Interview mit Diplom-Ingenieur Florian Schueler

Herr Schueler, wie schätzen Sie als Wissenschaftler das aktuelle Engagement einiger Hersteller ein, die Lücke »Nackenschutz« bei der Motorrad-Fahrerausstattung zu schließen?
Jeder Ansatz, den Verletzungsschutz zu steigern, ist begrüßens-
wert. Das gilt natürlich auch für die Halswirbelsäule (HWS), die eine besonders verletzliche Struktur aufweist – schließlich sitzt der Kopf oben
drauf! Jedes System des Verletzungsschutzes sollte aber einer komplexen Schutz-Ziel-Analyse unterzogen werden, die unter anderem Fragen an die Unfallstatistik und die Verletzungsmechanik stellt und hoffentlich auch befriedigend beantworten kann.
Wie sieht so eine Analyse aus?
Biomechanische Forschung sollte zunächst die Wirksamkeit des Produkts sicherstellen und kontraproduktive Funktionen ausschließen. Systematische
Unfalluntersuchungen oder auch Einzelfallanalysen mit Verletzungsbefunden, die belegen, dass ein solches Schutzsystem vor HWS-Verletzungen hätte schützen können, sind mir in den vorliegenden Fällen jedoch nicht bekannt. Offensichtlich gab es selbst bei dramatischen Unfällen wie etwa bei der Dakar-Rallye keine
objektiv Aufschluss gebende Analyse der Verletzungsentstehung. Bei derartigen Stürzen ist durch das »Nachschieben« der anteiligen Körpermasse nicht primär der Kopf gefährdet, sondern die Halswirbelsäule sowie Muskeln, Bänder und Sehnen des Kopftrageapparates. Dabei kann es zu Schädelbasisbrüchen inklusive Abriss großer Blutgefäße kommen – für die Betroffenen kommt dann häufig jede Hilfe zu spät. Unter Umständen könnte ein System zur relativen Fixierung des Kopfes in der Wüste Leben retten, aber ob es das in der alltäglichen Umgebung von Motorradfahrern in unseren Breiten ebenfalls tut, muss bezweifelt werden. Und auf der Rennstrecke gilt: Sturzraum ist durch nichts zu ersetzen!
Und wie sieht es mit der aktiven Sicherheit aus, dass so ein System unter Umständen die Nackenmuskulatur entlastet und dadurch stressfreiere Etappen ermöglicht?
Ich habe diese Systeme noch nicht erprobt, stelle aber eine Gegenfrage – und zwar als Motorradfahrer, nicht als Wissenschaftler: Ist das überhaupt ein
Thema? Ich selbst fahre gelegentlich mehrere hundert Kilometer am Stück. Bei
zügiger Fahrt, die Nadel jedoch nicht am Anschlag, waren für mich die Belastungen im Halsbereich immer im grünen Bereich. Auch von anderen Fahrern habe ich diesbezüglich bisher keine Klagen gehört. Von größerer Bedeutung ist hier meines Erachtens die Aerodynamik des Helms, wie wir jüngst im Auftrag der Bundes-
anstalt für Straßenwesen untersuchen konnten. Außerdem sollte jederzeit ein Schulterblick möglich sein – behindert ein System diesen, würde das die aktive
Sicherheit sogar beeinträchtigen.
Bringen die neuen Nackenschutzsysteme also den Herstellern Geld, den Trägern aber keinen Nutzen?
Nein, so möchte ich nicht verstanden werden. Eine gewissenhafte Systementwicklung, eine wissenschaftliche Produktzertifizierung sowie fundierte Infor-
mationen hierzu gäben eine solide Entscheidungsgrundlage. Jeder Motorradfahrer sollte abwägen, ob das angestrebte Schutzpotenzial in einem gesunden Verhältnis zu möglichen Einbußen an aktiver Sicherheit steht. Zu hoffen bleibt außerdem, dass ein solches Schutzsystem die bereits nicht unerheblichen Kosten für die persönliche Schutzausrüstung nicht zu sehr in die Höhe treibt – auch wenn Sicherheit ihren Preis hat!

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