkeit vertragen. Darum kümmern sich gerade Studentinnen in Sachsen, die damit einen Preis gewinnen wollen.

Der Industrie-Verband Motorrad e.V. (IVM) und die Veranstalter der Intermot, der größten Motorradmesse der Welt, haben einen Designpreis ausgeschrieben. Für Motorräder, Roller und alles, was
dazugehört. Also auch das, was der Motorradfahrer anzieht. Das soll anziehender werden. Indem, so steht es in der
Ausschreibung, »gängige Klischees vom
Motorrad und der Motorradszene bewusst durchbrochen werden«. Eines der gängigsten Klischees: Wenn die Kombi im Sitzen sitzt, steht sie dem Fahrer im Stehen
nicht. Der Hintern hängt; Hanging-off, das
keinem imponiert. Schon gar nicht Katrin
Sergejew. Die hat, um das Klischee zu durchbrechen, einen Motorradoverall entworfen, mit dem sich Fahrer oder Fahrerin das werte Hinterteil je nach Belieben
straffen oder dehnen kann. Mit Hilfe eines Reißverschlusses.
Katrin studiert an der Westsächsischen Hochschule Zwickau Modedesign im Fachbereich Angewandte Kunst in Schneeberg. Im vierten Semester steht funktionale
Bekleidung auf dem Programm. Da kam der Designpreis des IVM gerade recht. »Warum nicht die Studentinnen Motorradmode entwerfen lassen?« sagte sich
Professorin Edith Friebel-Legler, fuhr mit ihren Designerinnen zur Motorradmesse Leipzig, und alle fühlten sich von der Fülle des Angebots schier erschlagen. »Wenn ich eine Superklamotte suchte, fände
ich die auch.« Der IVM dagegen sucht nach Klamotten, die bisher noch keiner
gefunden hat. Weil sie erst noch erfunden werden müssen. Wie die Gestalte-deine-Rückansicht-mit-einer-Reißverschluss-Hose: knackiger Hintern, sofern vorhanden, im Sitzen wie im Stehen.
An Florian funktioniert das schon ganz gut. Der Kommilitone vom Holzdesign muss als Model herhalten, vielmehr: Er darf. Also bekommt er von zwei Studentinnen mit unzähligen Nadeln Katrins Entwurf an den Leib gesteckt. Florian fährt selbst Motorrad, und er lobt die Mädels. Dafür, dass ihre Entwürfe schon ganz gut passten, sie eben nicht nur originell seien,
sondern wichtige funktionale Aspekte berücksichtigten.
»Im letzten Semester hatten die Studentinnen eine reine Fantasieaufgabe zu bearbeiten, da müssen sie sich mit dem aktuellen Thema schon mehr quälen. Aber sie lernen dabei auch zu erkennen, welche Vielfalt es in der Einschränkung gibt«, sagt Projektleiterin Friebel-Legler. Und noch
einen Vorteil hat das Thema Funktionsbekleidung für Motorradfahrer: »Die Entwürfe sind besser korrigierbar, ihre Beurteilung bleibt keine reine Geschmacksfrage.« Geschmack haben die Jungdesignerinnen
auf jeden Fall. Und den nötigen Einfallsreichtum ebenfalls. Was den Kreationen anzusehen ist.
Monique Baumann titulierte ihren Entwurf »perfekt geschnittene Kurve«, damit sowohl auf die der Straße wie auch die
der Damen anspielend. Letztere stellt sie sich vor, mit einer Art Ballonröckchen
zu umschmeicheln, auf dass die Fahrerin nicht nur in der Kurve eine gute Figur
abgibt, sondern auch in Café, Bar oder Diskothek. Weshalb, weil dort ein anderer Schutz verlangt ist als auf der Straße, die Protektoren leichthin zu entfernen sind.
Das Bild eines Vogels inspirierte Sylwia Dyczka. Der habe im Sitzen die Flügel
angelegt, im Flug ausgebreitet. Weil beim Motorradfahren das Sitzen gleichsam
das Fliegen ist und man das Fliegen selbst besser den Vögeln überlassen sollte, hat sie mit ihrer Kombi das Bild des Fliegens im Sitzen adaptiert. Dann nämlich spreizen sich im Rückenbereich, Flügeln gleich, kontrastfarbige Dehnungsfalten. Was nicht nur der Optik, sondern auch dem Komfort zugute kommt, mithin ein Gestaltungsprinzip verdeutlicht, das ebenso die anderen Modelle auszeichnet: die Ästhetisierung des Funktionalen.
Über die Funktionalität des Ästhetischen wacht Frau Helga Schütte; sie ist Professorin für Schnittkonstruktion und Schnittgestaltung. Mit Dajana Jödecke beugt sie sich über deren Schnittbogen. »Wie haben Sie hier die Büstentiefe abgetragen und warum dort diese schmale Herausnahme nur? Das müssen Sie noch korrigieren.« Der Schnitt dient als Grundlage, um den zweidimensionalen Entwurf überhaupt erst in die Dreidimensionalität zu übersetzen. Wird bei der Anprobe
am Modell etwas verändert, muss dies wiederum so auf den Schnittbogen zurückübersetzt werden, dass sich daraus die gewünschte Variation notwendig ergibt. Das hat was von Konstruktionszeichnen auf hohem Niveau.
Konstruktion – müsste Dajana eigentlich liegen. Vom russischen Konstruktivismus, einer von der Technik faszinierten Kunst, sei ihr Entwurf geprägt, sagt sie. Und von den Kosaken, jenen wilden
Reitern, die noch auf Pferden saßen.
Aufs Motorrad setzt sich Carsta Köhler
zuweilen, sie ist die Einzige in der Gruppe, die selbst fährt, eine CBR 600 F. »Das kommt mir zugute, mal was anderes
als ein Abendkleid zu gestalten.« Sie arbeitet an einer eher leichten Kombi für die Frau, wobei diese Leichtigkeit hauptsächlich aus der Linienführung der Kombi resultieren soll. Auf die bringt sie geschwungene Applikationen an, die
Reifenspuren assoziieren sollen, und die, reflektierend, der Sicherheit dienen.
Am Thema Sicherheit hat sich Sara Weirauch in ganz anderer Art versucht. In der Art des Gürteltieres, das seinen flexiblen Panzer wie gegeneinander verschiebbare Gürtel um den Leib geschlungen trägt. Und warum soll der Motorradfahrer auf ein System verzichten, das sich am Gürteltier seit Jahrtausenden bewährt? Was sich ebenfalls bewährt hat, wenn auch nicht seit Jahrtausenden, sind die Rüstungen der Samurai. Die hat sich
Berit Kühn zum Vorbild genommen.
Formale Entsprechungen erreicht sie über verschiebbare Platten, die beim fertigen
Entwurf aus Moosgummi sein sollen und nach außen getragen werden.
Nach außen getragen wird, entgegen der Konvention, das Miederelement, das Juliane Schmidt in ihr Ensemble integriert, eine Hommage an den Torero. Über
stilisierte Schulterklappen, Ellbogen- und Kniebesatz betont sie einerseits gerade
die Stellen, unter denen sich Protektoren verbergen. Andererseits verstärken eben diese Details die Stierkämpfer-Silhouette. Gedacht für die Frau, setzt der die
Figur betonende Entwurf einen gewissen Emanzipationsgrad der Trägerin voraus, gilt doch der Torero als Spaniens Macho schlechthin.
Dagegen bevorzugt Sabina Steudtner weiche, fließende Formen, die – und
das ist ganz in ihrem Sinne – an indische Saris erinnern. Saris werden gewickelt, und wer eine Kombi wickeln wollte, der wäre schief gewickelt. Sabina ist das nicht. Sie beschränkt die Wickelung auf ein als Rucksack dienendes Element, das über der Jacke getragen wird.
Wie alle übrigen Entwürfe, ist die Jacke in ihrem Schnitt von Grundmustern abgewandelt, die die Motorradkleidungsfirma Stadler der Hochschule zur Verfügung stellt. Stadler macht noch viel mehr.
Die Spezialisten haben den Designerinnen Tipps zur Materialverarbeitung gegeben und einige der eigenen Produkte als
Anschauungsobjekte gestiftet. Stadler wird außerdem den »Innenausbau« der Prototypen übernehmen, also Thermofutter, Gore-Tex-Membran und Protektoren einpassen. Für die Prototypen wiederum liefert Schoeller, der Schweizer Hersteller von technischen Stoffen, das Material. Eine Kooperation, die sich für sämtliche Partner
auszahlt. Die Hochschule spart Geld, die
Industrie erhält Ideen und Anregungen, die in die Serienproduktion eingehen können.
Ob das passiert, wird also nicht nur von der Entscheidung der Jury des Designwettbewerbs abhängen. Davon allerdings hängt ab, welche Modelle vom 15. bis 19. September 2004 im Rahmen einer Design-Sonderschau auf der Intermot in München präsentiert werden. Aus Schneeberg sind sicher welche dabei. Nicht nur, weil es ein epochaler Fortschritt wäre, den Motorradfahrer (und die Motorradfahrerin) vom hängenden Hintern zu befreien.

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