Praxis (Archivversion) Tadellose Verarbeitung und gute Ausstattung sollte der Kunde für 400 Mark erwarten können. Welcher Helm bietet am meisten?

Die eigentliche Funktion eines Helms, den Unfallschutz, muß der Motorradfahrer hoffentlich nie in Anspruch nehmen. Er ärgert sich eher über alltägliche Kleinigkeiten wie fummelige Bedienung des Visiers, schlechten Sitz oder Lärm unter seinem Hut.Aerodynamik. Grundsätzlich ist ein Helm recht strömungsgünstig geformt, Unterschiede zwischen den einzelnen Modellen im Luftwiderstand sind dennoch vorhanden. Dabei spielt die Form, aerodynamische Tricks, wie etwa Spoiler und Abrißkanten, sowie die Querschnittsfläche des Helms eine Rolle. Wie der Lazer es schafft, die anderen Helme um mindestens zehn Prozent zu unterbieten, ist wohl nur vom Spezialisten erklärbar. Weniger windschlüpfig sind die Helme von FM, Bayard und Schuberth geraten. Letzterer macht das aber durch extrem geringen Auftrieb wieder wett, hier wirkt sich anscheinend die geschickt plazierte Abrißkante entscheidend aus. Den Lazer treibt es ebenfalls nur leicht nach oben, extrem negative Ausreißer sind nicht zu vermelden. Geräuschverhalten. Ein diffiziler Punkt in jedem Helmtest, spielen dabei doch so viele Einflußfaktoren eine Rolle. Die Sitzhaltung des Fahrers, die Paßform des Helms, die Verkleidung des Motorrads, ja selbst die Bekleidung können sich auf die Geräuschkulisse auswirken. Ideal sind die Bedingungen bei freier Anströmung eines Helms, daher macht MOTORRAD Testfahrten und Windkanalmessungen grundsätzlich mit unverkleideten Maschinen. Übertragbar sind die Ergebnisse trotzdem, allerdings mit gewissen Einschränkungen. Turbulenzen durch Verkleidungen bringen meist dumpfen, unangenehmen Lärm, die Vorteile leiserer Helme verschwinden dann mehr oder weniger. Die meisten Punkte im Kapitel Geräusche sammelte der Shark, der vor allem bei der subjektiven Bewertung mit der »angenehmsten« Lärmkulisse überzeugte. Beim Shoei und Nolan klaffen Windkanal- und Praxisbewertung auseinander. Der Grund sind unangenehme Geräusche durch Turbulenzen im Ohrbereich, die sich offensichtlich auf den gemessenen Pegel weniger stark auswirken. Ein Tip: Beigelegte Kinnspoiler können den Lärmpegel meist senken, MOTORRAD führte in solchen Fällen (Nolan, Lazer) alle Tests mit eingesetzten Spoilern durch. Wahrnehmung der Umwelt. Sind Helme leise, liegt es oft an der guten Abdichtung im Hals- und Kinnbereich. Dann schotten sie allerdings auch Geräusche von außen stärker ab, wie es beim Schuberth der Fall ist. Paßform/Tragekomfort. Ein weites Feld, geht es dabei doch um Polsterung, Druckstellen, Sitz oder Hautfreundlichkeit der Innenausstattung. All diese Kriterien wurden von sechs Testpersonen mit sehr unterschiedlichen Köpfen beurteilt. Dabei kristallisierten sich zwei eindeutige Favoriten heraus: Eierköpfe wie Betonschädel kamen mit Shoei und HJC am besten zurecht. Nicht unkomfortabel, aber doch zumindest ungewöhnlich ist der Nolan, infolge der unsymmetrischen Polsterung drückt er einseitig auf das Ohr. Wenig Zuspruch fanden in puncto Trageverhalten Agv, Bell, FM und Schuberth. Beim FM kommt hinzu, daß er bei hohen Geschwindigkeit extrem wackelig sitzt. Helm auf/absetzen. Ein Frage der Polsterung und der Form der Helmschale. Vor allem die im Kinnbereich kurz geratenen Helme von Bell und Excell sorgen für platte Nasen. Zugluft. Wenn es im Gesichtsbereich zieht, kann das auf Dauer lästig sein, im Extremfall gar zu Augenentzündungen führen. Besonders beim Agv fuhr mancher Tester wegen der Zugluft häufig mit zusammengekniffenen Augen. Angenehmes Bedingungen herrschten hinter den Visieren des HJC, Shoei und Schuberth. Regendichtheit. Eigentlich sollte man davon auszugehen, daß ein Helm wegen der Kunststoff-Hülle wasserdicht ist. Das ist jedoch keineswegs immer der Fall. Häufig wird feiner Nebel von unten in den Gesichtsbereich gewirbelt, manche Backenpolster saugen sich dann allmählich voll. Eklatanter sind Fälle, bei denen das Wasser von oben hinein läuft. Fast immer ist der Grund eine schlechte Abdichtung des Visiers, manchmal sind aber auch die Kopfbelüftungen dafür verantwortlich. Beim Nolan beispielsweise zieht ein breiter Spalt am Schieber der Belüftung das Wasser magisch an, binnen kurzer Zeit sind die Haare patschnaß.Kopfbelüftung. Optisch erzielen die auffälligen Hutzen vieler Helme mit Sicherheit einen Effekt, oft aber ist von der belüftenden Wirkung nicht viel zu spüren. Auch die Bedienung ist selten so gelöst, daß die Schieber mit Handschuhen aufzuspüren sind. Bayard macht es sich einfach und verzichtet gleich ganz auf eine Belüftungseinrichtung. Von wirklicher wirkungsvoller Luftzufuhr kann man bei Nolan, Schuberth und Uvex sprechen. Gebrauchsanleitung. Wer Fremdsprachen beherrscht, ist fein raus, denn oft ist sind wichtige Hinweise nur in Englisch zu finden. Perfekt macht es Schuberth: kein Sprachen-Mischmasch, ausführliche Erklärungen und Bebilderung, dazu Hinweise auf den hauseigenen Service, die Hotline und das Recycling-Konzept - vorbildlich. Am anderen Ende der Skala landet Bell: Die Italiener setzen perfekte Kenntnisse ihrer Kunden voraus und verzichten auf jede begleitende Erläuterung. Verarbeitung. In der Mittelklasse darf der Kunde schon einiges erwarten. Nahezu fehlerlos und akkurat verarbeitet sind HJC und Nolan, auch der aufwendige Schuberth (der aber als einziger Helm nicht lackiert ist), Shark und Uvex sind nicht weit davon entfernt. Nachlässig eingesetzte Polster, spärlich verklebte Futter oder schiefe Plastikteile finden sich beim Bell-, Excell- und HJC-Modell. Eignung für Brillenträger. Ein beträchtlicher Teil der Motorradfahrer ist auf eine Sehhilfe angewiesen, aber nicht alle Helme sind optimal dafür präpariert. Beim HJC fehlt Platz für die Bügel, bei anderen wird es im Ohrbereich eng. Problemlos in fast allen Fällen: AGV, Nolan, Shoei und Uvex. Tip: Nicht ausladende Gestelle verwenden, Kunststoffgläser sind leichter und sicherer.Betätigung des Verschluß. Sehr unterschiedliche Varianten sind im Testfeld zu finden. Uvex und Nolan setzen auf Zahnriemen-Verschlüsse. Die sind praktisch in der Bedienung, zumal der Uvex nicht eingefädelt werden muß. Excell verwendet als einziger einen Doppel-D-Ring. Geübte Fahrer fädeln den Riemen nicht ganz aus, trotzdem ist das Handling etwas umständlicher. Rennfahrer schwören übrigens auf diesen Verschluß, da er zuverlässig sitzt und automatisch strammgezogen wird. Kinnriemen. Wer viele Helme testet, wird sensibel. Extrem lästig sind schlecht gepolsterte Kinnriemen. Mangels Schloß und wegen der guten Polsterung gefallen vor allem Uvex und Schuberth. Nicht weniger nervend wirken Kinnriemenenden, die ungesichert im Wind flattern. Bell hat dazu gar nichts eingeplant, Excell einen nur schwer aufzuspürenden Druckknopf. Beim Agv gibt es zwar eine Klettsicherung, jedoch ist der Riemen viel zu lang geraten und hängt in einer Schlaufe herunter. Visierwechsel. Allmählich setzen sich Quickout-Halterungen für das Visier durch, FM, Shark und Uvex können mit optimalen Lösungen aufwarten. Auf der anderen Seite gibt es immer noch eine Reihe von Helmen, bei denen zum Visierwechsel oft mit Werkzeug Schrauben oder Klappen entfernt werden müssen. Betätigung des Visiers. Ob die Betätigungsnase an der Seite oder in der Mitte sitzt, ist weniger entscheidend. Aber groß genug sollte sie sein, damit sie auch mit Winterhandschuhen leicht aufzuspüren ist. Rasterung. Auf das richtige Maß kommt es an. Nicht zu fest sollten die Positionen einrasten, aber auch nicht zu lasch. Die Zahl der Stellungen muß gar nicht so groß sein. Zwei, drei sinnvolle Zwischenpositionen reichen durchaus. Auf jeden Fall sollte das Visier nicht verkanten und an beiden Seiten gleichmäßig einrasten. Visierbelüftung. Eine wichtige Einrichtung für die Belüftung beschlagender Visiere oder für den Luftaustausch, die aber bei den meisten Helmen nur mäßig wirkt. Bewertet wurde neben der Wirkung auch die Bedienung. Deutlich spürbar ist der Luftstrom allein beim Schuberth, zumal die kühlende Brise sich auch noch per Schieber zum Gesicht leiten läßt.Fazit: Ohne Schwächen kommt keiner der Helme durch den Praxisteil. Die Gewinner heißen Shark, Schuberth und Uvex, nur wenig Punkte sammelt hier der Bell.

Artikel teilen

Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote