Leiser Helm von Baehr (Archivversion)

Jetzt aber Ruhe!

Bisher haben sich Helm-Hersteller nur sehr wenig Gedanken um den Lärm unter dem Kopfschutz gemacht. Nun gibt es den ersten speziell geräuschgedämpften Helm - von einem branchenfremden Entwickler

Daß Motorradfahrer sich untereinander schlecht verstehen, kann verschiedene Gründe haben. Machmal liegt es unterschiedlichen Ansichten und Philosophien, oft aber leidet die Kommunikation schlicht und einfach am mangelhaften Hörvermögen vieler Biker. Denn so manch einer ist durch den starken Lärm unterm Helm schwerhörig geworden. Kommunikation ist auch schon lange ein besonderes Anliegen der Firma Baehr, denn bekannt geworden sind die Pfälzer in der Szene durch hochwertige Gegensprechanlagen. Trotz mittlerweile ausgefeilter Technik scheitert eine optimale Verständigung bei hohen Geschwindigkeiten aber oft an der enormen Geräuschkulisse. Daher reifte die Idee, das Kommunikations-Übel an der Wurzel zu packen, sprich: Helme leiser zu machen. Über mehrere Umwege kam ein Kontakt zum italienischen Hersteller Fimez zustande. Schnell war klar, daß eine vollständige Neuentwicklung den Kostenrahmen sprengen würde. Mit dem FM Force Ten bot sich jedoch ein moderner Helm mit guten Voraussetzungen für eine Weiterentwicklung an, zumal er im Helmtest (MOTORRAD 13/1995) in Handhabung und Trageverhalten gute Noten bekam.Vor den ersten Entwicklungsschritten machten die Pfälzer eine Bestandsaufnahme. Eine breite Palette gängiger Modelle wurde mit aufwendigen Meßverfahren systematisch unter die Lupe genommen. Dabei bestätigten sich die unglaublich hohen Geräuschpegel, die MOTORRAD 1991 im Helmtest ermittelte. Interessant ist eine anschauliche Auswertungsmethode von Baehr: Anhand von Grenzwerten aus dem Arbeitschutz (maximal xx dB über acht Stunden) ermittelte man für Tempo xxx eine zulässige Fahrstrecke, die zwischen xx ( Shoei Duotec) und xxxx Kilometern (Baehr Silencer) schwankt. Wer also mit dem Shoei Duotec xx Kilometer bei Tempo xxx zurücklegt, hat sein Tages-Geräuschpensum ausgeschöpft. Wohlgemerkt, orientiert an Grenzen des Arbeitschutzes. Es folgte eine lange Phase des Tüftelns und Ausprobierens, um den FM Force Ten zu optimieren. Das Ergebnis kann sich sehen lassen, die Verarbeitung und Ausstattung des 780 Mark teuren Baehr-Helms mit der Bezeichnung »Silencer« ist einwandfrei. Viele Details wie Visiermechanik oder Belüftung sind speziell dafür entwickelt. Ein Muß bei einem leisen Helm ist ein dichter Abschluß am Hals. Das führt im praktischen Umgang mit dem Silencer gelegentlich zu Problemen: Betonköpfe und Segelohrenträger werden mit dem Silencer nicht glücklich, besonders bei der Größe M bekam so mancher Tester heiße Ohren. Eine ausgiebige Anprobe ist daher ratsam. Nachteilig ist in der Praxis auch, daß das Helmschloß unter der Polsterung verschwindet und deshalb schlecht zu bedienen ist. Bei den Fahrtests zeigte sich rasch, daß die von Baehr objektiv ermittelten Meßwerte mit den subjektiven Eindrücken übereinstimmen. Der Silencer ist der leiseste Helm auf dem Markt, was ihn besonders für Vielfahrer, Schnellfahrer und Autobahnheizer interessant macht. Sensationen darf man allerdings nicht erwarten. Richtig leise kann ein Helm, an dem der Fahrtwind mit 200 km/h vorbeiströmt, wohl kaum sein. Bei einer völligen Neuentwicklung könnte noch mehr Potential ausgeschöpft werden. Als Präventiv-Maßnahme zur Erhaltung des Hörvermögens ist der Silencer jedoch eine Empfehlung wert.
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Der Silencer im Vergleich (Archivversion)

Im Vergleich mit gängigen Helmmodellen mußte der Silencer seine akustischen Qualitäten beweisen. Zwei MOTORRAD-Testfahrer machte bei Windstille auf dem Flughafengelände in Malmsheim die Probe, wobei mit einem unverkleideten Motorrad Testdurchläufe mit 100 und 150 km/h gefahren wurden. Hier die Testeindrücke in der Rangfolge ihrer akustischen Eigenschaften:Shoei Duotec: Schon bei 100 km/h brutal laut, bei 150 km/h auch auf kurzen Strecken nahezu unerträglich. Einer der lautesten Helme auf dem Markt.FM Force Ten: Bei 100 km/h schon deutlich leiser als der Duotec. Trotzdem relativ laut und lästig, da unruhiges und turbulentes Geräuschverhalten; bei 150 km/h etwa wie Shoei RF 700. Klingt durch den freien Kinnraum (ohne Spoiler) sehr offen, auch Motorgeräusche sind am deutlichsten hörbar.Shoei RF 700: Bei 100 km/h befriedigendes Geräuschverhalten, bei hohen Geschwindigkeiten zunehmend lauter.Dainese Ergon: Pegel bei 100 km/h ähnlich Shoei RF 700, bei Tempo 150 etwas weniger laut. Gleichmäßigeres Geräusch, daher angenehmerer Sound.Schuberth Profil: Bei 100 km/h subjektiv wenig Unterschied zu Dainese oder Shoei, bei 150 km/h jedoch nochmals leiser; im direkten Vergleich mit dem Silencer geringfügig, aber spürbar lauter. Reagiert deutlich auf Neigungsänderungen und Drehungen des Kopfes.Baehr Silencer: Schon bei 100 km/h leiser als alle anderen, bei 150 km/h erheblich leiser. Gleichmäßiges, helles Rauschen, am Visierrand links manchmal ganz leichtes Pfeifgeräusch. Wohltuend leise. Auch Motor- und Außengeräusche werden stark gedämpft, die Ohren aber nicht durch das Polster verschlossen

Zum Thema (Archivversion) - «Vorsätzliche Körperverletzung?“

Schnelles Fahren mit dem Motorrad gefährdet die Gesundheit - langfristig droht ein Gehörschaden
Eigentlich gehört auf jeden Helm ein Warnhinweis: Ohne Ohrenstöpsel nicht schneller als 100 km/h und länger als eine Stunde fahren. Was mancher Hersteller den Kunden in puncto Lärm unter dem Helm zumutet, grenzt an vorsätzliche Körperverletzung. Auch wenn MOTORRAD diese Mißstände jahrelang in Helmtests beklagt hat, keiner der vielen Hersteller hat es für nötig gehalten, igendetwas in Richtung Geräuschminderung zu tun. Um so mehr Anerkennung muß den Baehr-Leuten gezollt werden, die mit begrenzten Mitteln zeigten, daß hier noch viel Spielraum für Verbesserungen ist. Hoffentlich sensibilisiert dieser Erfolg des Außenseiters endlich auch die großen Hersteller.

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