Kaufberatung Nierengurte Alles über den Nierengurt

Schon ewig am Start und immer noch ein Renner: der Nierengurt. Branchenkenner schätzen, dass jährlich mehrere Hunderttausend Stück über die Ladentheke wandern. Doch welchen Sinn macht der Bestseller noch in Zeiten moderner Funktionsbekleidung?

Foto: Künstle
Spekulatives Halbwissen macht beim Thema Nierengurt ungebremst die Runde. Von Wandernieren ist da die Rede, ausgelöst durch starke Vibrationen und Schläge, die der Motorradfahrer abbekommt. Angeblich soll der Gurt außerdem die empfindlichen Organe vor Unterkühlung und bösartigen Entzündungen schützen. "Alles Quatsch, die Nieren sind als innere Organe der Kerntemperatur des Körpers ausgesetzt. Wenn diese so weit absinkt, dass die Nieren unterkühlen, wäre der Fahrer schon längst tot", erklärt Professor Dr. Jan Galle von der Deutschen Gesellschaft für Nephrologie (Nierenkunde) in Heidelberg, selbst aktiver Motorradfahrer. Schließlich seien die Nieren von einer halben bis einen Zentimeter dicken Fettschicht umgeben und in einer festen Bindegewebekapsel gut gebettet. „Schläge oder Stöße, die zu einer Nierenverletzung führen, müssten das Ausmaß eines heftigen Boxpunchs haben“, erläutert Galle, der solch ein Geschehen auf dem Motorrad für unwahrscheinlich hält.

Die Nieren bräuchten dementsprechend keinen Extraschutz. Bei sogenannten Wandernieren, also Nieren, die genetisch bedingt nicht so fest in ihrer Position sitzen, mag ein Nierengurt wohl förderlich sein, er sollte dann jedoch eher wie ein orthopädisches Korsett konstruiert sein. Die Anzahl von motorradfahrenden Patienten ist allerdings so gering, dass sich der Nierengurt als Massenartikel damit kaum erklären lässt Deutlich häufiger sind Blasenentzündungen, die generell auf mangelhafte Bekleidung zurückzuführen sind. Kann man sich ohne Frage auf dem Motorrad einfangen. Beziehungsweise hauptsächlich Frau. Da deren Harnröhre deutlich kürzer ist, können Keime vergleichsweise einfach bis zum Nierenbecken aufsteigen und sich dort unter Umständen zu einer Entzündung ausweiten: hohes Fieber, Schüttelfrost, heftige Schmerzen im Bereich beider Flanken, Übelkeit und Erbrechen. So fällt die Empfehlung von Professor Galle klar aus: bauchfrei auf keinen Fall, Nierengurt auf keinen Fall falsch. Um Horrorszenarien wie eine Nierenbeckenentzündung brauchen sich Motorradfahrer, die ihre Kombi ordentlich verschließen, allerdings kaum sorgen. Hat der Nierengurt also ausgedient? Rennarzt Dr. Christoph Scholl, der regelmäßig Profi- und Hobby-Motorsportler betreut, verneint dies. Seiner Meinung nach besitzt der Nierengurt eine positive Funktion bei Stürzen. Ein guter Gurt komprimiere den Bauchraum und schütze vor stumpfen Organverletzungen wie Milz- oder Leberrissen. Gleichzeitig könne er dazu dienen, den Rückenprotektor zu fixieren beziehungsweise diesen an den Lendenwirbeln zu ergänzen. Florian Schueler, Leiter Unfallforschung am Institut für Rechtsmedizin in Heidelberg, merkt dazu an, dass ein derartiger Schutz gegen innere Verletzungen bisher nirgends nachgewiesen wurde, befürwortet den Nierengurt aber dennoch: "Die stützende Wirkung eines Gurtes vermittelt – zumindest subjektiv – ein gutes Gefühl auf dem Motorrad, der Fahrer ist konzentrierter, das erhöht den aktiven Unfallschutz." Schueler warnt jedoch davor, sich nur mit Jeans und T-Shirt plus Nierengurt aufs Motorrad zu setzen und mahnt: "Immer mit zertifizierter Komplettausrüstung fahren!"
Anzeige

Schutz vor Klimawandel

Trotzdem wollen Motorradfahrer Fahrtwind spüren und tragen deshalb insbesondere im Hochsommer gerne winddurchlässige Kleidung, die bei vielen Ausstattern im Angebot ist. Dabei besteht die Gefahr, dass der Körper an kritischen Bereichen Zugluft abbekommt. Der Nierengurt sitzt auf jeden Fall an einer sehr wichtigen Stelle: der Körpermitte. Weicht hier die Temperatur von anderen Körperzonen stark ab, können flugs unangenehme Muskelverspannungen entstehen. In der Regel hilft ein geeigneter Nierengurt also bei der Körperklima-Regulierung und empfiehlt sich daher selbst unter einer Komplettmontur als Zusatzaccessoire, darüber sind sich die Experten Galle, Scholl und Schueler einig.

Ein Selbstversuch des Autors bei einer winterlichen Testfahrt auf der Schwäbischen Alb sollte diese graue Theorie etwas erhellen. Insgesamt wettergerecht gekleidet, verzichtete der Fahrer bewusst auf die Koppelung von Anzugjacke und -hose, so dass im Nierenbereich (genauer: im unteren Rückenbereich) eine Kältebrücke entstand. Auf diese Weise lässt sich schnell die unterschiedliche Isolationswirkung der eng am Körper getragenen Gurte feststellen. Ergebnis: An der Stelle wurde es kühl bis kalt, insgesamt blieb es aber erträglich. Gänzlich ohne Gurt hingegen zitterte und schlotterte der Fahrer bei null Grad Außentemperatur schon nach wenigen Minuten Fahrt auf der Landstraße und verkrampfte am gesamten Oberkörper. Die sichere, einstündige Heimreise ermöglichte lediglich ein mit wärmespendenden Kissen ausgestatteter Gurt (Probiker Duo) bei dieser Witterung.

Je nach Jahreszeit sollte der Gurt also unterschiedlich stark isolieren, warum sich also nicht gleich zwei zulegen? Wind-abweisende Materialien oder gar komplett winddichte Membranen können genauso sinnvoll sein wie ein teilweise durchlässiges Netzmaterial, um bei sportlichen Aktivitäten (Offroad, Rennstrecke) ausreichende Belüftung zu gewährleisten. Gute Stützwirkung und Passform sind außerdem entscheidend (bei Anprobe unbedingt Fahrerhaltung einnehmen!). Bleibt festzuhalten: Der Bestseller Nierengurt sollte, um Missverständnissen vorzubeugen, besser "Körpermittengurt" heißen und bei der Fahrerausstattung nicht fehlen. Auf der folgenden Doppelseite stellt MOTORRAD zehn verschiedene Typen für jeden Einsatzzweck und Geldbeutel vor.
Anzeige

Themenseiten

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote

Alle Artikel