Kunstfasern und ihre Bezeichnungen (Archivversion) Alles Kunst

Viele Zettelchen hängen an Jacken, Hosen, Handschuhen und Helmen. Sie tragen die wohlklingenden Namen moderner Kunststoffe, aber selten Erklärungen. Was ist was, und für was ist es gut?

Nehmen wir als Beispiel eine textile Motorradjacke. Sie besteht aus einem Außenmaterial, an den Sturzstellen mit einer abriebfesteren Kunstfaser oder einem Mix verschiedener Fasern gedoppelt, und ist mit Reflexstreifen besetzt, die ein besseres Erkennen im Dunkeln garantieren. Darunter befindet sich heutzutage fast immer eine Membran oder eine membranähnliche Struktur, denn wind-, wasserdicht und atmungsaktiv soll die Jacke sein. Die Membran wird durch ein Innenfutter geschützt, das außerdem den Tragekomfort erhöht. Die meisten Modelle haben noch eine herausnehmbare Innenjacke mit einem gut isolierenden Futterstoff, um in den Übergangszeiten warm zu halten.Das Standard-Außenmaterial im Motorradbereich heißt Cordura. Es ist abriebfester als Nylon, nimmt wenig Feuchtigkeit auf und läßt Wasserdampf durch. Cordura kommt - wie übrigens eine Vielzahl der gebräuchlichen Kunstfasern - vom Schweizer Hersteller DuPont und ist urheberrechtlich geschützt. Abrieb- und reißfester ist das Mischgewebe Dynatec aus Cordura und Dynafil TS 70, ebenfalls von einem Schweizer Unternehmen namens Schoeller. Es wird entweder komplett als Außenmaterial eingesetzt oder an exponierten Stellen zusätzlich vernäht.Noch mehr Schutz bei einem Sturz auf den rauhen Asphalt bietet Kevlar (auch DuPont), ein Material aus der Raumfahrt, das sich durch geringes Gewicht und extreme Belastbarkeit auszeichnet. Meist wird es von Schoeller zusammen mit Cordura, Dynafil TS 70 zu einem Stoff namens Keprotec verwoben. Dieser steht für eine Reihe von Geweben, deren Zusammensetzung je nach Einsatzgebiet schwankt.Außerdem ist vereinzelt noch Oxford-Nylon zu finden, eine spezielle Webart des Nylons, das sich aber nur mit abriebfesten Doppelungen an den Sturzstellen bei Motorradkleidung empfiehlt. Auch Taslan, ein Nylongewebe mit angenehmem, weichen Äußeren, ist nur bedingt biketauglich. Um die Verwirrung komplett zu machen, werden des weiteren Produkte angeboten, deren Basis meist Polyamid, ihre Gewebestruktur aber nicht einmal immer den Konfektionären bekannt ist. Sie kommen in der Regel aus Fernost, heißen Sebring, Koslan, Oxan, Teccon oder Fibertex.Genauso unübersichtlich sieht die Situation bei den sogenannten Klimamembranen aus. Hinter welchem Namen sich wirklich eine Membran verbirgt oder was eine Polyurethan-Beschichtung auf einem dünnen Träger ist, läßt sich den phantasievollen Bezeichnungen nicht entnehmen. Die berühmteste Membran ist die Teflon-Folie Gore-Tex, bekanntestes Konkurrenz-Produkt heißt Sympatex, eine Membran aus Polyester. Egal, ob diese nun als sogenannter Z-Liner, also zwischen Außenmaterial und Innenfutter, oder als Laminat, im allgemeinen mit dem Außenmaterial verklebt, eingesetzt werden, wind-, wasserdicht und atmungsaktiv sind sie. Ausnahmen: Bei der Verarbeitung wurde geschlampt (siehe dazu Textilkombi-Vergleichstest MOTORRAD 18/1996, Stiefel-Vergleichstest xy/1998). Und, das wird meist verschwiegen, atmungsaktiv sind die Membranen nur dann, wenn ein Dampfdruckgefälle zwischen innen und außen herrscht, das heißt ein Temperaturunterschied von zirka 15 Grad.Die meisten der anderen Inserts oder Beschichtungen lassen sich auf Polyurethan zurückführen und können, bei entsprechender Verarbeitung, gegen die Unbillen des Wetters schützen.Eine bessere klimatische Flexibilität gewährleisten auch herausnehmbare Innenjacken. Sie sind, wie übrigens Winterhandschuhe und Thermokombis, mit Futterstoffen gefüllt, die bei möglichst geringem Volumen viel Luft einschließen sollen. Luft leitet schlecht Wärme, isoliert also gut. Hohlfasern wie Hollofil oder Thermax eignen sich dafür genauso wie winzige Mikrofasern wie Thinsulate, deren dünne, weitverästelte Struktur die Luft »festhält«. Den gleichen Effekt hat ein Fleece-Pulli unter der Motorradjacke. Meist wird Poylester zu den flauschig weichen Pullovern gestrickt, deren unzählige Luftkammer eine isolierende Sperrzone gegen Kälte von außen bilden. Außerdem nehmen Sweater und Jacken aus Polartec und ähnlichem kaum Feuchtigkeit auf und trocknen schnell.Um Schicht für Schicht funktionell bekleidet zu sein, sollte die Unterwäsche aus Fasern wie Polyamid, Polyester oder Polypropylen (siehe MOTORRAD 8/1997) bestehen, die Feuchtigkeit vom Körper - im Gegensatz zur klassischen Baumwolle - wegtransportieren. Wie beispielsweise Coolmax, das mittlerweile auch als Helminnenfutter eingesetzt wird. Was gibt es sonst noch? In der unten stehenden Stichwortsammlung wurde versucht, die in der Motorradbranche gängigen Produktbezeichnungen und eine - sicherlich unvollständige Auswahl der Konfektionäre - aufzuführen.Literatur: Einen guten Überblick und fundiertes Fachwissen vermittelt das »Touchbuch - Funktionelle Materialien für Sport- und Freizeitmode« von Ulrike Luckmann (Preis 155 Mark, Telefon 040/45038173). Es spricht allerdings den allgemeinen Sporthandel anspricht und beinhaltet wenig Motorradspezifisches.Das mittlerweile zweibändige Textil- und Modelexikon des Deutschen Fachverlags (ISBN 3-87150-518-8, Preis 128 Mark) ist ein komplexes Nachschlagewerk, das leider fast grundsätzlich auf die Nennung der Hersteller, auch der geschützten Materialien, verzichtet.

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