Lederkombis bis 500 Euro (Archivversion) Schöner Schein

Gutes Design ist keine Frage des Preises. Doch wie steht’s bei günstigeren Lederkombis um Sicherheit, Passform und Tragekomfort? MOTORRAD verglich neun Zweiteiler.

Zwei Jahre sind seit dem letzten Test von Lederanzügen der Mittelklasse vergangen. Für die Hersteller von Lederpellen ein ausreichend langer Zeitraum, um die monierten Schwachpunkte zu beseitigen. Offenbar stieß die Kritik jedoch überwiegend auf taube Ohren, wie der
aktuelle Vergleich von neun Lederanzügen der Preisklasse bis 500 Euro zeigt.
Einige Testkandidaten offenbaren nämlich die gleichen Schwächen wie die damaligen Anzüge. So werden teils noch
immer die bei einem Sturz extrem belasteten Verbindungsreißverschlüsse von Jacke und Hose nicht direkt am Leder, sondern über einen großflächigen Textilstretch mit dem hauchdünnen Innenfutter fixiert (Cima, Difi, Germas, Modeka und Revit). Im Fall eines Falles besteht die Gefahr, dass das Futter reißt, und schon schmirgelt statt des Leders Haut über den Asphalt. Die Folgen solcher Fehlkonstruktionen kann sich jeder selbst ausmalen.
Stellt sich die Frage, weshalb einige Hersteller derartige Sicherheitsmängel, die den Begriff »Schutzbekleidung« ad absurdum führen, nicht beseitigen. Der Verdacht liegt nahe, dass sie diese sehr flexible
Verbindungsmethode zwischen Jacke und Hose wählen, um Mängel in der Passform – zumindest bei einer kurzen Anprobe im Laden – zum Teil zu kaschieren.
Bei den ausgiebigen Fahrtests von MOTORRAD offenbarten sich ergonomische Unpässlichkeiten jedoch rasch. Zwei Tester mit unterschiedlichen Konfektionsgrößen konnten dies auf einem vollverkleideten Sporttourer und einer halbverschalten Tourenmaschine am eigenen Leib erproben.
Entscheidend ist ein körperbetonter, enger Schnitt, der die typische Fahrer-
haltung auf dem Motorrad berücksichtigt. Dies gelingt nur, wenn neben der Schulterpartie auch die Ärmel und Beine stark
vorgeformt sind, die Rückenpartie für eine nach vorn gebeugte Haltung lang genug ausfällt und Stretcheinsätze sparsam, aber an den richtigen Stellen eingesetzt wer-
den. Gab es im letzten Test (MOTORRAD 10/2003) mit der von Polo vertriebenen, zweiteiligen FLM Race wenigstens einen Überflieger in Sachen Passform, vermag diesmal kein Modell hundertprozentig zu überzeugen. Dabei verursacht ein guter Schnitt bei der Herstellung keinen Cent Zusatzkosten. Die beste Figur auf dem Motorrad machen letztlich die Anzüge
mit den geringsten Passformmängeln von Corax und Louis (Vanucci), während die Ergonomie bei Modeka und BF den Toleranzbogen doch deutlich überspannt (siehe Kastentexte).
Der BF-Anzug patzt zudem beim Testkriterium Sicherheit, weil alle Protektoren den ohnehin sehr großzügigen Grenzwert der CE-Norm bei den Schlagdämpfungstests deutlich überschreiten. Ebenfalls schwer nachzuvollziehen ist die Tatsache, dass bei BF, Difi und Modeka die vorhandenen Taschen für einen Rückenprotektor gemäß CE-Norm zu klein ausfallen. Fast schon skandalös: Germas stattet seine Kombination aus GPS-Jacke und Cobra-Hose laut Aufdruck mit CE-Protektoren aus, bei denen die in der Norm vorgeschriebene Herstellerangabe auf Schulter- und Ellbogenprotektoren fehlt, und die
als CE-geprüft ausgewiesenen Knieprotektoren besitzen ähnlich miserable Dämpfungswerte wie ein Stück Kantholz.
Auch bei der Funktionalität steht es nicht immer zum Besten. So nervt öfters die fummelige, überaus hakige Bedienung der bei einigen Kombinationen in kurzer und langer Ausführung vorhandenen Verbindungsreißverschlüsse. Außerdem fehlen an manchen Hosen die äußerst praktischen, per Reißverschluss verschließbaren Außentaschen für Zündschlüssel und andere Kleinigkeiten. Und ein herausnehmbares und waschbares Innenfutter besitzen nur Corax und Hein Gericke.
Angesichts der nicht berauschenden Vorstellung einiger Modelle sollten Kaufinteressenten bei Lederanzügen von der Stange deshalb immer auf eine Sitzprobe auf dem eigenen Motorrad bestehen.
Wer keine Erfahrung mit eng anliegender Schutzkleidung hat, kann außerdem auch einmal wesentlich teurere, körpergerecht geschnittene Lederkombis namhafter Hersteller anprobieren, selbst wenn der Geldbeutel dies nicht zulässt. Auf diese Weise bekommt man nämlich am ehesten ein
Gespür für die ideale Passform.

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