Klassiker der Motorradausrüstung Legende ohne Ende?

Fackelmann-Kombi, Elefantenboy, Pichler-Verkleidung: Was ist aus den Kultmarken der Siebziger und Achtziger geworden? Ein Ausflug in die Disco-Ära des Motorrads.

Christophs Onkel war cool. Wenn er gelegentlich am Sonntag bei den
Eltern zum Kaffee vorbeischaute, dann parkte seine BMW R 90 S in der Garageneinfahrt. Direkt hinter der Familienkutsche, dem Opel Ascona. Das prägt. Das revolutioniert Gedanken. Das rückt das elterliche Wertekostüm in ein neues Licht. Oder besser gesagt: aus dem Licht. Natürlich war der Sohn des Hauses heiß. Und angefressen. Der Führerschein musste her und dann eine eigene Maschine. Endlich 18. Während es von elterlicher Seite Ermahnungen hagelte, dachte der Onkel pragmatischer und gab dem Neffen seinen alten Fackelmann-Anzug mit auf den Weg: »Damit du was Anständiges zum Anziehen hast.«
Staunend begutachteten wir das grobe Gewebe. Christoph wusste Bescheid: »Damit lassen sich die Jungs sogar hinter Autos herschleifen. Das Zeug ist gut!« Auf einer Honda CB 250 ging’s übers Land. Jeder durfte mal den Fackelmann tragen und fühlte sich in dem Augenblick cool. Und unverwundbar. Wie ein Held.

Frank war »nur« Vespa-Fahrer. Besaß aber jeden Gericke-Katalog. Die Schularbeiten wurden hinten angestellt, später erst gar nicht mehr gemacht. Dafür aber geblättert und gefachsimpelt. Damals war der Katalog noch eine Bibel. Fett und schwer. Prall gefüllte Motorradkultur in Hochglanz, der blonde Hein mitten drin. Mit 16 entstanden Wunschzettel, die Ära, die der Hercules folgen sollte, wurde generalstabsmäßig vorbereitet. Sollte es gleich eine Hurricane-Kombi sein, oder tat es zunächst die Bomber-Jacke? Irgendwann reichte es für ein Paar Handschuhe. Immerhin stand Gericke in fetten Lettern über dem Zeigefinger.

Unbezahlbare Schätze hingen damals in Dieter Börjes’ Laden in Augustfehn. Frech grinste des Teufels Fratze von der Dainese-Kombi, daneben verströmte das Ritterkreuz auf Harros Rennweste Standhaftigkeit. In Reih und Glied standen blank polierte Helme von Nava und Römer in den Regalen. Ehrfürchtig strich man übers Leder, klappte Visiere auf, ließ solide Metallreißverschlüsse ratschen. Die Tour zu Börjes war ein Event. Jedes Mal.

Es war eine Zeit, in der Motorradfahren in aller Munde war und die Kaufhauskette Karstadt wie selbstverständlich Lederkombis von Erbo anbot. Es war eine Zeit, die bis heute nicht in Vergessenheit geraten ist. Ganz im Gegenteil. Einmal angetippt auf die Klassiker der Motorradaus-rüstung, beginnen die Erinnerungen in der Redaktion zu sprudeln: »Die Krauser-Koffer waren der Hit bei den Tourenfahrern. Und meist haltbarer als die Maschinen, die dranhingen. Zu jeder Güllepumpe gehörte der Golfball-Helm von Schuberth. Und dann der Thermoboy. Der war so warm, dass einem schon knapp über dem Gefrierpunkt der Schweiß ausbrach«, resümiert Kollege Werner Enzmann die frühen achtziger Jahre.
Es ist aber auch eine Zeit, aus der mittlerweile vieles zu Grabe getragen wurde, namhafte Köpfe und Marken die Branche wechseln mussten. Etwa ein Peter Fackelmann, der mit seinem Know-how Militär-Anzüge und OP-Kittel entwickelt. Oder der Verkleidungsspezialist Pichler, der nun in Whirlpools macht. Ganz zu schweigen von Belstaff-Jacken, die heute Prêt-à-porter-Format besitzen.

Was bleibt, ist die Erinnerung an große Namen, an bahnbrechende wie schräge Ideen, die in den Siebzigern und Achtzigern Hochkonjunktur hatten. Und es war, so beschreibt es Unterwegs-Kollege Michael Schröder treffend, »schon ‘ne echt geile Zeit!“

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