Leder: Wo es herkommt, was es taugt (Archivversion) Die zweite Haut

Den einen wird das Fell über die Ohren gezogen, die anderen sind Nutznießer. Mit einer tierisch guten Pelle können Motorradfahrer die eigene Haut schützen. Doch Leder wächst nicht einfach so auf Viechern.

Lederkenner Helmut Frey lässt sich so leicht nichts vormachen. Vor einiger Zeit kam freudestrahlend ein Rennfahrer
zu ihm: »Du, Helmut, schau mal, ich hab jetzt auch so ’ne Känguru-Kombi.« Frey betrachtete und befühlte die in einer chinesischen Fabrik gefertigte Kombi mit »Kangaroo«-Logo skeptisch. Und antwortete dann: »Wenn das komplett Känguru ist,
bin ich ein Kamel.« Seither weiß der
Rennfahrer, dass ihm statt einer besonders exklusiven Ausstattung lediglich eine Mogelpackung gesponsert wurde.
Nur wenige können Lederqualitäten so treffsicher beurteilen wie der Profi Frey, der seit mehr als 40 Jahren Lederhäute für die Produktion von Daytona-Stiefeln im bayerischen Eggenfelden einkauft. Für Stiefel verarbeiten manche Hersteller sogar täuschend echt wirkendes Kunstleder wie Lorica oder kunststoffbeschichtete Lederabfälle, deren schlechte Scheuerwerte einem Laien erst bei einem Sturz als minderwertig auffallen. »Müll kommt mir nicht ins Haus, auch wenn der einem noch so billig von überallher angeboten wird«, bemerkt Frey mit Nachdruck.
Wohl kaum ein Motorradfahrer möchte Müll tragen. Aber woran erkennt man Qualitätsunterschiede, und wie viel muss einem die eigene Haut wert sein? Nach
wie vor tragen Motorradfahrer vornehmlich Leder, um sich bei einem Sturz möglichst gut abzusichern. Und bisher schützt das tierisch gute Material besser als jede Art von textiler Motorradbekleidung. Eine unbehandelte Tierhaut besteht allerdings zu 65 Prozent aus Wasser und wäre so wenig dienlich, um vor Verletzungen zu schützen. Ihr hoher Eiweißgehalt ließe sie nach ein paar Tagen faulen, und sie würde sich stinkend verflüchtigen. Erst durch den komplizierten Gerbprozess entwickeln sich die von der Natur mitgegebenen einzigartigen Eigenschaften von Leder (siehe auch Interview Seite 77).
Die Qualität wird jedoch schon vom lebendigen Tier beeinflusst. Beispiel Rindleder: Die meisten für Motorradbekleidung verwendeten Häute stammen aus Argentinien und Brasilien. Dort in der Pampa ist das Leben hart: Dornengestrüpp, fiese
Insekten und sengende Sonne. Hiesige
Bertas und Rosis genießen hingegen teilweise frisches Heilklima, saftiges Gras und
viel Bewegung auf steilen Bergwiesen. Ihre Haut ist in der Regel geschmeidiger und weniger zerstochen, zerkratzt und vernarbt. Nur gibt es nicht genügend heimische glückliche Kühe, um den Bedarf an Leder erster Wahl zu decken. Die norddeutsche Verwandtschaft etwa verbringt
in stark industrialisierter Landwirtschaft die meiste Zeit im engen Stall. Die Häute
dieser Kühe mit hoher Milchleistung sind oftmals überdehnt und dadurch weniger reißfest. Lederschneider favorisieren deshalb für besonders hochwertige Produkte die teuren Häute süddeutscher Rinder.
Außer Rindern – allerdings nicht in vergleichbarem Umfang – liefern auch andere Tiere wie Ziegen, Büffel oder, seltener, Hirsche ihre Haut als Rohware für Motorradbekleidung. Und in den letzten Jahren verstärkt Kängurus. Eine Art von ihnen hat sich in Australien zur Landplage entwickelt und wurde deshalb zum Abschuss freigegeben. Schlecht für die possierlichen Hüpfer, gut für motorradfahrende Lederfans, denn die Haut dieser Wildtiere besitzt eine besonders robuste und reißfeste Faserstruktur, aus der sich vergleichsweise
dünne und somit leichte, tragefreundliche Handschuhe und Kombis fertigen lassen. Problem mittlerweile: Die Nachfrage aus der Sportbekleidungsbranche übersteigt bei weitem das nach wie vor vergleichsweise dünne Angebot aus Down Under. Nachlässige Selektion und schnelle Gerbprozesse, um dem gestiegenen Bedarf gerecht zu werden, führten inzwischen dazu, dass das hochgelobte Känguru-Leder in manchen Fällen gegenüber gutem Rindleder kaum noch Vorteile bietet – aber
dennoch deutlich teurer ist.
Gute Rohware ist zwar wichtig, aber letztlich entscheidet gute Gerbung über die Qualität des Leders. In modernen, industriellen Gerbereien wandern die Tierhäute in riesige, rotierende Fässer und in Spezialmaschinen, die den enormen Produktionsumfang bewältigen können. Bei der Mastrotto-Gruppe im norditalienischen Arzignano etwa, dem größten Gerbereiverbund Europas, stehen sinnbildlich aneinandergereiht täglich rund 65 Kilometer Kuhhäute in Reihe, um zu Leder für die Bekleidungs-, Möbel- und Autoindustrie verarbeitet zu werden. Kunden wie Prada, BMW, Rolf Benz oder die Lufthansa kaufen dort feines Leder für ihre Mode oder
First-Class-Sitzgelegenheiten ein. Leder für
extrem anspruchsvolle Motorradkleidung, unter anderem für die eigene Hausmarke M-Tech, wird bei der Mastrotto-Gruppe ebenfalls in bester Qualität gegerbt.
Zunächst werden in der Gerberei restliche Fleischfasern und Fellhaare von den Häuten entfernt, danach steht einer der wichtigsten Schritte auf dem Programm: die Gerbung mit Chromsalzen, bei der die miteinander verbundenen Eiweißfasern der Haut in feste und langlebige Lederfasern umgewandelt werden. Diese erste Lederform, das so genannte Wet-Blue, kommt durchnässt und aufgrund der Chrom-Behandlung hellblau gefärbt nach rund 24 Stunden aus den Trommeln. Überall in der Welt wird in der Regel mit vergleichswei-
se unbedenklichen Chrom-III-Verbindungen gegerbt. Es können jedoch bei einer nachlässigen Produktion mit unqualifizierten Arbeitskräften während der Gerbung und auch danach durch Oxidationsprozesse Krebs erregende Chrom-VI-Verbindungen entstehen. Zumindest ist nicht auszuschließen, dass sich diese schädlichen Substanzen in Leder finden lassen – bei Billigklamotten wohl am ehesten.
Das vergleichsweise dicke (etwa fünf Millimeter) Rohleder wird nach weiterer Behandlung wie Waschen und Pressen horizontal gespalten. Die obere Hautschicht mit ihrer Narbung und der Porenstruktur bietet das Potenzial für hochwertiges Leder. Die Faserstruktur der darunter liegenden Schichten ist deutlich weniger robust – das so genannte Spaltleder darf zwar
als echtes Leder bezeichnet werden, wäre jedoch bei technischer Bekleidung an Sturzstellen absolut fehl am Platz. Was Preis-Dumper indes nicht davon abhält, es unter anderem für billige Motorradstiefel oder -handschuhe zu verwenden.
Wer als Hersteller etwas auf sich hält, nimmt überwiegend vollnarbiges Leder. Dieses wird im weiteren Gerbprozess je nach Güte mit Anilin eingefärbt. Wenn es sich nicht um absolute Top-Ware handelt, werden kleinere Defekte und Narben anschließend in der Regel maschinell geglättet – wodurch das Leder manchmal eine
so künstlich glatte Oberfläche erhält, dass eine natürlich aussehende Narbung nachträglich aufgeprägt wird. Je nach Kundenwunsch lackiert und imprägniert der Gerber das geprägte Leder. Bei schlechter Qua-
lität wird aus Kostengründen eine fehlerhafte Oberfläche regelrecht mit Lack zu-
gespachtelt, im schlimmsten Fall teils mit
einigen sehr gesundheitsschädlichen und verbotenen Azofarbstoffen, die für europäische Lederproduzenten tabu sind.
Letztere überprüfen außerdem meist
in eigenen Labortests die Qualität der
angelieferten Rohware und des Leders im aktuellen Produktionsablauf. Bei renommierten Motorradbekleidern wie Dainese oder Spidi in Vicenza, die ihre Ware traditionell aus dem benachbarten Gerberzentrum Arzignano beziehen, werden mehr als 20 Punkte des angelieferten Leders überprüft, bevor einzelne Stapel in die Konfektion (überwiegend in Osteuropa und Chi-na) gehen. Das alles ist sehr aufwendig, bedarf qualifizierter Arbeitskräfte und kostet Zeit. Und deshalb viel Geld. Genau wie die Aufwendungen für Grand-Prix-Stars à la Valentino Rossi oder Sete Gibernau, die die Qualität ihres Rennleders regelmäßig bei Stürzen testen und Erfahrungswerte liefern, die im Labor nicht erhältlich sind.
Rohmaterial für eine italienische Rennkombi (in der Regel ein feines Möbelleder) geht für rund 100 Euro über die Theke. Für das Geld gibt’s in fernöstlichen Billiglohn-Gefilden eine komplette Kombi mit Innenfutter, Reißverschlüssen und Knöpfen. Der Düsseldorfer Filialist Polo etwa, der containerweise in Asien einkauft, entwirft im eigenen Haus die Schnitte und schickt nach Prototypen-Tests die Entwurfsmappen nach China zu einem Zulieferer. Dieser kauft je nach Auftrag Leder-Rohware in Südamerika ein und konfektioniert Kombis, Handschuhe und Stiefel nach von Polo festgelegten Qualitätskriterien, die unter anderem auch indizierte Giftstoffe ausschließen sollen. »Mittlerweile gibt es auch in China entsprechende Maschinen und ein ansehnliches Know-how«, erklärt man bei Polo und stellt fest: »Außerdem sparen wir uns hohe Sponsorenkosten für Top-Piloten, deshalb können wir so günstig
anbieten.« Der Bestseller aus Düsseldorf: eine Kombi für 300 Euro. Jährlich entscheiden sich rund 5000 Motorradfahrer für dieses Spar-Modell.
Für Maßschneider wie Claus Hämmer von Schwabenleder in Winterbach bei Stuttgart sind solche Stückzahlen nicht traumhaft, sondern wären eher ein Alptraum. Denn für Hämmer ist jede Kombi ein stolz gefertigtes Stück Handwerkskunst – hohe Produktionszahlen wären für ihn und seine rund zehn Mitarbeiter kaum mit dem selbst gesetzten Anspruch zu realisieren. Kunden müssen deshalb auch rund sechs Wochen auf die Wunschkombi warten. »Unsere Philosophie ist zwar, möglichst viel Leder aus Süddeutschland zu verwenden, aber das allein macht noch keine gute Kombi aus. Das gesamte Paket muss
stimmen, vor allem die Passform«, sagt Hämmer. Ohne jahrelange Erfahrung sei das nur schwerlich in die Tat umzusetzen.
Handschuhmacher haben es noch schwerer. »Während man bei einer Jacke mal einen Zentimeter daneben liegen darf, sollte bei Handschuhen alles millimetergenau sitzen«, berichtet man beim Spezialisten Held im bayrischen Burgberg-Erzflöße und klärt auf: »Leder ist ein tierisches Produkt, das arbeitet und sich beim Tragen im Laufe der Zeit verändert. Dem Kunden dies nahe zu bringen ist eine der größten Schwierigkeiten.«
Lederkauf ist also Vertrauenssache. Für den Abnehmer von Rohware, den Einkäufer eines Konfektionärs und letztlich auch für den Kunden. Wie bei gutem Wein, Holzmöbeln und anderen natürlichen Produkten gleicht kein Teil exakt dem anderen. Der Verkäufer kann lediglich Qualitätsschwankungen weitgehend vermeiden. Der Käufer sollte dementsprechend eine gewisse Liebe zum Einzelstück mitbringen. Ob er bereit ist, für eine aufwendige Maßanfertigung tief in die Tasche zu greifen oder – Hauptsache billig – von der Stange kauft, ist wie gesagt Vertrauenssache. Bei Profis auf der Rennstrecke bleibt bei einem Sturz die eigene Haut durch gute Leder-Schutzkleidung oftmals erstaunlich un-
versehrt. Diese spezielle Qualitätsprüfung möchte aber wohl kaum jemand freiwillig am eigenen Leib durchführen.

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