Physiologische Grundlagen (Archivversion) Hände gut, alles gut

Zehn Grad und Sonnenschein. Ein schöner Herbsttag, genau richtig für einen Ausflug. Meint der Motorradfahrer. Aber was sagen seine Hände dazu?

Man tuckert gemächlich auf der Landstraße dahin. Doch wenn der Motor gerade mal warm gelaufen ist, fangen die Finger schon zu frieren an. Grund: der so genannte Windchill-Effekt. Bereits bei 50 km/h sinkt bei einer Außentemperatur von zehn Grad die gefühlte Temperatur auf unter null. Die exponierten Hände liegen wie Ölkühler im Wind, und insbesondere die Finger sind noch kälteempfindlicher, ihr Blutdurchlauf ist 20-mal höher. Nur soll das Blut anders als Motoröl eben nicht durch Fahrtwind heruntergekühlt werden. Unterhalb des für die Hände geltenden Komfortbereichs (zwischen 22 und 32 Grad) konzentriert sich die Körperwärme auf das Körperzentrum (siehe Grafik 1), um die Funktion von lebenswichtigen Organen und des Gehirns nicht zu beeinträchtigen. Die Folge ist ein langsamerer Blutfluss in Richtung Extremitäten, erste Anzeichen von Frieren machen sich bemerkbar. Ab sieben Grad können – je nach Kälteempfindlichkeit – Schmerzen an den Händen entstehen. Nach längerer Unterkühlung verringert sich die normale Körpertemperatur von 37 Grad Celsius, und der Körper versucht – etwa durch Gänsehaut – seine Wärme abstrahlende Oberfläche zu reduzieren, man beginnt zu schlottern, wird zunehmend unruhiger, Hunger macht sich bemerkbar. Ausgehend von den Fingerspitzen breitet sich also bei Kälte ein allgemeines Unwohlgefühl aus – auf dem Motorrad gefährlich, weil dann Fahrfehler passieren! Selbst besonnenes Landstraßen-Cruisen mit maximal 100 km/h kann an kalten Tagen schnell zu Unterkühlungserscheinungen führen, auf der Autobahn ist dies in der Regel schon nach wenigen Minuten der Fall. Außerdem sinkt von zehn Grad abwärts die Fingerfertigkeit drastisch. Mit einer Schraube etwa lässt sich dann nur noch halb so gut hantieren, komplexe Tätigkeiten wie die Bremsdosierung per Handhebel sind stark beeinträchtigt. Daher empfiehlt es sich, nicht nur bei klirrender Kälte die Hände gut einzupacken. Und eine Grundregel beachten: nur mit absolut trockenen Händen in den Handschuh schlupfen! Physiologisch betrachtet nehmen die Hände einen außerordentlich großen Gehirnbereich in Anspruch (siehe Grafik 2). Also Hände gut, alles gut? Stimmt nicht ganz, denn neben warmen Händen sollte sich auch das Körperzentrum im Komfortbereich befinden. Eine Isolationsweste sorgt für den Wärmetransport zu den Extremitäten zurück und wirkt so indirekt ebenfalls als Schutz vor kalten Händen. Fazit: winddichte, isolierte Handschuhe, ein gut gewärmtes Körperzentrum sowie öfters mal eine Teepause und einer Herbst- oder Wintertour steht nichts entgegen.

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote

Alle Artikel