Praxis (Archivversion) Wasser marsch

Schweiß soll raus, aber Wasser nicht rein. Zauberei? Nein, trickreiche Membrane sollen Wassermolekülen die Marschrichtung vorgeben

Tusch, jetzt kommt der große Auftritt der Textilanzüge. Mußten sie im Bereich Sicherheit im Vergleich zu Lederkombis noch klein beigeben, können die Funktions-Multis im Alltagsbetrieb ihre Trümpfe ausspielen. Als Zaubermittel setzen die Hersteller auf unterschiedliche Rezepte: Gore-Tex, Miprorex, Sympatex, Reissa oder Technotex heißen die wundersamen Membrane, die den Wassertransport in richtige Bahnen lenken sollen. Der umgangssprachlich als »Atmungsaktivität« bezeichnete Wasserdampfaustausch funktioniert physikalisch gesehen auf recht unterschiedliche Weise, er basiert jedoch in jedem Fall auf der Dampfdruckdifferenz zwischen innen und außen. Die wiederum ist abhängig vom Temperatur- und Feuchtigkeitsgefälle. Ist es außen extrem heiß und feucht, kann sich der gewünschte Effekt sogar ins Gegenteil verkehren, der Anzug wird innen naß. In unseren Breitengraden ist es üblicherweise jedoch außerhalb des Anzugs kälter und/oder trockener als drinnen, dann kann die Schweißbildung bei einem guten Funktions-Anzug spürbar vermindert werden. Dazu ein Tip: Auch im Sommer sollte man Mikrofaser-Unterwäsche tragen, das verbessert den Transport von Flüssigkeit und das subjektive Trageklima enorm.BMW, Dainese, Dane, Difi, Ixs, Polo und Rukka vertrauen auf die mikroporöse Gore-Tex-Membran. Diese ist in der Regel als von außen nicht sichtbarer Z-Liner wie eine Innenjacke zwischen Obermaterial und Futter eingehängt. Dane und Rukka verkleben die empfindliche Gore-Membran zwischen zwei Nylon-Schichten, das ergibt ein steifes, atmungsaktives Dreilagen-Laminat, bei dem aber jede einzelne Naht mit Klebeband aufwendig von innen abgedichtet werden muß. Das macht die Herstellung teuer und schränkt den Spielraum für Design und Applikationen stark ein. Die Gore-Konfektionäre kommen in der Atmungsaktivität durchweg auf gute bis befriedigende Ergebnisse, nur die Polo-Jacke sowie die Hose von Dainese fallen negativ auf. Der Grund: Das Obermaterial ist so stark beschichtet, daß es nahezu undurchlässig wird. Solche starken Differenzen zwischen Jacke und Hose beurteilt der Bekleidungsphysiologe Karl-Heinz Umbach von den Hohensteiner Instituten besonders negativ, anzustreben sind gleichmäßig niedrige Werte. Gericke und Modeka (Jacke) verwenden Sympatex-Z-Liner, bei denen Wassermoleküle auf chemischem Weg nach außen transportiert werden. Damit lassen sich bei richtigem Aufbau ebenfalls gute Werte erreichen, siehe Gericke. Z-Liner mit anderen Funktionsmembranen bauen Clover, Dieter Braun, Held, MQP und Spidi ein, dies sind in der Regel PU-Beschichtungen eines Trägermaterials, die grundsätzlich auf ähnliche Weise wie Sympatex funktionieren. Die Atmungsaktivität dieser Testanzüge ist zum Teil noch akzeptabel, oft aber auch unbefriedigend. Sehr mangelhaft ist die Wasserdampfdurchlässigkeit bei MQP-Z-Liners. Eine PU-Beschichtung des Außenmaterials findet sich bei Büse, damit können offensichtlich keine guten Werte erreicht werden. Alle Meßwerte beziehen sich auf Anzüge ohne wärmende Innenfutter. Mit Innenfutter wird die Atmung stark vermindert. Dies wurde nicht bewertet, da bei kalten Temperaturen eine wärmende Isolierung weitaus wichtiger als guter Feuchtigkeitstransport ist. Außerdem: Auch zusätzliche, wärmende Unterkleidung mindert die Atmung. Aber wie sieht es mit der Wasserdurchlässigkeit von außen nach innen aus? Für diese Tests stellte Gore in Putzbrunn den gefürchteten Regenturm zur Verfügung, in dem eine mit einem Meßanzug gekleidete Versuchspuppe unter Hochdruck mit Wasser berieselt wird. Hier zeigte sich, daß die Schwachstellen in der Regel nicht die Membrane, sondern Verarbeitungsmängel sind. Durchgesteppte, nicht abgedichtete Nähte transportieren zum Beispiel Wasser nach innen. Ein negatives Beispiel ist der MQP-Anzug, bei dem es unter anderem im Bereich der Brusttaschen zu raschem Wassereinbruch kam. Auch beim Held-Anzug zieht eine durch den Z-Liner genähte Halsnaht das Wasser nach innen, der gleiche Fehler findet sich am Armabschluß. Bei Büse ist das Problem der schlecht abgedichtete Frontverschluß der Jacke, außerdem läßt sich der weite Halsabschluß nicht abdichten. Beim Zerlegen der Jacke fiel außerdem auf, daß das Dichtband des Z-Liners sich überall ablöste, hier ist auf Dauer mit starken Wassereinbrüchen zu rechnen. Beim ansonsten sehr dichten BMW Orlando saugen die Armbündchen etwas Feuchtigkeit. Die Fahrtests fanden im wesentlichen in den italienischen Alpen rund um das Stilfser Joch statt. Dort herrschten Temperaturen von mehr als 30 Grad im Tal bis runter auf 5 Grad in den Gebirgsregionen. Die Anzüge wurden auf zwei Motorrädern in etwas sportlicherer (Yamaha TRX 850) und tourenmäßiger Sitzposition (Suzuki Bandit 600) getestet und in zwei Durchgängen mit und ohne Futter gefahren. Grundsätzlich sind die Textilanzüge zwar locker und bequem geschnitten, in Paßform und Tragekomfort konnte aber kein Anzug voll und ganz überzeugen. Jacken und Hosen sind in vielen Fällen für einen stehenden Menschen zugeschnitten. In sitzender Position zieht es die Hosenbeine hoch, am Rücken sind die Hosenabschlüsse zu kurz, Jacken bauschen sich im Brustbereich auf oder spannen am Rücken. Heikel sind grundsätzlich die Abschlüsse. Viele Jacken sind am Hals zu weit geschnitten, nicht hoch genug und kaum variabel. Lobenswert sind für die Kälte einknöpfbare Zusatzkragen, das gibt es bei BMW, Gericke, Held und Spidi. Arm- und Beinabschlüsse sind ebenfalls Problemzonen, oft ist der Einstellbereich zu gering. Daher ist es kaum verwunderlich, daß am Ende Anzüge von Herstellern vorn liegen, die schon lange im Textilgeschäft sind und viel Erfahrung einfließen ließen.

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