Kaufberatung: Persönliche Schutzausrüstung für Biker Darauf sollte bei Motorrad-Schutzkleidung geachtet werden

PSA - nein, kein holländischer Fußballklub, auch kein Pestizid oder Ähnliches. Die drei Buchstaben stehen für: Persönliche Schutzausrüstung. Die Ausrüster müssen sich an feste Normen halten, Motorradfahrer hingegen wissen oft nicht, worauf sie beim Kauf achten sollen.

Bild: Hersteller

Eltern kennen das, und alle anderen erinnern sich vielleicht noch an die eigene Kindheit. Beim Laufen und Toben semmeln die Gören meistens auf die Knie. Die Kleinen tragen an den betroffenen Stellen zunächst blutig-eitrige Verzierungen, danach tunen Mütter die Cordhose gerne auch mit Aufnählederherzen oder Teddybärflicken aus abriebfestem Garn. An Fahrerausstattungen lassen sich solche funktional-modischen Gimmicks weniger häufig beobachten, aber im Straßenverkehr fliegt man zum Glück ja auch deutlich seltener auf die Nase. Diese wird bei einem Unfall normalerweise kaum in Mitleidenschaft gezogen, die Knie und Unterschenkel hingegen schon. Das Verletzungsrisiko dieser Körperzone liegt bei einem Motorradunfall bei beachtlichen 40 Prozent. Weil man eben genau wie die tobenden Kleinen auf der Spielstraße auch als Großer auf dem Spielzeug Motorrad in vielen Sturzsituationen auf die Knie fällt. Verlässliche Zahlen zum Verletzungsrisiko stammen übrigens aus der Unfallforschung. Professor Dietmar Otte und sein Team von der Verkehrsunfallforschung an der Medizinischen Hochschule in Hannover haben seit 1999 mehr als 1600 Motorradunfälle ausgewertet. Wertvolle Daten, vor allem wenn es darum geht, wie und an welchen Stellen die Sicherheit von Motorradfahrern zu verbessern ist.

Und schon sind wir mitten drin im Thema: Persönliche Schutzausrüstung für Motorradfahrer, abgekürzt PSA. Dass sich Biker keine Teddybären ans Knie binden, sollte klar sein, aber wie sollte eine optimale PSA eigentlich genau aussehen? Christoph Gatzweiler vom Industrieverband Motorrad in Essen hat seine Meinung dazu, verweist außerdem auf gesetzliche Vorgaben, die auf Europaebene in Form von Normen aufgestellt werden. Für Gelenkprotektoren gilt die Europa-Norm EN 1621-1, die sich zurzeit in Revision befindet. Und das tut auch Not, denn diese Norm ist beinahe 15 Jahre alt, und bei deren Erstellung standen mehr politische Grabenkämpfe als medizinische Fakten, genauer: biomechanische Grundlagenforschungen, im Vordergrund. Als Kompromiss einigte man sich seinerzeit auf Grenzwerte, die nach heutigem Dafürhalten keinen ausreichenden Verletzungsschutz bieten. Einzelschläge bis 50 Kilonewton (kN) und ein gemittelter Wert von 35 kN reichen aus, um die Baumusterprüfung zu passieren. Menschliche Knochen brechen laut Untersuchungen aber schon bei vier bis fünf Kilonewton. Außerdem wurde bisher der Kraft-Zeit-Verlauf nicht berücksichtigt. Zur Veranschaulichung: Ein müder Schwergewichtsboxer, der nur rangelt statt puncht, ist weniger gefährlich als ein frischer Karatekämpfer, der mit geringerer Krafteinwirkung, aber höherer Schlaggeschwindigkeit sogar Steinwände niederprügelt. Zwischen Kraft und Kraft und zwischen Protektor und Protektor gibt es also Riesenunterschiede.

Die ersten als solche zu identifizieren-den Gelenkprotektoren kamen vor rund 25 Jahren vom schwedischen Hersteller Halvarssons - gepolsterte, vorgeformte Plastikschalen für die Knie. Und auch der italienische Ausrüster Dainese hat sich früh des Themas angenommen, gilt als Vorreiter. Aber erst in den letzten zehn Jahren sind die Materialien deutlich verbessert worden. Hartschalen versuchen generell den Schlagpunkt auf eine größtmöglich vorhandene Fläche zu verteilen und gleichzeitig ein Eindringen von spitzen Gegenständen zu verhindern. Prima etwa im Gelände, wenn man auf Stock und Stein fällt. Protektoren aus Weichschaum - hierbei handelt es sich nicht etwa um einfachen Matratzenschaumstoff, sondern um spezielle Schäume aus Polyurethan (PU) und anderen Kunststoffen - dämpfen hingegen den Schlag besser und lassen idealerweise die einwirkende Kraft nur langsam durch (siehe auch Diagramm Seite 54). Gute Dämpfung ist dann gut, wenn man platt auf dem Asphalt aufschlägt, aber nach dem Aufschlag kommt ja noch die Schleifphase. Und die wird bei keiner Normierung berücksichtigt. Beim Sturz fallen die Verletzungen sehr unterschiedlich aus, je nachdem ob der Fahrer, eine entsprechende Sturzzone vorausgesetzt, wie ein Rodler bis zum Stillstand ausgleitet (im Idealfall nur ein paar Kratzer und blaue Flecken) oder ob er sich mit ungewollten Turnfiguren und Saltos überschlägt (Brüche sind dann eher Regel als Ausnahme). Die novellierte EN 1621-1, die bald in Kraft treten wird, senkt den gemittelten Restkraftwert auf 20 statt 35 kN. Keine Revolution, zumal schon jetzt gute Gelenkprotektoren diese Vorgaben locker erfüllen.

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Foto: fact

Bei Rückenprotektoren liegen die Grenzwerte niedriger (bei Level 2 zurzeit 9 kN
im Mittel, 12 kN beim Einzelschlag). Große Fläche, großer Schutzbedarf, so wohl die Denke vieler Motorradfahrer. Zugegeben, eine Verletzung des Rückenmarks mit der Aussicht auf ein restliches Leben im Rollstuhl berechtigt ein gesteigertes Schutzbedürfnis. Die Zahlen der Unfallforscher sprechen jedoch eine andere Sprache. Nur bei rund acht Prozent der Unfälle ist die Rückenwirbelsäule betroffen, und das Gros der unfallbedingten Querschnittslähmungen rührt her von Stauchungen und Torsionen (Verwindungen). Tragische Verletzungen sind also auch mit einem hervorragend schlagdämpfenden Rückenprotektor wohl kaum komplett zu vermeiden. Dennoch ist jedem Motorradfahrer ein möglichst vollständiger Rücken- oder Gelenkschutz angeraten, denn Protektoren gelten als zusätzlicher Schleifschutz, wenn das Außenmaterial (Leder oder Textilgewebe) der Kombi durchgerieben ist. Auch Schürfwunden können, wenn es dumm läuft, hartnäckige Keiminfektionen nach sich ziehen.

Für Brustprotektoren und Airbags gilt seit Neuestem auch eine Norm, die EN 1621-3 bzw. EN 1621-4. Das ist ein Fortschritt, denn alles, was Motorradfahrern hilft, schweren Verletzungen vorzubeugen, ist lobenswert. Insbesondere im Brustbereich treten sie doppelt so häufig auf wie an der Wirbelsäule. Verletzungen an lebenswichtigen Organen wie etwa der Lunge sollte man deshalb möglichst mit allen Mitteln entgegenwirken. Das gilt auch für Nackenschutzssysteme, für die bisher noch keine Norm erstellt wurde - anders als bei Stiefeln (EN 13634), Handschuhen (EN 13594) und Oberbekleidung (EN 13595-1 bis 4).

Um Missverständnissen vorzubeugen: Normen bedeuten für Motorradfahrer nicht, dass sie in eine Rüstung gezwungen werden, sondern die Vorgaben gelten für die Hersteller, auf deren (Marketing-)Versprechen man sich ansonsten komplett verlassen müsste. Da ist eine gesunde Skepsis angesagt, wenn der Gegenwert nicht klar zu bemessen ist.

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Foto: MPS-Fotostudio

Gelenke: Neuralgische Punkte

Erst seit der 1997 erstmals in Kraft getretenen Norm EN 1621-1 kümmerten sich die meisten Konfektionäre ernsthaft um eine Verbesserung des Gelenkschutzes. Seither sind durch neue Materialien Passform und Dämpfungseigenschaften stetig optimiert worden. Heutzutage liegt die Schutzwirkung meist weit über der geforderten Norm. Das ist auch gut so, denn Gelenke sind die am häufigsten betroffenen Sturzzonen, und bei einer für die Baumusterprüfung erlaubten Restkraft von bis zu 50 kN beim Einzelschlag würden Knochen wohl ziemlich fies splittern. Die Testsieger und besten Produkte (mittlerweile überwiegend Weichschaumprotektoren) indes lassen etwa an den Knien nur rund 10 kN beim Aufschlag durch, das senkt das Bruchrisiko erheblich. Eine große Schwierigkeit bleibt aber: Viele Bekleider positionieren die vorbildlichen Schützer recht nachlässig in Jacke und Hose. Beim Sturz, insbesondere mit bequem geschnittener Textilbekleidung, verrutschen die Protektoren, und die Gelenke liegen wieder stark verletzungsgefährdet frei. Bei eng anliegenden Lederkombinationen sitzen die Schaumteile oder Hartschalen in der Regel fester und schützen deshalb auch besser. Generell sollten Protektoren an Schultern, Ellenbogen, Hüfte und Knien ein Muss sein. MOTORRAD empfiehlt aber vor dem Kauf eine ausführliche Anprobe - bitte auch in Fahrhaltung auf der Maschine!

MOTORRAD-Kauftipp: BMW NP
Der Weichschaum umschließt die Gelenke, insbesondere die Knie, absolut vorbildlich und bietet gute Sicherheit. Preis für einen Komplettsatz: 84 Euro.

MOTORRAD-Testsieger: Safemax PREMIUM
In der Tat „premium“ - beim Schlagdämpfungstest und in der Komfortwertung Bestnoten. Mit 70 Euro für einen Komplettsatz eine gute Investition in die eigene Sicherheit.

Foto: MPS-Fotostudio

Brust, Rücken: Flächendeckend

Motorradfahrer sollten auf diesen Teil der PSA keinesfalls verzichten, denn sturzbedingte Verletzungen im Brust- und Rückenbereich sind häufig drastisch. Jeder Schutz gegen derart schlimme Unfallfolgen lohnt sich also, wenn die aktive Sicherheit nicht beeinträchtigt wird. Die zahlreichen MOTORRAD-Tests und -Erfahrungen zeigen, dass moderne, gut gemachte Rückenprotektoren beim Fahren kaum zu spüren sind. Das gilt übrigens für Hartschalen- und Weichschaumprotektoren gleichermaßen. Das Zusatzgewicht zur Jacke ist bei den Top-Produkten (siehe rechts) erträglich, die Passform gut bis sehr gut. Einschubprotektoren sind komfortabler in der Handhabung, deshalb eigentlich immer dran an Mann oder Frau. Umschnallschützer liegen körpernäher und fester an, sind deshalb in der Regel auch sicherer. Für beide Gruppen sprechen die jeweiligen Vorteile, ausgezeichnete Schlagdämpfungswerte sind ebenfalls bei beiden anzutreffen (bis unter 5 kN Restkraft). Wichtiges Argument für das Tragen von Rückenprotektoren ist auch der Schutz der besonders bruchgefährdeten Schulterblätter, vorausgesetzt, der Protektor deckt auch diese Partien gut ab. Bei der Anprobe also unbedingt auf passende Form und richtige Größe achten! Brustprotektoren sind bisher selten im Angebot, haben jedoch große Daseinsberechtigung, da damit etwaigen inneren Verletzungen vorgebeugt werden kann.

Alpinestars Bionic Chest Pad
Die Italiener haben viel im Rennsport erprobt und wollen mit neuen Protektoren (19,95 Euro) nun auch Tourenfahrer vom Brustbereichschutz überzeugen.

MOTORRAD-Testsieger: Hiprotec Backshock
Wirkungsvoll: Der Einschub-Protektor aus mehreren Lagen Weichschaum überzeugt mit nur sechs Kilonewton Restkraft bei der genormten Schlagdämpfungsprüfung. Preis: 19,95 Euro.

MOTORRAD-Kauftipp: Supershield SC-1/15
18,95 Euro, dafür gibt es eine Top-Passform, gute Belüftung und vergleichsweise wenig Gewicht. Der viskoelastische Schaumprotektor zum Einschieben ins Rückenfach der Jacke macht seinen Job gut.

MOTORRAD-Kauftipp: Dainese N-Frame BACK 3
Erstaunlich leichter (nur rund 600 Gramm), komfortabler und preiswerter (89 Euro) Hartschalen-Umschnallprotektor, der sich unabhängig vom Jackenschnitt gut und körpernah fixieren lässt.

MOTORRAD-Testsieger: Vanucci Protektorenweste
Ausgezeichnete Abdeckung von Nacken bis runter zum Steiß, sehr gute Schlagdämpfung (5,4 kN Restkraft). Die Weste wiegt aber ein Kilo und kostet 139,95 Euro.

Foto: MPS-Fotostudio

Hals, Nacken: Neue Schule

Gebrochenes Genick - ein Horrorszenario, das nicht nur besorgte Mütter von Motorradfahrern beunruhigt. In der Tat haben Verletzungen der Halswirbelsäule (HWS) häufig tragische Folgen (Querschnittslähmungen), logisch, dass man sich davor schützen möchte. Doch erst in den letzten Jahren haben sich Entwickler und Hersteller an das heikle Thema herangewagt. Der südafrikanische Orthopäde Dr. Chris Leatt wurde 2001 Zeuge eines tödlichen Motorsportunfalls und entwickelte daraufhin federführend zusammen mit BMW und KTM erstmalig ein Schutzsystem für den HWS-Bereich. Das Prinzip: Eine spezielle Halskrause („Brace“) soll in erster Linie fatale Flexionen (Überstreckungen) und Stauchungen verhindern. Das Problem: So ein System kann nur dann funktionieren, wenn es optimal anliegt, und das setzt eine fachkundige Feinjustage voraus. In Offroadkreisen - bei Enduristen und Motocrossern sind Braces mittlerweile etabliert - wurde schon bemängelt, dass die Braces zu Schlüsselbeinbrüchen geführt hätten, obwohl der Unfallverlauf normalerweise nicht derartige Folgen vermuten ließ. Außerdem werden von Unfallforschern Nutzen und Wirkung von Braces für Straßenfahrer angezweifelt. Bei deutlich unter zehn Prozent aller Unfälle sei die HWS betroffen, und es fehlen verlässliche, empirische Belege, ob Braces das Verletzungsrisiko auch wirklich senken. Bei Geländeunfällen, speziell bei Stürzen in weichem Sand, sei es hingegen empfehlenswert, auch diese Lücke in der PSA zu schließen, darüber sind sich die gleichen Unfallforscher einig. Die von MOTORRAD ausprobierten Systeme (siehe rechts) sitzen zumindest gut und beeinträchtigen kaum die aktive Sicherheit. Also kaufen? Wenn das Geld dafür übrig ist, ja.

Leatt STX Road
Das einzige nur für Straßenfahrer konzeptionierte System kommt von Pionier Leatt. Kostet 399 Euro.

Moveo Dynamic
Der größte Konkurrent kommt aus Spanien, ist einfacher in der Handhabung und günstiger (289,90 Euro).

Foto: MPS-Fotostudio

Handschuhe, Stiefel: Essenziell wichitg

Häufig sind es die kleinen, unscheinbaren Dinge, die eine tragende Rolle spielen. Bei der PSA sind dies Handschuhe und Stiefel. Der Helm ist gesetzlich vorgeschriebener Schutz, an den Händen und Füßen aber besteht die Möglichkeit zu falsch verstandener Freiheit. Bei einem Sturz ist die Wahrscheinlichkeit nämlich recht hoch, auf den Enden der Extremitäten zu landen, und dann barhändig oder nur mit leichten Turnschuhen an den Füßen sind böse Verletzungen programmiert. Auch wenn die Folgen selten fatal sind, können sie in Extremfällen das weitere Leben des Unfallopfers stark beeinflussen (Amputationen). Jeder Motorradfahrer sollte sich deshalb eine eigene Handschuh- und Stiefelpflicht auferlegen. Die Ausrüstungsstücke sind bezahlbar, solide Handschuhe mit Materialdoppelungen an Sturzzonen etwa gibt es schon ab rund 30 Euro (Vollleder in der Regel sicherer als Textilmix), ordentliche Stiefel ab rund 70 Euro. Bei den Handschuhen ist ein guter Abstreifschutz essenziell, bei der Anprobe empfiehlt es sich, bei geschlossenem Handgelenk(klett)riegel kräftig an den Handschuhfingern zu ziehen. Gute Handschuhe rutschen auch bei großem Kraftaufwand nicht vom Handgelenk, schlecht geschnittene, zu elastische Handschuhe mit schlappem Riegel lassen sich hingegen locker abziehen - und sollten dann lieber zurück ins Regal gelegt werden. Stiefel sitzen bauartbedingt fest über den Knöcheln (Vorsicht bei freizeitorientierten Kurzstiefeln, die wenig Fixierung bieten) und schützen auch bei kleineren Stürzen oder gar nur Umfallern vor Überdehnungen und Bänderrissen. Sie bieten dann gute Sicherheit, wenn die Materialien (Leder, Kunststoff, Textilgewebe) abriebfest sind. Stiefel mit hohem Schaft und integrierten Protektoren an Schienbein und Knöcheln bieten den besten Schutz.

MOTORRAD-Testsieger: Held Satu Erstklassiger
Griff und dennoch eingestellt auf (fast) jede Wetterlage. Für 79,95 Euro bekommt man einen sehr zuverlässigen Reisepartner an die Hand.

MOTORRAD-Kauftipp: Probiker Artic 3
Bei Fahrten unter zehn Grad gehören gut wärmende Winterhandschuhe an die Hände. Prima: die günstigen Probiker (49,95 Euro) sind abstreifsicher.

MOTORRAD-Testsieger: Daytona Journey XCR
Bieten ordentliche Sicherheit, sind deutlich leichter und tragefreundlicher als normale Motorradstiefel. Für Stadtfahrten und Kurztouren (174,95 Euro).

Arlen ness pro Shift
Die Schwesterzeitschrift PS kürte den Stiefel (299 Euro) zum Testsieger. Erste Wahl für Sportfahrer mit hohem Sicherheitsbedarf.

Foto: MPS-Fotostudio

Es gibt sie zwar noch, die kategorischen Verweigerer von ausgewiesener Motorradbekleidung, die lieber in Jeans und Shirt oder Kutte durch die Gegend cruisen nach der Devise „Ich habe nicht vor zu stürzen“, aber sie werden immer weniger. Komplette Anzüge mit vernünftiger Ausstattung in modischer Vielfalt (von rockig über poppig bis technoid) sind ab rund 300 Euro erhältlich. Allerdings sollte man in unteren Preisklassen nicht mit besten Schutzeigenschaften rechnen. Insbesondere sind Reißfestigkeit (Sicherheitsnähte vorhanden?) und Abriebfestigkeit bei textiler Motorradbekleidung oftmals bei Stürzen nicht ausreichend. Leichte Gewebe reiben beim Rutschen auf dem Asphalt teilweise schon nach einer Sekunde auf  (gutes Leder erst nach rund sieben Sekunden bei Stürzen aus Landstraßentempo) und sind nicht besonders hitzebeständig. Durch Reibung auf dem Straßenbelag entstehen Temperaturen bis zu 200 Grad. Polyamid- oder Polyesterfasern verschmelzen dann und brennen sich in die Haut. Das passiert mit Leder nicht, da aber selbst Low-Budget-Textilklamotten im Vergleich zu Leder und normaler Straßenkleidung besseren Wetterschutz bieten und dadurch zur aktiven Sicherheit beitragen, empfehlen sie sich dennoch. Unterstützt durch hitzebeständigere Aramidfasern (Kevlar) und abriebfestere Gewebe (zum Beispiel Dynax, Cordura 1000, dynatec) erhöht sich der Unfallschutz erheblich, der Preis aber auch gleich um mehrere 100 Euro. Sehr großen Einfluss auf die Schutzwirkung haben bei Jacke und Hose Protektoren (siehe dazu auch Kästen Seite 55). Aber nur, sofern vorhanden und an richtiger Stelle sitzend. Auch hier haben Lederkombis durch eine tendenziell körpernähere Passform die Nase vorn, denn was eng anliegt, kann nicht so leicht verrutschen. Die Textilschneider haben es bisher weitgehend versäumt, integrierte Gelenkprotektoren mittels tauglicher und in der Praxis gut bedienbarer Fixiermöglichkeiten so an den Fahrer zu binden, dass voller Schutz gewährleistet ist. Bei der Sicherheit also Punktsieg fürs Leder - die bessere zweite Haut.

MOTORRAD-Kauftipp: Alpinestars Durban
Ausgewogen gestaltete, komfortable und wetterfeste High-End-Textilkombi mit sattem Sitz und gutem, körpernahem Schnitt für 999,90 Euro. Top für größere Reisen.

MOTORRAD-Testsieger: Schwabenleder Classic Pro Sport
Sportlich enger Schnitt, sehr funktionell, trotzdem zeitlos klassisches Aussehen. Eine Anschaffung fürs Leben. Dafür und für beste Sicherheit (robustes, 1,5 Millimeter dickes Rindsleder) sind rund 1300 Euro gut investiert.


Foto: Jahn

Fazit

Zu glauben, die PSA rette einem in jeder Situation die Haut, ist falsch. Top-Protektoren, gute Handschuhe, Stiefel und Oberbekleidung helfen allerdings zweifelsohne, schwere Verletzungen zu mildern. Gute Dienste leistet die PSA bei kleineren, undramatischen Stürzen, die ohne Schutz-ausrüstung häufig auch schon sehr ärgerliche Verletzungen nach sich ziehen (Brüche, Bänderrisse etc.). Das ist schon mal Grund genug, sie auch wirklich zu tragen, denn kaufen allein reicht nicht als Schutz. Einen Punkt kann aber wohl keine Normierung abdecken: die aktive Sicherheit. Jeder Fahrer und jeder Fahrtag ist anders. Viel hilft leider nicht immer viel, Motorradfahrer können sich auch übermäßig ausrüsten, sodass die persönliche Bewegungsfreiheit und Klimatisierung negativ beeinflusst werden, was unter Umständen erst zum Unfall führt. Wie macht man es nun also richtig? Probieren statt studieren - gute Messwerte sind nicht alles, die PSA muss sitzen wie angegossen. Und nicht geizen beim Kauf, eine gute Ausrüstung (siehe Kauftipps und Testsieger) hat seinen Preis. Für die schönsten, aber leider nicht ganz ungefährlichen Spielzeuge der Welt, Motorräder, geben wir ja auch gerne Geld aus. Der Erhalt der eigenen Gesundheit sollte einem ebenfalls jeden Cent wert sein.

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